Winterlächeln

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16
13.06.2015
13.06.2015
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Abgrund


Ein schmales Lächeln legte sich wie ein undurchdringbarer Schleier über ihr Gesicht, während sie das Amulett langsam wieder unter den dünnen Stoff ihres Leinenhemdes schob, damit es vor gierigen Hungeraugen verborgen blieb. Es war einst im Besitz ihrer Mutter, weiter vererbt und schon ein Schmuckstück ihrer Vorfahren. Beliebt und anreizend. Heiß begehrt und dennoch abschreckend zugleich. Langsam wandte sie sich von dem Fenster ab, das nur ein Desinteresse weckendes Bild einer verkommenen Bauerngesellschaft von sich gab. Schon lange hatte sie sich auf diesen jämmerlichen Anblick vorbereiten müssen, wie es ihr Vater beschrieb, aber sie konnte nicht. Zu tief vergruben das schlechte Gewissen und die Angst vor Vergeltung ihre kalten Finger  in ihr Fleisch.

"Ist Euch nicht wohl, Lady Emmalynn? Ist Euch das Essen auf dieser Reise nicht willkommen?", wurde sie sofort seitlich von ihrer männlichen Begleitung angesprochen, eine kleine Handbewegung deutete ihr den Weg ins Ungewisse. Etwas fragend hob sie eine Augenbraue, während sie das Gesicht zu der Gestalt wandte. Ein mattes Kopfschütteln verneinte seine Vermutung und begnädigte somit ihren heimatlichen Koch vor einer qualvollen Bestrafung. "Robin Of Locksley wird sicherlich erfreut darüber sein, Euch wieder begrüßen zu dürfen, My Lady.", fuhr der Mann einfach des Weiteren fort, verblieb dabei in einer neutralen, sachlichen Stimmlage, als wollte er vermeiden, wieder auf ihre eigentliche Aufgabe zurückzugreifen. Ein Zucken ihrer Mundwinkel zum Widerspruch bestätigten ihm nur still, dass er einen wunden Punkt vertieft hatte. "Wie lange ist es nun her, dass Ihr Euch das letzte Mal mit ihm 'begnügt' habt?"

Emma drehte den Kopf wieder demonstrativ zum Fenster hin und zerkaute leicht ihre Unterlippe. Zehn Jahre war es mittlerweile her, dass sie Nottingham den Rücken zugekehrt hatte. Zehn Jahre waren verstrichen, in denen sie Robin und auch Guy und Marian zurückgelassen hatte. Freunde, Familie. All das hatte sie mit einer Schneise des Schweigens und der Verschlossenheit hinter sich gelassen, wollte die Spuren einer düsteren Vergangenheit beseitigen und auslöschen. Doch nun wusste sie, dass ihr kaum Möglichkeiten dazu blieben. "Es war kein Vergnügen in einer solchen Hinsicht. Formuliert es so. Ich habe meine Kindheit genossen, bevor sie mir beraubt wurde und ich eine wertlose Marionette der königlichen Familie geworden bin.", hauchte sie leise die Luft aus ihren Lungen und sog dabei wieder tief den frischen Duft von würzigem Gras und verblassendem Regen ein.

"My Lady, ich bitte Euch. Niemand hat Euch zu einer Marionette umfungiert oder missbraucht. Ihr seid zu einer jungen, hübschen Dame herangewachsen, die hier nun ihre Pflichten zu erfüllen hat. Bevor das jähe Ende naht.", gab ihr Begleiter von sich, quittierte von Emma nur ein mattes Auflachen, das genauso farblos und trüb wirkte, wie die erstickte Hoffnung dieser Dorfbewohner. "Das Ende naht, soweit ich scheitere. Und 'scheitern' ist ein Wort, das niemals wieder fallen sollte. Niemand tut es gerne. Aber irgendwann sind wir alle an einem Punkt angelangt, der uns nicht mehr davon abhalten kann.", murmelte sie leise und beobachtete einen kleinen Schmetterling, der mit seinen zitronenfarbigen Flügeln durch den Wind glitt und an der Kutsche vorbei flatterte. So frei wie er, wäre sie nun auch gerne.

"Ist Sir Guy denn ein guter Mensch?", mischte sich nun die dritte Reisebegleitung mit ein, Emmas ältere Schwester Raphaela. Das Interesse erleuchtete ihr kantiges, straffes Gesicht und die hellgrauen Augen schimmerten erwartungsvoll. Neugierde bedrängte ihre Lippen, während die männliche Begleitung neben Emma nur tonlos auflachte. "Lady Raphaela, ich denke, Ihr solltet Euch ein eigenes Bild von Eurem zukünftigen Gemahl machen. Schließlich haben mich keine weiteren Informationen erreicht, außer, dass er nach dem tragischen Verabschieden von Maid Marian sehr zurückgezogen gelebt hat."
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