You Are Worth A Second Look

GeschichteRomanze, Freundschaft / P12
Alice & Frank Longbottom James "Krone" Potter Lily Potter OC (Own Character) Remus "Moony" Lupin Sirius "Tatze" Black
11.06.2015
08.08.2019
30
143859
50
Alle Kapitel
171 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 
Hey:)
Hier ist wieder ein neues Kapitel für euch! Theorien, Gedanken, konstruktive Kritik sind immer gerne gesehen, aber auch Schwarzleser sind willkommen. xD Ich hoffe, es gefällt euch (ich bin sogar auch mal relativ zufrieden xD). Viel Spaß! <3





Eine Dunkle Wolke




„Wann ist eigentlich der nächste Hogsmeadebesuch?“, fragte Alice, während sie sich Marmelade auf ihr Toast schmierte.
„Müsste wieder um Halloween rum sein“, erwiderte Lily. Dann grinste sie. „Wieso? Hast du ein Date?“
Marlene rollte mit den Augen. „Ich werde dich nie verstehen. Jungs sind doch widerlich.“
Amüsiert hob ich eine Augenbraue. „Also normalerweise haben Mädchen diese Phase ja mit fünf. Mum hat erzählt, dass Tinkie da gerade durchgeht. Merlin sei Dank muss ich das nicht miterleben.“
Alice lachte. „Naja, es wäre bestimmt lustig mit anzusehen. Und um deine Frage zu beantworten, Lily, ja, ich treffe mich tatsächlich mit Frank.“
„Dass ihr immer noch zusammen seid“, murmelte Marlene.
„Wenn du jetzt fragst, wie ich es denn so lange mit Frank ausgehalten habe, klatsche ich dir dieses Marmeladentoast ins Gesicht.“
„Eigentlich wollte ich fragen, wie Frank es denn so lange mit dir ausgehalten hat.“ Marlene grinste. „Nicht werfen!“, rief sie, als Alice drohend ihren Arm hob.
Doch sie ließ ihn wieder sinken. „Als ob ich mein gutes Frühstück an dich verschwende.“
„Ach, das würde ich nicht unbedingt als Verschwendung betrachten“, meinte ich. „Eher als Gewinn anderer Art.“ Marlene warf mir einen düsteren Blick zu, während die anderen lachten, aber ich lächelte sie nur unschuldig an und schlug den Tagespropheten auf. Doch ich hatte kaum einen Blick auf die Titelseite geworfen, als mir auch schon das Lachen im Halse stecken blieb. Muggelfamilie getötet prangte dort in großen schwarzen Lettern auf dem Papier.
Lily schaute auf und bemerkte meinen verstörten Gesichtsausdruck. „Was ist los?“
Es kostete mich große Mühe, meinen Kopf zu heben und sie anzusehen. Wortlos reichte ich ihr den Tagespropheten. Neugierig nahm sie ihn entgegen, gefolgt von Alice' und Marlenes Blicken. Marlene beugte sich hinüber, um besser sehen zu können, was dort geschrieben stand, und runzelte die Stirn, als sie die Überschrift las.
„Merlin“, flüsterte Lily. „Schon wieder eine?“
„Wieso schon wieder?“, fragte Alice. „Was steht da?“
„In Northumbria wurde eine Muggelfamilie ermordet“, sagte ich.
Entsetzt schaute sie mich an. „Was? Von-“ Sie verstummte. Wenn die Ermordung einer Muggelfamilie im Tagespropheten stand, gab es dafür nur einen Grund. Es ging ihnen nicht um die Muggel. Es ging ihm um die Zauberer dahinter.
Ich nickte schwach. Mein Toast lag mir plötzlich wie ein Stein im Magen.
„Es gab doch neulich schon so einen Vorfall“, sagte Lily. „In dem Sommerferien. Eine Familie aus Wales.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Ich hab in den Sommerferien ehrlich gesagt nicht so auf den Tagespropheten geachtet.“
„Ich habe davon gelesen“, sagte Alice leise. Lily sah sie an. Ihre sonst so strahlend grünen Augen waren verschleiert. „Sie hatten ein Baby.“
Stille breitete sich an unserem Tisch aus. Sogar Marlene, die eigentlich immer einen cleveren Kommentar bereit hatte, schwieg betreten. Niemand wollte es aussprechen. Niemand konnte es ignorieren.
Ich hatte ihn fast vergessen. Es war so leicht, ihn zu vergessen. Den Konflikt, den Kampf, der drohend am Horizont schwebte. Die dunkle Wolke, die immer näher schlich, deren Existenz man aber so schnell wieder vergaß, da sie die Sonne nicht bedeckte.
Noch nicht.
Lily faltete die Zeitung zusammen und reichte sie mir. Wortlos nahm ich sie entgegen und steckt sie in meine Schultasche.
Das Klappern des Geschirrs und das laute Gerede der anderen Schüler war zunächst alles, was ich wahrnahm, während ich versuchte, mein Frühstück runterzukriegen. Doch von uns schien keiner richtig zu wissen, was er sagen sollte. Wir alle wollten das Thema wechseln – aber wie? Schaut mal, es wurde eine Muggelfamilie ermordet – hey, wo wir gerade davon sprechen, wie geht’s eigentlich Lupin, der hat sich doch neulich die Seele aus dem Leib gekotzt.
Ruckartig schaute ich auf; ich hatte es heute Morgen vollkommen vergessen, doch als ich versuchte zu erspähen, wer noch alles am Gryffindor-Tisch saß, konnte ich ihn nicht entdecken. Wir saßen nicht nach Klassen sortiert,  aßen zu unterschiedlichen Zeiten – immerhin dauerte das Frühstück eine Stunde – und es waren viel zu viele Schüler. Vielleicht war Lupin einer der vielen Köpfe, doch von meinem Platz aus war es mir unmöglich, ihn zu finden.
„Wie läuft eigentlich Zaubertränke?“, fragte Marlene plötzlich. Sie schaute nicht wirklich auf, sondern schien mehr darauf fokussiert, ihren trockenen Toast mit den Fingern in kleine Stückchen zu zerlegen, doch sie warf mir einen kurzen Blick zu, damit ich wusste, wer angesprochen war. Lily und Alice schienen erleichtert, dass jemand das Thema wechselte, auch wenn sie halbherzig versuchten, es zu verbergen.
Ich brauchte einen Moment, um Marlene's Worte zu realisieren, dann zuckte ich mit den Schultern. „Naja, geht so. Der letzte Aufsatz war ganz okay. Es ist nicht wirklich katastrophal, aber auch nie so gut, wie es sollte, weißt du?“
Marlene nickte.
„Wir können später lernen, wenn du willst“, sagte Lily. „Wir haben ja heute sowieso Zaubertränke.“
„Klingt gut.“
Eine kleine Nervosität machte sich in mir breit, während wir uns auf den Weg zur ersten Stunde machten und sie wurde nicht besser, als wir um die Ecke bogen und die Rumtreiber alle nicht da waren. Wie die meisten hatten auch sie Zauberkunst weitergewählt – warum waren sie nicht hier? Ich versuchte, nicht darüber nachzudenken – immerhin ging es mich nichts an und eigentlich sollte es mir auch egal sein – aber es gänzlich zu ignorieren war mir dann doch unmöglich.
Sie kamen an, außer Atem, gerade als Professor Flitwick mit dem Unterricht beginnen wollte. Er sah sie aus funkelnden Augen an, schien aber eher amüsiert als verärgert und ließ es ihnen durchgehen. Immerhin waren sie in gewisser Hinsicht noch nicht vollkommen zu spät.
Ich war erleichtert zu sehen, dass Lupin wieder bei ihnen war, dünn und blass und mit dunklen Ringen unter den Augen, aber ansonsten wohlauf. Zumindest schien er keine Schmerzen zu haben, als er sich hinsetzte und sein Buch aus der Tasche zog.
„Den armen Kerl hat's aber ganz schön erwischt“, flüsterte Alice. Ich nickte geistesabwesend.
„Der Aufruf-Zauber, welcher da heißt...“, hörte ich Flitwick auf einmal sagen und wandte meine Aufmerksamkeit wieder ihm zu. „Kommen Sie, das wissen Sie alle.“
Jeder im Raum meldete sich. Alice stupste mich an. Ich hob eine klamme Hand. „Accio, Sir.“
„Sehr gut, Miss Bennet. Fünf Punkte für Gryffindor.“
Ich lächelte, zugleich erfreut und erleichtert. Andererseits hatten wir diesen Spruch in der vierten Klasse gelernt, also war es keine große Leistung.
„Gut, dann üben Sie das mal“, sagte Flitwick fröhlich. Zuerst war ich für einen kurzen Moment verwirrt, bis ich schließlich verstand, dass wir Accio nonverbal ausführen sollten. Ich unterdrückte ein Aufseufzen – ich war mir nicht sicher, ob ich nonverbale Zauber so toll fand – und zog meinen Zauberstab aus der Tasche meiner Robe. Am Ende der Stunde war Lily jedoch die einzige, die es geschafft hatte, das Kissen zu sich zu rufen.
Frustriert ließ ich meinen Kopf kreisen und massierte meinen Nacken. Das einzige, was ich geschafft hatte, war, mein Kissen zucken zu lassen, was mich so außer Fassung gebracht hatte, dass meine Konzentration gerissen und das Kissen wieder regungslos zu Boden geplumpst war. Ich wusste, dass Professor Flitwick recht hatte, als er der Klasse sagte, wie schwierig nonverbale Zauber waren, und dass wir noch einige Zeit brauchen würden, bis wir einen solchen korrekt würden ausführen können, doch jede Stunde zu versagen, war nicht sonderlich motivierend.
Als ich meinen Blick durch den Raum schweifen ließ und die anderen Schüler betrachtete, die alle aussahen, als würden ihnen Rauch aus den Ohren kommen, entdeckte ich Lily, die sich in der Ecke mit Lupin unterhielt. Für einen Moment zögerte ich unsicher, doch dann hatte Lily mich schon entdeckt und lächelte. Lupin drehte sich um und sah mich nun auch auf der anderen Seite des Raumes stehen und sie anschauen, und da es nun komisch gewesen wäre wegzugehen, erwiderte ich ihr Lächeln und gesellte mich dazu.
„Ich hatte Remus gerade gefragt, ob es ihm besser geht“, sagte Lily, als ich sie erreicht hatte.
„Klang nach einer ziemlich fiesen Grippe“, stimmte ich leise zu und warf einen kurzen Blick zu Lupin hinüber.
Er zuckte mit den Schultern. „Mein Immunsystem ist nicht das beste.“
„Vielleicht solltest du mal irgendwo hinfahren, wo es warm ist“, schlug Lily vor. „Vielleicht sogar ein Tropengebiet. Ist bestimmt gut für deine Gesundheit.“
„Ja, ist bestimmt keine schlechte Idee.“
„Italien ist schön, da war ich im Sommer“, meinte ich.
„Da möchte ich auch so gerne mal hin“, seufzte Lily verträumt. „Wo würdest du gern mal hin, Remus? Irgendwelche Reiseziele?“
Er zögerte einen Moment, bevor er antwortete: „Ich weiß nicht genau-“
„Moony!“, rief Potter durch den Raum.
„Komme gleich“, rief Lupin zurück. Als er sich wieder zu uns wandte, lächelte er entschuldigend. „Wir sehen uns dann.“
Er machte bereits Anstalten zu gehen, als ich ihn plötzlich zurückhielt. „Warte!“ Lupin drehte sich um, ein fragender Ausdruck auf dem Gesicht. „Ähm...“ Kurz war ich wie erstarrt – das Wort war aus meinem Mund gekommen, ohne dass ich es gewollt hatte. „Das mit dem Lernen, steht das noch?“
„Äh, klar, wenn du willst“, sagte Lupin.
„Gut, ich war mir nur nicht mehr sicher. Nicht, dass du dich noch überanstrengst.“ Ich zögerte. „Wegen der Grippe.“
Ein merkwürdig verschlossener Ausdruck trat auf Lupins Gesicht. Er nickte. „Danke, aber mir geht es gut. Wann willst du dich treffen?“
„Morgen?“
„Moony!“
„Ich komme!“ Wieder lächelte er. „Tut mir Leid.“
Ich winkte ab. „Kein Thema. Komm einfach zu mir, wenn du Zeit hast.“
„Mach ich“, versprach er. „Dann kannst du mir vielleicht zeigen, was ich in Kräuterkunde verpasst habe. Ich hab gehört, Tatze hätte beinahe seine Hand verloren.“
Ich lachte. „Naja, ganz so dramatisch war es nicht.“
„Es wäre aber so dramatisch geworden, hätte Fiona nicht eingegriffen“, schaltete sich Lily auf einmal grinsend ein.
Ein Schmunzeln umspielte Lupins Lippen. „Das glaube ich auf's Wort. Aber ich gehe jetzt besser, bevor Krone mich wie einen Kartoffelsack wegschleift.“
Mein Mundwinkel zuckte.
„Bis später, Remus“, sagte Lily.
„Bis dann“, meinte er und ging endlich hinüber zu Potter, Black und Pettigrew, die ihn bereits ungeduldig erwarteten.
„Man könnte meinen, die müssten jetzt los und die Welt retten“, kommentierte Lily trocken.
„So wie ich sie kenne, glauben sie das wahrscheinlich auch“, erwiderte ich. „Bist du noch an Bord für Zaubertränke später?“
„Hm? Oh, ja klar.“
„Perfekt.“ Ich schlang mir meine Tasche um und gemeinsam traten wir hinaus auf den überfüllten Korridor. „Geh du schonmal vor, ich muss noch auf Toilette“, sagte ich. Lily nickte und machte sich alleine auf den Weg zum Kerker, während ich in die andere Richtung lief. Ich beeilte mich, um nicht zu spät zu kommen, und als ich das Badezimmer wieder verließ und hinaus auf den noch immer vollen Gang trat, beschloss ich, einen Umweg zu nehmen, anstatt mich durch die Menschenmenge zu bahnen, und bog in einen leeren Korridor ein. Zumindest dachte ich, er wäre leer. Denn als ich erneut um die Ecke bog, mit nichts weiter als dem hallenden Geräusch meiner Schritte und den stetig leiser werdenden Gesprächen der anderen Schüler im Ohr, entdeckte ich plötzlich zwei Personen, die an der Wand standen und sich leise unterhielten. Zunächst dachte ich mir nichts dabei und ging einfach weiter, doch als sie ihre Köpfe hoben und mich ansahen, blieb ich plötzlich wie angewurzelt stehen.
„Na sieh mal einer an“, höhnte Mulciber mit einem dreckigen Grinsen im Gesicht. „Wen haben wir denn da?“
Eine dunkle Panik machte sich in mir breit und ich wäre beinahe einen Schritt zurückgetreten. Im letzten Moment hinderte ich mich selbst daran – wüsste Mulciber, dass ich mich von ihm bedroht fühlte, würde ich alles nur noch schlimmer machten.
„Verzieh dich, Schlammblut“, sagte er. „Du störst.“
Ich starrte ihn nur an. Ich wollte irgendetwas schlagfertiges erwidern, doch mir fiel nichts ein.
Mulciber wandte sich bereits wieder ab, doch als er bemerkte, dass ich mich noch immer nicht regte, hob er seine Augenbrauen. „Muss ich mich noch deutlicher ausdrücken?“
„Dir gehört der Korridor nicht.“ Ich schauderte innerlich, als ich merkte, wie merkwürdig meine Worte klangen. Dennoch fuhr ich fort: „Wie langsam ich hier durchgehe oder ob ich den Korridor überhaupt verlasse, ist nicht deine Entscheidung.“
Für einen Augenblick schien Mulciber fast schon geschockt darüber, dass ich ihm widersprach, dann fing er plötzlich an zu lachen. „Ist sie nicht süß, Regulus?“
Meine Augen flackerten hinüber zu dem schlacksigen Jungen, der neben ihm an der Wand stand. Regulus' schwarze Haare fielen ihm in die Stirn, als er meinem Blick auswich; er starrte stattdessen auf den Boden vor Mulcibers Füßen. „Ja“, murmelte er, „richtig süß.“
Mulciber beachtete ihn gar nicht.
Mein Magen verkrampfte sich. Ich wünschte, Lily wäre hier. Oder Alice oder Marlene oder irgendjemand, der mich hätte unterstützen können.
Aber es war nur ich gegen Mulciber. Und Regulus, der mich vielleicht nicht angreifen, der mir aber gewiss nicht helfen würde.
Doch noch war es zu keinem Duell gekommen und ich hatte noch immer die Chance eins zu verhindern.
Die Schatten, die die Fackeln an die steinernen Wände warfen, wurden immer länger.
Ich trat einen Schritt vor. Meine Hände umklammerten die Träger meiner Schultasche. Mulciber beobachtete mich. Ich beobachtete ihn. Doch keiner von uns griff nach seinem Zauberstab.
Ich ging weiter, hoffte, dass ich mutiger auftrat, als ich mich fühlte. Das hallende Geräusch meiner Schritte kam mir auf einmal unendlich laut vor.
Wenn ich schrie, wie lange würde es dauern, bis Hilfe kam? Würde überhaupt Hilfe kommen? Würde mich irgendjemand hören können?
Mit angehaltenem Atem schritt ich an Mulciber und Regulus vorbei. Ich spürte ihre bohrenden Blicke auf meiner Haut brennen, aber ich schaute stur geradeaus, bis ich an ihnen vorbeigegangen war. Sie rührten sich nicht.
Die Zeit zog sich wie Kaugummi, doch schließlich erreichte ich das Ende des Ganges. Meine Handflächen schwitzten.
Plötzlich drehte ich mich um. „Regulus?“
Regulus blickte auf. Seine Augen waren grau wie ein aufziehender Sturm.
„Es geht ihm gut. Du musst dir keine Sorgen machen.“
Regulus erwiderte nichts, doch er starrte mich mit geweiteten Augen an. Ich war mir nicht sicher, ob es Trauer war, was sich in seinem Gesicht abzeichnete, oder Überraschung, dass ich es wagte, dieses Tabuthema in seiner Gegenwart anzusprechen. Vermutlich ein wenig von beidem.
Mulciber sah für einen kurzen Augenblick verwirrt aus und schaute von mir zu Regulus, bevor er es endlich verstand. Sein Lachen hallte erneut von den Wänden des Korridors wieder und erinnerte Regulus wieder daran, wer sich bei ihm befand.
„Wie es Sirius geht, ist mir egal“, sagte er. Seine Stimme war leicht zittrig, doch ich war mir sicher, dass nur ich es bemerkte. „Er ist nicht mehr mein Problem.“
Ich wusste, es war ihm nicht egal. Doch in der Gegenwart von Mulciber hielt ich es für klüger, ihm das nicht zu sagen. Mein Blick verweilte noch für einen Moment auf seinem blassen Gesicht, dann wandte ich mich ab und verließ den Korridor.
„Ich hatte schon gedacht, du kommst nicht mehr“, sagte Lily, als ich mich außer Atem neben sie fallen ließ.
„Sorry“, keuchte ich. „Die Gänge waren verstopft.“
„Ich hasse diese Erstklässler“, brummte Marlene.
„Du warst selber einmal einer dieser Erstklässler“, erinnerte ich sie. „Außerdem waren das überhaupt keine.“
Sie verdrehte nur die Augen und ich beließ es dabei. Meine Gedanken waren ohnehin woanders.
Ich wusste, dass Black irgendwo hinter mir im Raum saß und ich hätte mich gerne nach ihm umgedreht, doch ich wollte nicht, dass er bemerkte, wie ich ihn anstarrte, also blieb ich so sitzen, wie ich war. Vielleicht hätte ich ihm das mit seinem Bruder sagen sollen, doch ich sah keinen Sinn darin, ihn unnötig in Aufruhr zu versetzen. Weshalb sollte ich ihm sagen, dass Regulus so tat, als wäre er ihm egal?
Mein Zaubertrank kochte diese Stunde über und Slughorn zog mir zwanzig Punkte ab. Lily hätte es verhindern können, doch als sie bemerkte, dass ich dabei war, die Aalaugen in den Trank zu werfen, bevor ich den Kessel vom Feuer nahm, und eine Warnung ausstieß, war es bereits zu spät. Fieberhaft sah ich mich nach irgendetwas um, das ein Überkochen verhindern könnte, während mein Trank bedrohlich zischte, doch da stieg der Inhalt meines Kessels auch schon über dem Rand auf und mir blieb nichts anderes übrig, als schnell zurückzuspringen, wenn ich mit der schäumenden Suppe nicht in Kontakt kommen wollte.
Plötzlich verschwand der orangene Trank – wenn man das Gebräu überhaupt noch als Trank hätte bezeichnen können – und Professor Slughorn tauchte neben mir auf. Betrübt schnalzte er mit der Zunge. „Miss Bennet, was haben Sie da schon wieder angerichtet?“
Alle starrten mich an.
„Ich, äh, ich weiß es nicht genau, Sir.“
„Nun, dann wird es für nächste Stunde Ihre Aufgabe sein, das herauszufinden“, sagte Slughorn. Ich verkniff mir ein Stöhnen. Zwei Aufsätze für Zaubertränke – als hätte ich nicht schon genug zu tun. „Wenn Sie so weitermachen, werden Sie einen Tutor benötigen. Vielleicht würde Mr Snape sich bereiterklären-“
„Nein!“, rief ich aus und wurde rot als ich bemerkte, dass ich es nicht nur viel lauter gerufen hatte, als beabsichtigt, sondern auch, dass uns alle noch immer beobachteten. Professor Slughorn hob seine Augenbrauen. „Ich meine... Das wird nicht nötig sein, Sir. Lily hilft mir schon.“
Lily, die bisher mich beobachtet hatte, schaute nun schnell zu Slughorn hinüber und setzte ein freundliches Lächeln auf. Vermutlich bemerkte nur ich die Nervosität dahinter.
„Nun, dann sind Sie natürlich ebenfalls in guten Händen“, sagte Slughorn langsam. „Doch Sie sollten Miss Bennet ein bisschen härter rannehmen, Miss Evans.“
Lilys Lächeln verkrampfte sich. Ich verzog die Miene.
Professor Slughorn seufzte auf. „Fangen Sie nochmal neu an.“
Ich verließ den Kerker mit meiner Nase im Zaubertrankbuch, dicht gefolgt von Lily, Alice und Marlene, die mich aus dem Weg zog, sobald ich im Begriff war, jemanden umzurennen oder gegen eine Wand zu laufen. Beziehungsweise Lily und Alice achteten darauf. Marlene hätte es witziger gefunden, wenn ich mir das Treppengeländer in den Bauch gerammt hätte.
„Hey, Leute- Fiona, du weißt schon, dass es nicht so klug ist, im Gehen zu lesen, oder?“
Ich blickte auf; wir waren im Gang auf Mary getroffen, die mich nun mit einer erhobenen Augenbraue anschaute. „Ich hab ja Lily als persönliche Beschützerin“, meinte ich.
„Mhm“, machte Lily neben mir und schaute mich vielsagend an. Ich lächelte leise.
„Ah warte, da fällt mir ein-“ Mary beobachtete mich fragend, während ich in meiner prallen Tasche herumkramte, bis ich schließlich triumphierend ein dünnes Buch herauszog und es ihr reichte. „Hier, bitte.“
Sie warf einen Blick auf den Titel. „Ah, super, danke. Das hatte ich schon fast vergessen.“
Ich zog meine Hand leicht zurück. „Du musst es auch nicht lesen, wenn du nicht willst-“
„Nein, nein, ich will es schon lesen.“ Mary nahm mir die Ausgabe von Herr der Fliegen ab. „Ich habe nur ein Gedächtnis wie ein Sieb; erinnere mich daran, dass ich es dir wieder zurückgebe.“
Ich grinste. „Mach ich.“ Dann drehte ich mich zu Lily um. „Bibliothek?“
„Mittagessen.“
Bei der Erwähnung von Essen grummelte mein Magen plötzlich; ich legte eine Hand auf meinen Bauch, während Mary lachte.
„Ich hab Hunger, bewegt euch“, sagte Marlene und schob uns in Richtung Große Halle. Wir ließen uns von ihr mitziehen und setzten uns zu fünft an den sich schnell füllenden Tisch. Ich klappte mein Zaubertrankbuch wieder auf, während ich mir geistesabwesend Bratkartoffeln auf den Teller schaufelte. Nur am Rande kriegte ich mit, wie Alice spaßeshalber fragte, ob sie dem Gobstein-Klub beitreten sollte und als Antwort von Marlene eine so heftige Kopfnuss verpasst bekam, dass ihr Gesicht beinahe mit der Tischkante kollidierte. Ich versuchte stattdessen, in meinem Kopf die Schritte zu gehen, die ich bei der Zubereitung des Trankes gemacht hatte, und inwiefern sie von den Schritten im Rezept abwichen. Frustriert biss ich in eine Bratkartoffel, während ich versuchte, mich zu erinnern. Nicht mal ein einfaches Rezept befolgen konnte ich. Und jetzt hatte ich auf Anhieb sämtliche Punkte verloren, die Lily so mühselig bei Zauberkunst gesammelt hatte.
Erst, nachdem ich mit Lily eine weitere Stunde in der Bibliothek gepaukt hatte, verstand ich endlich, was ich alles falsch gemacht hatte. (Es waren nicht nur die Aalaugen gewesen.)
Erschöpft lehnte ich mich auf dem Stuhl zurück. „Jetzt's versteh ich's.“
Lily lächelte zufrieden. „Sehr gut. Soll ich dir helfen, den Aufsatz dazu zu schreiben?“
„Nein danke, das versuche ich erst einmal alleine.“ Ich seufzte auf. „Zwei Aufsätze für Zaubertränke. Womit habe ich das verdient?“
„Du hast einen Kessel in die Luft gejagt.“
Gespielt missbilligend sah ich sie an. „Es nützt nichts, in der Vergangenheit zu schwelgen.“
Lily lachte. „Ich schau drüber, wenn du ihn fertig hast.“
„Du bist ein Engel.“
„Danke. Aber ich glaube dein Hauptproblem liegt nicht darin, dass du das Rezept nicht verstehst, sondern dass du nicht ins Rezept schaust.“
„Ja, wahrscheinlich. Ich denke immer, ich weiß noch, was da stand, aber dann weiß ich es offensichtlich wohl doch nicht mehr. Aber ich hab auch nicht dieses Feingefühl. Zum Beispiel mit dem Rühren. Das mache ich immer irgendwie falsch, entweder zu langsam oder zu schnell oder zu heftig und dann rühre ich auch mal ausversehen einmal zu viel oder ich vergesse, dass ich die Richtung wechseln muss...“ Ich seufzte auf.
„Ach, das schaffst du schon“, sagte Lily überzeugt. „So schwer ist das gar nicht. Das ist alles Übungssache. Wir gehen einfach mal zusammen in den Kerker und brauen ein paar einfache Tränke.“ Sie lachte, als sie meinen Gesichtsausdruck sah. „Du wirst nur besser, wenn du dranbleibst, Fiona. Das ist genauso wie beim Zeichnen.“
Ich verzog das Gesicht, als ich mich unwillentlich an meine ersten Zeichenversuche erinnerte. „Ja... Ja, klar, hast schon Recht.“
Sie zwinkerte und nahm ihre Feder zur Hand. „Also – bereit für Runde zwei?“
Ich ließ die Schultern kreisen und streckte mich kurz, bevor ich ebenfalls meine Feder vom Tisch aufhob. „Bereit.“
Review schreiben