Bitter(kalt)

KurzgeschichteDrama, Schmerz/Trost / P12
Juro Lyschko
22.06.2015
29.06.2015
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Es war kurz vor Weihnachten, als Juro am Abend der Vollmondnacht vom Meister zum großen Mühlrad geschickt worden war, um es vom Eis zu befreien, das sich während die Burschen zu Abend gegessen hatten, wieder in das Holz verbissen hatte. Dass er schuften musste, während die anderen sich schlafen legten, um ihre Kräfte für die Nacht zu schonen, war die Strafe des Meisters dafür, dass Juro ihm zuvor die heiße Suppe über den Rock geschüttet hatte. Juro verfluchte sich selbst insgeheim dafür, doch die Gelegenheit war so günstig gewesen und seine Wut darüber, dass der Meister Andrusch zuvor eines harmlosen Scherzes wegen geohrfeigt hatte, war noch nicht abgeklungen. Jetzt musste er dafür büßen.
Es war schrecklich kalt und Juro bibberte, als er die Laterne, die er mitgenommen hatte, da die Sonne bereits untergegangen war, abstellte, den Pickel zur Hand nahm und sich anschickte, ins Gerinne hinunterzusteigen. Da kam ein Windstoß auf und zischte ihm um die Ohren, sodass er sich frierend mit dem Rücken an die hölzerne Wand presste. Es war ein wahnsinniges Vorhaben, bei diesem Wetter das Rad lospickeln zu wollen. Noch dazu alleine. Wieder einmal beschlich Juro die Furcht, der Meister habe ihn durchschaut und wolle ihn sich nun vom Hals schaffen. Oder ihm Angst machen, damit er begriff, dass der nahende Jahreswechsel seine Todesstunde mit sich bringen würde. Juro schauderte und dieses Mal lag es nicht nur an dem eisigen Wind, der erneut auffrischte.
Vorsichtig sah er sich um, bevor er den Pickel zur Seite legte und die Hand gegen das Mühlrad ausstreckte. Eine Prise Salz aus seiner Tasche und ein leise gemurmelter Spruch, während er mit der vor Kälte blaugefrorenen Hand einige Runen in die Luft zeichnete und das Eis im Gerinne zog sich zurück wie ein lammfrommer Hütehund auf den Befehl seines Herren. Juro lächelte für einen Moment, weil ihm wieder einmal ein Zauber gelungen war, von dem der Meister nicht einmal wusste, dass er ihn beherrschte. Der Bursche hatte ihn sich selbst aus dem Koraktor angeeignet, als er wieder einmal in der schwarzen Kammer zum Saubermachen abbestellt gewesen hatte. Nun sah er zufrieden auf sein Werk, bevor er die Laterne wieder aufnahm, sich abwandte, um sich endlich schlafen zu legen – und erstarrte.

Im Dunkel der Mühle, an die hölzerne Wand gelehnt, halb verborgen von einem Regenfass, saß Lyschko, das Gesicht ihm zugewandt. Juro wurde eisigkalt und siedend heiß zugleich. Nach dem Meister selbst war Lyschko die Person, die er in diesem Moment am wenigsten hier gebrauchen konnte. Lyschko, der dem Meister alles zutrug, würde ihm sicher nicht verschweigen, dass Juro einen Zauber zu wirken in der Lage war, den noch nicht einmal Matko, der Altgesell beherrschte. Lyschkos Anwesenheit bedeutete sein Todesurteil.
„Was tust du hier?“, platzte es aus Juro heraus, weil er nicht wusste, was er sonst sagen sollte. Weil er hoffte, den anderen irgendwie hinhalten zu können. Ihn irgendwie davon überzeugen zu können, dass was er gesehen hatte, nicht wirklich geschehen war. Er kramte in seinem Kopf nach einem Zauber, der Lyschko vergessen lassen könnte, was er mitangesehen hatte, doch er fand keinen. Erst jetzt fiel ihm allerdings auf, dass der Bursche mit dem hellen Haarschopf seltsam reglos dasaß und nicht ein einziges Mal gezuckt hatte, seit Juro ihn entdeckt hatte. Auch war sein Blick starr und er wirkte im Halbdunkel, als wäre er gar nicht richtig da. Langsam trat Juro näher, hielt die Laterne in die Höhe und beleuchtete Lyschkos Gesicht. Es war ausdruckslos und glatt und seine Augen starrten durch Juro hindurch. Dann entdeckte dieser auch den Kreis, der um den anderen Burschen auf den Boden gezeichnet war. Er war versehen mit drei Kreuzen und einem Drudenfuß. Ein Zauberkreis. Juro sah auf Lyschko hinab, der aus sich hinausgegangen war, und zögerte.

Schon einmal hatte er den anderen so gesehen, erst in der letzten Osternacht war es gewesen. Sie hatten diese gemeinsam am Mordkreuz verbracht und als Lyschko aus sich herausgegangen war – sicher, dass Juro es nicht bemerken würde – war dieser ihm gefolgt. Leise und umsichtig war er ihm nachgeschlichen, denn obwohl er selbst seinen Körper hinter sich gelassen hatte, so wäre es Lyschko möglich gewesen, ihn wahrzunehmen, ebenso wie Juro seine Nebelgestalt, leuchtend und unscharf, vor sich hergehen gesehen hatte. Die Orte, an die Lyschko ihn unwissentlich geführt hatte, würde Juro nie vergessen. Und in dem Moment, als er nun neben der leeren Hülle von Lyschkos Körper stand, brannte die Frage, ob dieser wieder an denselben Orten sein würde wie beim letzten Mal, so heiß in seinem Kopf, dass er nicht anders konnte, als etwas abseits und verborgen vor seinem Mitgesellen einen zweiten Zauberkreis auf den Boden zu malen, die Worte zu sprechen und seinen Körper zu verlassen. Auch, wenn es einer schrecklichen Dummheit gleichkam.

Juro wusste nicht, ob er Lyschko finden würde, wo er ihn vermutete, doch er ging zielstrebig zu den Plätzen, die Lyschko bereits in der Osternacht aufgesucht hatte. Der erste war nicht weit von der Mühle entfernt, ganz in der Nähe des kleinen Friedhofs auf dem Wüsten Plan, wo sich die traurigen Gräber der ehemaligen Müllersburschen des Koselbruchs aneinander reihten. Eines wie das andere, als sei es nicht wichtig, wer darunter in der Erde lag.
Etwas weiter hinaus war Lyschko im Frühjahr gegangen, dorthin zog es auch Juro jetzt und als er neben dem kleinen Grab stand, an dem Juro in der Osternacht gekniet hatte, war ihm, als käme dieser Moment zurück.

Lyschko war neben dem Rechteck in die Knie gegangen, das sich deutlich vom Grau der Umgebung abhob. Sanft strich Lyschko an dieser Stelle über die Erde, während seine Lippen vom Unterdrücken der Tränen bebten. Ein kleines Holzkreuz steckte auf dem Grab, mehr nicht. Keine Blumen, keine Kränze. Als wären die Menschen nicht sonderlich traurig um den gewesen, der gestorben war. Als hätten sie den Toten bereits vergessen, obwohl die Färbung der Erde Juro sicher sein ließ, dass seit der Beerdigung kaum ein halbes Jahr vergangen sein konnte. Lyschkos Lippen öffneten sich einen Spalt weit, doch sie zitterten zu sehr, als dass sie Worte hervorbringen konnten. Stumm saß er da, streichelte die Erde, als könne er den Leichnam damit wieder zum Leben erwecken und weinte stumme Tränen. Schließlich, nach einer halben Ewigkeit, erhob er sich, neigte den Kopf vor dem Grab und wischte sich die Tränen aus den Nebelaugen, bevor er sich umwandte und davon schritt, ohne sich umzusehen. Mit gestrafften Schultern, die Hände in den Hosentaschen vergraben. Aufrecht und gebrochen zugleich.

Doch hier war Lyschko nicht und Juro entsann sich auf den zweiten Ort, den der Bursche im Frühjahr aufgesucht hatte. Wenig später erreichte er die kleine Lichtung im Wald, die jetzt ruhig und glatt im Schein des aufgehenden Mondes dalag. Im Schnee, der sie bedeckte, hinterließ Juro keine Spuren. Lyschko war nirgends zu sehen, doch bei dem Anblick der Lichtung erinnerte Juro sich an den letzten Besuch hier zurück, bei dem er hinter einem Baum gekauert und seinen Mitgesellen beobachtet hatte.

Lyschko schritt weit aus, fast zornig, als er sich der Mitte der Lichtung nährte. Dort blieb er stehen und sah auf einen großen Findling hinab, der von hohen Gras fast überwuchert war. Es fehlte nicht viel, dass er dagegen getreten hätte, doch er schien sich zusammenzureißen. Seine Stimme, die niemand außer Juro hören konnte, da sie keinen Körper besaß, durch den sie sprechen konnte, bebte vor unterdrückter Wut.
„Soll euch der Teufel holen und euch auf ewig quälen, denn das habt ihr verdient!“, zischte er. „Selbst die Hölle ist noch zu gut für euch. Pack! Scheusale seid ihr, dass es mich schämt, der Sohn des einen zu sein. Widerliche Scheißkerle. Ich hasse euch. Ich hasse euch!“ Mit der Hand schrieb er eine Formel in die Luft und kurz erbebte der Boden unter der kleinen Lichtung, dann lag sie wieder stumm da im Mondschein und Lyschko drehte sich ohne ein weiteres Wort um und ging davon. Haarscharf an Juros Versteck vorbei, doch er bemerkte ihn nicht. Mit finsterer Miene zog er von dannen und Juro musste sich beeilen, mit ihm Schritt zu halten.


Da Lyschko auch hier nicht anzutreffen war, blieb Juro nur noch ein weiterer Ort, ihn zu suchen. Und dafür musste er sich beeilen, denn es konnte nicht mehr lange dauern, bis der Gevatter auf den Vorplatz der Mühle fahren würde, wie er es in jeder Vollmondnacht tat. Und wenn Juro bis dorthin nicht wieder zurück war, konnte er auch gleich sein Testament schreiben.
Er eilte, so schnell ihn seine Nebelfüße tragen konnten, Richtung Wittichenau. Die Dorfkirche fand er wie im Schlaf und tatsächlich wurde er hier fündig. Lyschko stand vor einem der Butzenfenster und sah wie gebannt ins Innere der Kirche. Er bemerkte Juro nicht, der ihn aus wenigen Metern Abstand beobachtete, halb versteckt hinter einem kleinen Gebüsch. Lyschkos Hände waren an seinen Seiten zu Fäusten geballt, sein ganzer Körper angespannt. Er bewegte sich kein Stück. Juro wagte es, näher zu treten und als er einen Blick auf Lyschkos Gesicht erhaschen konnte, erschrak er. Noch nie hatte er eine so allumfassende Verzweiflung in jemandes Blick gesehen, noch nie solch ein trauriges Lächeln, noch nie so viel Mutlosigkeit in einem einzigen Wort.
„Warum?“, flüsterte Lyschko immer wieder vor sich hin wie eine Spieluhr, deren Getriebe versagt hat. „Warum, warum, warum?“

Genau wie damals, als Juro ihm in der Osternacht hierher gefolgt war. Nur dass im Inneren der Kirche nun ein Weihnachtsbaum statt des Osterkranzes aufgestellt war und die Trompetenmusik, welche die Messe begleitete, so schwermütig klang, dass Juro selbst ganz drückend ums Herz wurde.
Allein der Gedanke daran, dass sie bald zurück sein mussten, bevor der Meister etwas merkte, hielt ihn davon ab, in Lyschkos Trauer einzutauchen und sie mit ihm zu fühlen. Stattdessen wurde er langsam immer ungeduldiger, da sein Mitgesell nicht den Anschein machte, jemals wieder von dem Fenster fortgehen zu wollen. Juro schluckte schwer, während er beobachtete, wie der Mond immer höher stieg, die Ankunft des Gevatters immer näher rückte und damit auch die Wahrscheinlichkeit, dass Lyschko und er auffliegen würden.

Als Juros Herz schließlich schon so schnell schlug, dass er vor lauter Furcht davor, entdeckt zu werden, kaum mehr atmen konnte, riss er sich schweren Herzens von Lyschkos Anblick los und trat den Heimweg an. Er flog beinahe dahin, immer näher der Mühle zu und gerade als er in seinen Körper zurückkehrte, hörte er vom Dachboden das Geräusch von zehn Müllersburschen, die sich aus dem Schlaf geschreckt hektisch ankleideten und dann die Treppe herunterpolterten. Lyschko jedoch saß noch immer wie versteinert an dem Platz, an dem Juro ihn gefunden hatte, während sein Geist vermutlich noch immer vor dem Fenster der Kirche in Wittichenau stand.
Juro zögerte einen Moment, die klammen Hände reibend, dann schnippte er mit den Fingern und eine Stück einer Dachlatte löste sich mit einem Windstoß und schlug Lyschko um die Ohren. Der schüttelte sich und Juro stellte mit einem letzten Blick fest, dass Lyschko erfolgreich in seinen Körper zurückgekehrt war, bevor er sich um die Ecke schlich und zu den anderen Burschen gesellte, die in ihrer Eile überhaupt nicht bemerkt hatten, dass zwei von ihnen fehlten.
Erst, als sie sich auf dem Vorplatz aufreihten, fiel dem Meister auf, dass sie nur elf an der Zahl war. Juro spähte nervös in Richtung des Mühlrades, doch Lyschko tauchte nicht auf.

„Wo ist Lyschko“, zischte Petar in die Runde, doch der Meister brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen.
„Hat einer von euch den Fehlenden gesehen?“, fragte er unwirsch. Alle schüttelten die Köpfe. Alle außer Juro.
„Er war vorhin hinten am Mühlrad, als ich hinunterstieg, um es vom Eis zu befreien“, sagte er, all seinen Mut zusammennehmend, in seinem gewohnten dümmlich tumben Tonfall. „Später habe ich ihn nicht mehr gesehen. Hoffentlich ist ihm nichts zugestoßen?“
„Dann geh und schau, dass du ihn mir herbringst“, fuhr der Meister Juro an. „Und trödel nicht herum oder es wird dir schlecht bekommen. Ihr anderen an die Arbeit. Der Gevatter wartet nicht gerne.“ Alle Burschen stoben auseinander und Juro huschte zurück zu der Stelle, an der er Lyschko verlassen hatte. Der saß noch immer dort, die Arme um die Knie geschlungen, am ganzen Körper bebend vor Kälte, den Blick stur geradeaus gerichtet. Der Kreis um ihn war von der abgebrochenen Dachlatte verwischt.
„Kannst du aufstehen?“, fragte Juro, als er Lyschkos erbärmlichen Zustand erfasste und ging neben ihm in die Knie.

„Wer hat mich zurückgeholt?“, murmelte er, anstatt auf Juros Frage zu antworten. „Ich wollte das nicht.“
„Ich weiß nicht, wovon du sprichst“, erwiderte Juro. „Aber du musst jetzt mitkommen, der Gevatter wartet.“
„Der Meister sollte mich finden“, flüsterte Lyschko wie in Trance. „Dann wäre ich es, der in der nächsten Silvesternacht gestorben wäre. Ich wollte das. Ich wollte sterben.“ Juro spürte den kalten Schauer, der ihm den Rücken hinunter jagte, obwohl die Kälte um ihn her ihn sowieso schon zum Beben brachte. Er schluckte schwer, dann sagte er:
„Du musst ins Bett, Lyschko, sonst frierst du dir noch alle Zehen ab. Komm mit, der Meister wird nicht erfreut sein, dass er heute Nacht mit anpacken muss, aber so wie du aussiehst, schleppst du heute keine Säcke mehr.“
„Lass mich hier, Juro“, murmelte Lyschko. „Es hat doch alles keinen Sinn. Wenn ich Glück habe, erfriere ich wenigstens.“
„Das würde der Meister nicht zulassen“, widersprach Juro und der Gedanke, dass der Meister schon einmal einem Gesellen den Tod verwehrt hatte – einem tüchtigen Burschen, der sein Mädchen verloren und daraufhin wahnsinnig geworden war – machte die Kälte um ihn noch unerträglicher.

„Komm, Lyschko, ich bringe dich in die Schlafkammer“, sagte er sanft, griff dem Mitgesellen unter die Arme und zog ihn hoch. „Wir sagen dem Meister, dass du eingebrochen bist, als du sehen wolltest, wie ich mit der Arbeit vorankomme und dass ich dein Rufen nicht gehört habe.“
„Das wird er niemals glauben“, erwiderte Lyschko matt, während er sich ohne den Anflug eines eigenen Willens zu zeigen von Juro zur Vorderseite der Mühle schleifen ließ. Seine Füße waren Eisklumpen und die Finger steifgefroren.
„Es wird schon gut gehen“, meinte Juro mit beruhigender Stimme, während er sich ohne dass Lyschko es bemerkte einige unsichtbare Runen auf die Wange zeichnete. Der Meister würde diese Lüge schlucken, denn ab und zu arbeitete die Magie auch gegen ihn. Und für seine Schüler.
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