Wer Golf im Namen trägt

von Nairalin
GeschichteHumor, Freundschaft / P12
Celebrían Elrond Frodo Gandalf
24.06.2015
24.06.2015
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Huhu,

dieser Text ist für jenny413 zum Wortbildmalerei-Wichteln von Wortzauberin. Weiters widme ich den Text auch Larifa. Möget ihr beide Gefallen an dem Text finden! Auch Obviously möchte ich hier danken, denn ohne sie, wäre mir nie die Idee gekommen!

Meine Wortvorgaben waren diese: Albtraumschmied, Seelensurfer, Tageslichttaucher, Schattenschlächter, Lebenslinienwanderer, Seelenduftjäger, Feuertäufer

Ich konnte mir eines aussuchen, welches werdet ihr noch lesen.

Personae Dramatis:

Bilbo Beutlin, Ringträger und Hobbit aus dem Auenland, Schlitzohr
Frodo Beutlin, Ringträger und Neffe von Bilbo Beutlin
Arafinwë = Finarfin, Hochkönig aller Noldor, jüngster Sohn Finwë Noldórans, Vater Galadriels und fähig des Gedankenlesens, Unschuldslamm oder viel mehr Wolf im Schafspelz
Nolofinwë (Nolvo) = Fingolfin (oder wie er später nur mehr genannt werden will Golfin), zweitgeborener Sohn Finwë Noldórans, Bruder Finarfins*
Elerrondo Macalaurion = Elrond Peredhel, Ziehsohn Maglor Feanorions, Sohn Earendils, Fürst der Noldor, überbesorgter Heiler
Celebrían, seine Gemahlin, Tochter Celeborns und Galadriëls
Ingwë, Hochkönig aller Elben, Schwager Finwës, der "höchstpersönliche Gärtner" von Finwë
Gandalf, Zauberer, Maiar Vardas, Rauchdrachenerwecker
Lindir, Sänger, einstiger Krieger unter Feanors Söhnen, ergebener Liebhaber Leibwächter und Diener Fürst Celebrimbors
Laegolin, armer Sinda und Diener Finarfins, eingeschüchtertes Lieblingsopfer der Hoheiten

* Der Name Fingolfin entstand aus ursprünglich Finwë Nolofinwë, wobei Finwë, der Name des Vaters und verstorbenen Hochkönigs als Titel funktionierte, um den Status und das Anrecht auf die Krone darzustellen. Im Sindarin wurde daraus später das bekannte Fingolfin. Richtig wäre aber Golfin allein. Fingolfin lässt seinen Bruder weiter herrschen, nachdem er aus den Hallen des Todes zurückkehrt und verzichtet auch auf das Finwë im Namen, weshalb es nur mehr Golfin ist.

Damit wünsche ich viel Spaß mit dem Text!

Lg Nairalin

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Seufzend stützte sich Bilbo auf seinen Gehstock und ging langsam vorwärts. Sein Rücken schmerzte, und er war schon länger auf den Beinen, als er geplant hatte. Seine Füße trugen ihn vorwärts, und er atmete die frische Luft ein, während er die Stimmen um sich herum ausblendete. Er erkannte einen Garten, mitten hier in der Stadt der Elben, gewaltig groß und großartig bepflanzt. Wer auch immer der Gärtner war, er verdiente mehr als nur Lob.

Seine Augen waren trotz des Alters immer noch scharf und er erkannte die verschiedenen Blumen, die Obstbäume, die gerade in voller Blüte standen, und die Ziersträucher. Der alte Ohm wäre stolz, dass er sich das alles gemerkt hatte. Von irgendwoher kam der Geruch von Jasmin, ein betörender Geruch, der die Sinne verwöhnte.

„Es würde Sam hier gefallen“, vernahm er sehr leise seinen Neffen, Melancholie deutlich heraushörbar. Sie waren in Tol Eressëa angekommen, hatten von dort übergesetzt nach Alqualondë, nur um dort vom König der Lindar begrüßt zu werden. Ein seltsamer Kauz, wie Bilbo befand. Recht eingefahren war er ihm erschienen, stur und stolz. Er kannte Elben nun doch sehr lange, Lindir war ein solches Beispiel für eine gewisse Arroganz, wenn man es so auslegen wollte. Der Sänger war immer der Meinung gewesen, Menschen wären nicht zu unterscheiden, da sie viel zu kurz lebten, ein Wimpernschlag, wie er es bezeichnete. Dass mehr dahintersteckte, hatte er erst viel später herausgefunden. Der weißhaarige Noldo hatte seine Laute in der Hand gehabt und gesungen, als Bilbo später zu verstehen begann. Herr Elrond hatte dies nur bestätigt, ein wehmütiges Lächeln auf den Lippen.

Wie jeden Abend in der Halle des Feuers wurde gemeinsam gegessen und danach die Zeit mit Geschichten und Gesang vertrieben. Elronds Lächeln und das Lachen der Zwillinge waren etwas, was die Laune hob. Neben ihnen saß Glorfindel und stritt einmal mehr mit dem dunkelhaarigen Berater, der sich kühler gab, als er war. Bilbo wusste, dass sich beide mehr als nur mochten und Erestor mehr an seinem Ruf lag, als dass er offen alles anging.

Vorsichtig nahm er einen Schluck Tee und lauschte den heiteren Geschichten des blonden Elben, der mit einem Grinsen und deutlichen Handbewegungen von alten Tagen einer Zeit erzählten, in der es noch einen anderen Kontinent gegeben hatte. Von Städten, die er nie erblicken würde, Festungen, die selbst die Zwerge geliebt hatten. Ein wehmütiger Stich in seinem Herzen ließ ihn die Tasse absetzen und für einen Moment an die Vergangenheit und die Freunde, die nicht mehr waren, denken. Thorin hätte sicher gerne all diese Meisterwerke gesehen. Nargothrond in all seiner Pracht, Menegroth die Tausendfache, die Türme Gondolins, all die Baukunst, die niemand mehr erblicken würde. Er konnte direkt Balin hören, wie er über die Architektur philosophierte. Er hatte schon ewig nicht mehr von seinem alten Freund gehört, der sich eine Heimstatt in den alten Hallen Durins errichtet hatte.

„Silberne Hände voll Leidenschaft schufen,
haben Schätze wertvoll ins Leben gerufen.
Geschmeide und Ringe,
über die so mancher singe.
Ehrgeizig und gerecht war der Juwelenschmied,
dessen Tod sein Volk hat verewigt in einem Lied.

Sein gutes Herz erkannte nicht die Lüge,
die ihm und anderen gab viele Vorzüge.
Der Fürst und Schmied sog auf die Lehren,
die später all das Blut würden vermehren,
das die Straßen Ost-in-Edhils tränkte.
Wissendurst aller Schicksal lenkte.

Macht legte Silberfaust in seine größten Werke,
Leid wie Segen ohne, dass jemand es merke,
Stummer Fluch jener, die guter Gesinnung waren.
Der Dunkle alle lange Zeit ließ im Unklaren.
Und heimlich seine finstren Ränke spann.
Jeden betörte und schlug er in seinen Bann.

Eregion erlag der giftigen Illusion,
und erst der Fürst erhielt die Vision.
Krieg erschütterte das Land,
und der Tod forderte sein Pfand.
Die Ringe verschwanden unbemerkt
Saurons Wut damit noch verstärkt.

Celebrimbor war der größte Verlust,
ließ der Dunkle an ihm aus seinen Frust.
Die Lippen versiegelt er schwieg,
die Wut des Feindes stieg.
Folter und Tod waren das Schicksal,
welches Silberfaust erlitt ein für alle Mal.

Großes Grauen und tiefer Terror erfüllte die Herzen
Als des Fürsten Anblick bereitete große Schmerzen.
Die Feinde trugen ihn vor sich gleich ‘nem Banner
Unter dunklen Wolken und lautem Gedonner.
Für ewig erinnern wir uns voll Liebe an jenen,
den zu früh der Tod wollte trennen vom Leben.



Schockiert lauschte Bilbo den Worten des Sängers und ein Frösteln lief ihm über den Rücken. Doch nicht nur er schien nicht mit einer derartigen Thematik gerechnet zu haben. Sie wollte so gar nicht zu der heiteren Stimmung passen, die geherrscht hatte und jetzt verschwunden war. Der weißhaarige Sänger hielt seine Harfe umklammert, Bilbo bemerkte, wie die Knöchel weiß hervortraten.

„Lindir, war das nötig?“, kam ein Kommentar von einem der anderen Sänger, auch wenn es gedämpft klang. Ein Zischen erklang und ein funkelnder Blick wurde dem Elb zugeworfen, der gefragt hatte. Der alte Hobbit merkte, wie die Stimmung zu kippen drohte.

„Nicht, Meister Beutlin“, wurde er leise gemahnt, und eine Hand legte sich auf seinen Arm. Elronds sturmgraue Augen durchbohrten ihn, und er biss sich auf die Lippe, auch wenn ihm tausende Fragen auf der Zunge brannten. „Auch wenn es die Heiterkeit gestört hat, so hilft es ihm zu heilen.“ Seine Stimme war gesenkt, und Bilbo musste sich anstrengen, um den Elbenfürst zu verstehen. In dem Moment stürmte der Sänger hinaus, und Bilbo schaute ihm besorgt nach.

„Sollte ihm nicht jemand nachgehen?“

Kopfschütteln war die Antwort und Bilbo wurde unruhig. Die Runde löste sich nach und nach auf. Der Hobbit verabschiedete sich auch und huschte die Gänge entlang, auch wenn er noch nicht zu seinen Räumen ging. Lindirs Auftritt ließ ihm keine Ruhe. Der Gesichtsausdruck, die Körperhaltung hatten von so viel Schmerz gesprochen, auch wenn er nicht verstand von was dieser herrührte. Es waren keine Todesfälle aufgetreten in den letzten Jahren. Verletzungen ja, hin und wieder, aber Tote nicht.

Doch dann vernahm er leise Geräusche und er folgte ihnen. Ein ungutes Gefühl erfasste ihn. Es klang wie seltsam gepresstes Einatmen. Er landete in einem Gang, den er nicht kannte. Er war sich sicher auch noch nie hierher geführt worden zu sein. Imladris war gewaltig, zu groß als dass ein Hobbit wie er alles entdecken konnte. Er betrat lautlos den nächsten Raum und schaute sich sprachlos um. Bilder waren hier, die Männer zeigten, die er kaum oder nicht kannte. Einer hatte überaus markante Gesichtszüge und seine Nase wirkte, als ob sie gebrochen worden sei, auch wenn wieder gerichtet.

Der Blonde auf dem Bild daneben schien Herr Gildor zu sein, der ihn ein gutes Stück seines Weges begleitet hatte. Und dann war ein Bild von einem Mann, der wirklich als überaus attraktiv gelten konnte. Ebenmäßige Gesichtszüge und ebenso graue Augen wie Elrond hatte er auf dem Gemälde. In dem Raum standen auch in der Nähe jenes Gemäldes Statuen und dort saß auch Lindir, die Harfe an seine Brust gepresst und zu einer dieser Skulpturen starrend.

Seine Schultern bebten und Mitgefühl überkam den Hobbit. Lautlos durchquerte er den Raum und war unsicher, wie er Lindir ansprechen sollte.

„Sagt, was Ihr zu sagen habt!“, zischte der Elb plötzlich und funkelte Bilbo wütend an. Helle, braune Augen waren es, die Bilbo immer wieder erstaunten. Doch er straffte sich.

„Wer ist dieser Nér?“, benutzte er das Quenyawort für Mann, da er wusste, dass Lindir noch mit dieser Sprache vertraut war. Der Blick, der nun folgte, war so verzweifelt, dass es Bilbo schmerzte. Lindir drehte sich weg und der Hobbit wusste, dass er nichts mehr hören würde. Noldor waren eigen und man konnte sie nicht zwingen, das hatte er gelernt. Als nichts kam, setzte er sich neben den Sänger und legte eine faltige Hand auf den Arm des anderen.

Sie schwiegen und Bilbo fand sich damit ab, dass er nicht helfen konnte und durfte.

„Tyelperinquar“, murmelte Lindir nach langer Zeit und blickte zum Bild, welches so lebendig erschien, dass Bilbo glauben wollte, dass der Mann gleich sprechen würde. „Mein Fürst … mein Freund …“ Irritiert linste er zu dem Noldo. Fürst? Aber Elrond war der Fürst … „Ich diente ihm seit Fürst Tyelcormo erschlagen wurde.“ Bilbo schwieg betroffen und drückte vorsichtig den Arm, der noch immer die Harfe umklammert hielt. „Er regierte Eregion bis zu dessen Fall.“

Dem alten Hobbit wurde eiskalt und er schnappte ungewollt nach Luft. Fürst Eregions war, wie er auch aus dem Lied von heute Abend wusste, ein gewisser Celebrimbor gewesen. Ein gequältes Lächeln zeichnete sich auf Lindirs Gesicht ab.

„Ich war mit der Evakuierung der Stadt betraut, als mein Freund gefangen genommen wurde und in die Hände des Feindes geriet“, erzählte der Noldo und strich über das Holz der Harfe, was ihn etwas zu beruhigen schien. Mitgefühl begann Bilbo zu erfüllen. Sein Griff um den Arm wurde stärker, und er legte die noch freie Hand über Lindirs, der überrascht zu ihm sah. „Ich kam zu spät zu den Schmieden, als dass ich ihm hätte helfen können. Wir wussten lange nicht, was mit ihm geschehen war, ob er noch lebte. Mancher wünschte sich, er wäre tot, damit er das Grauen des Dunklen Herrschers nicht miterlebt haben würde. Es waren düstere Zeiten voller Kriegswirren, Flucht und Angst.“

Lindir blickte ihn an, und Bilbo merkte, die vielen ungeweinten Tränen in den Augen des Noldo. Er wollte sich nicht vorstellen, was passiert war, er erinnerte sich selbst noch genau an die Schlacht der Fünf Heere, die Verluste, den Schmerz und die Trauer. Er erinnerte sich an Thorins Gestalt, die Verbände um seine Brust und das Blut.

„Ich habe den Krieg des Zornes miterlebt, habe die Kriege davor gesehen, aber der Fall Eregions …“ Ihm brach die Stimme. Bilbo verstand auch ohne Worte, was in dem Mann vorging, was ihn bewegte. Er hatte einen Freund verloren, dem er Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende gedient hatte. Wenn er sich vorstellte, dass es eine so enge Beziehung, wie die zwischen Thorin und ihm selbst, gewesen war, dann spürte er den Schmerz von einst noch einmal.

„Ihr habt ihn geliebt bis zum Schluss“, meinte Bilbo leise und blickte zu dem Gemälde. Die sturmgrauen Augen schienen regelrecht amüsiert zu funkeln, auch wenn er sich das sicher einbildete. Lindir nickte nur. „Und ich verstehe und fühle Euren Schmerz, da ich vor langer Zeit auch jemanden verloren habe, der mir viel bedeutete. Es vergeht nie gänzlich, aber es lässt nach, wenn man die Erinnerung einfach akzeptiert und nur das Gute verinnerlicht.“

Er merkte, dass Lindir freudlos lachen wollte. „Wisst Ihr, ich habe die Schlacht der Fünf Heere miterlebt. Sicher nur eine kleine Schlacht in Euren Augen, aber mein Freund, Thorin Eichenschild, wurde von dem Anführer der Gundabad-Orks fürchterlich zugerichtet, auch seine jungen Neffen. Ich war bei Thorin, als er seinen Wunden erlag, sein Brustkorb aufgerissen und sein Atem nur mehr röchelnd. Ich blieb die ganze Zeit, bis er aufhörte zu leiden und zu seinem Schöpfer ging. Es mag nicht dasselbe sein, weil Ihr nur den Leichnam erblickt habt, wenn ich das Lied richtig verstanden habe“, erklärte er und atmete tief ein. „Aber der Schmerz ist der gleiche.“

Plötzlich wurde seine Hand genommen und gedrückt. Sie schwiegen wieder und Bilbo spürte regelrecht, wie Lindir neben sich langsam ruhig wurde und entspannte. Als er wieder seiner Umgebung gewahr wurde, bemerkte er, dass es heller wurde. Hatten sie wirklich so viel Zeit hier gesessen?

„Danke“, murmelte der Noldo und straffte sich. Die Augen wirkten dunkel, fast schwarz, obwohl die meist im Licht eher fast bernsteinbraun wirkten.

„Ihr wollt keine Sterblichen unterscheiden können, weil der Schmerz des Verlustes und der Erinnerung zu viel werden würde, wenn Ihr zugebt, dass sie einzigartig und damit liebenswert sind“, meinte Bilbo dann leise und begann, endlich zu verstehen, warum der Sänger sich so abweisend gab und auch über Sterbliche oft spottete.

Als er zu Lindir blickte, war Scham und Schuld in seinem Blick und Bilbo lächelte nur. Jeder hatte seine Art mit Schmerz umzugehen, manche besser, manche schlechter. Wie viele hatte der Mann verloren? Wie viel Schmerz hatte er schon ertragen müssen?

„Das mag sein …“, erwiderte der Noldo leise und sah zur Seite. „Ihr wandert auf den Lebenslinien der Personen um Euch herum, Bilbo Beutlin, ohne sie zu verletzen …“ Es klang irgendwie erstaunt, als ob er es selbst nicht so wirklich begreifen konnte. „Ein Lebenslinienwanderer.“ Das war schon wieder mit einem leicht spottenden Ton gesagt worden, doch das beruhigte Bilbo etwas, da es zeigte, dass es Lindir wieder besser zu gehen schien.

Der Noldo erhob sich und legte für einen kurzen Moment eine Hand auf Bilbos Schulter, warf einen Blick auf das Gemälde und verschwand.

Erschöpf stand nun auch Bilbo auf und suchte den Weg zu seinem Zimmer. Doch dann begegnete er Elrond, der erstaunt wirkte ihn zu sehen.

„Meister Beutlin, Ihr hier?“ Bilbo nickte müde und wollte nur mehr ins Bett. Jetzt erst machte sich die Müdigkeit bemerkbar. „Ich geleite Euch zu Euren Gemächern!“, bot der Elb an und der Hobbit lächelte erleichtert.

„Ich habe Lindir getroffen“, begann er und gähnte verhalten. „Er hat mir von Eregion erzählt.“ Ein überraschter Laut entfuhr dem Fürsten, Bilbo drehte den Kopf zur Seite. „War es wirklich so schlimm?“, fragte er dann doch verhalten, weil er nicht andeuten wollte, dass Lindir log. Ein wehmütiges Lächeln erschien auf Elronds Gesicht.

„Celebrimbor war mein Cousin, Meister Beutlin. Ein Mann mit edlen Intentionen, wenn auch einem gewaltigen Sturkopf. Ich denke, Ihr hättet ihn gemocht, ebenso er Euch“, begann der Noldo und seufzte. „Lindir hat einst anders geheißen und war ein Krieger. Doch nachdem er seinen Herrn nicht retten konnte und dann mitansehen musste, wie dessen Leichnam aufgespießt vom Feind vor sich hergetragen wurde, hat es ihn gebrochen. Er hat sich Jahrtausende Vorwürfe gemacht, dass er schneller hätte sein müssen.“ Der Blick, der Bilbo zugeworfen wurde, war voller Schmerz. „Der Anblick, wie mein Cousin geschändet worden war, war für alle ein Schock, doch Lindir hat es physisch verändert. Seine Haare wurden schneeweiß. Ich weiß, dass er sich bis heute nicht verziehen hat, nicht an Celebrimbors Seite gewesen zu sein.“

Danach schwiegen sie und erst vor Bilbos Tür verabschiedete sich der Elbenfürst mit einem Lächeln und einem „Gute Nacht!“.

Es war eine seltsame Zeit danach gewesen und Lindir hatte sich leicht merkwürdig verhalten, ehe es wieder zum vertrauten Muster wurde. Immer noch hatte der Noldo Sterbliche gleich behandelt, aber wenn er allein auf Bilbo traf, war da so manches freundliches Wort und er nutzte seinen Namen.

Der König von Alqualondë hatte ihn in der Hinsicht oft an den Sänger erinnert, der mit ihnen gekommen war, auch wenn Bilbo das nie ausgesprochen hatte. Noldor waren ein eigenwilliges Volk, gänzlich anders als die Sindar, leicht verschroben, immens ehrgeizig und stolz. Und Lindirs Zorn war es nicht wert gewesen. Sie hatten einige Zeit in der Schwanenstadt verbracht, ehe sich Herr Elrond mit dem König überworfen hatte. Er hatte sich beide Seiten angehört, aber es war zwecklos einzugreifen. Worte wie Verräter waren gefallen, weil Herr Elrond sich nicht als Sinda verstand und das Handeln der Doriathrim als falsch ansah. Es war unschön geendet und letztendlich hatten sie die Stadt verlassen und waren nach Tirion gegangen.

Bilbo war sprachlos gewesen und hatte voller Wunder die Stadt betrachtet, die mit den hohen Türmen in Weiß alles überstrahlt hatte. Frodo war ganz begeistert gewesen und hatte mit Gandalf diskutiert, der sie begleitete. Und dann hatten sie den Palast erreicht und waren in diesen Garten geführt worden, der dem König gehörte.

„Onkel, was denkst du, wie die Bewohner sein werden?“, fragte ihn Frodo auf einmal und er drehte sich schwerfällig zu ihm. Weiter hinten auf einer Sitzgarnitur hatten es sich die hohen Damen und Herren bequem gemacht, die mit ihnen gekommen waren. Er räusperte sich. „Das werden wir noch herausfinden, auch wenn ich sehr hoffe, dass der Herr des Hauses Verstand besitzt.“ Er ging weiter und schnupperte an mancher Blüte, an der er vorbeikam. Sein Neffe folgte ihm und schien sich auch immer mehr zu entspannen.

„Denkst du, er wird derartig eingefahren sein wie Oluë? Er kam mir sehr in seinem Hass gegen die Noldor verfangen vor.“ Bilbo nickte und strich sich einige graue Strähnen aus dem Gesicht, eher er die Aussicht und die Blumen bewunderte. Er hätte sicherlich nicht lange in Alqualondë bleiben können. Alles war aus Stein und Muscheln gemacht worden, wenig Natur war in der Stadt gewesen, selbst Bäume waren selten. Doch hier mit diesem Garten … es wäre wundervoll einen eigenen zu besitzen. „Das ist er auch, mein lieber Junge. Er erinnert mich fürchterlich an Gollum, nur dass sein Groll sein Schatz ist, den er nicht loslassen will.“

Erst ein Räuspern riss sie aus dem Gespräch und ein hochgewachsener Elb stand vor ihnen. Goldblondes Haar fiel ihm geflochten über die Schulter, er trug Arbeitsgewand und hatte Handschuhe an, die voller Erde waren. Braune Augen durchbohrten Bilbo, und eine Augenbraue war hochgezogen.

„Man sollte nicht über einen König der Eldar derartig sprechen“, wurden sie beide getadelt, und Bilbo stützte sich auf seinen Stock. Neugierde stand dem Mann ins Gesicht geschrieben, auch wenn er sie momentan mit Strenge zu überdecken suchte. „Verzeiht, Herr Elb, aber Wahrheit muss Wahrheit bleiben!“, erwiderte Bilbo ruhig und Frodo neben ihm sog scharf die Luft ein. „Und wenn besagter König seinen Ururururgroßneffen aus der Stadt wirft, weil dieser berechtigt gewisse Vorgehensweisen kritisiert, kann man das nicht unkommentiert lassen.“

Erstaunen stand in den braunen Augen, ehe Fröhlichkeit zu dominieren begann. Seine Mundwinkel zuckten verräterisch.

„Aber sagt, Herr Elb, seid Ihr der Gärtner hier? Wenn ja, kann ich Euch nur mein großes Lob aussprechen. Ein gar bezaubernder Ort der Ruhe und Schönheit wurde hier geschaffen!“, wechselte Bilbo das Thema und grinste verschmitzt. Er konnte sehen, dass der Mann sich geschmeichelt fühlte und nun leicht zu glucksen begann. „Für wahr, das bin ich. Irgendjemand muss sich um diesen Ort kümmern, Finwës Kinder haben alle kein Händchen für Pflanzen geerbt.“ Jetzt lachte der Elb herzlich und legte eine Hand auf seine Brust, eher er sich leicht verbeugte. „Ingwë ist mein Name und ich war einst Finwë Noldórans persönlicher Gärtner“, witzelte der Noldo mit den goldenen Haaren. Bilbo wunderte sich nicht über die Haarfarbe, waren doch die Herrin Galadriël und auch Herr Glorfindel beide mit eben jenem gesegnet.

„Bilbo Beutlin“, stellte sich auch Bilbo nun vor und deutete dann zu Frodo. „Mein Neffe Frodo Beutlin. Wir sind Hobbits aus dem Auenland.“

„Hobbits?“, kam die nun doch neugierige Frage. Der Elb ging in die Knie und kam somit fast auf Augenhöhe. „Mir kommt vor, ich hätte von Eurem Volk bereits einmal gehört.“ Kurzes Schweigen, ehe der Mann lächelte. „Wo wolltet ihr beide überhaupt hin?“

„Uns die Zeit vertreiben bis der König der Noldor kommt“, kam es leicht nervös von Frodo. Sein Neffe wirkte unsicher und verwirrt. Beruhigend lächelte er dem Jungen zu. „Also wartet ihr auf Arafinwë.“ Er deutete an ihm zu folgen, weshalb Bilbo mühsam voranschritt. Doch dann entdeckte er einen Neuankömmling mit dunkelbraunem Haar, der eifrig auf die Gruppe der hohen Herrschaften einredete. Das Gewand schien ebenso Arbeitskleidung zu sein und war in Brauntönen gehalten. Als sie näher kamen, vernahm Bilbo einen wilden Mischmasch aus Sindarin und Quenya von dem Unbekannten.

„Laicalindë, solltest du nicht etwas erledigen?“, brummte Ingwë vor ihm und wartete nun, dass Frodo und er aufholten. Frodo wirkte nun neugieriger, wie Bilbo bemerkte. Seine Augen glitzerten mit etwas, was er lange nicht mehr gesehen hatte, da der Schmerz der einstigen Bürde seinen Neffen immer noch beeinflusste. „Natürlich, Heru“, stammelte der Elb und ging rückwärts, ehe er sich umdrehte und forteilte.

„Der Junge hat nichts getan, außer uns ein wenig zu informieren“, kommentierte Herr Elrond streng und musterte den Elb vor sich. Die bezaubernde Gemahlin von Herrn Elrond, Celebrían, sah ihn tadelnd an, schwieg aber. Ingwë hob nur die Augenbrauen und verschränkte die Arme. „Und Ihr seid wer, dass Ihr mit mir so zu reden wagt?“

Gandalf räusperte sich und setzte schon zum Sprechen an, doch Ingwë hob nur eine Hand und spreizte die Finger. Bilbo, der die nonverbale Handsprache der Noldor kannte, war ob der Geste fast schon sprachlos, da sie mit einer solchen Resolution vollführt wurde, dass es fast schon rüde und unhöflich erschien. „Elerrondo Macalaurion aus dem Hause Feanáro“, erwiderte Herr Elrond kühl und stand auf. Er überragte den blonden Noldo um Hauptes Länge und sah auf ihn herab. Auch wenn es Bilbo unmöglich erschien, so wirkte es, als ob selbst Vilya wieder zu leuchten begänne, die Magie der alten Zeit in das zerbrochene Artefakt zurückkehrte. „Hochkönig Artanáro Ereinion Gil-galads Herold und Herr des letzten heimeligen Heimes östlich der See.“

Die Stimme hatte etwas Schneidendes, was Bilbo noch nie bei dem sonst so gütigen und freundlichen Noldo gehört hatte. Selbst die schöne Herrin wirkte bedrückt und eingeschüchtert. Doch noch ehe der Disput ausarten konnte, war Laicalindë, wie Ingwë ihn genannt hatte, zurück und wirkte leicht außer Atem. Ihm folgten zwei Noldo, einer schwarzhaarig, der andere goldblond wie Ingwë. Dieser wirkte übrigens so, als wollte er etwas scharf erwidern, weshalb Bilbo etwas tat, was er im Normalfall und gerade mit Elrond anwesend vermeiden wollte – er ließ seine Beinmuskeln erschlaffen und begann zu fallen. Doch schnell schlangen sich Arme um ihn und entsetzte Laute und ein Schrei kamen von Frodo.

„Onkel Bilbo!“ Er stützte sich betont schwankend bei Ingwë ab, niemand anderes war es, der ihn aufgefangen hatte, und sah erschöpft zu Frodo. „Alles gut, mein Junge, meine Knie haben nur kurz nachgegeben“, sagte er heiter und linste zu den Noldor, die jetzt gar nicht mehr diskutieren wollten. Elrond kniete sich vor ihm nieder und sah ihn ernst an, eher er leise anordnete, dass er ihn nun übernehmen würde, da er Heiler war. Ehe er etwas erwidern konnte, wurde er hochgehoben und auf der Bank neben der Herrin Celebrían abgesetzt. Frodo stand voller Sorge neben ihm. Als er kurz zu Gandalf blickte, glaubte er ein erheitertes, wissendes Glitzern in den blauen Augen zu erkennen.

„Herr Elrond, das ist nicht nötig, ich brauch nur eine Pfeife und etwas Alter Tobi, und es geht mir wieder gut!“, versuchte er abzuwiegeln, auch wenn er kläglich scheiterte. Eine Hand wurde auf seine Stirn gelegt, eher der Noldo seine Beine und seine Knie abzutasten begann. Er murmelte etwas, was Bilbo kaum verstand – was ihn selbst aber nicht wunderte, da er bemerkt hatte, dass sich sein Gehör etwas verschlechtert hatte – und griff dann nach seiner Tasche. Der Elb trug sie immer bei sich, weil schließlich immer etwas sein könnte.

„Außerdem scheint Laicalindë hier dringend etwas loswerden zu wollen, und ich bin schließlich noch in einem Stück vorhanden und hab schlimmeres erlebt.“

Die Herrin neben ihm berührte kurz Herrn Elronds Arm und dieser brummte nur widerwillig. „Herr Elrond, ich bin bereits hundertzweiunddreißig Jahre alt, da darf es schon mal ein wenig mit den Gelenken hapern“, versuchte es Bilbo mit Galgenhumor und war sich bewusst, dass es den Noldo nicht beruhigte. Jedoch stand dieser auf und drehte sich zu Laicalindë, der wirklich unruhig zu sein schien. Der noch unbekannte blonde Elb hatte ein Schmunzeln auf den Lippen, während der dunkelhaarige neben ihm zwischen Erheiterung und Ungeduld zu schwanken schien.

„Aran nîn, das ist Elrond Earendilion o Imladris und die bezaubernde Dame hier seine Gemahlin Celebrían Celeborniël. Und dies is…“ „Arafinwë, Ihr solltet mich eigentlich noch kennen!“, unterbrach Gandalf den armen Mann und stand auf. Gandalf erreichte mit Mühe die Brust des blonden Noldos, der sich lächelnd ihm zuwandte. „Natürlich, Ólorin, auch wenn Eure Gestalt äußerst ungewohnt ist, wie ich zugeben muss.“ Die Stimme war melodisch und überraschend hell. Doch dann deutete der Noldo Laicalindë an fortzufahren.

„Die Halb…“ „Es heißt Hobbits, Elb!“, unterbrach ihn nun Bilbo selbst und schaute ihn empört an. „Ich sage auch nicht Riese zu euch, nur weil ihr zu viel Dünger abbekommen habt, sondern nenne Euresgleichen auch Elb, Elda, Noldo oder je nachdem welchem Volk Ihr nun angehört!“ Frodo legte beruhigend eine Hand auf seine Schulter. „Nicht aufregen, er meint es nicht böse.“ „Das ist mir vollkommen egal, er soll Manieren lernen und sich informieren, bevor er durch solche Schlampigkeitsfehler andere diffamiert!“, echauffierte Bilbo sich und funkelte den Elb an. „Wir sind nicht die Hälfte von irgendetwas!“

Ein gestottertes „Verzeihung!“ folgte und Laicalindë hob nur die Hände abwehrend. Bilbo nickte zufrieden.

„Das sind Bilbo Beutlin und sein Neffe Frodo Beutlin, beide ehemalige Ringträger, die das Schicksal von Mittelerde zum Guten gewendet haben“, wurden sie nun vorgestellt, und Bilbo strich sich sein gelbes Wams zurecht. Er hatte seine typischen Gewänder angelegt, da er sich damit wohler fühlte. Wenn er schon seinen Lebensabend in einem fremden Land verbringen musste, dann gemütlich und in vertrauten Sachen.

Die beiden Neuankömmlinge lächelten ihn freundlich an, was Bilbo erwiderte. Dann drehte sich der junge Mann um und räusperte sich leise.

„Wenn ich Euch nun Hochkönig Finarfin vorstellen dürfte“, sagte Laicalindë nun – auch wenn Bilbo ihn erst nicht ganz verstanden hatte, da der arme Kerl vor Nervosität fast nuschelte – und deutete mit geöffneter Handfläche zu dem goldblonden Noldo, der höchst amüsiert zu sein schien. „Es ist mir eine Ehre alle Neuankömmlinge aus Alqualondë willkommen zu heißen. Ich hoffe, ich liege damit richtig, dass die Herren Hobbits guter Küche nicht abgeneigt sind?“

„Das stimmt“, antwortete sein Neffe neben ihm und verbeugte sich kurz und unsicher. „Ihr braucht Euch nicht verbeugen, Herr Frodo, und Ihr müsst nicht aufstehen, Herr Bilbo, wenn ich Euch so nennen dürfte!“, lachte der Noldo und seine Augen leuchteten silbrig im Licht. Für einen Moment fühlte sich Bilbo an die Herrin Galadriël erinnert, auch wenn Finarfin weitaus wärmer und sanftmütiger wirkte.

„Und dies ist Cund Golf…“, nuschelte Laicalindë und Bilbo starrte irritiert zu dem schwarzhaarigen Noldo. Er blinzelte und versuchte zu verstehen, ob er jetzt richtig verstanden hatte. Ein Elb namens Golf?! Ungehört von! Der arme Kerl musste fürchterlichen Spott erdulden, wenn er wirklich so hieß.

„Wieso heißt Ihr wie das Spiel, das mein Ururgroßonkel erfunden hat?!“, entfuhr es ihm und betretenes Schweigen trat ein. Verwirrt schaute er sich um, doch nachvollziehen konnte er es nicht, auch wenn er ein einfaches Schweigen von einem peinlichen unterscheiden konnte. Die Stille und die Blicke endeten in dem Moment, als Gandalf herzhaft zu lachen anfing und sich halb am Rauch seiner Pfeife verkutzte. Irritiert starrte er zu dem Zauberer, dessen buschige Augenbrauen erheitert wackelten, während er immer noch nach Luft rang und versuchte, sich wieder zu beruhigen.

„Bilbo, der gute Laegolin sagte Gol-Fin nicht Golf“, brachte Gandalf hervor, und nun begann auch Frodo zu kichern, auch wenn er es gut zu verstecken wusste. Irritiert starrte er den Zauberer an. „Er hat Golf gesagt, ich bin mir ganz sicher!“, protestierte Bilbo und dachte mit Grauen an Oins Hörrohr. Er wollte auf gar keinen Fall sowas nutzen müssen. Bei dem Gedanken schüttelte es ihn. „Onkel Bilbo, er hat wirklich Golfin gesagt, auch wenn ich auch zugeben muss, dass er gegen Ende etwas undeutlich wurde“, meinte Frodo leise und zwang sein Gesicht zu einem neutralen Ausdruck. Seine Mundwinkel zuckten aber trotzdem verräterisch.

„Was für ein Spiel hat Herr Beutlin eigentlich gemeint?“, fragte der schwarzhaarige Golfin nach, der zwischen Erheiterung und Empörung hin und hergerissen zu sein schien. „Das ist ein Spiel mit einem kleinen Ball und einem Schläger. Man versucht den Ball durch so wenige Schläge wie möglich in ein Loch zu bekommen“, erklärte Frodo und die blauen Augen glitzerten fröhlich. „Ein sehr beliebtes Spiel im Auenland, bei dem alle paar Jahre ein großes Turnier ausgerichtet wird.“

„Dann würde ich darum bitten, dass Ihr mich Nolofinwë nennt, wenn es sein muss auch Nolvo. Damit ist jede Verwechslung der Sindarinübersetzung meines Namens mit diesem Spiel ausgeschlossen!“

„Aber, aber, Golf, sind wir wieder humorl…“, lachte Finarfin heiter und wich gekonnt dem Schlag aus, der folgte. Wenn Blicke töten könnten, würde der blonde Noldo wohl im Sterben liegen. „Ich kann es kaum erwarten, wenn unser beider älterer Bruder zurück ist und ich ihm das erzählen kann!“, frotzelte dieser weiter. Bilbos Augen weiteten sich, als ihm klar wurde, dass diese beiden wohl Brüder sein mussten. Als er zwischen den beiden und dann zu Ingwë schaute, bemerkte er auch da eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem Hochkönig und dem Gärtner. Konnte es sein …?

„Verzeiht meine Frage, Ingwë, aber sind die beiden Eure Söhne?“, fragte er nach und deutete zu den beiden diskutierenden Noldor. Herr Elrond wurde starr und schaute schließlich geschockt zu Ingwë. Doch Ingwës Gesichtsausdruck schlug Elronds bei weitem. Von fragend über überrascht, perplex zu absolut fassungslos und fast schon grauenerfüllt wechselten die Emotionen einander ab. Der Blick zu den beiden Noldor, die plötzlich ebenso leise waren, war undefinierbar.

„Ich habe keine Kinder!“, brachte der Noldo nur hervor und fuhr sich mit einer Hand übers Gesicht. „Die beiden gehören zu Finwë Noldóran, nicht mir.“ Der Ton zeigte deutlich, dass das Thema für ihn beendet war. „Aber sie sehen Euch doch ähnlich …“ sagte Bilbo schon leiser, unsicherer.

„Weil unsere Mutter Hochkönig Ingwës Schwester ist“, warf nun Finarfin ein und lächelte entschuldigend zu Ingwë. „Mutters Linie kam zumindest bei mir stark durch, weshalb ich meinem Onkel hier ähnlich sehe.“

Damit wurde mit unverfänglichen Themen das Gespräch weitergeführt, während Bilbo nun wirklich müde wurde und auch verwirrt war. „Noldor!“, murmelte er nur und schüttelte den Kopf. „Ich muss darauf verweisen, dass ich ein Minya bin, Herr Beutlin“, wurde er freundlich korrigiert. Das trug wenig dazu bei, dass es weniger verwirrend wurde.

Finarfin setzte sich neben ihn und legte eine Hand auf seinen Rücken. Silberne Augen durchbohrten den alten Hobbit, die ihn aber warm und freundlich anschauten. Er spürte ein Kribbeln an der Stelle, wo er berührt wurde und die Müdigkeit schwand. Aus irgendeinem Grund konnte er auch leichter atmen. „Besser, Herr Bilbo?“ Er nickte erstaunt und sah fragend zu dem Noldo. „Ich bin Heiler und vermag es die Lebensströme wieder so einzurichten, dass der Körper sich selbst aus eigener Kraft zu heilen vermag. Es ist eine zusätzliche Methode, die aber durchaus kräftezehrend ist, wenn zu lange genutzt. Es ist eine Methode, die den Minyar oder wie mein Volk sie nennt Vanyar, zu eigen ist“, erklärte Finarfin ruhig und ein Schnauben erklang.

„Aber um Eure Verwirrung zu beenden: Es gibt in Valinor drei große Völkergruppen, wobei eigentlich vier. Die Minyar oder Vanyar, zu denen mein Onkel wie auch meine Mutter gehören, sind die Ersten, die hier ankamen. Die Noldor kennt Ihr bereits. Die dritte große Gruppe sind die Lindar unter Olwë. Und die mittlerweile vierte Gruppe sind die Sindar, die allerdings sich schon weit verbreitet haben. Jeder dieser Gruppen können gewisse Attribute zugeschrieben werden. Die Minyar sind oft Heiler, Künstler und auch Meister in der Stoffherstellung und –verarbeitung. Die Künste der Noldor kennt Ihr gewiss, nicht wahr?“

Bilbo nickte nur und lauschte dem Hochkönig der Noldor. Es war durchaus interessant und er musste es eindeutig niederschreiben, wenn er die Zeit dazu hatte.

Das könnt Ihr ruhig tun, Lebenslinienwanderer. Es ist sicher erfrischend eine neutrale Sicht der Dinge zu lesen, wie ihr die Lebenslinien, die sich überall durchziehen, seht.

Erschrocken blickte er zu Finarfin, als er eine Stimme in seinem Kopf hörte, doch ein Zwinkern ließ ihn schweigen.

Meine Unterstützung habt Ihr und ich zeige Euch gerne noch mehr Werke, die Ihr nutzen könnt, um die Lebenslinien entlangzuwandern, Wissen zu sammeln und dann festzuhalten, was Ihr für wichtig erachtet.

Damit stand der Noldo auf und lächelte Bilbo freundlich zu.

„Ihr entschuldigt mich nun. Ich sollte noch einige Dinge erledigen“, sagte Finarfin amüsiert und ging an seinem Bruder vorbei. „Ach, Golf, deine Gemahlin erwartet dich um vier am Marktplatz!“ „Nenn mich nicht Golf, Arafinwë!“, grollte Nolofinwë erzürnt. „Bring mich doch dazu!“ Lachend eilte der Noldo davon, ein fluchender Nolofinwë ihm dicht auf den Fersen. Manchmal waren Elben auch fürchterlich zu Schabernack aufgelegt.

Doch Bilbo wurde wieder müde und bemerkte von der aufkommenden Diskussion nicht mehr wirklich etwas. Er schloss die Augen und schlief ein. Träume von ‚Golf‘ rufenden Finarfins und Lebenslinien, auf denen er wanderte, einem rauchigen Drachen und der Melodie von Thorins Stimme folgend.
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