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Im Nebel sind alle gleich

von samphira
GeschichteMystery, Fantasy / P16 / Gen
D OC (Own Character)
21.06.2015
01.07.2020
45
46.034
4
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10.09.2017 868
 
Das gesamte Lager ist erfüllt von Lebensfreude und aufgeweckte Musik durchdringt die Luft.
Mehrere kleine Lagerfeuer spenden Wärme und ein wenig Licht.

Der würzige Geruch von gebratenen Fleisch kitzelt Samphira in der Nase.
Sie mustert die Zigeuner immer wieder.
Viele erwidern ihr Lächeln freundlich, einige sogar wie verliebt.

Herbert schlummert an ihrer Seite, den Kopf vertrauensvoll auf ihr eines Knie gelegt.
Nyx sitzt auf der anderen Seite, wird jedoch immer wieder weggeholt, sei es nun von den Erwachsenen, welche irgendwelche medizinischen Probleme haben, oder den Kindern, die unbedingt ihre Kräfte messen wollen mit den fremden Mann.

Liese  sitzt auch am Lagerfeuer und spricht leise, um die selig schlafende Susan nicht zu wecken: „Ihr habt uns wirklich unglaublich geholfen. So eine Hilfsbereitschaft erfuhren wir zum allerersten Mal.
Herbert hat uns das Geld  gezeigt. Es ist weitaus mehr, als was wir jemals einnahmen.“

„Bitte, behaltet alles“, wehrt Samphira sofort, vorausschauend, ab,“ für Herbert und die kleine Susan.“

Liese nickt verlegen und unsicher, schaut voller Liebe auf ihre kleine Tochter.  
Diese schlummert noch weiter.
Wie ein kleiner Engel, denkt sich die junge Frau, empfindet auf einmal so etwas wie Neid.
Besser gesagt Sehnsucht nach einem eigenen kleinen Kind.
Eines, welches ein Teil von ihr ist, dennoch  etwas ganz anderes, eigenständiges.

Ein Teil von mir und dem Mann, den ich liebe, flüstert es bittersüß im Herzen der jungen Frau.

Sie hebt den Blick  und schaut sich suchend um. Ihre grauen Augen entdecken denjenigen, der ihre Gedanken beherrscht, obwohl es doch total dämlich ist.
Sogar verboten.

Dieser hält sich halb im Schatten eines Zeltes auf, beobachtet das Lager mit unbewegter Miene, obwohl sein bewachender Blick nicht selten auf Samphira zur Ruhe kommt.
Ein sanftes Lächeln legt sich unbemerkt auf seine Lippen.

„Mein Enkel meint, sie sei ein Engel“, meint die alte Zigeunerin, als sie neben dem Jäger zur Ruhe kommt,“ du brauchst gar nicht so tun, als wenn du sie nicht beobachten würdest.“

Der Angesprochene zuckt innerlich zusammen, zeigt dies nach außen hin aber verständlicherweise nicht.
Stattdessen schaut er zu der Sprecherin.

Diese grinst verschmitzt: „Früher sah ich sicherlich auch so aus. Wunderschön, jung, leidenschaftlich. Nur das Jungsein hat sich gewandelt in Reife. Aber nicht das ist es, was die Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Sondern ihre Aura, ihre Seele.
Sie funkelt regelrecht, gehört ganz sicher nicht auf diese Welt.“

D schweigt und ballt die Hand ungesehen zur Faust, um auch jedes noch so kleine Kichern des Parasiten zu unterbinden.

„Ist sie denn ein gefallener Engel wie du?“

Der Jäger schaut zu der Sprecherin.

Diese fährt seufzend fort, blickt dabei stur geradeaus: „Ich war noch ein Kleinkind, als ein Vampir, ein echter Kinderfänger, die Gegend unsicher machte. Er schnappte sich wahllos welche, egal ob aus der Stadt, Dörfern oder eben auch Zigeuner. Zusammengepfercht, wie tot, lagen seine Opfer meistens in Scheunen alter, verkommener Bauernhöfe.
Irgendwann, ich konnte noch nicht zählen, kam ein fremder Mann, ganz in schwarz, in die Scheune. Er weckte alle Kinder auf und brachte sie heim. Die Erwachsenen verjagten ihn, als ob er der Kinderfänger gewesen wäre. Ich konnte mich niemals bei dem gefallenen Engel  für die Rettung bedanken.“

Mit diesen Worten wendet die alte Zigeunerin ihren beunruhigenden Blick zu dem stummen Jäger.

„Dies will ich nach all den Jahren nachholen.“

Die Sprecherin wendet sich ihm richtig zu und erklärt mit  einem ehrlichen  Lächeln, bei dem ihre Augen in den Falten zu verschwinden  drohen:  „Ich danke  dir für die Rettung von uns Kindern. Ohne dich wären wir schon lange nicht mehr am Leben.“

Mit diesen Worten, ohne eine eventuelle Erwiderung abzuwarten, dreht sich die Sprecherin weg und geht in Richtung des Lagerfeuers.

D schaut ihr nach.
Er kann sich noch ziemlich gut daran erinnern, von welchen Kinderfänger sie sprach.

Dieser war ein Barde im Dienste des Adels, welcher irgendwann genügend Macht und Gold besaß, um sich einen Titel zu erkaufen.
Auch noch viel mehr, meistens sehr junges Blut, junge Mädchen. Dieser Vampir holte sie zu sich als angebliche Inspiration.
Als er dem Jäger gegenüber stand, rezitierte er selbstgeschriebene Verse über das Ableben.

Sterbliche sind so zerbrechlich und schwach, ihr Blut macht mich, meine Sinne wach.
Das Herz, so schwarz, es ist gar klebriges Harz.
Der Tod wird dein sein auf immer, doch du nie befriedigt, nimmer.

Dies waren die letzten Worte des vampirischen Bardens, des Kinderfängers, hervorgetragen mit blutigem Mund.

Der Jäger lauscht dem befreiten Lachen von Samphira, dieser so besonderen Prinzessin.

Sie ist wie ein Licht in der Nacht, denkt er, sie kann führen und handeln. Gleichzeitig aber ebenso voller Mitgefühl und Empathie.

Es kann niemals möglich sein, dass eine Beziehung zwischen ihnen auch nur für ein paar Monate laufen könnte.
Diese ist leider von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

D seufzt tonlos auf.

Die Menschen würden Samphira nur weiter zusetzen, wenn  sie ihre Gestalt an seiner Seite sähen.
Eben weil er ein Dhampir ist, sein Blut so verdreckt und beschmutzt.

Er hat keinen Platz, sein Leben besteht aus der Jagd und, damit verbunden, ein ewiges Herumwandern.
Samphira hingegen besitzt einen Platz im Leben, ein Zuhause.
Dort schlägt ihr keine Verachtung entgegen, sondern Zuneigung.

Nicht zum ersten Mal verdammt D sich selbst für das, was er ist.
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