Herbstnacht

von Ptraci
GeschichteFantasy / P12
OC (Own Character)
22.06.2015
22.06.2015
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Ich hatte meinen Blick auf meine bloßen Füße gerichtet, während ich meiner üblichen Route nach durch die leeren, dunklen Straßen der Stadt schlenderte. Meine Augen waren feucht und gereizt vom frischen Wind der Nacht, der mir meine Haare immer wieder sanft aus dem Gesicht strich. Hinter mir hörte ich das schleifende Geräusch des Saumes meines Kleides, das über den Boden fegte und alles wunderbar sauber machte.
Es räumte treu die Leichen vom Bürgersteig und fing sie in dem weichen Stoff ein. Ich würde sie später angemessen beerdigen und mich der Trauer ganz und gar hingeben. Zwar konnte ich sie nicht alle angemessen verabschieden, doch wenigstens einer kleinen Minderheit würde ich Ehre erweisen können. Mit der Verzweifelung und meinem Klagen würde auch die Wut kommen. Wut auf ihre Mütter, Wut auf ihre Väter. Sie waren Mörder! Kindermörder! Schänder! Nicht einmal ein Jahr waren die Kleinen alt, wurden ausgenutzt, gaben sich dem Wetteifern um die Gunst ihrer Erzeuger hin. Ich versuchte sie zu warnen, jedes Jahr von neuem, doch sie hörten mich nicht, konnten mich nicht hören und würden mir nicht glauben.
Außerdem waren sie abhängig von ihren Eltern, und ihre Eltern von ihnen, doch sie konnten ihre Kinder in Massen produzieren. Sie waren niemals mehr als einfache Wegwerfprodukte. Ich hasste die Schänder, die Sklaventreiber, doch sie waren zu zahlreich. Es war mir unmöglich einen ernsthaften Kampf gegen sie aufzunehmen, niemand unterstützte mich je dabei, alle sahen weg. Und mehr noch: viele freuten sich über die Anwesenheit der Mörder und einige schützten und unterstützten sie auch noch!
Aus einer der hinterletzten Windungen meines Gehirns bahnten sich verbotene, aber doch so süße Gedanken und Bilder an.
Ich wünschte mir den Winter. Zu dieser Jahreszeit waren die Nächte wunderbar lang und meine kleinen, bedauernswerten Schützlinge litten nicht unter den zerstörerischen Händen ihrer tyrannischen Eltern. Dieses Jahr würde es endlich soweit sein. Der Kampf gegen die Unterdrückung würde zu einem lang ersehnten Ergebnis kommen.
Vor meinem inneren Auge sah ich bereits das goldene, klebrige Blut aus den Adern meiner Opfer fließen. Sie fielen im Kampf gegen mich, starben ächzend und lagen schließlich starr auf dem Boden. Ihre Leichen mussten verbrannt werden. Ich konnte es nicht zulassen, dass auch nur ein Teil von ihnen in guter Erinnerung verbleiben würde, egal wie sehr ich mich vor der Anwesenheit des Feuers fürchten würde. Es durfte nichts von ihnen bleiben, nichts außer der Asche.
Das Flackern einer Straßenlaterne, nur wenige Schritte von mir entfernt stand sie, riss mich aus meinen Gedanken. Ich blieb stehen um das Lichtspiel zu betrachten und versuchte, ein Muster darin zu erkennen. Es faszinierte mich, dass Schatten und Helligkeit sich dermaßen schnell abwechseln konnten und dabei einen heftigen Kampf aufführten. Schnell verstand ich, dass es um Herrschaft ging. Ein winziger Krieg war hier im vollen Gange.
Da jedoch keine der beiden Seiten die Oberhand zu gewinnen schien, verlor ich schnell das Interesse an dem Spektakel und ging weiter meines Weges. Ich hatte doch noch etwas zu tun, wie immer im Herbst.
Als ich an einem halb im Dunklen liegenden Nachtklub vorbeikam, sah ich einen Schemen am Eingang stehen, dessen Umrisse mir bekannt vorkamen. Es roch nach Alkohol und Kanalisation, doch auch ein süßlicher Duft, den ich nicht ganz zuordnen konnte, stieg mir in die Nase. Ich klatschte zweimal in die Hände und erregte so die Aufmerksamkeit des im Eingang stehenden Bruhjas. Er hob seine rechte Hand und winkte mich zu sich. Offensichtlich war sein Fluss an unerledigten Dingen, der das Tal überfluten konnten, zur Zeit mit einem Staudamm versehen.
Meine Füße trugen mich zu ihm, er, dessen Namen ich, wie die der vielen anderen immer wieder sanft während meiner Ruhepharsen aus meiner Realität verbannte.
"Nun, Trish? Eine ruhige Nacht, nicht wahr?", begann der Mund meines bleichen Gegenübers.
"Die wahren Opfer sterben stets leise", bestätigte ich.
Mein Gegenüber betrachtete mich mit einem ersthaft sorgenvollem Gesichtsausdruck. Trauerte er wirklich um meine Laune, die mich im Herbst quälend lähmte?
"Du solltest nicht hier sein, solange du dir Gedanken um die... Toten machst." Bei dem Wort "Toten" kämpften sein Geist und sein Solidaritätsgefühl miteinander. Er wusste, wie sehr ich die Herabwürdigung der kleinen Leichen durch andere Begriffe hasste.
Ich sah ihn ein wenig fragend an. Wo sollten meine Füße wandeln, wenn nicht hier? Wieso mochte er mich nicht weiter in diesen Straßen aufräumen lassen?
"Ayana und die anderen haben bereits zugestimmt. Wir wollen dich nicht weiter so bekümmert hier herumlaufen sehen", krochen des Bruhjas Worte in mein Ohr. Demnach gab es die Idee, ich würde Unerwartetes in meinem Gemütszustand tun. Doch... welches Gesicht gehörte zu Ayana?
"Mir seie bitte vergeben", hauchte ich. "Wer wandelt in den Schatten dieser Nacht?"
Ich sah genau, dass die Frage über seine Laune eine Dunkelheit warf. "Ayana ist die rothaarige Ventrue." Seine Stimme klang als hörte ich sie durch einen weiten Tunnel.
"Einverstanden", erwiederte ich laut. "Sie ist wahrlich sie selbst."
"Nun ja. Dem ist wohl so. Darf man dir den Ort zeigen, den wir dir als Aufenthalt für die nächsten Nächte empfehlen würden?"
Ich war mir nicht sicher, ob ich hier weg wollte. Meine Trauer konnte ich hier immerhin ausleben, aber ich vermutete an diesem Zeitpunkt noch, dass auch der Ort, zu dem ich ging, Wege haben würde, die von Leichen bedeckt waren. Deshalb klatschte ich einmal zustimmend in die Hände und sah dem Bruhja tief in die Augen.
"Sehr gut. Ayana wird dich hinbringen, und wenn du einverstanden bist, wird sie das für diesen Monat immer zu Beginn der Nächte machen."
"Und mich zum Ende wieder zurückbefördern?", säuselte ich.
Der Bruhja ließ ein wohlklingendes Geräusch an mein Ohr dringen. "Selbstverständlich."
Nur Minuten später saß ich neben der Ventrue 'Ayana' im Auto. Sie fuhr fein und es war ein wunderbares Gefühl die Stadthäuser dermaßen schnell fliegen zu sehen. Ununterbrochen starrte ich durch die unsichtbare Wand -dem Fenster- meiner Autotür. Sowohl meine Fahrerin als auch ich genossen die Ruhe und durchbrachen sie nicht mit Schall.
Es sollten etwa 7 Minuten gewesen sein, als wir außerhalb meines Stadtviertels ankamen und ausstiegen. Hier war ich seit langen Jahren nicht mehr, bei meiner letzten Besichtigung musste ich wohl noch Blut durch meine Adern gepumpt haben. Eingeschränkt war mein Gebiet, wohl wahr. Diese Gegend hatte ich wohl aus meinen Erinnerungen gelöscht, doch der Grund war mir verborgen.
Der Stimme der Ventrue drang nicht mehr in den klaren Teil meiner Gedanken vor, denn ich war benebelt vor Glück. Tausende, winzige Seelen lebten hier noch, ich konnte beinahe spüren, dass sie älter waren als die der Stadt selbst. Sie hatten fürsorgliche, liebende Eltern, die sie nicht benutzten und dann wie Dreck auf den Boden warfen. Lachend rannte ich los und tanzte zwischen den riesigen Erzeugern hin und her. Alles drehte sich um mich herum und meine Sicht verschwamm.
"Ein glücklicher Ort!", schrie ich und drehte mich im Kreis. Der Mond schien vom wolkenlosen Himmel und beleuchtete diesen friedvollen Platz. Meine Beine ließ ich wegknicken, um auf dem Boden zu sitzen. Hier konnte ich innerlich auftanken, hier im Paradies!


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Ich danke allen, die das hier gelesen haben.
Kann jemand von euch erraten, worum Trish hier eigentlich wirklich trauert und wo sie letzendlich landet?

LG Ptraci
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