The World's My Oyster ♥

GeschichteMystery, Fantasy / P12
20.06.2015
22.07.2017
7
14472
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Kurz geraten für ein erstes Kapitel, trotzdem viel Spaß beim Lesen c:
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Rikki:

Kinderlärm. Seit mehr als zehn Jahren wurde Rikki nun schon davon geweckt, und doch hatte sie sich noch immer nicht ganz daran gewöhnt. Die Geräusche hatten sich mit der Zeit verändert; das Babygeschrei war undefinierbarem Gebrabbel, geschrienen Worten und schließlich, zu ihrer Missbilligung, zu früh zu laut aufgedrehter Musik gewichen. Schlaftrunken, angesichts der Tatsache, dass man sie um das Ende ihres herrlichen Traums gebracht hatte jedoch vom Ärger angetrieben, wühlte Rikki sich aus den Decken und marschierte schnurstracks zum Zimmer ihres sechzehnjährigen Sohnes. Aufs Klopfen verzichtete sie. Wach war er offensichtlich, und außerdem war sie wütend auf ihn.
„Max! Bist du verrückt?! Mach sofort die Musik aus!“
Rikki konnte nicht fassen, was sie sah. Max lag im Bett und tippte auf seinem Handy herum, die Stereoanlage stand am Fenster, das geöffnet war. Rikkis von Natur aus knapp bemessene Geduld verpuffte augenblicklich, und sie durchquerte mit zwei Schritten das Zimmer und riss das Kabel aus der Steckdose. Die Musik verstummte, und endlich drehte Max den Kopf und sah sie ungefähr so müde an, wie sie sich fühlte.
„Morgen, Mum“, sagte er, als sei nichts passiert. „Warum machst du so einen Aufstand?“
„Aufstand?“, empörte sich Rikki. „Es ist noch nicht einmal acht Uhr! Du hast nicht nur mich aufgeweckt, sondern wahrscheinlich auch die ganze Nachbarschaft! Mit den Beschwerden muss ich mich auseinandersetzen, nicht du!“
Max hob abwehrend die Hände.
„Ist ja gut, ist ja gut. Wo ist Dad?“
„Arbeiten.“
„Heute? Aber es ist doch-…“
„Samstag? Für viele Menschen ist das ein ganz normaler Wochentag, mein Lieber. Wo du schon mal wach bist, kannst du dich auch nützlich machen. Frühstück, das Motorboot wieder flott machen, den Garten aufräumen, es gibt genug zu tun.“
„Tut mir leid, Mum. Ich bin heute mit ein paar Leuten zum Surfen verabredet und werde erst spät am Abend wiederkommen.“
„Du kannst gehen, wohin du willst, sobald du deine Pflichten hier erledigt hast.“
Stöhnend rieb Max sich das Gesicht und drehte sich zur Wand. Rikki blieb erbarmungslos.
„Na los, steh auf. Je eher du anfängst, desto eher bist du fertig.“
Rikki schloss die Tür und öffnete die Gegenüberliegende. Sofia schlief noch tief und fest. Grinsend dachte Rikki daran zurück, wie sie mit vierzehn Jahren gewesen war und störte den Aufenthalt ihrer Tochter im Land der Träume nicht.
Der heutige Tag versprach wunderschön zu werden. Perfekt zum Schwimmen. Ohne noch länger nachzudenken machte Rikki sich auf den Weg zum Strand. Das Meer war seit vielen Jahren ebenso ihr Zuhause wie das Land. Manchmal wünschte sie sich sogar, niemals wieder die Vertrautheit des Wassers, das sie jedes Mal wie mit einer liebevollen Umarmung empfing, verlassen zu müssen.
Seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr war Rikki eine Meerjungfrau. Der Zufall hatte es so gewollt, dass sie auf Mako Island bei Vollmond in den Mondsee geraten war. Seitdem führte sie ein risikoreiches, aber auch wunderschönes, spannendes und magisches Leben. Bei jedem noch so kleinen Kontakt mit Wasser wichen die Beine dem mächtigen, bronzefarbenen Fischschwanz. Nicht immer war die Verwandlung gewünscht, weshalb sie ständig aufpassen musste, um nicht in aller Öffentlichkeit zu einer Meerjungfrau zu werden. Rikki verfügte zudem über die Fähigkeit, Wasser zum Kochen zu bringen sowie Blitze und Feuer zu erzeugen.
Sie war nicht die Einzige, der diese außergewöhnliche Veränderung widerfahren war. Cleo, Emma und Bella teilten das Geheimnis mit ihr, und gemeinsam hatten sie schon Vieles erlebt und durchgestanden.
Rikki stürzte sich in die Wellen. Kurz darauf spürte sie das vertraute Kribbeln und den kräftigen Schlag der Schwanzflosse. Sie schwamm zunächst eine Weile durch das farbenfrohe Korallenriff, bevor sie Kurs auf Mako Island und den Mondsee nahm. Sie hoffte, dass jemand von den anderen da war, und als sie durch den unter Wasser liegenden Zugang glitt und auftauchte, entdeckte sie alle drei.
„Was denn, du hier? Um diese Uhrzeit?“, Emma sah sie ungläubig an.
„Dank Max, ja.“
„Was hat er getan?“, fragte Bella grinsend.
„Die Musik aufgedreht und damit wahrscheinlich alle im Umkreis aus dem Bett geworfen.“
„Er ist sechzehn“, sagte Cleo. „In dem Alter-…“
„Hatten wir andere Probleme“, schnaubte Rikki. „Immerhin war uns nie langweilig. Das kann Max nicht von sich behaupten. Zumindest sehe ich das so. Er verbringt mehr Zeit in seinem Bett als ich in meinem gesamten bisherigen Leben.“
„Und was ist mit Sofia?“, wollte Emma wissen.
„Eben hat sie noch geschlafen. Ansonsten ist sie viel mit Freundinnen am Strand oder in der Stadt.“
„Wo ist dann das Problem?“, fragte Bella. Rikki blickte sie an, als sähe sie sie zum ersten Mal.
„Wo das Problem ist? Das Leben meiner Kinder ist oberflächlich! Shoppen, Surfen, Schwimmen, wo ist denn da Platz für Individualität?“
„Das ist genau das, was wir früher auch gemacht haben“, wandte Cleo ein. „Naja, bevor wir Meerjungfrauen wurden.“
„Wenn ich dir einen Rat geben darf“, meldete sich Emma zu Wort. „Misch dich bloß nicht in das Leben deiner Kinder ein. Fürsorge ist gut, aber schreib ihnen nicht vor, wie sie ihre Zeit verbringen sollen. Dadurch hilfst du ihnen nicht, sich selbst zu finden.“
„Ja, ja, schon gut, Em“, wehrte Rikki ab. „Ich möchte doch nur, dass sie etwas für sich finden, etwas, was niemand außer ihnen hat. Etwas Besonderes.“
Bella legte ihr die Hand auf den Arm und lächelte.
„Max und Sofia werden wundervolle Menschen werden, Rikki. Genau wie du werden sie zu Persönlichkeiten werden, die man so schnell nicht wieder vergisst.“
Rikki verzog die Mundwinkel.
„War das ein Kompliment oder eine Beleidigung?“
Eine Weile lagen sie einfach nebeneinander im Wasser und genossen die Ruhe und die Geborgenheit ihres ganz privaten Rückzugsortes. Schließlich brach Emma das Schweigen.
„Ich habe nachgedacht“, begann sie. „Sehr lange und sehr intensiv. Im Prinzip habe ich meine Entscheidung schon getroffen, aber ich werde es von euch abhängig machen, ob ich mein Vorhaben in die Tat umsetze.“
„Mach es nicht so spannend, spuck es aus!“, rief Rikki ungeduldig.
„Unsere Töchter sind alle vierzehn Jahre alt. Ich denke, es ist an der Zeit, ihnen Mako und den Mondsee zu zeigen.“
„Was?“, rief Cleo entsetzt. „Nein, niemals! Sie sind noch viel zu jung!“
„Beruhige dich“, sagte Bella sanft. „Ich finde, Emma hat recht. Als ich zur Meerjungfrau wurde, war ich neun. Ich traue allen Mädchen zu, das Geheimnis zu wahren, auch wenn sie noch sehr jung sind.“
„Rikki, was meinst du?“, fragte Emma.
Rikki dachte an Sofia. Lange überlegen musste sie nicht. Sie fand, dass es dringend Zeit war, ihrer Tochter zu zeigen, dass das Leben weit mehr zu bieten hatte als nur Klamotten und schlechte Comedy – Filme.  
„Ich bin dafür“, sagte sie schließlich.
Cleo war noch ein wenig unentschlossen, doch nach längerem Diskutieren und Bellas zuversichtlichen Worten stimmte auch sie schließlich zu.
„Nun denn“, sagte Emma und seufzte. „Auf eine neue Generation von Meerjungfrauen.“
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