Kleine Erkenntnistheorie des sog. radikalen Feminismus

von st4rling
GeschichteAllgemein / P12
20.06.2015
20.06.2015
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Ich weiß nicht wie es euch geht, ich würde gerne in einer Welt leben, in der es keinen Krieg gibt, keinen Hunger, keine Gewalt, keine Diskriminierung. Eine Welt in der alle gleich sind. Und mit gleich meine ich gleichberechtigt, nicht gleichförmig. Eine Welt, in der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit (oder nennen wir es besser Solidarität), die zu Beginn der modernen bürgerlichen Gesellschaft proklamiert wurde, endlich Wirklichkeit sind. Dass das eine Utopie ist, wissen wir auch alle. Was aber nicht heißt, dass wir unsere Utopie nicht als Maßstab für den aktuellen Status Quo verwenden können.

Die Frage mit der jede kritische Auseinandersetzung beginnt, wäre also inwiefern Gleichheit schon durchgesetzt ist. Oder anders herum, wie es Adorno mal formuliert hat, ob wir bereits den Zustand erreicht haben, „in dem man ohne Angst verschieden sein kann.“ (Das klingt vielleicht ein wenig paradox, aber richtige, vernünftige Gleichheit reflektiert natürlich immer auf Individualität, also darauf, dass eben nicht alle mit den gleichen Voraussetzungen starten. Das zu erkennen ist wahrlich kein Geniestreich.)

Ich glaube, wir sind uns einig, dass wir diesen Zustand der Gleichheit noch nicht erreicht haben, weder national noch international (haha). Man muss sich nur Statistiken über soziale Mobilität (Aufstiegschancen innerhalb der Gesellschaft) ansehen, um zu dem Schluss zu kommen, dass es innerhalb unserer und anderer westlicher Gesellschaften Bevölkerungsgruppen gibt, die strukturell benachteiligt werden.

Unabhängig davon, um welche Gruppe es jetzt spezifisch geht, schließt sich daran die Frage an, wie man mit dieser Ungleichheit/Benachteiligung umgeht. Solidarisieren wir uns mit denen, die schwächer sind als wir, oder lassen wir sie einfach auf der Strecke? Glauben wir, dass unser eigener Vorteil geschmälert wird, wenn wir versuchen, die Nachteile für andere zu mindern oder abzuschaffen? Und selbst wenn ja: wollen wir ein Mensch sein, der bewusst in Kauf nimmt, dass es anderen schlechter geht, als einem selber, nur weil sie bei der Verteilung der Positionen in der Gesellschaft weniger Glück hatten, und eben nicht als sprichwörtlicher weißer Mann des (gehobenen) Mittelstandes geboren wurden.

Seit der Ausrufung von Liberté, Egalité, Fraternité sind diese Ideale wiederholt kritisch auf die Lebenssituation benachteiligter Gruppen angewandt worden – und immer gegen den Widerstand derer, die von der Benachteiligung anderer profitieren. Das Ergebnis, das uns heute so natürlich erscheint, ist eins, das erst erkämpft werden musste – sei es der Anspruch auf bezahlten Urlaub oder Krankheit, sei es dass Schwarze als offizielle Menschen zweiter Klasse im Bus nicht mehr hinten sitzen müssen, sei es dass Frauen das aktive und passive Wahlrecht haben.

Das sind nun aus heutiger Perspektive ziemlich niedrigschwellige Errungenschaften, und trotzdem waren damals viele, viele Menschen dagegen. Das ist die Natur des Konservativismus: wem es gut geht, oder wer wenigstens glaubt, es ginge ihm gut, hat vielleicht Angst, dass es ihm zukünftig, durch mehr Gleichheit, schlechter gehen könnte. Vielleicht bekommt ja jemand den Job, den man selber haben will, der vorher keine Chance darauf gehabt hätte. Die Angst um Einkommen und Arbeitsplatz scheint, in Zeiten der ökonomischen Krisenhaftigkeit, ein Dreh- und Angelpunkt der Abwehr zu sein.

Um endlich den Bogen zum Feminismus zu schlagen: Man denke in diesem Kontext an die Argumente gegen die Frauenquote. Fakt ist, dass trotz der theoretischen Möglichkeit, Frauen in höherqualifizierten Jobs zu beschäftigen, praktisch immer noch eine überwältigende Mehrzahl von Männern die entsprechenden Positionen innehat. Je höher die Position, desto niedriger der Frauenanteil. (Interessanterweise ist das im internationalen Vergleich nicht überall so ausgeprägt wie in Schland.) Die Quote soll nun Unternehmen dazu zwingen, nicht immer im selben Wasser (der Kumpels von Kumpels von Kumpels) zu fischen, wenn eine Stelle besetzt wird, sondern auch mal Frauen in Betracht ziehen. Frauen mit den notwendigen Qualifikationen und Fähigkeiten, versteht sich.

Jeder, der sich schon mal ein bisschen mit Einstellungspolitik beschäftigt hat, weiß, wie wichtig schon so Sachen wie „Stallgeruch“ (ein ähnlicher sozialer Hintergrund) sind, dass jemand, der Maximilian heißt eine Stelle eher bekommt als ein Ronnie, jemand der groß ist eher als jemand der klein ist, jemand der sportlich-dynamisch wirkt eher als jemand der dick ist, dass oft „Vitamin B“ nötig ist, um überhaupt den Fuß in die Tür zu bekommen. In anderen Worten: es ist eh schon schwierig.

Eine Frau zu sein, ist da noch mal eine Abweichung vom Typus des idealen Manager/Abteilungsleiter, eine Hürde auf dem Weg in die Anstellung. Eine Frau passt einfach nicht so lückenlos in ein Männerumfeld wie ein weiterer Mann, schon gar nicht in einer Führungsposition. Es stellen sich Fragen wie: Wird sie denn als Frau überhaupt ernst genommen? Kann sie das Unternehmen repräsentieren? Ist sie durchsetzungsfähig genug ohne zickig zu sein? Ist sie in der Lage harte Entscheidungen zu treffen? Und was wenn, sie demnächst schwanger wird? Oder die Firma wegen sexuelle Belästigung verklagt? Ach, es ist einfach so kompliziert. Frauen sind einfach 'anders' als Männer, (Wer behauptet, keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen zu machen, der möge bitte noch mal kurz in sich gehen und sich fragen, inwiefern das wirklich der Wahrheit entspricht.)

Nun sagt das aber keiner so – nämlich als: wir wollen keine Frauen in unserem Wohlfühlbereich Arbeitsplatz – sondern es wird behauptet, die Quote würde Unternehmen zwingen, weniger qualifizierte, fähige Arbeitskräfte anzustellen, nur weil sie zwingend weiblich sein müssen. Das sei eine unzulässige Bevorteilung von Frauen.

Diese Art von Reaktion impliziert nun zweierlei: a) es gibt keine fähigen, qualifizierten Frauen in dem Bereich (warum nicht?), sonst wären sie schon längst entsprechend repräsentiert und b) Geschlecht würde plötzlich bei Einstellungen den Ausschlag geben. Zusammen heißt das: Männer haben nur deswegen fast alle relevanten Positionen, dieser Welt inne, weil sie qualifizierter und fähiger sind. (Nicht etwa, weil Kerle nun mal gerne klüngeln und Frauen als Kumpels i.d.R. nicht so die erste Wahl sind.)

Die Problematik in dieser Interpretation liegt darin, dass bereits davon ausgegangen wird, dass Gleichheit durchgesetzt ist und alle entstehende Ungleichheit deswegen auf individuelles Verschulden zurückzuführen ist. Damit beißt sich die Katze in den Schwanz.

Ich habe mit diesem Beispiel angefangen, nicht weil ich glaube, dass es besonders radikal ist, eine Frauenquote zu fordern, sondern weil man daran recht gut sehen kann, wie die Diskussion um Gleichberechtigung verläuft:
Es gibt eine faktische Ungleichheit.
Es wird ein Vorschlag unterbreitet, wie damit umzugehen sei.
Es gibt Widerspruch von denen, die um ihre Privilegien fürchten.
Es gibt Widerspruch von denen, die Nachteilsausgleich als Bevorteilung interpretieren.
Letztere leugnen damit die faktische Ungleichheit und spielen denen in die Hände, denen ein derart "gemäßigter Feminismus", der die bereits durchgesetzte Gleichberechtigung verkündet, bei ihrem Konservativismus gerade recht kommt.

Ich glaube über die Gruppe 1 muss man sich erst mal nicht weiter auslassen.
Und zur Gruppe 2 kann man sagen, dass psychologisch eine solche Einstellung zweifellos nachvollziehbar ist: Männer wollen sich selbstverständlich nicht einfach so als kollektive „Täter“ sehen, die Idee, dass sie mit einem Vorsprung starten, widerspricht ihrer Vorstellung vom "self-made-man". Und Frauen wollen sich genauso wenig als potentielle „Opfer“ wahrnehmen. Wir alle sind unserem Selbstverständnis nach bereits freie Agenten unseres eigenen Glücks. Wir verstehen uns als Subjekte. Frauen sehen sich nicht primär als Frauen, sondern als Menschen. Und für Männer gilt das mindestens genauso.

Und genau darin besteht das Missverständnis.

Man kann die Probe aufs Exempel machen und sich einen Menschen vorstellen. Den Menschen. Platonisch, die Idee des Menschen. Was hat der für ein Geschlecht und eine Hautfarbe? Ganz ehrlich?


Radikaler Feminismus

Radikalität hat erst mal gar nichts mit Aufrufen zur Gewalt, mit Männerhass oder ähnlichem zu tun, egal wie sehr der Begriff sich schon im Kontext von sog. „Rechtsradikalität“ mit widerlichen Konnotationen vollgesogen hat. Radikal nennt sich Feminismus deswegen, weil er auf das zielt, was unter der Oberfläche liegt, auf die Wurzel des Problems.

Diese grundlegende Problematik ist die Existenz einer Norm, die nur als Maßstab für die Abweichung in Erscheinung tritt, die Tatsache, dass Protagoras' Aussage, der Mensch sei das Maß aller Dinge, korrekterweise heißen müsste: der Mann ist das Maß aller Dinge. Wir spezifizieren: der nicht-alte, gesunde, nicht-behinderte, heterosexuelle, weiße Mann nicht-proletarischer Abstammung ist das Maß aller Dinge. (Weil das so lang ist, schreibe ich das im folgenden nicht aus. ;))

Wir leben in einer Kultur, die schon immer von Männern geprägt wurde. Von einer maskulinen Hegemonie zu sprechen, sollte keine sonderlich gewagte These sein. Bis auf sehr wenige Ausnahmen gehen alle wissenschaftlichen und kulturellen Leistungen auf Männer zurück, Männer haben regiert und Kriege geführt und über die Schicksale anderer Menschen entschieden. Und auch wenn wir mittlerweile nicht mehr glauben, dass Frauen grundsätzlich die Fähigkeit zu solchen Leistungen fehlen, sind sie doch immer noch deutlich unterrepräsentiert. Egal ob es sich um Politikerinnen handelt, oder Unternehmerinnen/Topmanagerinnen, Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen...

Frauen sind immer noch „das andere Geschlecht“, und immer noch wird ihnen ein Komplementärsatz von Eigenschaften zugeschrieben, die die „männlichen“ ergänzen – am eindrücklichsten ist wahrscheinlich das Gegensatzpaar Rationalität vs. Emotionalität. Männlichkeit wird in Differenz zu Weiblichkeit konstruiert; und auch wenn man mit Hegel sagen könnte, das Weibliche sei vielleicht nur das andere seiner selbst und damit fürs Menschliche irgendwie notwendig, ist es doch deutlich das Subalterne, Untergeordnete.

Eine Teilhabe an (männlich konnotierter) Subjektivität ist für Frauen entsprechend immer noch prekär. Vertreten sie eine weiblich geprägte Perspektive, dann gilt diese als partikular, versuchen sie die allgemein menschliche Position zu beziehen, dann müssen sie zwangsläufig eine männlich besetzte okkupieren, die zwar neutral erscheint, aber es über den Ausschluss des weiblichen nicht sein kann. Eine Frau, die gleichzeitig beansprucht Mensch zu sein, ist schon fast ein Paradox, so als ginge das gar nicht gleichzeitig. Das ist, könnte man sagen, ein Problem.

Befürworter eines sog. gemäßigten Feminismus würden an der Stelle vermutlich sagen: Nun gut, die Frauen dürfen ihre Perspektive auch mal einbringen, am besten explizit als 'weibliche' Perspektive, Yin und Yang und so, dann haben wir ja die Gleichberechtigung auch schon wieder hergestellt. Aber wir (Männer) bestimmen immer noch, was zu weit geht.

Und zu weit geht auf jeden Fall, sich vorzustellen, wie die Welt wohl aussähe, wenn die Situation mal genau umgekehrt wäre. Nur mal so als Gedankenexperiment, um die Männer aus ihrem Elfenbeinturm der relativen Unbeschadetheit rauszuholen und ihnen das Ausmaß des Problems zu verdeutlichen. Interessanterweise sind Männer dann ganz schnell hauptsächlich davon betroffen, dass ihnen theoretisch, in einem Gedankenexperiment das zustoßen könnte, was Frauen tagtäglich real angetan wird. Verrückt.

Radikal ist Feminismus also an dem Punkt, an dem es die Hegemonie des Männlichen in Frage stellt und einfordert, als Frau nicht als Mensch zweiter Klasse behandelt zu werden, und sei es nur darin, dass Männer Frauen erklären, wann es denn nun genug sei mit der Gleichberechtigung.

Radikal ist Feminismus aber auch, als er auf die unter der Ungleichheit liegende Struktur zielt, also keine moralische Forderung darstellt, in Zukunft aber netter zu Frauen zu sein, sondern versucht aufzudecken, warum und welchem Rahmen wir überhaupt zwischen Männern und Frauen unterscheiden und ihnen Eigenschaften zuteilen.

Sexismus ist nämlich (entgegen der landläufigen Meinung) in den seltensten Fällen eine bewusste, böswillige Einstellung, die man einfach annehmen oder ablegen kann, sondern bezeichnet eine strukturelle Wahrnehmung der Welt, in der Männer so und Frauen anders sind.


Erfahrung und Abwehr

Wie ich oben geschrieben habe: Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung fallen nicht einfach zusammen. Jedem, dem es schon mal passiert ist, von jemandem (gut gemeint oder nicht) in die falsche Schublade gesteckt worden zu sein, kennt die Kränkung wahrscheinlich, die ein solches Missverstehen mit sich bringt.

Frauen wie Männer sind beispielsweise beleidigt, wenn man sie in der Opfer/Täter-Dichtomie verortet. Ist ja auch klar - weder sind Männer nur Subjekt, noch Frauen nur Objekt. Aber wenn man das Verhältnis in eine Richtung auflösen müsste, dann wäre es in beiden Fällen klar in welche.

Ein Beispiel.

Frauen finden sich häufig in Situationen wieder, in der sich selbst zwar als Subjekt betrachten, aber von anderen als Objekt behandelt werden. Nämlich indem sie nach Äußerlichkeiten, sprich in erster Linie nach Attraktivität, nicht nach Sympathie oder Fähigkeiten oder sonstigen nicht-optischen Eigenschaften beurteilt werden. Man redet z.B. über Scarlett Johanssons Körper, nicht über ihre Fähigkeiten als Schauspielerin, während man gleichzeitig sagen würde, Tony Stark sei Robert Downey Jr. wie auf den Leib geschneidert. Was nicht heißt, das RDJ nicht als attraktiv wahrgenommen wird, aber das ist nicht der einzige Fokus der Aufmerksamkeit: ihm werden die Eigenschaften der Figur übertragen. SJ bleibt nur ein hübsches Gesicht und ein heißer Körper.

Das ist ein profanes Beispiel, aber diese Form der Objektivierung ereignet sich permanent.

Eine Frau ist in erster Linie Love-Interest. Alle Medien vermitteln das. Alle Realität bestätigt das. Alle Selbstzurichtung von Frauen zielt darauf und beinahe alle Aufmerksamkeit, die sie bekommen, beruht darauf. (Zur Überprüfung der These: stellen wir uns eine unattraktive Frau vor. Was bleibt von ihrem Frausein übrig? Stellen wir uns einen unattraktiven Mann vor. Was bleibt von seinem Mannsein übrig? Sehr viel mehr, würde ich behaupten!)

Wenn sich Frauen den Objekt-Status nicht anziehen wollen, können sie nur auf zwei Arten reagieren: sie leugnen, dass ihnen in solchen Situationen die Subjektposition entzogen wird, oder sie machen sich das bewusst und beschweren sich ggf. darüber. Es ist unschwer zu erkennen, dass Variante 1 einfacher ist, weil zuzugeben, nicht als Subjekt anerkannt zu werden, schwierig auszuhalten ist. Niemand ist gerne Opfer.

Deswegen ist auch eine häufig praktizierte Abwehrstrategie, sich mit dem Aggressor zu identifizieren, in dem Irrglauben eine Frau könne ihre Teilhabe an der männlichen Subjektivität damit erkaufen, dass sie ihrem Geschlecht abschwört und sich damit in die geistigen Gefilde der geschlechtsneutralen Menschen befördert. Nach dem Motto „Andere Frauen mögen das mit der Emanzipation noch nötig haben, aber ich steh da echt drüber.“ (Siehe Frauenquotenbeispiel)

Das ist auch der Grund, warum manchmal Frauen die schlimmsten Sexistinnen sind – sie lenken einfach alle Aggression, die ihnen entgegengebracht wird, alle Abwertung und jede Beleidigung auf andere Frauen um. Dummerweise ist dieses „Sichfreikaufen“ nur ein psychologischer Trick, um sich nicht selber in der Fraktion derer verorten zu müssen, die diskriminiert werden. Spätestens wenn man mit der Erwartungshaltung seines Umfeldes bricht, ist es aber vorbei mit der Allianz.

(Geschlechts-)Neutralität ist in unserer Gesellschaft ein Privileg der Männer, eine Frau ist und bleibt halt eine Frau, egal wie männlich sie sich verhält, wie sachlich, rational und emanzipiert. Oftmals stellen Frauen das erst relativ spät fest, z.B. wenn sie nach dem Studium ins Berufsleben einsteigen und realisieren, dass sie trotz der erworbenen Kompetenz nicht so ernst genommen werden wie ihre männlichen Kommilitonen, und ihnen beim Vorstellungsgespräch Fragen gestellt werden wie, ob sie vorhätten bald schwanger zu werden. Viele fallen dann aus allen Wolken, denn bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie selbst an die gläserne Decke stoßen, oder anderweitig negative Erfahrungen machen, haben sie die ganze Geschichte vom Sexismus für ein Ammenmärchen lilalatzhosentragender Hyperemanzen betrachtet.

Letztlich findet eine Auseinandersetzung mit dem Thema Feminismus/Sexismus also häufig erst dann statt, wenn ein persönliches Erlebnis so eindrücklich ist, dass es die bisherige Wahrnehmung von Welt in Frage stellt und die bisherige Auffassung von Normalität so brüchig werden lässt, dass Sachverhalte neu interpretiert werden können. Und die Frauen stellen dann – Überraschung – fest, dass das Phänomen ja gar nicht neu ist, dass sie es bisher nur nicht sehen wollten oder konnten.

Interessanterweise wird häufig mit dem Verweis auf fehlende Erfahrung mit Diskriminierung argumentiert, dass es eine solche Ungleichheit dann ja gar nicht geben könne. Nach dem Motto „Was ich nicht kenne/sehen kann, gibt es auch nicht.“ Keine Ahnung, seit wann so etwas wieder als stichhaltiges Argument gilt, aber vielleicht glauben dieselben Leute auch, dass die Erde eine Scheibe ist. (Halt, Moment, das natürlich nicht, denn dafür hat man zuverlässige, nämlich männliche Quellen)


Die Natürlichkeit von Geschlechtsidentitäten

Alle, die ein wenig avancierter an die Möglichkeit von Erkenntnis herangehen und nicht an einem Gott-Komplex leiden, werden schon festgestellt haben, dass die Welt keine subjektive Angelegenheit ist, die sich 1:1 mit unserem Bewusstsein deckt. Selbst wenn wir uns nicht auf eine bornierte Position zurückziehen, die Existenz und eigene Erfahrung kurzerhand gleichsetzt, können wir das Subjekt-Objekt-Dilemma nicht einfach in Luft auflösen. Es gibt immer etwas, was sich dem Zugriff des Denkens entzieht und als materielle Wesen gehören wir zum Teil dazu. Soll heißen, wir sind nur begrenzt in der Lage, uns selber zu definieren, denn wir sind gleichzeitig (für andere) Objekt und durch diese Objektivität bedingt und vermittelt.

Ein Individuum ist ein komplexes, unentwirrbares Knäuel von genetischen Voraussetzungen, sozialen Einflüssen, individueller Prägung. Wir werden von Geburt an interpretiert, uns wird erklärt, wo unsere Stärken sind und wo unsere Schwächen liegen, wir sehen Vorbilder, Role-Models, wir identifizieren uns, wir werden identifiziert. Unser sozio-kulturelles Umfeld eröffnet uns eine Perspektive auf die Welt, die immer schon präformiert ist, von dem „was ist“ und wir sind (nicht nur, aber auch) Teil dieser Welt.

Grundlegend ist dabei die Einteilung von Menschen nach einem Entweder-Oder-Schema in Geschlechter, durch die ihnen ein jeweiliger Katalog von Eigenschaften und Verhaltensweisen zugeschrieben wird. Diese Zuschreibung zieht ihre Wirkungsmacht aus zweierlei Abstraktionen: der Verallgemeinerung von biologisch-genetischen Merkmalen und der Verallgemeinerung von kulturell spezifischen Charakteristiken. Die Probleme, die sich daraus für eine Erkenntnis dessen ergeben, was Geschlecht ist, liegen auf der Hand. Eine Abstraktion verfehlt immer das Besondere und in einer Situation in der sich kulturelles sofort mit biologischem vermischt, ist das eine vom anderen nicht mehr zu trennen. In anderen Worten, wir können nicht genau feststellen, was nun am Geschlecht genau genetisch ist und was sozial. Und dazu ist die Varianz von beidem auch noch so groß, dass es schon schwierig ist, irgendwie einen Mittelwert zu ziehen.

Darauf könnte man es ja nun beruhen lassen, und alles wäre gut. Aber statt dessen wird krampfhaft an einer Vorstellung von Geschlechtsidentität festgehalten, die mal Durchschnitt/Norm, mal Idealtypus ist, je nachdem was man gerade braucht und die festlegt, was wir für „männlich“ und das was wir für „weiblich“ halten. Wir heften Geschlechtskonnotationen an körperliche Stärke, an Rationalität, Emotionalität, Durchsetzungsfähigkeit, kommunikativer Begabung und reproduzieren sie dadurch.

Selbst die plattesten Stereotype gewinnen so eine gewisse Überzeugungskraft – dass Männer nicht zuhören und Frauen nicht einparken können ist gleichermaßen Tatsachenfeststellung wie unhintergehbares Schicksal, die Prophezeiung, dass das was ist, so ist, weil es existiert und deswegen auch immer existieren wird. Frauen müssen nicht lernen, einzuparken, sie können es einfach nicht. Männer müssen nicht lernen zuzuhören, weil ihnen dazu einfach die Kapazitäten fehlen.


Struktureller Sexismus

Diese Wiederholung des Immergleichen ist kein psychischer Vorgang, der bewusst erfolgt, also intendiert und vorsätzlich wäre. Es ist ein strukturelles Phänomen, dass sich aus dem Handeln und Denken vieler, vieler Menschen ergibt und durch seine schiere Verbreitung den Anschein von Natürlichkeit erweckt.

Wenn man also einfordert, jemand solle bitte mal auf seinen Sexismus reflektieren, also das Set von Vorurteilen und Stereotypen befragen, mit dem er die Welt erfasst, dann geht es eben nicht darum, ihm ein bewusstes Fehlverhalten vorzuwerfen, sondern darum, ihn aufzufordern seine Wahrnehmung der Welt in Frage zu stellen. In anderen Worten das Denken die eigene (durch die Objektivität vermittelte) Subjektivität zu richten und zu versuchen festzustellen, wo die subjektive Perspektive den objektiven Sachverhalt verfehlt.

Das klingt jetzt komplizierter als es ist. Eigentlich heißt das nur, dass man versucht, über den eigenen Tellerrand zu gucken. Dass man mal probehalber davon ausgeht, dass es Erfahrungen gibt, die sich nicht mit den eigenen decken, und dass diese Erfahrungen vielleicht unangenehm sind. Dass das Übernehmen anderer Perspektiven zur Folge haben könnte, dass das eigene Weltbild Sprünge bekommt.

(An der Stelle eine Randbemerkung – ich finde es lustig, dass sich ausgerechnet die Männerrechts-Aktivisten die Rote-Pille-Metapher aus Matrix angeeignet haben, denn was sie ja machen, ist genau das Gegenteil, sich immer tiefer in ein Wahnsystem einzugraben, das sie alleine zum Opfer der Verhältnisse erklärt und erstaunlicherweise ohne einen Funken kritischer Vernunft auskommt.)

Eine solche Erweiterung des Blickwinkels ist unbequem, weil sie den Blick eröffnet auf etwas, das unseren Vorstellungen der Welt widerspricht, nämlich dass Menschen bereits Herren (und Herrinnen) ihres Schicksals sind und nichts ohne Grund passiert. Und dass dieser Grund von uns steuerbar oder wenigstens beeinflussbar ist.

Es ist menschlich zu glauben, dass der Bessere gewinnt. Dass Fleiß belohnt wird, dass nur wir selbst unseres Glückes Schmied sind, dass Erfolg verdient ist. Dass einem nichts schlimmes zustoßen wird, wenn man es nicht provoziert.
Das ist es ja immerhin, was die Grundsätze von Freiheit und Gleichheit behaupten.
Dumm nur, dass die Tatsachen dagegen sprechen.

Unsere Welt ist geprägt von Irrationalität und Willkür. Egal wie sehr man sich an die Regeln hält, man kann immer Pech haben, und zwar eben nicht nur individuell, sondern strukturell. Man kann alles tun, den Erwartungshaltungen zu widersprechen, mit denen man konfrontiert wird, und sie werden einem immer wieder begegnen. Wenn man eine Frau ist, glaubt die Mehrheit, dass man nicht einparken kann. Bis man das Gegenteil beweist. Unter Umständen jedem einzelnen Skeptiker mehrmals, um Zufall und Glück auszuschließen, wie es sich für ein ordentliches wissenschaftliche Experiment gehört.

Zugegeben, das ist jetzt ein banales Beispiel.

Aber stellen wir uns das mal für viele, viele Kleinigkeiten vor. Ein ganzes Leben voller solcher Kleinigkeiten, die uns beibringen Männer und Frauen zu sein. Nicht jede dieser Kleinigkeiten und Erwartungshaltungen schlägt bei jeder/m gleichermaßen an – aber in der Summe ergibt das ein Bild davon, was Mädchen/Frauen können, was sie sind, das sowohl den Mädchen/Frauen als auch Jungen/Männern tragfähig, um nicht zu sagen natürlich erscheint, obwohl es eine self-fulfilling prophecy ist, also man gar nicht mehr sagen kann, ob das immer und unter allen Bedingungen so wäre oder eben nicht. Wenn wir uns das im Rückblick ansehen, dann stellen wir fest, dass Frauen früher viel abgesprochen wurde, was heute ganz normal ist, und das sollte uns misstrauisch machen.

Was sich aber nicht leugnen lässt, ist dass wir – jeder und jede einzelne von uns – von solchen Aussagen beeinflusst sind und diesen Einfluss auch nicht willkürlich abschalten können. Keiner von uns unterscheidet nicht zwischen Männern und Frauen oder nur auf individueller Basis. Das lässt sich alleine an der Irritation ablesen, die nicht-binäre Menschen hervorrufen.


Unreglementiertes Mensch-Sein

Wenn man es ernst meint mit der Gleichheit, die mit der individuellen Verschiedenheit versöhnt ist, dann kann man sich nicht einfach mit der Behauptung ihrer Durchsetzung zufrieden geben. Dann ist man verantwortlich dafür, auch anderen zuzuhören, und zwar ohne alles sofort und ständig immer nur auf sich selber zu beziehen.

Niemand leugnet, dass es auch Männer nicht immer leicht haben.
John Scalzi hat mal einen Computerspielvergleich gezogen, der die Frage von Privilegien und Diskriminierungen auf ein Bild herunterbricht, das eigentlich sogar ein bisschen tumbe Dudebros nachvollziehen können müssten: Ein weißer heterosexueller Mittelstandsmann zu sein, sei wie ein Computerspiel mit der geringsten Schwierigkeitseinstellung zu spielen. Das heißt nicht, dass man schon gewonnen hat, sondern nur, dass man mit besseren Voraussetzungen startet. So weit, so banal.

Aber zu behaupten, auch Männer würden aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert, ist hanebüchener Unsinn und, sorry, nichts weiter als ein billiges Ablenkungsmanöver,  damit die Herren der Schöpfung nicht auf ihre Privilegien reflektieren müssen, sondern sich statt dessen auch mal als unschuldiges Opfer der Verhältnisse imaginieren können.

Die Forderung von Gleichheit bezieht sich logischerweise nicht darauf, dass alle gleichermaßen diskriminiert werden, das wäre ja albern, sondern darauf, sich auf die Unterschiede auch ernsthaft gedanklich einzulassen, und die Gleichheit/Gleichberechtigung durch die Verschiedenheit hindurch zu denken.

Das gilt selbstverständlich auch für Fragen von Sexualität (Homo-, Bi-, Pan-, A-, Demi/Grey-), von Geschlechtsidentitäten (Trans*, Non-Binary), von rassistischen Zuschreibungen (Diskriminierung von People of Colour), von chronischer Krankheit, von Behinderung, von „Klasse“ und Herkunft... - das habe ich hier jetzt so elegant ausgeklammert.

Solidarität gehört genauso zwingend zur Trinität wie Freiheit und Gleichheit.
Im emphatischen Sinne Mensch zu sein, also diesen utopisch, futuristischen Zustand zu erreichen, von dem uns die Science-Fiction genauso erzählt wie die Sozialkritik des 19. und 20. Jahrhunderts, kann nur heißen, den falschen Allgemeinheitsanspruch des männlich-weißen Partikularismus zugunsten seines eigenen Versprechens zu überwinden, wenn ihr mir mal die Revolutionsromantik verzeiht, also eine Welt anzustreben, in der Gleichheit wirklich real ist, in der Menschen wirklich Individuen sein können und nicht nur stereotype Abziehbilder gesellschaftlicher Normen.

Radikaler Feminismus bedeutet schließlich und endlich nichts anderes, als eine gesellschaftliche Struktur in der Hoffnung auf ihre Überwindung bloßzustellen, und darauf zu hoffen, dass alle Menschen irgendwann mal als vollwertige Personen anerkannt werden.

So, falls jemand von euch den Text wirklich bis hierher gelesen hat: Danke für die Aufmerksamkeit.

Zugeständnisse ans Publikum beinhalten u.a. den Verzicht auf gegenderte Sprache und auf einen Exkurs zur Rape Culture.


Zum Schluss noch eine Anmerkung zum Anlass dieses Textes

Wie ihr euch vielleicht gedacht habt, ist der Anlass dieses Mini-Essays der seltsame Blogbeitrag des Administrators dieser Plattform zum Thema radikaler Feminismus und Männerhass bzw. -diskriminierung mit dem nichtssagenden Titel „*IMHO* Gibt es ein Problem?“. Ich habe länger überlegt, ob ich direkt dazu etwas schreiben soll, aber ehrlich gesagt sehe ich nicht, wo man da überhaupt ansetzen könnte.

Wer sich ernsthaft von einer Fürsprecherin von mehr als 100 Millionen (!) genitalverstümmelter Frauen und Mädchen mit Kastration bedroht fühlt, statt vielleicht zu versuchen nachzuvollziehen, warum sie berechtigt wütend ist, und dann auch noch behauptet, Beschneidung sei ja etwas was Frauen von Frauen angetan wird, womit er impliziert, dass das mit Männern nichts zu tun hat, dem ist mit einem Argument nicht mehr beizukommen. (Ganz klar ist Beschneidung kontextfrei, sonst hätte mann die Info natürlich schon über seinen guten Draht zum Weltgeist frei Haus geliefert bekommen. Aber solche Hintergrundinformationen stören dann halt bei der freien Meinungsbildung.)

Was soll man dazu auch noch sagen? Mir fällt nichts ein, was nicht anderswo schon tausendfach geschrieben worden wäre. Ich finde nicht, dass man es jedes Mal, wenn über Ungleichheit gesprochen wird, als narzisstische Kränkung auffassen muss, dass man nicht selber zur Opfergruppe gehören darf. Letztlich ist das doch nur ein infantiler Abwehrmechanismus, damit man sich um Gottes willen nicht mit seiner eigenen Rolle im größeren Zusammenhang der Dinge beschäftigen muss.

Ich bin ein bisschen traurig und enttäuscht, dass diese Plattform von jemandem betrieben wird, der derart den Schulterschluss mit Männerrechtlern sucht, denn für mich heißt das, das ich nicht hierbleiben kann und will. Ich kann damit leben, wenn Leute nicht meine Ansichten teilen, so als „radikale Feministin“ kommt das – guess what?! - häufiger mal vor, aber ein derartiges Unterlaufen liberaler Errungenschaften, geht mir einfach zu sehr gegen den Strich, als dass ich noch Lust hätte, mich hier einzubringen, denn solche politischen Ansichten übertragen sich natürlich auf die Gesamtstimmung.
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