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Im Nebel sind alle gleich

von samphira
GeschichteMystery, Fantasy / P16 / Gen
D OC (Own Character)
21.06.2015
01.07.2020
45
46.034
4
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23.09.2018 2.101
 
Vertrauensvoll schlingt Samphira die Arme um den Nacken des Jägers, als dieser sie hochhebt und tiefer in den Wald hineinträgt.

Fort von den Feuern, Wagen und Menschen.

Nur ein Stück weiter umgibt die Nacht mit ihren geheimnisvollen Geräuschen die beiden Personen.
Sie lauschen den Geräuschen der Natur und den ganzen Tieren, die auf leisen Sohlen ihren Geschäften nachgehen.
Nahrung sammeln oder Jagd auf andere Lebewesen machen.

Ein ebenso gefährlicher Jäger in Menschengestalt lässt sich einfach von seinen erwachten Instinkten leiten.

„Wo bringst du mich hin?“, erklingt die leise Stimme der Nebelprinzessin zögernd, seltsam aufgeregt.

„Ich weiß noch nicht“, erwidert D einfach und drückt die Sprecherin enger an sich.
Dort gehört sie hin, denkt er und geht weiter mit ihr.

„Kennst du diesen Ort hier?“

„Du redest gern.“

„Wenn man mir antwortet“, erwidert Samphira einfach und lächelt, versteckt dies aber an seiner Brust.
Das hat einen weiteren Vorteil, denn so kann sie tief seinen unverwechselbaren Duft einatmen.

Natürlich dürfen die beiden sich nicht komplett verlieren, eben wegen den unsichtbaren Korsetts um sich.
Aber vor ihrem inneren Augen zieht der Jäger seine Kleidung aus, legt alles Störende ab.

Wie sieht er wohl nackt aus?

Muskeln auf jeden Fall, Perfektion in jeder Pore.

Ihre Gedankengänge werden jäh unterbrochen, denn D ist stehen geblieben.
Dieser lässt den raubtierhaften Blick schweifen, während seine Schritte zu einem kleinen, von mehreren umgefallenen Baumstämmen begrenzten Ort führen.
Einem echten Rückzugsort ohne Angst vor Entdeckung, Anfeindung oder Angriffen.
Das leise Plätschern der Wellen des großen Teiches neben ihnen besitzt eine beruhigende Wirkung auf beider Herzen, welche im Gleichklang schlagen.

Sein Instinkt hat ihn geführt.

Sanft lässt der augenscheinliche Mann das Mädchen runter, setzt es auf den weichen Moos ab.

„Ich mag diesen Ort“, flüstert sie ergriffen und dreht forschend immer wieder den Kopf, „es ist geschützt durch den Teich und dann noch die Baumstämme.“
Obwohl diese an riesige Knochen erinnern aufgrund der Bleiche.

D beobachtet Samphira mit undurchdringlicher Miene, wie sie sich auf den trockenen Moos ohne Nachzudenken ausstreckt und entzückt aufseufzt: „So weich.
Wie ein echtes Wolkenbett.“

Seine Augen tasten ihren Körper regelrecht ab und immer wieder schiebt sich das Bild ihres nackten Rückens vor sein Innerstes.
Alles in ihm rebelliert.
Nicht nur der Durst nach ihrem, sicherlich absolut köstlichen, Blut, sondern auch nach ihr selbst.

Ihre Seele, so unschuldig und dennoch von etwas dunklem durchflochten, lockt wie der Ruf einer Sirene.

Ob sich ihre Haut, keineswegs makellos, samtig anfühlt?
Ihre kleinen, zarten Hände erinnern an echte Püppchenhände.

„Nur ein einziges Mal“, flüstert der Jäger und lässt sich nieder, setzt sich auf das Moos, genau neben die verführerische Nebelprinzessin, welche absolut Tabu ist.
Damit nur noch begehrenswerter wird.

Samphira setzt sich auf.

Blassgrau begegnet blaugrau, verfängt sich ineinander.

„Du warst wirklich noch niemals hier?“

„Nein, ich finde aber immer die sichersten Verstecke“, erwidert der Jäger einfach.
Weil ich schließlich immer schon Verstecke finden musste, ergänzt er im Stillen.

Sehr wahrscheinlich kann sein Gegenüber diesen Gedanken lesen, denn nun spricht sie: „Verzeih bitte, manchmal spreche ich schneller ohne nachzudenken.
Das verletzt die Leute um mich herum.

Ich fühle mich dann immer schrecklich, mache mir schlimme Vorwürfe.“

„Du versuchst es allen stets recht zu machen.
Das schaffst du aber nicht.
Warum versuchst du es dennoch?“

„Wegen der Leute, die mir wichtig sind und etwas bedeuten“, antwortet sie leise,“ es ist mir so gesehen erst einmal egal, was aus mir selbst wird, aber wenn ich etwas tun kann, egal wie klein, was hilft, dass es meinen Liebsten besser geht, dann tue ich das auch.“

„Dein Wegrennen hat das Gegenteil bewiesen“, erinnert der Jäger ohne erkennbaren Vorwurf in der Stimme.

Er versucht lediglich aus dieser Prinzessin schlau zu werden.

„Mein ach so toller Verlobter ist christlich angehaucht und erzogen wurden.
Eine Hochzeit zwischen ihm und mir verbindet erneut den so lange existierenden Konflikt der Religionen.

Ob es daraus folgend endlich eine endgültige, befriedigende Lösung gibt, bezweifle ich stark.“

„Wieso, Samphira?“

„Weil sich die Männer oft als die Beherrscher darstellen“, erklärt die Angesprochene geduldig,“ sie wollen über alles bestimmen und die Frauen klein halten.
Doch ohne uns Frauen gibt es kein Leben.

Wir sind schließlich diejenigen, welche entschlossen schlimmste Schmerzen auf sich nehmen und Leben schenken, es aber auch nehmen können.

Denn Töten kann jede Person und jedes Wesen, egal ob männlich oder weiblich.“

Aufmerksam schaut die Sprecherin zu ihrem Gegenüber, versucht in dem Gesicht zu lesen.
Dieses liegt leider erneut im Schatten des Hutes.

„Eine Frau, die Spaß am Töten hat, verliert ihre Weiblichkeit“, erklingt monoton, entschieden, seine Stimme.

Samphira senkt den Blick und beißt sich unsicher auf die Lippe.
Natürlich kann sie seine Haltung irgendwo nachvollziehen, trotzdem schmerzt es.

Denn in ihrer Seele gibt es echte Dunkelheit, die sich nach Blut, Chaos und Wahnsinn sehnt.
Jeglichen Gedanken in diese Richtung darf unter gar keinen Umständen nachgegeben werden, das Tier in ihr muss an einer Kette liegen.
Einer niemals nachgebenden Kette.
Am besten noch ein Käfig darum herum, wo es wüten darf.
Dementsprechend kennt das Mädchen die Grenzen ihrer eigenen Seele.

D merkt sehr wohl, dass mit Samphira etwas nicht stimmt.

Aber er hat kein schlechtes Gewissen wegen seiner letzten Worte, nimmt diese gar zurück.

Eine Frau schenkt Leben, da stimmt er ihr ohne Umschweife zu, aber dieses auch wieder zu nehmen sollte nicht in ihrer Hand liegen.

„Du sprichst wie ein echter Ritter, weißt du das?“

Eine seltsame, völlig neue Reserviertheit liegt in ihrer Stimme: „Bevor du fragst, gestehe ich lieber gleich.
Ein Teil meiner Seele sehnt sich nach dem Wahnsinn und der Dunkelheit, dem wahrhaftigen Chaos.
Diesem gebe ich jedoch niemals nach!
Darf es erstens nicht und zweitens verschreckt es die Leute sowieso.
Einmal nur habe ich diesem Wahn nach Blut nachgegeben.
Und es hat mir gefallen!“

Samphira steht auf und schaut stolz zu dem Jäger hinab.

Entschlossenheit und keine Spur von Reue liegt in ihren Worten: „Wenn du mich deswegen nun verdammen willst, dann tue dir nur keinen Zwang an.
Laut deiner Aussage bin ich also nicht länger eine Frau.
Ich bereue nichts, weil ich ganz genau den Unterschied zwischen Gnade und echter Rache kenne!

Bevor jetzt etwas in der Richtung eines anderen Weges kommt, muss ich gleich vorbauen.
Viele Männer hören nicht auf die Vernunft, sehen nur ihre Ehre und denken mit einem anderen Körperteil als das Gehirn.
Ein sehr großes Problem stellt auch Macht dar.“

„Wieso?“, fragt D, obwohl er es sich bereits ausmalen kann.

Die Worte der Stehenden bestätigen seine Vermutung: „Macht ist ein sehr süßes, unheimlich wirksames Gift, welches so unglaublich rasant immer höhere Dosen benötigt.
Wer einmal davon gekostet hat, wird ziemlich schnell, so oft unrettbar, abhängig.
Und es verblendet.

Denn große Macht bedeutet immer auch große Verantwortung.
Nur wollen die wenigstens das sehen, gar ordentlich gebrauchen.
Nur immer mehr Macht.“

„Ist dein Bruder dem anheim gefallen?“

Samphira zögert: „Zum Teil, glaube ich.
Aber es hält sich noch in Grenzen.

Er ist der Erzprinz, schreibt das Thema Verantwortung viel größer als die damit einhergehende Macht.
Obwohl, einige Annehmlichkeiten will auch er nicht missen.“

Der Jäger mustert die Sprecherin von seiner derzeitigen Position aus ganz genau.
So entgeht ihm auch das traurige Lächeln nicht, was sich auf ihre Züge schleicht.

„Virkinoff ist schon ein guter Kerl, sieht das Volk des Nebelreiches und seine Probleme.
Alles sehr gute Voraussetzungen, um ein ordentlicher König zu werden.“

„Wieso kann er das eigentlich nicht?“

„Wegen mir“, gesteht Samphira leise,“ in Avalon ist es nämlich so, dass die Erstgeborene den Thron erbt.
Wenn es halt nur Jungen in der Familie gibt, dann verständlicherweise der Erstgeborene.
Aber sobald ein Mädchen das Licht der Welt erblickt, erbt sie die Verantwortung, trägt die Macht auf ihren Schultern.

Was mich angeht, kann ich auf zwei Arten auf den Thron verzichten.
Einmal durch die Heirat mit einem Mann aus fremden Adelshaus, muss ihm jedoch in seine Heimat folgen.
Oder wenn ich sterbe.“

„Dies weiß ich zu verhindern“, hört D sich selbst sagen wegen der letzten Aussage, ergänzt sogar, „ich bin dein Champion, der dich beschützt und verteidigt.“

Samphira nickt und schenkt ihm ein echtes Lächeln.

Stolz reckt sie das Kinn: „Glaube bloß nicht, dass ich deine Aussage vergessen habe über kämpfende Frauen.
Von den Amazonen und Walküren scheinst du noch nichts gehört zu haben, D.“

Der Angesprochene schweigt, doch seine blaugrauen Augen funkeln sie aufmerksam, unnachgiebig, an.
Frauen sind nicht zum Kämpfen geschaffen, klagen sie stumm an, versuche es nicht zu verteidigen.

Samphira spürt deutlich den Stich in ihrem Herzen, denn diese Grundhaltung ähnelt erschreckend jener, die von ihren verhassten Verlobten an den Tag gelegt wird.

„Du sprichst wie ein echter Ritter“, meint sie leise und schaut auf das dunkle Wasser des Teiches.

Der Jäger spürt deutlich die Traurigkeit, welche das Mädchen wie eine zweite Haut umgibt.
Mit geschmeidigen Bewegungen steht er auf.

Seine Ohren hören die bedrückten, geflüsterten Worte glasklar: „Ich war so dumm.
Natürlich, schließlich habe ich ja bewusst den Fehler gemacht, nicht brav genickt und Amen zu allen Dingen gesagt.

Wieso sollte es auch anders sein?
Wie konnte ich nur so bescheuert sein, die Vorstellungen und Werte des Nebelreiches auf diese Welt übertragen zu wollen?
Und auch noch die Frechheit besitzen, meine Meinung zu vertreten.

Nein, D, ich verdamme dich nicht für deine Ansichten.
Aber verzeihe mir bitte, dass ich dies nicht einfach so akzeptieren kann, sondern nach Erklärungen suche.“

Ich hielt dich für anders in meiner Naivität, ergänzt die Sprecherin in Gedanken, aber du hast mir die Augen geöffnet.
Sie zuckt innerlich zusammen, als der Jäger ihr eine Träne von der Wange wischt mit der Fingerspitze.

„Sind denn alle Frauen bei euch am kämpfen?“

Seine Stimme klingt interessiert, ob das aber nur gespielt ist oder echt, lässt sich nicht sagen.

„Natürlich nicht“, antwortet Samphira leise, noch immer ohne den Fragesteller anzusehen, „doch die, welche entsprechende Fähigkeiten besitzen und das auch wirklich wollen, werden unterstützt.
Echte, vollkommene Unterstützung ohne Fallstricke.

Besonders bekannt und gefürchtet sind die Frauen an den Armbrüsten, die Bastirnah.

Sie bilden eine eigene Gruppierung unter den Schützen, gehören wirklich zu den Besten bei uns.
Sie verfehlen nur selten ihr Ziel, legen eine strenge Selbstdisziplin an den Tag und lassen sich auch nicht von irgendwelchen Angebern herausfordern.
Sie stehen mit den anderen auf einer Stufe, wollen auch gar nicht besonders behandelt werden.“

„Was ist mit ihnen, wenn sie ein Kind erwarten?“

„Dann geht die Bastirnah natürlich zu den Heilkundigen und lässt sich entsprechend beraten über Belastungsfaktoren und Verbote.

Aber ich weiß aus sicherer Quelle, dass manche nicht in Mutterschutz gegangen sind, sondern ihr Baby schützend unter besonderen Stoff am Körper getragen haben und sich in den Pausen um es gekümmert haben.
Im Kriegsfall schützte ihre Kollegin beide.

Es geht alles, D, aber nur, wenn man ein Ziel vor Augen hat, bereit ist, darum zu kämpfen.
Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, wie die Bastirnah, egal ob schwanger oder nicht, Neumutter oder komplett ohne Anhang, handelten.

Sie haben meinen allergrößten Respekt.

Genauso die wahren Kriegerinnen mit dem Schwert.“

Der Jäger tritt vor die Sprecherin und hebt ihr Kinn mit den Fingerspitzen an.

„Du lässt diese Waffenarten in Ruhe, Samphira“, spricht er eindringlich mit emotionsloser Stimme,“ du führst eine andere Art von Waffen.
Dein Waffenarsenal besteht aus Worten und Gesten, echter Diplomatie.“

„Es wird nicht vollkommen ausreichen“, gesteht die Angesprochene unheimlich ehrlich, mit verzweifelten Unterton in der Stimme,“ nach außen hin sicherlich.
Aber innen muss ich meinem Wahnsinn immer wieder mal nachgeben, sonst zerstöre ich mich selber.“

„Dann musst du den Wahnsinn ablegen“, fordert D, erntet dafür ein spöttisches, irgendwie böses Auflachen.

„Als wenn das so einfach mit einem Fingerschnipsen geht.
Dieser Wahnsinn ist in meiner Seele fest verankert.“

Du kannst auch nicht einfach ablegen, was du bist und brauchst, ergänzt sie stumm, wie soll ich es da schaffen?
Mich selber zerstören?

„Ist eigentlich auch egal“, wehrt das Mädchen ab und tritt schulterzuckend einen Schritt zurück, weg von ihm, „dann bin ich halt keine Frau mehr in deinen Augen.

Damit muss ich klarkommen und leben.“

Der Jäger knirscht fast schon mit den Zähnen.

Samphira und keine Frau?

Ihr weiblicher Körper, so nah und doch so fern, besitzt eine ganz besondere Wirkung auf ihn, straft seiner steifen Geisteshaltung Lügen.

Er ist bisher immer nur solchen Jägerinnen begegnet, welche die eigene Weiblichkeit verabscheut haben.
Die Hintergründe dafür bekam der Jäger immer wieder ansatzweise mit.
Schreckliche Dinge waren das, ausnahmslos.

Genau deshalb legt er diese, aus seiner Sicht nachvollziehbare, Haltung an den Tag.

Aber Samphira und das Nebelreich, ihr Zuhause, sind anders, führen ihm das Gegenteil vor Augen.
Bisher nur in Worten.
Diese Dinge mit eignen Augen zu sehen ist sicherlich keine schlechte Sache.

Besonders im Hinblick auf diese aufmüpfige, stolze Nebelprinzessin mit den so verführerischen Körper, dem liebreizenden Charakter und der begehrenswerten Seele.
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