Um abzuschließen

GeschichteSchmerz/Trost / P12
18.06.2015
18.06.2015
1
1023
8
Alle
15 Reviews
Dieses Kapitel
12 Reviews
 
 
 
 
*** um abzuschließen ***

Als ich nun so vor meinem Spiegel stand und mein Spiegelbild betrachtete, wurde mir klar, dass dies das erste Mal seit Tagen war, dass ich mich bewusst wahrnahm. Ich sah das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit meine Haare. Meine Haare, die ich einst so gemocht hatte, wie sie locker über meine Schultern gefallen waren. Meine Haare, die mich in letzter Zeit immer wie ein Schleier vor den Blicken geschützt hatten, als mich die Jungs eher wie ein Stück Fleisch angesehen haben, als wie ein lebendiges Wesen mit Gefühlen.
Doch ich habe mich von diesem schützenden Vorhang getrennt. Und das nur aus einem einzigen Grund.
Um abzuschließen.

Da war mein Körper. Der Körper, der anfangs etwas ganz Normales war. Etwas, das nun einmal zu mir gehörte, Etwas, das ich ebenfalls an mir mochte. Doch mit der Zeit war er nicht mehr mein Körper gewesen. Er war einfach nur noch ein Anschauungsobjekt, von dem man dachte, man könne ihn sich ganz einfach als Spielzeug beschaffen.
Doch das wollte ich nicht mehr zulassen. Auf meinem Körper wurden Spuren und Erinnerunge zurückgelassen, die ich nicht mehr sehen und ertragen wollte. Und das nur aus einem einzigen Grund.
Um abzuschließen.

Ich sah auch mein Gesicht. Ich sah meine Lippen, konnte aber nur erahnen, wie sie einst waren. Weich und sanft. Sie waren ein Teil von mir, waren etwas, das ich an mir schätzte. Sie waren etwas Besonderes. Allerdings schienen die Anderen dies nicht so zu sehen. Sie hatten gedacht, es seien einfach nur Lippen, nur Haut und Fleisch, die man einfach nehmen konnte, egal wer, egal wann. Es war einerlei, ob ich das wollte, denn es waren ja nur Lippen, oder?
Nun, ich dachte das nicht. Ich habe mich entschlossen, dass ich meine Lippen niemanden mehr geben werde, egal wer auch darum bat. Und das nur aus einem einzigen Grund.
Um abzuschließen.

Langsam drehte ich mich um und kehrte meinem Spiegelbild den Rücken zu. Ich wollte nicht länger sehen, was aus mir geworden ist. Was wegen IHNEN aus mir geworden ist.
Mein Blick fällt auf die kleine Nagellackflasche auf meinem Schreibtisch. Ich sah mich, wie ich an meinem Schreibtisch saß und mit dem dünnen Pinsel kleine Zahlen auf die Kassetten schrieb und sie anschließend in Polsterfolie einwickelte und  in den braunen Karton legte, der damals zu meinem Füßen stand. Ich spürte förmlich meine Entschlossenheit, als ich ihn schließlich zuklebte und den ersten Namen auf die Oberseite schrieb. Ich spürte noch dieses Gefühl, diese Gewissheit, dass diese Entscheidung nicht nur mein Leben verändern würde, sondern auch das der dreizehn Personen auf den Kassetten. Und ich spürte auch noch deutlich diese plötzlich aufsteigende Wut. Ich wusste nicht nur, dass es Veränderungen hervorrufen würde, sondern ich WÜNSCHTE es! Denn zwölf von ihnen hatten es verdient.

Ich wandte meinen Blick erneut ab und ging zu meinem Bett. Ich setzte mich, fuhr mir leicht durch die Haare und fragte mich, warum ich nun plötzlich diese Entschlossenheit spürte. Ich zog die Schublade meines Nachttisches auf und zog die kleine Schachtel hervor. In ihr raselte etwas und als ich sie öffnete und umdrehte, fielen mir kleine Tabletten entgegen. Vielleicht hätte ich die B-Seite von Kassette 7 mit dir bespielen sollen, Mom, denn ohne deinen kleinen Medizinvorrat wäre das hier nicht möglich. Doch das Päckchen war bereits abgegeben und wer weiß, vielleicht lag es bereits bei Grund Nummer Eins auf dem Schreibtisch und dieser hörte meine Stimme, wie ich ihm meinen Entschluss klar machte. Ich werde es nie erfahren.

Ich hob meine Flasche vom Boden auf und schraubte sie auf. Ich führte meine Hand zum Mund und kippte alle Tablette auf einen Schlag nach hinten. Ich schmeckte ihren leicht bitteren Geschmack, genoss ihn noch ein paar Sekunde, dann spülte ich die bunten Pillen mit einem Schluck weg. Ich schraubte die Flasche wieder zu und stellte sie an ihren Platz, dann blickte ich ein letztes Mal in den Spiegel, ehe ich mich in mein Bett legte, mir die Decke bis unters Kinn hochzog und die Augen schloss. Ich lies meine letzten Gedanken durch meinen Kopf wandern, das, was ich als Letztes in diesem Leben gesehen hatte.

Meine Augen. Sie waren das, was ich an mir am meisten mochte. Denn durch sie erlebte man seine Umwelt, durch sie sieht man, was man lebt. Augen sind unschuldig, denn sie können nicht lügen, sie verraten Alles. Wie heißt es so schön? Die Augen sind das Fenster zur Seele? Nun, das ist der Grund, warum ich sie so liebe. Denn sie waren anders, sie waren nicht unschuldig wie die der anderen. Sie haben Dinge gesehen, die sie nie sehen sollten und auch nicht wollten. Dinge, die grausam waren und Dinge, die einen innerlich kaputt machen. Sie waren nicht die Fenster, die jedem mein Inneres offenbarten, die darlegten, wie zerbrochen meine Seele wirklich war. Sie gaben nicht preis, wie ich mich fühlte und wie ich dachte.
Und daher denke ich, dass es Zeit ist, ihnen dafür zu danken. Sie zu schließen und ihnen nie wieder diese grausame Welt zeigen zu müssen. Und das nur aus einem einzigen Grund.

Um abzuschließen.

*****


Hey, ihr Leser da draußen.
Ich habe mit gestern das Buch ausgeliehen und es bereits wieder zurückgegeben. Da es so verdammt gut war, habe ich mit gedacht, ich könnte mich mal an einem kleinen OneShot zu Hannahs letzten Minuten in ihrem Leben versuchen und beschreiben, was wohl ihre Gedanken sind, während sie mit ihrem Leben abschließt.
Nun ja...das ist dabei rausgekommen. Ich weiß, es ist vielleicht nicht perfekt, aber ich würde mich trotzdem über das ein oder andere Review freuen. Falls ihr irgendwelche Fehler findet, sei es von der Rechtschreibung oder in der Grammatik, sagt es mir bitte und ich verbessere es :)

Vlg Lia
Review schreiben
 
 
'