Winternachtstraum

von Chemistry
KurzgeschichteRomanze, Fantasy / P16
Ashallayn "Ash" Darkmyr Tallyn Meghan Chase Sage
24.06.2015
24.06.2015
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Hey, Leute!

Da bin ich wieder! Heute mal mit einem OS von Sage im Gepäck.
Diese Kurzgeschichte hat mich drei ganze Tage harter Arbeit, Schweiß, Blut und Tränen gekostet. Ihr glaubt gar nicht wie schnell meine Finger über die Tasten geflogen sind! Als hätten sie sich selbstständig gemacht. (;
Wieder einmal möchte ich meinem geilen Plötzlich Fee RPG (Role Play Game) dafür danken, dass sie mich hierfür animiert und motiviert haben. Ihr Mädels seid echt die geilsten Fangirls, die ich kenne. Ich bin froh, euch kennen gelernt zu haben und das PF-Universum gemeinsam mit euch erweitern zu können! (Mehr Info's zum RPG in meinem Profil!)
Dann, an meine fleißigen "Buried Secrets"-Leser: ich bin dran. Leider kam immer wieder mal etwas - wie dieser oder der OS von Meg und Ash - dazwischen, weshalb sich das alles nochmal ein bisschen nach hinten verschiebt. Aber seid nicht traurig! Die Story geht auf jeden Fall weiter!
Noch eine kleine Anmerkung: Dieser One-Shot besitzt starke Überschneidungen zum Buch "Winternacht", und das ist auch beabsichtigt! Wenn euch also Stellen bekannt vorkommen, dann wundert euch nicht.

Disclaimer: Ich distanziere mich hiermit ausdrücklich von allen bestehenden Figuren Plötzlich Fees in meiner Geschichte und mache mir diese Inhalte nicht zu eigen.

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Winternachtstraum


Ihre Sicht

„Da bist du ja!“
Als der älteste Sohn der Winterkönigin meine Stimme vernahm, hob er sofort den Kopf und stoppte in den fließenden Schwertbewegungen, die er gemacht hatte. Seine grünen Augen glänzten als er mich anschaute, und er lächelte so liebevoll, dass es in meinem Bauch augenblicklich zu kribbeln begann.
Wie es aussah hatte ich ihn bei seinen Übungen unterbrochen, die er alltäglich mit dem Schwert vollzog. Der Schnee um ihn herum war platt getreten und etwas durchgemischt, was darauf hinwies, dass er wohl schon eine ganze Weile hier war. Die Bäume am Rande der Lichtung waren von oben bis unten mit durchsichtigem Eis bedeckt, und in den Büschen hingen zentimeterlange Eiszapfen, die sanft im Wind klimperten und zusammen mit dem Eis das Licht der Millionen blauen Feenkugeln am Himmel reflektierten. In diesem Tanz aus funkelnden Sternen und Schatten sah Sage umwerfend aus, mit seinem langen schwarzen Haar, das er zu seinem Pferdeschwanz gebunden hatte, den hohen Wangenknochen, der schwarz-silbernen Uniform und diesen grünen Augen, die sich keine Sekunde von mir zu lösen schienen, als wäre ich das Einzige für ihn, was von Bedeutung wäre.
„Aidana“, hauchte er und steckte sein blau leuchtendes Schwert mit einem Ruck in die Scheide an seinem Gürtel. „Du bist hier.“
Bevor ich ihm antworten konnte, nahm ich noch eine weitere Gestalt wahr, die unter einem der Bäume gedöst hatte und mit einem Fiepen auf mich zu rannte. Ich hatte drei Sekunden Zeit mich zu wappnen, dann durchschnitt ein Bellen die Luft, und ein großer grauer Wolf mit gelben Augen stürzte sich auf mich. Lachend fiel ich rückwärts in den Schnee und wurde plötzlich von oben bis unten mit seiner rauen Zunge abgeschleckt. „Okay“, keuchte ich und versuchte ihn von mir herunter zu drücken. „Ich habe dich .. auch vermisst, Kaan. Nur .. geh runter von mir!“
Im nächsten Moment ertönte ein Pfiff und der Wolf ließ von mir ab. Während ich mir über das Gesicht wischte, kam Sage in seinem eleganten Schritt zu mir herüber gelaufen und half mir auf die Füße. Genau wie bei unserer ersten Begegnung, dachte ich und erinnerte mich an eine ähnliche Situation, nur dass der Wolf mir nicht den Kopf abschlecken, sondern abbeißen wollte.
„Du bist früh dran“, sagte der Winterprinz und sah amüsiert dabei zu, wie ich mir die Wolfsspucke vom Mund wischte.
Ich verzog kurz das Gesicht. „Ja. Der Herzog der Dornenhügel hatte es eilig herzukommen. Keine Ahnung, was in meinen Vater gefahren ist. Normalerweise ist er nicht so.“
Weiter kam ich nicht, denn Sage zog mich in einer fließenden Bewegung an seine Brust und drückte mich an sich. Ich quietschte überrascht, schlang aber die Arme um seinen Bauch und erwiderte die Umarmung so fest ich konnte. Wie lange hatte ich ihn jetzt nicht gesehen? Das ließ sich schwer sagen, aber ich wusste, dass es wohl das letzte Elysium am Winterhof gewesen sein muss. Also eine sehr lange Zeit. Ihn dann wieder so nah bei mir zu haben tat wirklich gut.
„Tut mir leid, dass ich nicht zum letzten Elysium gekommen bin“, murmelte ich in sein Hemd. Sage drückte mich fester. „Aber meine Mutter war verschwunden und wir haben lange nach ihr suchen müssen.“
„Davon habe ich gehört.“ Er hielt mich auf Armlänge von sich weg und musterte mich von oben bis unten. Er sah besorgt aus. „Geht es dir gut? Es machen Gerüchte die Runde, dass ein Sterblicher die Aufmerksamkeit der Herzogin der Dornenhügel auf sich gezogen hat.“
Bei der Erinnerung an diesen erbärmlichen Menschen durchfuhr mich schon wieder rasende Wut. Es war mir immer noch vollkommen unverständlich, wie meine Mutter sich in einen Sterblichen verlieben und ihm in seine Welt folgen konnte. Die Menschen waren schwache und magielose Geschöpfe, und ihre Lebensspanne war im Gegensatz zu unserer lächerlich kurz, ein Wimpernschlag in der Unsterblichkeit der Feen.
Der Ruf unserer Familie hatte wegen dieser Geschichte extrem gelitten, und mein Vater war seitdem noch verbitterter als vorher. Ich hatte es in den Monaten, in der meine Mutter verschwunden war, kaum noch in seiner Nähe aushalten können, weil er nur noch auf Rache aus gewesen war. Als man sie dann in der Welt der Sterblichen fand, an der Seite ihres geliebten Menschleins, hatte man sie beide der Winterkönigin vorführen lassen. Ich durfte nicht mitkommen, doch ich hatte von meinem Vater erfahren, dass Mab der Herzogin eine gerechte Strafe gegeben hatte: die Verbannung in das Exil, wo sie die restlichen Jahre ihres Lebens verbringen konnte, bevor der Schwund sie dahinraffen würde. Der Mensch verweilte inzwischen als Mabs Liebling im Winterpalast, wo er sie von morgens bis abends vergnügen durfte.
Es machte mich ganz krank.
„Ich möchte nicht darüber reden“, gab ich ihm mit einem bitteren Ton zu verstehen. „Damit bin ich durch.“
Sage beobachtete mich noch einen Moment, als würde er einschätzen, ob ich ihm etwas verschwiegen hatte. Ich wand mich in seinem scharfen Blick, aber er nickte verständnisvoll, als hätte er nichts gefunden. „Na gut. Wenn du nicht darüber reden möchtest.. Ich hatte nicht vor dir zu nahe zu treten. Das tut mir leid.“
„Nein, mir tut es leid“, sagte ich leise. Die ganze Situation hatte mich eins gelehrt: selbst die einfachsten Dinge neigten dazu, zu zerbrechen. Selbst die eigene Familie konnte von einer Sekunde zur anderen auseinandergerissen werden. Nichts war heilig und wurde verschont.
„Um dich auf andere Gedanken zu bringen“, flüsterte der älteste Winterprinz und strich mir eine schwarze Haarsträhne aus der Stirn. Meine Haut prickelte. „Es könnte dich vielleicht interessieren, dass die Halbbluttochter des Sommerkönigs seit einiger Zeit bei uns ihr Quartier gefunden hat. Du solltest dich also nicht wundern, wenn über sie gesprochen wird.“
Augenblicklich war die Wut verpufft, um der Neugier Platz zu machen, die sich in mir ausbreitete. „Die Sommerprinzessin?“, wiederholte ich ungläubig. „Hier im Palast?“ Ich hatte sie noch nie gesehen, aber ihr Ruf eilte ihr voraus. Man munkelte, dass sie den jüngsten Winterprinzen Ash dazu gezwungen hatte, einen Vertrag mit ihr einzugehen, damit er ihr dabei half in irgendein verpestetes Reich einer neuen Feenart, den Eisernen Feen, vorzudringen und ihren König zu töten. Bedauerlicherweise hatte niemand auch nur eine Spur dieser Bedrohung gesehen, doch die Prinzessin - und auch der Prinz - blieben bei ihrer Version der Geschichte. Natürlich glaubte ihnen keiner, und warum sollte man auch? Ich hielt diese ‚Eisernen Feen‘ für ein Hirngespinst - sowas gab es einfach nicht. Von der Anwesenheit der Missgeburt hier wusste jedoch nicht. „Ich will sie kennen lernen.“ Um mich selbst davon zu überzeugen, dass sie nicht bei Sinnen ist, fügte ich in Gedanken hinzu.
Als ich an ihm vorbeimarschieren wollte, hielt Sage mich am Handgelenk zurück. „Moment“, rief er sanft. „Du kannst nicht zu ihr, Aidana.“
„Warum nicht?“
„Mabs Befehl verbietet es sie zu belästigen“, schränkte er ein. „Außerdem gab es vor einiger Zeit eine kleine Auseinandersetzung, bei der die Prinzessin in einen Schlaf gefallen ist, aus dem sie nicht mehr aufwacht.“
Ich runzelte die Stirn. Das war so typisch für Sterbliche. Sie waren so zerbrechliche Wesen, anfällig für jede Kleinigkeit. „Was ist passiert?“
„Ich weiß es nicht.“ Er zog mich erneut an sich, und ich fügte mich nur zu gerne, um seinen Körper an meinem zu spüren. „Und es geht mich auch nichts an. Das hier ist wichtiger.“ Damit beugte er sich zu mir herunter und legte seine Lippen auf meine. Ab da war es ganz leicht alles zu vergessen. Glücklich schlang ich die Arme um seinen Hals und erwiderte den Kuss, bis wir beide nach Atem rangen und in unseren Köpfen nichts anderes als sein Gegenüber übrig geblieben war.

Die nächsten Tage verflossen ineinander. Ich verbrachte meine Zeit ausschließlich mit Sage. Wir verblieben die meiste Zeit im Palast, holten die vergangene Zeit nach, trainierten zusammen und erledigten kleinere Aufgaben für die Königin, die sich mit der Organisation des Übergangs zum Winter beschäftigte und es sichtlich annehmbar fand, die Freundin ihres ältesten Sohnes wieder in ihrem Heim zu haben.
Wir verstanden uns überraschend gut, Mab und ich. Es geschah selten, aber manchmal wünschte die Winterkönigin ausschließlich mich zu sehen, um meine Gesellschaft zu genießen. Wir teilten fast die gleiche Art von Humor, was die Gespräche irgendwie leichter machte. Beste Freundinnen würde ich mit ihr wohl nie werden, doch es war gut zu wissen, dass meine Schwiegermutter und Königin keinen Groll gegen mich hegte oder Hintergedanken hatte, um mich loszuwerden, weil ich nicht zu ihrem Sohn passte.
Sages jüngere Brüder, Rowan und Ash, bekam ich kaum zu Gesicht. Rowan schlich mit seinen aktuellen Hofschranzen stets wie ein unangenehmer Schatten durch das Schloss, und mich nervte seine Art und Weise, wie er mit mir sprach, weshalb ich ihn auch meist ignorierte. Da er mein Desinteresse teilte, ging er mir ebenfalls aus dem Weg, und alles war gut. Ash dagegen begegnete ich nur ein einziges Mal, als er zu seinem Privatgemach unterwegs war. Er hatte mir und Sage nur zugenickt und uns dann wieder allein gelassen, wobei seine Silberaugen jedoch verräterisch besorgt gefunkelt hatten. Mal abgesehen davon kannte ich ihn nicht anders, also machte ich mir nichts draus.
Als die Sonnenwende dann endlich gekommen war, war es die Aufgabe des Kronprinzen und mir, die hohen Gäste des Winterreiches zu begrüßen. Während ich die Edle zu Schneeflamme begrüßte, die ein Gewand aus funkelnden Eiszapfen trug, das bei jedem ihrer Schritte klimperte, bemerkte ich, wie Sage angestrengt über den gefüllten Hof zur anderen Seite des Platzes starrte. Solange die Sidhe mir von einem ihrer neusten Errungenschaften erzählte - einem Sterblichen aus Ohio, an dem sie sich nicht sattsehen konnte -, folgte ich Sages Blick und schaute zum ersten Mal in das Antlitz der Halbbluttochter des Sommerkönigs.
Sie war klein, eher schlank als schmal, mit blondem - fast silbernem - Haar, das ihr glatt über die Schultern fiel. Ihre Augen waren eisblau, die Lippen und Wangen von einem zarten rosa, und ihre Kleidung war komplett schwarz ausgerichtet, die Körperhaltung ziemlich steif. Für einen kurzen Moment sah ich die Sterbliche in ihr, aber als ich den eisigen Blick bemerkte, stach sofort die Gemeinsamkeit mit dem Sommerkönig hervor. Man sah es an ihrer Gesichtsform, der Art, wie sie stand und gestikulierte. Und natürlich der Macht, die sie ausstrahlte. Sie stank förmlich danach. Zu meiner Überraschung spürte ich allerdings auch, dass sie versiegelt war. Sicherlich eine Vorsichtsmaßnahme.
Und direkt vor ihr: niemand anderes als Rowan höchstpersönlich.
Sein Grinsen sah dreckig hinterhältig aus, solange er auf sie einredete, aber ich hielt mich zurück und beschloss, mich da nicht einzumischen. Es war mir egal, was die Missgeburt mit dem Prinzen am Hut hatte, Hauptsache sie hielten Sage und mich da raus.
„Interessant“, merkte ich an und erlangte damit auch wieder Sages Aufmerksamkeit zurück. „Die Sommerprinzessin sieht bedauerlicherweise genauso aus, wie ich sie mir vorgestellt habe.“
„Enttäuscht?“, stichelte er und begrüßte nun ebenfalls die Edle zu Schneeflamme. Als sie an uns vorbei zog, sah er mich an und fuhr fort. „Meiner Meinung nach ist sie nichts weiter als ein Gast in Tir Na Nog. So solltest du das auch sehen.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Ich habe nichts anderes behauptet.“ Und das brachte ihn leise zum Lachen. „Ich habe nur einen Gedanken laut ausgesprochen.“
„Natürlich hast du das“, provozierte er lächelnd weiter und bot mir seinen Arm, den ich mit einem Grinsen annahm. „Ich werde mich jedenfalls auf meine Liebste konzentrieren und mir nicht sinnlos Gedanken über etwas machen, was mich nichts angeht.“
„Genau, wann mischt du denn schon in andere Angelegenheiten außer der deinen ein?“
Noch ein Lachen, was meinen Magen Purzelbäume schlugen ließ. „Inzwischen kennst du mich einfach zu gut.“

Nach einigen gefährlichen Wortwechseln mit Oberon, der zu aller Überraschung aufgetaucht war und die Freilassung seiner Tochter verlangt hatte, lag das Jahreszeitenzepter endlich in Mabs Händen. Sage und ich hatten das Spektakel von weitem beobachtet, und ehrlich gesagt hatte mich das mehr beunruhigt als den Prinzen. Er meinte nur solche Konversationen würde es öfter geben und hatte das Thema damit abgetan. Ich hatte immer noch Zweifel, aber ich ließ es dabei beruhen.
Der Lichte König und seine Gefolgschaft verließen den Winterhof schnell und leise, und Mab lächelte triumphierend. „Der Sommer ist vorüber“, verkündete sie mit ihrer rauen Stimme und breitete die Arme aus, als wollte sie alle ihre Untertanen gleichzeitig umarmen. „Der Winter ist gekommen. Möge das Fest beginnen!“
Die Dunklen drehten völlig durch. Sie heulten, brüllten und schrien ihre Begeisterung in die Nacht hinaus. Ein mir bekanntes Lied erklang, wild und düster mit einem fieberhaften Trommelrhythmus. Alle Anwesenden wurden zu einer chaotischen, brodelnden Masse, hüpften, heulten und tanzten wie verrückt und feierten den anbrechenden Winter. Der Wolf neben uns knurrte.
Sage hatte einen Arm um meine Taille geschlungen und beugte sich zu mir herunter, als ich die laute Meute skeptisch betrachtete. „Ich muss heute Nacht das Zepter bewachen“, flüsterte er mir ins Ohr, und ich drehte mich zu ihm herum. „Wir sehen uns morgen. Ich hole dich zum Frühstück ab.“
Eigentlich hatte ich vor gehabt mich mit ihm gemeinsam zurück zu ziehen, um den Feierlichkeiten zu entkommen. „Kannst du nicht mit einem deiner Brüder tauschen?“, fragte ich mit einem Schmollmund.
„Nein.“ Er lächelte auf meinen enttäuschten Blick hin. „Keine Sorge, ich werde morgen früh pünktlich vor deiner Tür stehen.“ Dann wanderten seine Augen über die Menge, und der belustigte Gesichtsausdruck, den er bis eben getragen hatte, verschwand. „Entschuldige mich bitte, ich werde die Prinzessin noch zur Rede stellen.“ Nach dieser Aussage gab er mir einen letzten Kuss auf die Schläfe und lief zur Sommerprinzessin herüber. Nach einem kurzen Gespräch mit ihr bot er ihr seinen Arm an und die beiden liefen durch die Doppeltüren in den Palast. Kaan stupste mir gegen die Handfläche und folgte ihnen.
Irgendetwas an dieser Situation fühlte sich merkwürdig und falsch an.
Ich wusste nicht, was es war. Es war mehr aus einem jahrhundertealten Instinkt heraus. Und dieser Instinkt sagte mir mit einem Kribbeln in den Fingerspitzen, dass etwas nicht an seinem rechtmäßigen Platz war.
Angespannt sah ich mich um, versuchte Dinge oder Personen in der tanzenden Meute aus lachenden Dunkerwichteln, brüllenden Kobolden, trinkenden Ogern und anderen Wesen zu sehen, aber mir fiel nichts ins Auge, was verdächtig gewirkt hätte. So schnell gab ich jedoch nicht auf, also setzte ich mich in Bewegung.
Schweigend lief ich an betrunkenen Winterfeen vorbei, ignorierte die Schmeicheleien einiger Heinzelmännchen und zwang mich zum Wegsehen, als eine harmlose Blumenelfe der Nachtisch einer Gruppe blutrünstiger Dunkerwichtel wurde. Ich sah wie Mab das Massaker mit einem Lächeln beobachtete, doch der Rest der königlichen Familie fehlte. Okay, das ist merkwürdig. Normalerweise war immer einer der Prinzen bei der Königin, um sie zu beschützen.
Ohne nachzudenken steuerte ich den Palast an und machte mich auf den Weg in den Thronsaal. Davon sollte ich Sage lieber in Kenntnis setzen. Mein Gefühl hatte mich noch nie getäuscht, und er hatte mir in solchen Sachen schon so oft vertraut, dass er mit Sicherheit auch diesmal auf mich hören würde.

Alle waren draußen und feierten den Anbruch des Winters, deshalb war es angenehm ruhig. Meine Schritte waren lautlos, während ich durch die leeren Flure streifte und die Schönheit des Winters in all ihrer Pracht bewunderte. Die Wände und Säulen aus Eis hatten Muster, von schönen Schnörkeleien bis hin zu ganzen Skeletten von Drachen und Schlangen, die sich darum windeten. Kleine Schneeflocken fielen von der runden Decke, als wäre man an der frischen Luft statt im ..
Das Kreischen von aufeinandertreffendem Metall ließ mich innehalten und einen nackten Schauer über meinen Rücken jagen. Das furchteinflößende Geräusch schien aus dem Thronsaal zu kommen und hallte durch den gesamten Korridor. Meine Alarmglocken schrillten sofort auf. Sage!
Ich rannte los. Panik breitete sich in mir aus, drohte mich zu überschwemmen. Schreckliche Gedanken bahnten sich an die Oberfläche, aber ich verbannte sie in den letzten Winkel meines Hirns und konzentrierte mich darauf nicht zu stolpern und so schnell wie möglich zum Prinzen zu gelangen. Als die Tore zum Thronsaal dann endlich in Sicht kamen, beschleunigte ich noch einmal und stieß die Türen so kräftig auf, dass sie krachend gegen die Wände flogen.
Ich war zu spät.
Zeitlupe. Das Erste, was ich sah, war die Halbbluttochter des Erlkönigs links von mir auf dem Boden. Sie sah mitgenommen aus, lag auf dem Bauch und starrte entsetzt in die Mitte des Raumes, wo Sage keuchend gegen drei dunkle Kreaturen ankämpfte. Diese Dinger waren groß und dünn, fast schon ausgemergelt, und bestanden aus nichts als verknoteten Drähten, die Gliedmaßen und einen Rumpf bildeten. Sie krochen mit ihren langen Krallen wie Spinnen über den Boden und schlugen erbarmungslos auf meinen Geliebten ein. Kaan lag in einer Blutlache tot an einer Säule.
Dann trat eine weitere Gestalt ins Licht, und mir blieb fast das Herz stehen. Sie war mit einer Metallrüstung bekleidet, die mit dem Emblem einer Stacheldrahtkrone verziert war. Der Ritter trug einen Helm, doch das Visier stand offen und gab den Blick auf ein Gesicht frei, was mir erschreckenderweise bekannt vorkam. Die blasse Haut und diese silbernen Augen waren unverwechselbar. Aus dem Helm starrte Ashs Gesicht.
Verwirrt, wie das möglich sein konnte, sah ich das Jahreszeitenzepter nicht, was er in den Händen hielt. Ich konnte nur sehen, wie er auf Sage zulief und das Schwert anhob.
Aus der Ecke der Prinzessin ertönte eine kreischende Warnung, doch sie kam viel zu spät. Sage wirbelte herum und zielte auf den Kopf seines Gegenübers, aber dieser schlug sein Schwert einfach zur Seite, und der Winterprinz taumelte zurück. Diese eine Sekunde ohne Deckung nutzte der Angreifer gnadenlos aus. Er trat einen Schritt vor und rammte Sage seine Klinge in die Brust.
Die Zeit schien jetzt komplett stillzustehen. Sage verharrte an seiner Stelle, starrte mit entsetzter Miene erst auf die Schneide in seiner Brust und darauf zu mir, die immer noch im Türrahmen stand und sich nicht bewegen konnte. Sein Schwert fiel laut scheppernd zu Boden.
Der Ritter zog das Schwert aus seiner Brust, und der Dunkle Prinz brach zusammen. Blut spritzte in alle Richtungen, befleckte die weiße Landschaft mit roten Flecken.
Von irgendwo her ertönte ein ohrenbetäubender Schrei.
Verspätet erkannte ich, dass es mein eigener war, und ich damit die Aufmerksamkeit aller Umstehenden auf mich gezogen hatte.
Die Kreaturen drehten sich zischend um. Sie fauchten „Zeuge! Zeuge!“ und krabbelten auf mich zu, aber ich konnte mich nicht bewegen. Ich starrte ununterbrochen auf Sages reglosen Körper, das Bild mit der Klinge in seinem Brustkorb brannte eine feurige Spur in mein Hirn, ließ mich nicht mehr klar denken.
„Stopp!“
Der Befehl wurde von den Wänden zurückgeworfen und drang in mein Bewusstsein ein. Für ein paar Herzschläge war es still, und die Wesen wandten sich fauchend dem Ash in Rüstung zu.
„Stopp“, wiederholte er und beäugte mich mit neutraler Miene. Ich hatte mich keinen Zentimeter bewegt, war wie zu Stein geworden. „Lasst sie am Leben. Wir haben, was wir wollten. Gehen wir.“ Er wischte das Blut von seiner Waffe und steckte es in die Scheide zurück, dann blickte er auf die Leiche einer gefrorenen Kreatur auf dem Boden. „Holt euren Bruder, und zwar schnell. Wir dürfen keine Beweise zurücklassen.“
Die Dinger gehorchten hastig, luden sich den Toten auf die Schultern und sammelten sogar die Einzelteile aus Metall auf, als der Ritter sich zu der Prinzessin wandte, die immer noch da lag und das Geschehen beobachtet hatte. „Leb wohl, Meghan Chase“, sagte er freudlos. „Ich hoffe, wir sehen uns nie wieder.“ Dann drehte er sich schnell um, folgte seinen Anhängern und verschmolz mit den Schatten.

Als Ruhe einkehrte, hatte ich mich endlich aus meiner Schockstarre befreit. Ein erneuter Aufschrei drang aus meiner trockenen Kehle, und ich sprintete ohne auf das Halbblut zu achten dem Winterprinzen entgegen, der flach atmend auf dem Rücken lag. Sein Blut bildete sich bereits zu einer dunklen Pfütze.
Schlitternd kam ich neben ihm zum Stehen, kniete mich an seine Seite und nahm seinen Kopf in meinen Schoß. Hektisch schüttelte ich ihn. „Sage! Sage, bitte wach auf!“ Meine Luftröhre schnürte sich zu vor Verzweiflung.
Seine Lider öffneten sich flatternd. Ich stieß einen erleichternden Laut aus. „Dana“, wisperte er schwach, und ich zuckte bei seinem Spitznamen für mich zusammen. „Es .. tut mir leid.“ Er biss die Zähne zusammen, und in dem Moment wünschte ich, ich könnte ihm die Schmerzen nehmen, die gerade durchleben musste. „Das Zepter..“
„Shhhh“, unterbrach ich ihn unter Tränen und legte meine Stirn an seine, in der Hoffnung so etwas Energie an ihn schicken zu können. „Spar dir deine Kräfte, Liebster. Ich werde einen Heiler-“
„Nein.“ Er keuchte schmerzerfüllt und nahm meine Hand. „Hol .. das Zepter. Das ist .. wichtiger als ich.“ Wieder eine Pause, in der ich am liebsten etwas getan hätte. „Dana, ich.. ich liebe d-“
Ein Zittern durchlief seinen Körper. Sein Kopf wurde zurückgerissen, der Mund öffnete sich und Eis kroch über seine Lippen, breitete sich auf seinem Gesicht aus, dann über seine Brust und bis hinunter zu den Füßen. Erschrocken ließ ich ihn los, um nicht auch davon getroffen zu werden.
Sage erstarrte, während die Luft um ihn herum noch kühler wurde und das Eis ihn mit einem scharfen Knirschen in einen gläsernen Kokon einschloss. Seine Muskeln entspannten sich, er verlor jede Farbe, und plötzlich war alles, was von dem ehemaligen Kronprinzen des Winterreiches übrig geblieben war, eine harte Statue aus Eis.
Es fühlte sich an, als würde eine unbekannte Macht in meine Brust fahren und mir das Herz rausreißen. Ich verspürte schreckliche körperliche Schmerzen. Meine Kraft ließ nach und ich brach einfach zusammen. Der Schnee fühlte sich in meinen Händen eiskalt an und bohrte sich in meine Haut, obwohl das eigentlich gar nicht möglich war. Ich konnte nicht atmen, konnte nicht einmal weinen. Ich konnte nur dort knien, während die Schreie nicht aufhörten und die Szene sich immer wieder in meinem Kopf wiederholte.
Das konnte nicht wahr sein. Es durfte einfach nicht wahr sein. Sage war tot, und ich hatte nichts dagegen tun können. Er war vor meinen Augen gestorben, um seine Familie und sein Reich zu schützen. Wieso hatte ich das nur zugelassen?
Es war meine Schuld. Es war meine Schuld, dass ich nicht eingegriffen und geholfen hatte. Der Prinz war meinetwegen gestorben, weil ich zu langsam gewesen war. Anders war es nicht zu erklären. Diese zentnerschwere Last legte sich wie eine Decke um mich und drohte mich zu zerquetschen. Es war undenkbar ohne ihn weiterleben zu können - sein Blut an meinen Händen kleben zu haben fühlte sich grauenhaft an.
„Es tut mir leid“, flüsterte eine neue Stimme, und ich wirbelte herum.
Die Tochter des Sommerkönigs kniete neben mir, ebenfalls mit Tränen in den Augen, und schaute starr auf die Stelle, an der eben noch Sage gelegen hatte. Ihr blondes Haar war durcheinander und die Kleidung zerknittert, aber darum konnte ich mich jetzt nicht kümmern. Die Trauer um seinen Tod und der Tatsache, dass dieses Halbblut irgendwie mit in diese Sache verwickelt war, machte mich gefährlich wütend. Der Ritter kannte sie - er hatte sie beim Namen genannt. Und sie kannte ihn.
„Verschwinde“, flüsterte ich erstickt.
Die Sterbliche sah mich verwirrt an, doch vor mir konnte ich nur einen weiteren Menschen sehen, der mir wieder einen meiner Liebsten genommen hatte, und ich sprang wütend auf die Füße. „Verschwinde!“, schleuderte ich ihr lauter entgegen. „Geh weg von hier!“ Nach einem kurzen Moment der Pause, in dem sie mich mit großen Augen angeblickt hatte, ging ich drohend ein paar Schritte auf sie zu, worauf sie ängstlich zurückwich. „Und komm nie wieder!“ Dann verließ mich meine Kraft endgültig und ich fiel erneut auf die Knie. Mit dem Leichnam meines Geliebten direkt vor mir begann ich letztlich doch zu weinen vor Schmerz.
Das Halbblut regte sich nicht. Sie saß neben mir und sagte nichts, solange ich trauerte. Ich war zu schwach um mich zu wehren oder ihr zu sagen, dass sie sich zum Teufel scheren sollte. Also blieben wir gemeinsam dort sitzen und gaben dem Toten seine Ruhe, bis uns ein neues Geräusch aus unserer Trance riss.
Mit einem fassungslosen Aufschrei einer Púca wurden wir gefunden.

Man konnte die Dunklen hören, bevor wir sie sahen. Mit wütendem Brüllen und Kreischen näherten sie sich dem Thronsaal und preschten wie eine gigantische Flutwelle in die Halle. An der Spitze von ihnen war Rowan mit ein paar seiner Wachen. Sie stürzten sich auf das Halbblut und mich, packten uns grob an den Armen und wollten uns wegzerren, aber ich wehrte mich mit allem, was ich noch hatte, schrie ihnen entgegen sie sollen mich nicht anfassen und klammerte mich mit meinem Leben an den Eiskokon von Sages Leiche.
Ich konnte ihn dort nicht allein lassen. Verflucht, ich würde ihm nicht von der Seite weichen, nachdem er so hart für uns alle gekämpft hatte. Diese mutige Fee hatte einen ehrbaren Abschied verdient, völlig egal wie sehr diese abartigen Geschöpfe von Verbündeten auch versuchten mich von ihm wegzubringen. Und nach einem kurzen Kampf mit mir ließen sie es auch geschehen, doch die Prinzessin wurde trotz ihrer Proteste und Schmerzensschreie weggeschleift.
Hinter mir hörte ich noch mehr Winterfeen in den Saal stürmen, und plötzlich war alles still.
In dem Moment, als alles im Raum verstummte, schaute ich mit verschleierter Sicht auf. Im Türrahmen stand Mab und starrte reglos auf die Leiche in meinen Armen. Sie näherte sich uns, langsam und leise wie eine Raubkatze, und ich ließ von Sage ab, damit sie sich bücken und seine Wange berühren konnte.
Inzwischen war es so kalt, dass sich von den Füßen der Königin ausgehend Reif ausbreitete. Er kroch meine Haut hoch, ließ mich zittern, aber auch diesmal wich ich keinen Zentimeter zurück. Mabs undurchdringlicher Blick fiel auf mich, und ihre bläulichen Lippen formten ein einziges Wort: „Oberon.“
Dann fing sie an zu schreien und die Welt zersprang in tausend Splitter. Eiszapfen und Säulen explodierten, flogen wie gläserne Geschosse umher und bedeckten alles mit glitzernden Scherben. Wände und Boden bekamen Risse und ich warf meinen Körper auf den Kokon, um mich und meinen ehemaligen Geliebten davor zu schützen. Einige Feen flüchteten aus dem Thronsaal oder sprangen in die entstehenden Spalten.
„Oberon!“, wütete Mab weiter und wirbelte mit einem wahnsinnigen, furchteinflößenden Funkeln in den Augen herum. „Er hat das getan! Das ist seine Rache! Oh, der Sommer wird dafür bezahlen! Sie werden dafür bezahlen, bis sie um Gnade winseln, doch sie werden kein Erbarmen finden am Winterhof! Diese ruchlose Tat werden wir ihnen heimzahlen, meine Untertanen! Rüstet zum Krieg!“
Der Jubel aller Anwesenden um mich herum war ohrenbetäubend. Ihr Gebrüll war erfüllt von Rache und Blut, vom Abhacken von Körperteilen und dem Gesang von Tod. Mir drehte sich der Magen um.
„Königin Mab!“, mischte sich das Halbblut in den Tumult ein. Ich sah auf. „Bitte, hört mich an! Oberon war es nicht! Der Sommerhof hat Sage nicht getötet, das war der Eiserne König. Die Eisernen Feen haben es getan!“
„Schweig!“, zischte die Königin und fletschte die Zähne. „Ich werde mir deine erbärmlichen Versuche, deine elende Familie zu schützen, nicht länger anhören. Nicht, nachdem der Sommerkönig mir an meinem eigenen Hof gedroht hat. Dein Vater hat meinen Sohn ermordet und du wirst jetzt schweigen, sonst vergesse ich mich und zahle es ihm mit gleicher Münze heim!“
„Aber das stimmt nicht!“, erwiderte sie flehend. Ich konnte die Melancholie in ihr sehen, und aus heiterem Himmel war ich die Zielscheibe der Prinzessin. Sie zeigte mit dem nackten Finger auf mich. „Diese Winterfee hat sie auch gesehen! Sie kann beweisen, dass ich nicht lüge!“
Jedes Augenpaar in diesem Saal war augenblicklich auf mich gerichtet. Mabs Todesblick war ungeheuerlich. Innerlich verfluchte ich diese Sterbliche für ihre Dummheit, und ich wappnete mich gegen das, was ich jetzt sagen würde.
„Mach dir nichts vor, Sterbliche.“ Meine Stimme klang rau und kratzig, aber ich hatte schon lange jede Sympathie für diese Spezies verloren. Ich würde Sages Opfer nicht mit einer Unwahrheit beschmutzen. Erst recht nicht, wenn sie auch an seinem Tod beteiligt war. „Wir hatten die Eisernen Feen längst gesehen, wenn sie eine echte Bedrohung wären.“ Vor meinem Gesicht sah ich diese hässlichen Kreaturen und den Ritter, jedoch wurden sie immer wieder von dem Menschen überdeckt, der mir meine Mutter genommen hatte. Und nun auch von diesem Mädchen, das für den Tod der Liebe meines Lebens verantwortlich war. „Die Königin zu täuschen wird als ein schweres Vergehen angesehen und bestraft werden.“
„Aber sie existieren!“, rief sie verzweifelt, fast panisch. „Rowan, du musst mir glauben! Ich habe sie gesehen und sie sind eine Bedrohung!“ Jetzt sprach sie die Winterkönigin direkt an. Ein fataler Fehler. „Was ist mit dem riesigen, Feuer spuckenden Eisenpferd, das Euren Sohn fast getötet hätte? Meint Ihr nicht, dass das eine Bedrohung ist? Lasst Ash rufen! Er war dabei, als wir gegen Eisenpferd und Machina gekämpft haben! Er wird es bestätigen.“
„Genug!“, kreischte Mab und schleuderte ihre Arme in die Luft. „Du gehst zu weit, Missgeburt! Dein Haus hat mir bereits einen Sohn geraubt, du wirst nicht noch einen von ihnen anrühren! Es ist eine Schande Aidana solch eine Ausschreitung zu unterstellen, nachdem sie Sage genauso verloren hat wie ich! Ich weiß, dass du meinen Jüngsten mit deinen blasphemischen Liebesversprechen gegen mich aufhetzen willst, aber das werde ich nicht zulassen!“ Sie zeigte mit ihrem blau lackierten Finger auf die Prinzessin, etwas Blau-Weißes blitzte auf, und diese war innerhalb von Sekunden in durchsichtiges Eis eingefroren, genau wie alle anderen Statuen in ihrem Wintergarten.
Erneut fiel Schweigen über die Menge.
Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Das Halbblut war jetzt beseitigt, und doch fühlte ich mich nicht besser, nachdem der Tod des Winterprinzen gerächt wurde. Mab dagegen musterte sie nur kurz und drehte sich schließlich zu ihren Untertanen um. „Macht euch bereit, meine Untertanen!“, rief die Königin laut aus. „Der Krieg gegen den Sommer beginnt!“
Wieder ein Brüllen, dann löste sich die Meute auf und die Untertanen des Dunklen Hofes verließen unter wütendem Kriegsgeschrei den Saal. Mab warf der Prinzessin in ihrem Eisgefängnis noch einen gehässigen Blick mit tödlichem Lächeln zu. Darauf strich sie mir behutsam wie eine Feder über den Kopf und ging. Rowan grinste ebenfalls und lachte, bevor er seiner Mutter folgte. Letztlich war niemand außer mir geblieben. Allein - zwischen der Leiche meines Geliebten und der eingefrorenen Tochter des Erlkönigs.

Keine Ahnung wie viel Zeit verging, aber irgendwann versiegten die Tränen. Irgendwann war mein Körper so ausgelaugt und müde, dass er einfach kein Wasser mehr produzieren konnte. In meiner Brust befand sich nun ein tiefes, schwarzes Loch, wo eigentlich mein Herz hätte sein müssen. Ich fühlte mich wie eine leere Hülle, hohl und für nichts mehr zu gebrauchen. Meine Gliedmaßen schmerzten, weil ich weiß Gott wie lange in der gleichen Position gesessen hatte, und meine Gedanken konnten schon lange nichts Sinnvolles mehr erfassen. Erst das Klicken des Türschlosses holte mich in die Realität zurück.
Irritiert, wie jemand die Kriegsvorbereitungen unterbrechen und mich stören würde, schaute ich auf.
Es war Ash.
Für den Bruchteil einer Sekunde dachte ich, ich würde dem Ash in Rüstung gegenüberstehen, doch der jüngste Prinz des Winterhofes war wie üblich in seiner dunklen Uniform gekleidet und beobachtete mich schweigend. Ich erwiderte seinen Blick, und er tat nichts außer zurück zu starren. Es vergingen noch einmal ein paar Herzschläge, bevor er sich aus den Schatten löste und sich neben mich kniete. Seinen toten Bruder beachtete er nicht.
„Ich muss sie nach Hause bringen“, sagte er leise. Seine Augen funkelten im schwachen Licht wie zwei Silbermünzen.
Natürlich wusste ich, wen er mit sie meinte. Dieses Halbblut hinter mir war immer noch im Eis gefangen und glotzte auf uns herab. Mab hatte sie zu Recht eingefroren, und wenn ich ehrlich mit mir war, dann hatte sie das alles auch verdient. Meinetwegen konnte sie für immer darin festsitzen und in ihrer persönlichen Hölle schmoren, ohne Sauerstoff oder Nahrung.
Ash wartete geduldig, als ich über seine Worte nachdachte. Er wollte sie nach Arkadia bringen. Zu ihrem Vater dem Sommerkönig, der sie mit Sicherheit selbst einsperren würde, damit sie nicht noch einmal in solch eine Situation geraten konnte. So würde sie nie wieder jemandem wehtun.
Der jüngste Prinz wollte die Prinzessin aus Tir Na Nog schicken, um für ihre Sicherheit zu sorgen. Er hatte also doch Gefühle. Nur leider nicht für jemanden, den er haben konnte.
Ach, was soll’s. Mein Leben hatte sowieso keinen Sinn mehr.
„Hol sie und geht“, krächzte ich. Mehr konnte ich ihm nicht anbieten.
Und mehr brauchte er auch nicht. Ash stand sofort auf und legte die Hände auf das Eisgefängnis der Sterblichen. Ich spürte seine Wintermagie, wie sie sich in das gefrorene Wasser drückte und nach außen schob. Das Eis begann zu vibrieren, bekam Risse und wurde brüchig, und mit einer Explosion flog es in alle Richtungen auseinander.
Das Mädchen fiel vorne über und kotzte Wasser und Eisstücke aus, während der Dunkle sie auffing und fest an sich drückte. Dieses Bild erinnerte mich an eine Zeit, wo ich noch glücklich gewesen war. Das ertrug ich nicht. Wortlos wandte ich mich ab und stand auf, um den Thronsaal zu verlassen.
„Aidana?“, fragte Ash zögernd, als wäre er nicht sicher, ob er mich überhaupt hätte ansprechen sollen. Ich drehte mich um.
Er hatte immer noch Meghan in den Armen. Seine Lippen formten nur vier Worte. „Es tut mir leid.“
Mit einem knappen Nicken drehte ich mich um und ließ die beiden in der Halle allein zurück.

Ohne ein genaues Ziel lief ich durch die leeren Flure des Palastes, mit den Gedanken ganz woanders.
Ash, der Lieblingssohn der Königin, hatte also Gefühle für die Halbbluttochter des Sommerkönigs. Nach dieser Rettungsaktion ließ sich das nicht mehr leugnen.
Es war überraschend wie sehr sich die Welt innerhalb weniger Momente verändern konnte. In der einen Sekunde lebte man noch in einer heilen Welt, und in der nächsten wurde sie brutal auseinander gerissen. Da musste man ernsthaft überlegen, ob das nicht Schicksal war, was sich hier abgespielt hatte.
Tief im Inneren wusste ich, dass es kein Schicksal war.
Diese Kreaturen. Diese .. Eisernen Feen .. gab es wirklich. Ich hatte sie gesehen. Und ich hatte ihre Existenz vor versammelter Mannschaft verleumdet. Wenn herauskommen würde, dass ich Mab diese Information verschwiegen hatte, dann war es mit mir sowieso vorbei.
Sei nicht albern, das ist es schon längst.
Mit einem Schluchzer ließ ich mich an einer der Wände herunterrutschen und schlang die Arme um die angezogenen Beine. Die Tränen waren ausgegangen, aber der Schmerz war noch da. Inzwischen war er einigermaßen erträglich, doch dieses dumpfe Pochen in meiner Brust würde nie verschwinden, da war ich sicher.
Wie konnte ich ohne Sage weiterleben?
Gar nicht.
Wie konnte ich leben, ohne seine grünen Augen noch einmal zu sehen, sein Lachen noch einmal zu hören?
Gar nicht.
Wie sollte ich seinen Tod verkraften, ohne nicht selber daran zu zerbrechen?
Gar nicht.
Die Stimme in meinem Kopf hatte Recht. Wahrscheinlich würde ich es drehen können, wie ich wollte, letztlich war der älteste Winterprinz und damit auch mein letzter Halt an diese Welt fort. Sage war der einzige Grund gewesen, warum ich nicht gegangen war - warum ich gelebt hatte. Und jetzt, wo er weg und all meine Hoffnungen mit sich genommen hatte, sah ich alles um mich herum nur noch in schwarz-weiß. Dieser Feenjunge war mein Mittelpunkt gewesen, mein Farbfleck in dieser grauen Welt. Ohne ihn würde ich entweder eingehen oder von der Dunkelheit an diesem Ort verschlungen werden.
Ich wollte der dunklen Seite in mir nicht die Oberhand geben.
Wer wäre ich, wenn ich keine Gefühle hätte? Wenn ich sie nicht zulassen und in mir einfrieren würde, wie es in Tir Na Nog der Fall war? Würde ich auch zum Monster mutieren und lachen, wenn die Schwachen erbarmungslos getötet wurden? So wie Mab? Allein die Vorstellung ließ mich erschauern.
Nein, das konnte ich nicht. Und das würde ich auch nicht. Sollte das Winterreich ruhig Krieg gegen den Sommer führen, ich mischte mich da nicht ein. Nicht mehr. Dafür war zu viel passiert, zu viel Schmerz und Leid wurde zugefügt, zu viel war mir genommen worden. Das endete heute. Endgültig.
Wackelig stand ich auf und setzte mich in Bewegung, mit nur einem Ziel: dem Tod der Einen, die diese Kettenreaktion erst ausgelöst hatte. Dem Tod des einen Dominosteins, der alles zu Fall gebracht hatte.
Meghan Chase.
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