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Im Nebel sind alle gleich

von samphira
GeschichteMystery, Fantasy / P16 / Gen
D OC (Own Character)
21.06.2015
01.07.2020
45
46.034
4
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29.06.2020 1.276
 
„Du bist eine echte Frau“, sagt D und hält sie blitzschnell an den Armen fest, „selbst mit diesem Wesenszug.“

„Das soll ich dir glauben?
Also bitte, D, halt mich doch nicht für so komplett naiv“, faucht sie und legt ihre, vor Wut geballten, Fäuste gegen seine Brust, „jede Frau verteidigt ihre Familie mit Händen, Füßen und Waffen, egal ob physisch oder psychisch.
Da bilde ich keine Ausnahme.
Du hast mir deine Meinung gesagt, das akzeptiere ich und toleriere, aber verlange nicht, es gut zu heißen.
Ich bin ein Monster.“

Plötzlich, japsend, verstummt die wütende Frau, weil ihr Mund harsch von einem Lippenpaar in Beschlag genommen wird.

Der Jäger belehrt sie, aber auch sich, eines besseren.
Nicht sie ist das Monster hier, sondern er.
Denn er sollte Abstand wahren, nur seinen Auftrag im Blick haben, keinesfalls jetzt dastehen und die Nebelprinzessin einfach küssen.

Diese öffnet die Fäuste, legt die flachen Hände an seine Brust, macht einen Schritt näher zu ihm.
Ihr Champion lässt sie kurz zu Atem kommen, bevor er ihre Lippen erneut einfängt mit seinen eigenen.

Samphira gibt sich immer mehr hin, schmiegt sich enger an ihn.

Plötzlich packt der Jäger sie an den Schultern und tritt einige Schritte zurück.

Zum ersten Mal erkennt sie ein echtes Gefühl in seinem Blick, nicht nur angedeutet und rätselhaft.
In den weit aufgerissenen, blaugrauen Augen liegt Schreck.

Das Herz der Nebelprinzessin zieht sich schmerzhaft zusammen bei diesem Anblick.
Sie will ihm so dringend zeigen, dass es nichts gibt, vor dem er Furcht haben muss.

Noch immer erinnert sein Blick an einen kleinen, verlorenen Jungen, der zu viel Leid und Dunkelheit sehen musste.
Aber vor ihr steht ein ganzer Mann, ein waschechter Jäger.

D lässt Samphira los.
Noch immer keuchen beide Personen leise, sich in Gedanken vorstellend, was noch folgen könnte.

„Du bist kein Monster“, bringt der Jäger nach einigen Minuten endlich über die Lippen, an welchen deutlich der Geschmack der Nebelprinzessin hängt.

„Du auch nicht“, erwidert diese nur ruhig, obschon ihr Innerstes in Flammen steht.
Ihr Gegenüber will unverzüglich Widerspruch einlegen, als Samphira die Distanz zwischen ihnen überwindet.

Sie muss sich strecken, als sie sanft seine Wangen umfasst und ihn so zwingt, ihr ins Gesicht zu schauen: „D, du bist ein echter Ritter.
Mein Ritter.
Du besitzt ein Herz, hast eine Seele, egal wie zerfetzt sie auch immer sein mag.
Dein Gewissen quält dich ununterbrochen.

Es wird langsam Zeit, dass du das Fasten aufgibst.
Auch du hast Bedürfnisse und Wünsche.
Bitte, erlaube mir, dir zu helfen.
Ein Geschenk.“

Statt einer Antwort schluckt der Angesprochene mehrmals hart.
Samphira hat Recht, flüstert es in seinen Herzen, nehme einfach an, was dir geschenkt wird.

Der Parasit in seiner Hand schweigt bereits die ganze Zeit über, sodass D ihn nicht verantwortlich machen kann.

„Weißt du eigentlich, in welche Gefahr du dich bringst?“, versucht er an das Gewissen der Frau, so nah bei ihm, zu appellieren.

Diese lächelt ihn so süß an, dass seine Sinne komplett verrückt spielen.
Ihr Wispern, verheißungsvoll, macht die Sache nicht besser: „Ein Geschenk von Herzen.“

Du hast sicher niemals etwas wirklich geschenkt bekommen, ergänzt sie im Stillen, darum wohl nun solche Angst davor.

Der Jäger befindet sich erneut in einem unheimlichen Zwiespalt.
Auf der einen Seite will er tatsächlich nachgeben, andererseits darf nicht vergessen werden, was er ist.

Ein Wesen der Finsternis, verdammt von Anfang an.
In Wahrheit besitzt er gar keine Daseinsberechtigung.

Um Samphira, dieses engelsgleiche Mädchen zu schützen, muss D diese Sache zwischen ihnen schnellstmöglich beenden, sonst zerrt er sie nur in die Verdammnis mit sich hinab.
Am Ende liegt das Mädchen zerbrochen am Boden, zerstört an Herz und Seele.
Dies will er auf keinen Fall zulassen.

„Bezeichne dich bitte nie wieder als Monster“, vernehmen seine Ohren die feste Stimme,“ sonst lasse ich meinem Wahnsinn freien Lauf und fliehe.“

Ihre Seele schreit bei diesen Worten protestierend auf, weil dadurch schließlich ihr Versprechen gebrochen wird.
Samphira lässt die Wangen ihres Gegenübers los und wendet sich ab.

Ein trauriges Lächeln liegt auf ihren Lippen, als sie sich hinsetzt und auf das Wasser des dunklen Teiches schaut.
Das warme Gefühl in ihren Adern, hervorgerufen durch seine Nähe, flaut leider langsam ab.
Echter Verlust lässt ihr Herz sich schmerzhaft zusammenziehen, ihre Seele, so kindlich naiv und fest an die Liebe glauben, vergießt bitterste Tränen.

„Du erschaffst Illusionen, aber dieser einen dürfen wir nicht nachgeben, Samphira.“

„Wieso musst du alles zerbrechen wie die Wirklichkeit es immer wieder tut, D?“, erwidert die Angesprochene leise und muss hart schlucken, „soll ich dir sagen, wie die nackte, erschreckende Realität aussieht?“

Die blassgrauen Augen blicken ihm viel zu ruhig ins Gesicht, als sich die Sprecherin nun doch zu ihm dreht: „Du wirst durch die Welt ziehen, Vampire dahin zurück schicken, wo sie herkommen. In den Tod.
Irgendwann triffst du auf deinen Vater, vernichtest ihn.

Und dann?

Dann bist du allein auf dieser Welt.

Was mich angeht, so werde ich als Königin herrschen, in Wahrheit aber jedoch nur die Marionette, die Maske für meinen Gemahl, sein, damit er seine Visionen von Religion, Herrschaft und Macht verwirklichen kann.
Sicherlich werde ich auch die Freuden und Leiden der Mutterschaft durchleben, meine Kinder vor ihm beschützen müssen.

So sehen die kalten, grausamen Wirklichkeiten aus, D.
Das wissen wir beide ganz genau.“

„Soll ich dir sagen, wie diese Illusion ausgehen wird?“, kontert der Jäger mit leiser Stimme, in welcher doch ordentlich Anspannung mitschwingt, „wir machen uns unerfüllbare Hoffnungen, aber stehen beide am Ende vollkommen allein da, sobald du in deiner Heimat bist.
Nur ein einziger Fehler zerstört dein Leben für immer, Samphira, sollten wir dem nachgeben.“

„Ich habe nie verlangt, dass wir miteinander ins Bett steigen sollen!“, schreit sie ihn fassungslos an, als es ihr dämmert.

Etwas in ihren verletzten Blick lässt den Jäger tatsächlich schlucken.

„Du hältst dich wirklich für so unwiderstehlich, du verfluchter Mistkerl.
Deine Augen verraten dich, Bastard!
Ich bin in ihnen nichts mehr als eine königliche Hure, die alle möglichen Kerle zu verführen versucht.“

Samphira ist wirklich verletzt, erkennt der Beschimpfte, spürt sowohl das schlechte Gewissen als auch den kichernden Parasiten in seiner Hand.

Die Prinzessin weicht vor seiner Hand zurück, faucht: „Fasse mich nicht an!
Ich dämliches Wesen habe dich komplett falsch eingeschätzt.
Damit muss ich nun leben, D.“

Obschon mein Herz zerbricht, ergänzt sie stumm und wischt sich wütend über die Wangen, die ersten Tränen weg.
Gedemütigt bis aufs Blut will die junge Frau ihm nicht noch mehr Angriffsfläche bieten.
Tatsächlich besteht da eine zarte, so zerbrechliche Zuneigung zu diesem elendigen Jäger, aber ist zerplatzt wie eine bunt schillernde Seifenblase.

Jener sucht nach Worten.

„Bleibe“, kommt es über seine Lippen, als die Nebelprinzessin Anstalten macht, über das Holz zu klettern.
Fort von ihm.

Er hasst und verabscheut sich selbst dafür, denn sie sagt verachtend, spitz über die Schulter: „Wieso sollte ich?
Nur weil ich dein Auftrag bin?“

„Nein.“

„Wieso dann?
D, ich habe ein Recht auf eine Antwort darauf.“

Weil ich Gefühle habe für deine Person, antwortet dieser in Gedanken, trotzdem hören sich seine Worte ganz anders an: „Du kannst nicht immer wie ein kleines Kind weglaufen, sobald es Probleme gibt, Samphira.“

„Ich besitze sehr wohl die Stärke, von der du sprichst“, faucht die Angesprochene mit Tränen aus Wut in den Augen,“ was ich noch nicht wirklich kann, ist mit stolz erhobenen Haupt meinem Gegenüber ins Gesicht zu lächeln, kurz nachdem er mich bis aufs Blut gedemütigt hat.
Und dumm genug war, meinen falschen Gefühlen zu vertrauen.“

Natürlich ruft das Gesagte einen Effekt bei den Jäger hervor.
Nur äußert sich dieser anders als gedacht.

Denn D packt Samphira blitzschnell um die Taille, fängt mit der freien Hand ihre ab. Seine Geduld ist am Ende.

Sowohl was die Nebelprinzessin angeht, als auch ihn selbst.
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