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GeschichteRomanze / P12
Jan Brandner Julia von Anstetten
24.06.2015
24.06.2015
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Lanzarote ist blau und weit und Julias Lachen, nur dass es jetzt nicht mehr wehtut, es zu hören. Jetzt ist das Lachen für ihn bestimmt und sein persönlicher Rekord ist es sie 35 Mal an einem Tag zum Lachen zu bringen. Er kann sie lachen hören und reden und singen und sie läuft über den Strand und macht Fotos und manchmal denkt er sie wären wieder 20. Nur jetzt sind sie frei.
Lanzarote sind lange, helle Nächte, Lanzarote ist Sand in Klamotten und Lanzarote ist jeden Morgen mit Julia an seiner Seite aufwachen.

Manchmal redet Julia vom Reisen und von Träumen und Sehnsüchten und irgendwann kündigt Jan den Mietvertrag für ihr kleines Strandhaus und bucht einen Flug ohne Rückflug.

Madrid ist hell und laut und das Feuerwerk im Hintergrund lässt die Stadt erstrahlen und Julia sagt “Ich liebe dich” ohne Angst, inmitten von Leuten und Jan küsst sie um Mitternacht und die Leute um sie herum lächeln und niemand weiß wer sie sind.
Madrid ist ausschlafen und Zimmerservice und Jan sagt: “Wenn wir wirklich eine Weltreise machen wollen, sollten wir aufhören mit Luxushotels und anfangen mit Zelten”, und Julia lacht und antwortet: “Das Zelten können wir uns für Skandinavien aufheben” und “Wir haben keine Geldprobleme, ich bin eine von Anstetten”. Keine Mendes mehr, keine Sander, und vor allem keine Brandner. Sie ist Julia von Anstetten und er ist Jan Brandner und auf dem Papier heißen ihre Eltern Christoph und Clarissa und seine Arno und Iris und Jan denkt ans Heiraten.

London ist regnerisch und kalt, aber London ist auch von Julia durch Geschäfte geschleift werden und mit ihr heiße Getränke zu trinken, London ist Tassen mit dem Gesicht der Queen nach Hause zu Timo und Leonie zu schicken.
Das London Eye ist teuer und Jan zahlt es von seinen Ersparnissen (“Ja, ich weiß Frau von Anstetten” sagt er lachend, als Julia protestiert), aber als sie an der höchsten Stelle angekommen sind, küsst er sie und Julia hört auf sich zu beschweren. Es hat aufgehört zu regnen.

Asien ist groß und fremd und Julia will in die Großstädte und Jan will die Natur sehen, also einigen sie sich auf Japan.
Tokyo sind Flüsse und Seen und ein Tagesausflug zu Bergen von denen Julia schwört sie wären gut für die Gesundheit, aber auch riesige Geschäfte und Julia ruft Timo an und fragt ihn ob er immer noch “diese Cartoon-Serien guckt”. Timo hält ihr einen halbstündigen Vortrag, aber am Ende kauft Julia ihm mindestens vier Plastikfiguren die so teuer sind wie drei von Jans Monatsgehältern als Priester.
Tokyo sind Kirschblütenbäume und Schwäne und Julia fotografiert die Landschaft. Jan klaut ihre Kamera und fotografiert Julia.

Norwegen ist ein Abenteuer. Jan macht seine Drohung ernst und lässt Julia kein einziges Hotel bezahlen, stattdessen kauft er ihnen Zelte und Rucksäcke. “Ich hasse wandern” kommt am ersten Tag mindestens zehn Mal aus Julias Mund, aber am zweiten Tag nur noch zwei Mal und dann gar nicht mehr. Stattdessen starrt sie die Landschaft an und hält Jans Hand und lacht. Sein Rekord liegt mittlerweile bei 50 Mal am Tag.
Am fünften Tag kommen sie an einem Gestüt vorbei und Julias Augen fangen an zu leuchten und sie mieten zwei Pferde für einen Wanderritt.
Norwegen ist Julia wie sie vor ihm her galoppiert, ihre blonden Haare die langsam wieder so lang werden wie früher hinter sich im Wind. Norwegen ist das Strahlen in Julias Augen und lange Nächte im Zelt. In Norwegen fragt Jan sie, wie er jemals ohne sie leben konnte und Julia weint in seinen Armen.

Australien ist Hitze und Strand und Sonne und Meer. Es fühlt sich anders an als Mallorca und Lanzarote, denn Australien ist groß und weit und Julia will in den Dschungel, aber Jan kauft ihr ein Buch mit gefährlichen Tierarten, sie gibt die Idee auf und macht stattdessen Fotos von Kängurus.
Australien sind spielende Kinder am Strand, die Julia sehnsüchtig beobachtet und Jan redet über Leonie, und dass er sie nie hat aufwachsen sehen. Julia hält seine Hand und er weiß, dass sie an Timo denkt.
Als Jan Leonie abends anruft, sagt er ihr, wie sehr er sie lieb hat. Sie wirkt überrascht, aber sie sagt es ohne zu Zögern zurück. Sie klingt warm und einladend, und kein bisschen fordernd als sie sagt “Bitte komm mich mal besuchen, Papa. Timo würde sich auch freuen.” Ihre Stimme wird weicher, wenn sie über Timo redet und er fragt nicht nach, aber er hofft, dass seine Tochter glücklich ist.
“Okay. Wir kommen, ich verspreche es.”

Düsseldorf ist kurz. Julia will ihren Eltern auf keinen Fall begegnen und Jan will eigentlich niemandem außer Timo und Leonie begegnen, also gehen sie nicht im Schneiders essen, sondern in einem anderen Restaurant, direkt am Rhein. Timo hält Leonies Hand unter'm Tisch und Julia sagt “wir” und “uns” wenn sie Jan meint, und es sollte sich seltsam anfühlen, aber eigentlich ist es ganz normal und Jan ist versucht zu glauben, dass irgendwann während ihrer Abwesenheit alles gut geworden ist. Düsseldorf ist Vergangenheit und Vergessen, aber Düsseldorf ist auch Familie und ihre Kinder und es ist ein Stück zuhause.

Paris ist Schokolade und der Eiffelturm und Julia sagt den Satz “Wir sind in der Stadt der Liebe” mindestens fünf Mal am Tag. Jan kauft ihr teure Kleider und lädt sie in schicke Restaurants ein und wenn sie ihn überrascht anguckt, lacht er und sagt “Als Priester muss man in Armut leben, da muss ich ein bisschen was nachholen. Außerdem waren wir ja schon Zelten”.
Er fragt sie nicht vorm Eiffelturm, ob sie ihn heiraten will. Er fragt morgens im Hotel-Zimmer, als sie gerade aufwacht und in die Sonne blinzelt und er niemals eine schönere Person gesehen hat. Sie sagt Ja, noch bevor er die Frage zuende stellen kann oder den Ring rausgeholt hat und sie feiern mit Zimmerservice und Filmen on demand im Hotelfernsehen.

“Lass uns nach Hause gehen”, flüstert sie in seinen Nacken und er nickt.

Lanzarote ist ein kleines Haus mit einem Garten, in dem zwei freie Zimmer sind, über deren Verwendung sie noch nicht reden.
Lanzarote ist nachts das Rauschen des Meeres und kalter Wind und tagsüber heißer Sand und Palmen. Lanzarote sind Nachbarn, die nichts von ihrer Vergangenheit wissen und Julias beste Freundin, der sie ein paar Dinge erzählt und trotzdem nichts passiert.
Lanzarote ist ein kleines Mädchen mit geflochtenen Zöpfen und blonden Haaren und die Adoptionsleitungsstelle überprüft Jan und Julias Vergangenheit und findet keine Überreste von damals, als Düsseldorf mit Skandalen und Zeitungsartikeln übersät war.
Lanzarote ist ein Besuch von Timo und Leonie, Jahre später, selbst ein kleines Mädchen auf dem Arm und Lanzarote ist ein Anruf von Arno, der fragt “Darf ich ein Foto von meiner Enkelin sehen?”
Lanzarote ist vergeben und vergessen und an manchen Tagen hassen sie sich für den Schmerz, den sie sich gegenseitig angetan haben, aber keiner von beiden läuft mehr davon und manchmal schreit Julia ihren Schmerz in Jans Lippen und Jan geht manchmal in die Kirche um Gott für die Jahre ohne Julia anzuschreien, aber an den meisten Tagen ist Lanzarote Heilung.
Jan gibt Surfunterricht und Julia fotografiert und zu dem blonden Mädchen auf den Fotos kommt ein Junge mit dunklen Locken hinzu.
“Ich liebe dich”, flüstert Julia nachts, sagt sie morgens als sie aus dem Haus geht und abends wenn sie wiederkommt.
Lanzarote ist zuhause.
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