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Cold to the touch

von Alaiya
GeschichteKrimi, Suspense / P16 / Gen
OC (Own Character)
13.06.2015
19.09.2016
6
14.925
1
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13.06.2015 1.098
 
Prolog: Kalibrierung

„Bewegen Sie bitte Ihre Finger.“
Joanne blinzelte und konzentrierte sich auf ihre Finger. Für einen Moment geschah nichts, doch schließlich zuckten die Fingerspitzen ihrer rechten Hand.
„Sehr gut, sehr gut“, sagte Dr. Thurston. „Jetzt die andere Hand.“
Eigentlich hatte sie gewusst, dass die Cyberware nicht sofort reagieren würde. Doch es fühlte sich einfach seltsam an, diesen Arm zu sehen, der beinahe genau wie ihr ehemaliger Arm aussah, jedoch ein ganz anderes Gefühl mit sich brachte. Es war kein Gefühl der Taubheit, wie es ihr zuvor beschrieben wurde, sondern eher das Gefühl, dass etwas fehlte.
Auch die Finger der linken Hand bewegten sich.
„Sehr gut“, sagte der Arzt erneut, während seine Augen über Daten auf seinem Deck wanderten. Seine Finger fuhren über die Oberfläche des Geräts, dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder Joanne oder viel mehr ihren Armen zu. „Probieren Sie als nächstes, eine Hand zu einer Faust zu ballen.“
Sie nickte matt und tat wie ihr geheißen. Wieder dauerte es vielleicht ein, zwei Sekunden, bis ihre Hand reagierte und die Hand sich zu einer Faust zusammenzog.
Dabei nahm sie wahr, wie die Finger die kühle Synthetikhaut der Handfläche berührten. Die Informationen wurden von Sensoren an ihr Gehirn weitergeleitet und doch kam es ihr vor, als wäre „fühlen“ das falsche Wort dafür.
Dr. Thurston befühlte die Hand, überprüfte offenbar, wie angespannt die künstliche Muskulatur war. „Sehr gut, sehr gut“, murmelte er wieder und wandte sich dann der anderen Hand zu. „Noch einmal mit links, bitte.“
Auch mit links dauerte etwas, bis ihre Hand reagierte.
Joanne kam nicht umher sich zu fragen, ob es einfacher wäre, würde sie sich nicht fühlen, als hätte ein Troll sie niedergetrampelt.
„Gut, gut...“ Irgendwie wirkte der Arzt geistesabwesend, ehe er wieder einige Einstellungen mithilfe des Decks, das über das WiFi mit den Cyberarmen verbunden war, veränderte. „Noch einmal bitte.“
Schweigend tat sie, worum der Arzt sie bat.
Tatsächlich reagierten die Hände dieses Mal schneller, wenngleich – so stellte sie fest – nicht mit derselben Leichtigkeit, wie noch vor ein paar Wochen mit ihren Händen aus Fleisch und Blut.
„Ja, das ist gut“, bestätigte der Arzt, machte sich nun mit seinem Deck einige Notizen und sah sie dann wieder an.
Er war noch jung, kaum älter als 30, doch war dies nicht ungewöhnlich, wenn man an die Förderungen dachte, die Konzerne vielversprechenden Talenten zukommen ließen – und dazu all die Möglichkeiten, die Bioware mit sich brachte.
„Versuchen Sie jetzt Ihre Hand etwas zu drehen“, wies er sie nun an.
Erneut tat sie, wie ihr geheißen, während der Arzt weiter Einstellungen mit seinem Deck veränderte. Dabei stellte sie fest, dass die Bewegung noch etwas leichter wurde.
„Gut“, sagte der Arzt wieder. „Versuchen Sie jetzt, den Arm anzuwinkeln.“
Joanne hob den Unterarm an, stützte sich dabei aber weiterhin mit dem Ellenbogen auf die breiten Armlehnen des medizinischen Stuhls. Dennoch konnte sie nicht umher, erneut die Veränderung im Gewicht zu spüren, gegenüber ihren normalen Armen. Man sagte, dass Cyberware mittlerweile soweit fortgeschritten war, dass es leicht viel, das Gewicht an das natürliche Gewicht einer Gliedmaße anzupassen, doch es stimmte nicht ganz. Das Gewicht fühlte sich anders an. Schwerer. Vielleicht nicht viel, aber dennoch war es bemerkbar, selbst wenn sie das Gewicht des Arms noch größtenteils aufstützen konnte.
„Die Cyberware wird sich am Anfang noch etwas ungewohnt anfühlen“, meinte Dr. Thurston, als hätte er erraten, was sie dachte. „Aber Sie werden sich daran gewöhnen.“ Während er sprach, sah er ihr kurz ins Gesicht, auch wenn sie bemerkte, dass er ihrem direkten Blick auswich, wandte sich jedoch schnell wieder ihren Armen zu.
So ging es weiter. Noch einmal die Finger bewegen. Noch einmal den Arm anwinkeln. Die Faust ballen. Die Hand öffnen. Immer wieder veränderte der Arzt die Einstellungen und allein dies machte es einfacher, die Arme zu bewegen.
Der Raum war größtenteils weiß und wirkte, ganz wie zu erwarten, klinisch sauber. Einiges an Medizinischen Equipment war hier untergebracht, angefangen bei einem EKG, über Infusionsequipment, hin zu einem Micro-Hirnströme-Messgerät. An einem Bildschirm an der Wand, waren noch immer die Röntgenbilder zu sehen, die zeigten, wie die Cyberhalterung mit ihrer Schulter verwachsen war.
„Sehr gut“, murmelte der Arzt schließlich und machte sich ein paar letzte Notizen. „Die Anbindung an das Nervensystem scheint keine Probleme zu bereiten. Alles ist nach Plan verlaufen.“
Joanne nickte nur.
„Haben Sie im Moment noch Schmerzen?“, erkundigte sich Dr. Thurston.
„Nein“, erwiderte sie nüchtern, wusste sie doch zu genau, dass man ihr wahrscheinlich genau so viele Morphine in den Körper gepumpt, wie es medizinisch überhaupt möglich war.
„Gut“, erwiderte der Cyberarzt. „Wie abgesprochen werden wir Sie die nächsten zehn Tage noch unter Beobachtung lassen. Es kann sein, dass sie zwischendurch Phantomschmerzen spüren werden, was nach einem Eingriff dieser Natur vollkommen normal ist. Sollten Sie eine höhere Dosierung des Schmerzmittels wollen, sprechen Sie es einfach an. Es kann auch sein, dass Sie in den nächsten Tagen noch plötzliche Übelkeit verspüren. Das ist ein Nebeneffekt der Regenerationslösung und nicht weiter bedenklich.“
Sie nickte. „In Ordnung“, meinte sie dann leise, als sie merkte, dass er offenbar eine vokale Antwort von ihr erwartete.
„Dann wären wir für heute erst einmal fertig“, sagte Dr. Thurston, nun offenbar bemüht etwas informeller zu sein. „Ich freue mich, dass Sie den Eingriff gut überstanden haben.“
Joanne nickte nur. Oberflächliche Nettigkeiten waren doch nie mehr als das.
„Ich werde eine Schwester rufen, die Sie in Ihr Zimmer zurückbringt.“ Der Cyberarzt machte noch eine Eingabe.
„Das ist nicht nötig“, erwiderte Joanne, gröber als nötig. „Ich kann selbst laufen.“ Sie machte Anstalten sich zu erheben, auch wenn der Arzt reflexhaft reagierte und sie versuchte in den Behandlungsstuhl zurück zu drücken.
„Bitte, bleiben Sie sitzen. Ihr Kreislauf hat sich noch nicht von dem Eingriff erholt.“
Joanne wusste, dass es unnötig war, sich dagegen zu wehren, sie wusste auch, dass es besser wäre, zu tun was man ihr sagte, doch sie kämpfte dennoch dagegen an und schaffte es schließlich, sich aufzurichten. Bevor sie aber nur die Füße auf den Boden setzen konnte, begann ihr bereits der Kopf zu schwirren, als ihr Kreislauf nachgab.
„Lehnen Sie sich wieder zurück“, wies Dr. Thurston sie an und da sie merkte, dass sie ansonsten jeden Moment gänzlich das Bewusstsein verlieren würde, ließ sie sich gegen die Rückenlehne zurücksinken.
Die Stimme des Arztes klang auf einmal, wie durch Watte gedämpft. „Sie müssen vorsichtig sein. Sie sind noch nicht geheilt.“ Während er sprach fühlte er ihren Puls am Hals. „Es wird ein paar Tage dauern, bis sie wieder auf den Beinen sind.“
Doch erneut erwiderte Joanne nichts. Sie hatte jetzt schon das Gefühl, dass dies die längsten zehn Tage ihres Lebens werden würden.
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