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I got my angel now

GeschichteLiebesgeschichte / P12 / Gen
Astrid Finch John Youg
16.06.2015
16.06.2015
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Das Lied ist “Halo” von Beyoncé.

Remember those walls I built?
Well, baby, they're tumbling down
And they didn't even put up a fight
They didn't even make a sound

Er hatte nichts weiter gedacht, als er Stephen angeboten hatte, auf Astrid aufzupassen. Das heißt – doch.
Er hatte an den alten Mann vom Zeitungsladen gedacht. Seinen Namen wusste John nicht mehr, er war sich nicht einmal mehr sicher, dass er ihn je gekannt hatte – aber die Angst auf seinem Gesicht würde er nie vergessen.

Er hatte nichts getan. Er war nur nett zu einem herumstrolchenden Jungen gewesen, einfach nur nett …für Ultra war das genug. Sie hatten den Mann erschossen, vollkommen kaltblütig, mitten auf der Straße. Die Wut darüber war der erste Stein des Widerstandes gegen Ultra gewesen, eine Wut, die John immer noch verfolgte.
Aber nicht so unerbittlich wie die Schuldgefühle. John versuchte, es vor Cara zu verbergen – sie wusste schon zu viel, wusste von so vielen seiner Wunden und Schwächen, dass John manchmal nicht begreifen konnte, warum sie immer noch an ihn glaubte - , aber Schuld war ein Teil von ihm geworden. Beim Zeitungsmann hatte nicht er den tödlichen Schuss abgegeben, bei Roger schon. Und zu viele andere hatte er nicht beschützen können…

Das würde bei Astrid nicht geschehen. John versprach es sich selbst ebenso wie Stephen. Sie würde sicher sein, koste es, was es wolle.

I found a way to let you in
But I never really had a doubt

Dieses Versprechen war sehr schnell auf die Probe gestellt worden - schneller, wie sich zeigte, als es Stephen oder selbst John erwartet hatte. Ultra verlor keine Zeit. Und so war er auf einem staubigen Tisch in einem kleinen Lagerraum gelandet, mit einer Kugel im Fleisch, Schmerzen, die seine Gedanken vernebelten und einem wunderschönen, ängstlichen, aber entschlossenen Gesicht. Astrid.

Standing in the light of your halo
I got my angel now

Ihre Stimme hatte John bei Bewusstsein und damit wohl am Leben gehalten: sanft, dunkel, unendlich intensiv und lebendig. Sie passte zu Astrid, besser und schöner, als je eine Stimme zu einer Person gepasst hatte. Sie hatten einander das Leben gerettet, damals. Und zum ersten Mal seit langem hatte John wieder eine Vorstellung gehabt davon, was „Leben“ tatsächlich bedeuten konnte.

It's like I've been awakened
Every rule I had you break it'

„Woran denkst du?“ Triumphierend zwei Flaschen biologischen Eistees hochhaltend, kam Astrid ins Zimmer und setzte sich neben ihn. Unbefangen, als hätten sie sich schon immer gekannt. John spürte, dass er lächelte, ein Lächeln, das breiter wurde, als sie ihm eine Flasche reichte und ihre Hand seine streifte. Er hielt sie kurz fest. „An die guten alten Zeiten.“
Sie zog fragend die Augenbrauen hoch, nickte aber. „Klar. Welche genau?“
„Unsere. Das Casting.“ Es kostete John Überwindung, von ihr wegzuschauen. Konzentriert starrte er auf das Flaschenetikett. „Ohne Zusatz von Konservierungsmitteln, Farbstoffen, künstlichen Aromen und Zucker.“ Er schüttelte den Kopf in gespieltem Entsetzen, um irgendetwas zu tun zu haben. „Was ist denn noch da drin?“

Astrids Gesichtsausdruck wurde noch skeptischer. „Unsere?“ Sie runzelte die Stirn, anscheinen unsicher, ob er sie auf den Arm nehmen wollte. „Ich weiß ja nicht, an was du dich erinnerst, aber für mich war dieser Tag nicht unbedingt das, was ich meinen Kindern einmal als gute alte Zeit erzählen will.“
Ach ja, die Kinder…. „Zwei Mädchen, ein Junge“, erinnerte sich John. „Willst du ihnen keine Abenteuergeschichten erzählen? Immerhin hast du mir das Leben gerettet“

„Ist das dein Ernst?“ Astrid starrte ihn an, dann schüttelte sie den Kopf. „John, wir hätten sterben können. Ich meine, du warst ziemlich nah dran.“
„Aber ich lebe noch, oder? Deinetwegen.“ John ließ seine Stimme so beruhigend wie möglich klingen. Astrid war immer noch aufgewühlt von diesem Tag, und er widerstand mit Mühe die Versuchung, ihr den Arm um die Schulter zu legen.
Er hatte zu viel Angst davor, dass sie ihn wegstieß.

It's the risk that I'm takin'
I ain't never gonna shut you out

“Ich wäre tot ohne dich”, sagte er sanft. „Danke dafür.“
Astrid schüttelte wieder den Kopf, und plötzlich erkannte John den Ausdruck in ihren Augen.
Schuld.
„John, du wärst überhaupt nicht in dieser Lage gewesen ohne mich. Ich meine, diese ganze Sache war… einfach komplett verrückt und… wenn ich… wenn ich…“
„Wenn du was? Direkt zu Ultra gegangen wärst und dich als Zeugin gemeldet hättest?“ Johns Stimme war laut geworden, zitterte leicht wie seine Hände, als er sie ihr auf die Schultern legte und sie zu sich drehte.
„Astrid, hör mir zu! Nichts von dem, was an diesem Tag passiert ist, war deine Schuld. Wenn überhaupt, hätte Stephen damals vorsichtiger sein sollen, aber er wollte das hier genauso wenig wie du. Ihr könnt nichts dafür. Das war Ultra. Diese Leute wollten dich töten, diese Leute wollen Stephen und mich töten, und alle anderen, die du gesehen hast. Es ist nicht deine Schuld. Niemals.“ Erst jetzt merkte John, wie fest sein Griff um Astrids Schultern geworden war. Rasch ließ er sie los und nahm stattdessen vorsichtig ihre Hände in seine. Astrid erwiderte den Druck leicht.
„Danke.“
„Das ist mein Ernst, Astrid.“ John war wieder ruhig geworden. Er suchte Astrids Blick, bis sie endlich nachgab und ihn erwiderte. „Dieser Kampf dauert schon länger, als wir beide leben. Du bist da hineingeraten und das tut mir leid. Aber was auch immer diese Tag an Ärger gebracht hat, ich bin froh, dass ich dort war.“ Er lächelte, und nach einem kurzen Moment lächelte Astrid zurück.

„Ich lasse nicht zu, dass dir etwas geschieht. Ich verspreche es dir. Ich bin für dich da. Okay?“
Astrid nickte, das Lächeln auf ihrem Gesicht war zu einem Strahlen geworden. „Okay.“

„Auch beim Verkosten von wahrscheinlich ekelhaftem Eistee?“ John lachte laut auf. „Auch dabei!“ Er öffnete seine Flasche und hielt sie hoch. „Auf die guten alten Zeiten?“
„Meinetwegen!“ Sie lachte und strich sich verlegen eine Strähne aus dem Gesicht. „Oder vielleicht doch auf etwas ein bisschen weniger Blutiges?“
„Weniger blutig, mal sehen…“ Johns Stimme verlor sich. Zugegeben, in letzter Zeit hatte er nicht so viele freudige Erinnerungen. Er mochte Stephen, aber sein Auftauchen hatte alles verkompliziert.

„Sag bitte nicht, dir fällt nichts ein!“
John verzog das Gesicht. „Ich denke noch nach!“

„Oh mein Gott, John!“ Astrid schaute ihn entsetzt an. Dann wandelte sich das Entsetzen zu Mitleid. „Dein Leben muss… wie hältst du das aus?“

„Es gibt Lichtblicke“ sagte John leise und sah sie an. Astrid wurde rot, als sie begriff. „Dann… auf die Lichtblicke?“
Er lächelte. „Auf die Lichtblicke.“

Everywhere I'm looking now
I'm surrounded by your embrace
Baby, I can see your halo
You know you're my saving grace

Zwei Sekunden später sprang John auf, die Hand auf den Mund geschlagen. „Verdammt, schmeckt das widerlich!“
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