Kriegerherz und Drachenseele

GeschichteDrama, Fantasy / P18 Slash
11.06.2015
01.08.2019
58
165008
8
Alle Kapitel
34 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Gibt es Menschen ohne Seele?

Eine alte nordische Legende besagt, dass Kinder, deren Eltern schwere Verbrechen gegen ihr eigenes Volk begangen haben, ohne Seele geboren werden. Sie tragen die Last ihrer Väter und zahlen die Schuld gegen die Menschlichkeit ab durch ein Leben ohne Liebe, ohne Wärme, ohne Hoffnung. Sie können nicht lieben, und sie können nicht geliebt werden. Die ihnen gewährte Lebensspanne ist geprägt von Schmerz und Hoffnungslosigkeit, von Angst, Unrast und Verzweiflung, denn nicht alle Gefühle werden ihnen von den Göttern verwehrt. Aber sie sollen niemals die tröstende Umarmung, den süssen Kuss einer geliebten Wesens, niemals die bange Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen erfahren. So steht es in den Annalen der alten Nord geschrieben.
Ist Brynjar Sturm-Geborener, den man Splitterseele nennt, ein solches Geschöpf, das für die Sünden eines Vaters zahlen soll, der ihm niemals Vater war? Wie geht der einzige Mensch, der es wagt, sich ihm zu nähern, der die Mauern aus Kälte und frostiger Starre mit seiner Liebe durchbrechen will, damit um, ohne selbst daran zu zerbrechen?

Dies ist die Geschichte von Brynjar und Farkas.

*******************************************

Kapitel 1 – Das Erwachen

Finsternis, stockdunkle Nacht umgab ihn, als er zu sich kam. Eine beissende Kälte steckte ihm tief in den Knochen und lähmte ihn, als er versuchte, sich zu bewegen. Und es stank, dass ihm übel wurde. Es stank nach Moder, nach Verfall, nach Angst und nach Blut, und es stank nach den menschlichen Überresten von tausend Legionen.

Wo war er? Benommen schüttelte er den Kopf, versuchte, die lähmenden Schmerzen zu ignorieren. Dann kehrte die Erinnerung zurück. Kaiserliche Soldaten hatten ihn erwischt, als er in einem kleinen Dorf ein Brot stahl, mit dem er seinen ausgehungerten Magen hatte füllen wollen. Ohne ihn anzuhören, hatten sie ihn in dieses winzige Verlies gesperrt. Mühsam versuchte er, sich aufzurichten, sie hatten ihm mit einem derben Knüppel einen Schlag auf den Kopf verpasst, als er sich gegen die Festnahme gewehrt hatte, und nun brummte ihm der Schädel, als hätten es sich Hunderte von Bienenvölkern darin gemütlich gemacht. Langsam fuhr er mit der Hand an seine Stirn, spürte verkrustetes Blut unter den Fingerspitzen.

Mühsam versuchte er, sich aufzurichten, verlor jegliches Gefühl für Orientierung, selbst über seinen Gleichgewichtssinn hatte er hier, in der nahezu völligen Finsternis, keine Kontrolle und knallte schmerzhaft gegen die niedrige Decke seines Kerkers. Stöhnend brach er wieder zusammen, fand sich in einer weichen, breiigen Masse wieder, die einen bestialischen Gestank verströmte. Scheinbar hatte sich niemand die Mühe gemacht, den vorigen Bewohner seines Kerkers wegzuräumen, als dieser hier unten in Schmutz und Elend krepiert war. Angewidert kroch er davon weg, doch seine Möglichkeiten, dem undefinierbaren Etwas zu entkommen, wurden von den feuchten Mauern des Verlieses begrenzt. Von ferne hörte er Schreie, Schreie von einer Intensität und dermassen schrill und unwirklich, dass sie nicht von Menschen stammen konnten, oder doch? Resigniert, hungrig und durstig, drückte er sich in die Ecke seiner Zelle, die ihm in der Finsternis die sicherste schien und knirschte mit den Zähnen vor Kälte.

Irgendwann wurde die Stille, die von immer wiederkehrenden Schreien durchbrochen wurde, durch näherkommende Schritte gestört. Er hob den Kopf und schloss gleich darauf geblendet die Augen. Jemand hielt eine Fackel in seine Richtung, die Tür zu seinem Gefängnis öffnete sich quietschend, und ein Mann fasste ihn am Arm, zerrte ihn brutal nach oben und auf den Gang hinaus. „Wie ist Dein Name, Bastard?“ Er schwieg Aus Hass, aus Verachtung für die, die ihm das antaten, weil seine Zunge und seine Lippen vor Durst nicht kooperieren wollten. Doch der Soldat liess nicht locker und stiess ihm die Faust in die Magengrube. Röchelnd ging er ein weiteres Mal zu Boden und versuchte, nach Luft zu schnappen, versuchte krampfhaft, den Schmerz wegzudrücken. Man liess ihm keine Zeit für solchen Luxus, der Soldat krallte sich in sein langes, rötliches Haar, riss ihn empor und liess sich von dem knurrenden Schmerzenslaut, den der Gefangene ausstiess, nicht beeindrucken. „Ich frage nicht noch einmal, Hurensohn: Wie ist Dein Name?“ Kaum hörbar, ausgehungert und vor Kälte schlotternd, nannte er den Namen, den er seit vielen Jahren nicht mehr gehört und ausgesprochen hatte: Brynjar Sturm-Geborener.

„Du lügst, Du falscher Hund! Ich habe gehört, dass man Dich Splitterseele nannte. Also, was nun?“ Die Frage wurde von einem weiteren, schmerzhaften Hieb begleitet, doch der Angesprochene beschloss, dieses einzige, das ihm noch geblieben war auf dieser Welt, das Geheimnis um seine Geburt, niemals irgendjemandem zu offenbaren, so krächzte er nur leise: „Ein Spitzname.“ Diesmal schien der Wachmann zufrieden und stiess den abgerissenen Kerl den dunklen, modrigen Gang hinunter, der nur spärlich von einzelnen, blakenden Fackeln erhellt wurde, die in unregelmässigen Abständen in Halterungen im morschen Mauerwerk befestigt waren und ein geisterhaft waberndes Licht erzeugten.

Mühsam und unter Schmerzen schleppte sich der Gefangene an anderen Zellen vorbei, verzweifelte Hände schossen ihm durch die Gitterstäbe entgegen, und ein kleiner Seitenblick ermöglichte es ihm, die Quelle der unsäglichen Schreie auszumachen. In einem hell erleuchteten Gewölbe hing ein Mann in Ketten an der Decke und brüllte sich die Seele aus dem Leib, während ein untersetzter Kerl mit blossem, schwitzenden Oberkörper mit aller Kraft eine Peitsche tanzen liess. Entsetzt schloss Brynjar die Augen und strauchelte, weil er eine tote Ratte auf dem Boden übersehen hatte, ein brutaler Tritt in die Seite brachte ihn jedoch schnell wieder auf die Füsse.

An einer Treppe, die nach oben führte, ging einer der Männer zur Seite, und der Wachmann, der hinter ihm ging, versetzte dem Gefangenen einen Stoss in den Rücken, der ihn auf die Stufen zutaumeln liess. Am Ende der Stufen wurde plötzlich eine in den Boden eingelassene Klappe geöffnet, das also erklärte das Fehlen jeglichen Tageslichtes in diesem Gewölbe, es war unterirdisch angelegt worden. Brynjar schloss vor Schmerz die Augen, die Sonne sandte ihr gleissendes Licht direkt in die von der Finsternis ermüdeten Pupillen. Da seine Hände auf dem Rücken gefesselt waren, hatte er keine Möglichkeit, seine Augen vor der Qual des schmerzhaften Lichtes zu schützen, hatte keinerlei Orientierung, wo er war, wo er hingehen sollte.

Man liess ihn einfach stehen an der Stelle, an der er aus dem Boden gekrochen war, und als er endlich seine Augen etwas öffnen konnte, sah er sich auf einem Platz stehen, mehrere Karren standen herum, die mit Pferden bespannt waren. Kaiserliche Soldaten jagten Menschen mit ebenfalls gefesselten Händen die Wagen hinauf und beschimpften sie als Verräter. Viel Zeit, seine Umgebung zu studieren, nach einem Fluchtweg zu suchen, blieb ihm nicht, denn auch Brynjar wurde nun gepackt und in die Richtung eines der Karren getrieben, auf dem bereits drei Männer sassen. Wenigstens lösten sie ihm die Fesseln und banden ihm die Hände vorne auf dem Bauch wieder zusammen, sodass er sich mühsam den Wagen hochziehen konnte und auf eine der Bänke fiel. Seltsam, der Mann neben ihm trug einen Knebel im Mund.

Gleich darauf setzten sich die Karren in Bewegung. Die ungepolsterten Gefährte machten es ihm unmöglich, ein wenig zu schlafen, die frische Luft in seine Lungen zu pressen. So hob er den Kopf und sah nach seinem Gegenüber, einem blonden Mann, der die Uniform der Sturmmäntel trug, einer Rebellengruppe um den selbsternannten Hochkönig Ulfric, der Himmelsrand von Windhelm aus von den Kaiserlichen befreien wollte. „Wer seid Ihr, Rotschopf?“ fragte der Blonde ganz ungeniert.
Brynjar schüttelte den Kopf, er wollte nicht reden, und es fiel ihm unglaublich schwer, auch nur zu schlucken. Stattdessen beobachtete er, wie sein Gegenüber nun versuchte, seinen Nachbarn auf der Holzbank in ein Gespräch zu verwickeln. „Wo kommt Ihr her, Dieb?“ Der kleine, schmächtige Mann zuckte zusammen und begann, zu jammern. Er gehöre nicht hierher, die Kaiserlichen haben es auf die Rebellen abgesehen, er sei nur zufällig hier hineingeraten. Er antwortete jedoch und erzählte, dass er aus Falkenring stamme. Er habe ja nur eine Flasche Wein mitgehen lassen in der Taverne, dafür könne man ihn doch nicht hinrichten, oder?

„Diese Fahrt ist unsere letzte, Dieb. Die bringen uns nach Helgen, und dort ist Schluss, findet Euch damit ab, unser Leben geht in der Festung zu Ende.“ „Nein, nein, das kann nicht sein, ich gehöre nicht zu Euch! Und der da, warum hat man ihn geknebelt, häh? Was ist das für einer?“ Selbst jetzt noch, dachte Brynjar still, im Angesicht des Todes, noch frech wie Rotz, der dürre Kerl. Der blonde Rebell, der sich seinen Mitgefangenen als Ralof vorgestellt hatte, wies den kleinen Mann zurecht. „Zeigt etwas mehr Respekt, Dieb. Das ist Ulfric Sturmmantel, unser Grosskönig!“ Und tatsächlich verstummte hier das weinerliche Gejammer, der Kutscher hatte jegliche Unterhaltungen verboten und seine lange Peitsche nach hinten schwingen lassen, um seiner Anordnung mehr Gewicht zu verleihen. Ausgerechnet Brynjar traf er mit seinem Schlag, auf die Wange, wo die Verletzung, die er sich bei einem Kampf zugezogen hatte, gerade zu heilen begonnen hatte. Er zog erschrocken den Kopf ein, doch schliesslich war es gleich, er war auf dem Weg zu seiner Hinrichtung, wen kümmerte es, dass er eine noch recht frische Wunde trug, die zudem von dem Schmutz seiner Kerkerhaft verunreinigt und entzündet war? Es würde nicht mehr lange dauern, bis sie Helgen erreicht hatten, und dort, auf dem Weg zum Richtblock, würden alle seine Sorgen ein jähes und unwiderrufliches Ende finden.

Das Rumpeln des Gefährts und seine Müdigkeit liessen Brynjar nach einer Weile in eine Art Dämmerzustand versinken. Nicht Wachen, nicht Schlafen, irgendwo dazwischen, ein Traum von Sovngarde. Würde man ihn überhaupt einlassen dort? Er hatte nichts geleistet, nichts zustande gebracht, als ein Leben in Armut und Starrsinn geführt, um nun, in seiner Heimat, einen Kopf kürzer gemacht zu werden. Wahrhaft ein ruhmreiches Leben, dachte er verbittert. In Sovngarde brauchte er erst gar nicht anzuklopfen – mit Schimpf und Schande würde man ihn davonjagen, wie so oft in der Vergangenheit, als er noch unter den Lebenden geweilt hatte.

Brynjar hatte jegliches Zeitgefühl verloren, schreckte auf, als sich Ralof wieder zu Wort meldete. „Wir nähern uns Helgen. Es gab hier mal ein Mädchen, sie war Schankmaid in der Taverne, und ich mochte sie sehr gerne. Ich wollte sogar um sie werben, aber dann kam der Krieg dazwischen. Was wohl aus ihr geworden ist? Ob sie noch immer dort die Gäste bedient, oder ob sie vielleicht sogar geheiratet hat? Ich werde es nicht mehr erfahren, aber ich hoffe, sie ist glücklich.“

Dann fuhren die Wagen in den Hof der Festung hinein und kamen, einer nach dem anderen, zum Stehen. Die Gefangenen wurden unter Peitschenhieben dazu aufgefordert, abzusteigen und sich in einer Reihe aufzustellen. Ein älterer Mann, der eine elegante Rüstung trug, sprach den geknebelten Mann an und beschimpfte ihn, das Land in den Krieg und ins Chaos gestürzt zu haben, während ein weiblicher Offizier den ersten Mann zum Richtblock rief. Die Priesterin, die bei der Hinrichtung zugegen war und ihren Segen sprechen wollte, wurde kurzerhand von einem der Todgeweihten zum Schweigen gebracht, dann wandte der sich ohne wenn und aber tapfer seinem Schicksal zu. Er ging in die Knie und legte seinen Kopf auf den Block, der Henker schien diesen Beruf schon sehr lange auszuüben, ein Schlag mit dem Beil genügte, um dem Rebellen, der so mutig für sein Land gekämpft hatte, den Lebensfaden zu durchtrennen, dieser Tote würde in Sovngarde ganz gewiss willkommen sein.

Ein anderer Offizier sprach nun Brynjar an und fragte ihn nach seinem Namen. „Brynjar Sturm-Geborener,“ antwortete die zerlumpte Gestalt wahrheitsgemäss. „Wir haben hier keinen Sturm-Geborenen auf unserer Liste, Hauptmann,“ wandte sich der Offizier an seinen Hauptmann. Die Frau sprach nun den älteren Mann an, der neben ihr stand. „General Tullius, dieser Mann dort steht nicht auf der Liste, was sollen wir mit ihm tun?“ „Er ist zwar kein Rebell, aber auch er kommt auf den Block, Diebe können wir in Zeiten wie diesen ebensowenig gebrauchen!“ „Aber General,“ mischte sich nun der andere Soldat ein, „Dieben hacken wir in Himmelsrand die Hände ab, aber nicht den Kopf!“ Der General lachte spöttisch. „Was soll er denn wohl ohne seine Hände anstellen? Er würde elend zugrundegehen, da er nicht mehr arbeiten kann, er könnte nicht einmal ein paar Almosen aufsammeln, die ihm irgendeine mitleidige Seele vor die Füsse wirft. Schenken wir ihm grosszügig - einen Gnadentod!“

Plötzlich ein Schrei in der Luft, dann ein Brüllen, ein ohrenbetäubendes, wütendes Fauchen, das direkt über ihren Köpfen ertönte, doch es war nichts zu sehen. „Weiter, da war nichts, Ihr da, zerlumpter Nord, Ihr seid der Nächste!“ Langsam, aber mit festen Schritten, bewegte sich Brynjar zum Richtblock. Er war niemand, er hatte niemanden, und er besass nichts, nicht einmal die fleckigen, feuchten Lumpen, die er auf dem vor Kälte schlotternden Leib trug, gehörten ihm. Vielleicht war dieser letzte Hieb wirklich eine Erlösung für ihn. Er hatte nichts und niemanden, zu dem er gehen konnte, so sollte also ein armseliges, von Entbehrungen geprägtes Leben hier zu Ende gehen. Wie es wohl sein mochte, das Jenseits, weitab von Sovngarde? Nicht schlimmer, als das Leben, das er auf Erden geführt hatte. Brynjar ergab sich in sein Schicksal und ging vor dem Klotz in die Knie. In Blickrichtung, genau gegenüber, stand ein braunes Pferd und sah ihn an. Ja, den Anblick eines treuen Tieres, das war es, was er in den Tod mitnehmen wollte, nicht die hässliche Fratze des Henkers. Er schloss ergeben die Augen und wartete.

Der Bulle in Menschengestalt hob bereits sein blutiges Mordwerkzeug, da erbebte plötzlich die Erde, und das Chaos brach aus. Brynjar fiel zur Seite und richtete seinen Blick nach oben. Ein Drache sass auf dem Turm der Festung! Ein grosser, schwarzer Kerl mit rot-glühenden Augen, die einen Hass verströmten, dass es fast körperlich zu spüren war. Brynjar starrte wie gebannt auf die riesige Kreatur, die ein lautes, boshaftes Brüllen ausstiess, das beinahe seine Trommelfelle zum Platzen brachte. Da war dann auf einmal Ralof an seiner Seite und zerrte ihn auf die Füsse. „Kommt, schnell! Vielleicht können wir ihnen entwischen! Die Soldaten sind jetzt anderweitig beschäftigt!“

Die beiden Männer rannten über den Hof, schon brannten einige Häuser, der Drache spie Rauch und Feuer aus, als wolle er den Weltuntergang herbeiführen. „Bleibt dicht an meiner Seite!“ forderte der blonde Rebell seinen noch immer gefesselten Begleiter auf. Um ein paar Ecken ging es, da kam plötzlich der Drache zu Boden und spie eine riesige Feuerwolke in Richtung der Soldaten, die mit ihren kleinen Pfeilen, die sie auf das schwarze Ungeheuer abschossen, mehr an Spielzeug-Soldaten erinnerten. „Kommt, hier hinein!“ rief Ralof und rannte in einen kleineren Turm hinein, schloss schnell die Tür hinter sich, vorerst waren sie sicher. Doch nun musste auch Ralof erst einmal wieder seinen Verstand wiederfinden. „Das war ein Drache! Ein Wesen aus uralten Zeiten, als gerade die Menschen geboren wurden! Die Nord dachten, sie seien längst tot, aber das sind sie nicht! Wo kommt dieser schwarze Kerl her? Und gibt es noch mehr davon?“

Die furchteinflössende Kreatur liess den beiden Flüchtlingen nicht viel Zeit, um Luft zu schöpfen und sich von ihrem Schrecken zu erholen. Mit einer urtümlichen Wut, die an Besessenheit grenzte, wütete der Drache in der Festung und legte sie in Schutt und Asche. Sein zorniges Gebrüll und das unheilverkündende Fauchen seines Feueratems trieb die beiden Männer weiter. „Kommt,“ rief Ralof Brynjar zu sich, „lasst mich Euch von den Fesseln befreien. Nehmt Euch die Sachen meines toten Kameraden hier. Ich bin sicher, er überlässt sie Euch gerne.“ Dann ging der Blonde neben dem gefallenen Sturmmantel in die Hocke, strich zärtlich über seine Stirn und versprach ihm, sich in Sovngarde mit ihm zu treffen.

„Weiter, weiter, den Turm hinauf!“ Brynjar hastete die zum Teil zerstörten Stufen hinauf, bis ihn ein herabgestürzter Balken am Vorwärtskommen hinderte. Ein grosses Loch war in der Mauer des Turmes entstanden, und plötzlich war der Drache da! Er steckte seinen riesigen Schädel durch die Öffnung und blies den beiden Flüchtenden seine Flammen entgegen, doch sie gingen schnell in Deckung und entgingen so seinem Angriff. Schon war das Tier wieder verschwunden und wütete unten auf dem Hof weiter. „Seht Ihr das Gasthaus dort auf der anderen Seite?“ sprach ihn der Rebell an. „Springt hinüber und lauft, so schnell Ihr könnt! Ich werde versuchen, Euch auf einem anderen Weg zu folgen!“

Brynjar fühlte sich so schwach, dass er kaum geradeaus gehen konnte. Ein Sprung – über diese Distanz? Ihm wurde schwindlig, und er zitterte. Doch dann drang Ralofs Warnschrei an seine Ohren, und mit einemmal war der Drache wieder da, liess sich mit einem mächtigen Poltern auf der Spitze des Turmes nieder und brachte dabei weitere Balken und Verstrebungen zum Einsturz. „Springt!“ schrie der Rebell, „Oder Helgen wird heute doch noch zu Eurem Grab werden!“ Nun endlich erwachte der ausgehungerte Nord aus seiner Lethargie, nahm einen kleinen Anlauf und streckte sich, so gut er konnte. Für eine fürchterlichen Augenblick sah es so aus, als würde er den Holz-Dachboden der Taverne verfehlen und in die Tiefe stürzen, aber er schaffte es, rollte sich auf dem Bretterboden zusammen und keuchte nach Luft. Wieder dröhnte das Gebrüll des Drachen in seine Ohren und liess ihm keine Pause. Wie von Trollen gehetzt, rappelte er sich auf und sprang durch ein Loch im Boden ins Erdgeschoss hinunter. Gehetzt sah er sich um. Wohin jetzt? Da fiel sein Blick auf eine vergessene Flasche Holunderbeer-Met. Alle Gefahr vergessend, griff er nach der Flasche, schlug ihr an der Kante eines Tisches den Hals ab und liess das bittere Gebräu seine Kehle hinabrinnen, es schmeckte köstlich!

Doch er musste weiter, stahl sich nach draussen, Tote und Verletzte bedeckten den grossen Innenhof, und noch immer war das lederne Flattern der riesigen Schwingen zu hören. Da war plötzlich Ralof an seiner Seite, packte ihn am Arm und zog ihn mit sich. So schnell sie ihre Füsse trugen, betraten sie einen Gebäudeteil, der noch relativ intakt war und sahen sich um. Es gab eine Tür, die aber verschlossen war. Hier würden sie nicht weiterkommen. Auch hier lagen Leichen herum, Soldaten, Sturmmäntel, und sogar der kleine Dieb aus Falkenring hatte es bis hierher geschafft, aber in seiner Brust steckte ein kaiserliches Schwert, er brauchte sich um den Verlust seines Kopfes oder seiner Hände keine Sorgen mehr zu machen. Mit geübtem Griff durchsuchte Ralof die Taschen des Toten und holte triumphierend zwei Dietriche heraus. „Hier,“ sprach er Brynjar an, „nehmt das und versucht, dieses Schloss zu knacken!“

Mit Schlössern kannte sich der Angesprochene gut aus, in Sekundenbruchteilen knackte es in der Verzahnung, und die Tür sprang auf. Ralof sah sich kurz um und wies seinen Begleiter an, alles Brauchbare mitzunehmen, drängte dann jedoch zur Eile. Die beiden Männer folgten dem einzig möglichen Weg, einem Gang, der in die Tiefe führte und stiessen nach einigen Metern auf eine Folterkammer, in der es sich mehrere Soldaten gemütlich gemacht hatten. Mit Schaudern betrachtete Brynjar die metallenen, verrosteten Käfige, in denen Leichen in allen Stadien des Verfalls eingeklemmt lagen. Unvorstellbar die Qualen, die sie hatten erdulden müssen, bis der Tod sie endlich erlöst hatte. Da griff ihn einer der Kerkermeister mit einem rot-glühenden Haken an. Nur zu gut erinnerte sich Brynjar an die fürchterlichen Schmerzen, die ein solches Gerät verursachen konnte, und mit einer rasenden Wut ging er auf den bulligen Mann los. Normalerweise hätte er in seinem geschwächten Zustand keine Chance gegen den Angreifer gehabt, aber sein Hass war so gross, dass er nur zwei Hiebe mit der Axt brauchte, um den Mann für immer zum Schweigen zu bringen.

Die beiden Flüchtlinge waren in der Unterzahl, aber sie hatten nichts zu verlieren, sie kämpften um ihr Leben und hatten nach kurzer Zeit alle fünf Gegner besiegt. Erschöpft sank Brynjar zu Boden, auch der blonde Rebell war am Ende, lehnte sich kurz an eine der feuchten Mauern und keuchte. Doch schon mahnte er erneut zur Eile. Eine hochgelassene Brücke wollte ihnen den Wg versperren, aber Ralof legte kurz entschlossen den Hebel um. Was blieb ihnen anderes übrig? Es gab keinen anderen Weg für sie. Noch einmal ging es eine kleine Treppe hinab, dann veränderte sich das gemauerte Gestein der Festung, und sie betraten eine natürliche Höhle. „Achtung!“ schrie der Rebell plötzlich, als sie von einigen riesigen, zischenden Frostbiss-Spinnen umzingelt wurden, die die beiden Eindringlinge sofort mit ihrem säureähnlichen Gift besprühten. Dann war es so schnell vorbei, dass sich Brynjar verblüfft umsah, tatsächlich, keines der giftigen Biester regte sich mehr. „Los, weiter!“ mahnte sein Begleiter und verschwand um eine Biegung. Der Weg nach draussen schien endlos, die beiden Männer folgten dem schmalen Pfad nach oben, nach unten, nach rechts und nach links, bis sie in einiger Entfernung eine schmale Öffnung erkennen konnten, die grelles Tageslicht einzulassen schien.

Ralof war ausser sich vor Freude und rief: „Endlich! Das ist der Weg in die Freiheit! Ich wusste, wir würden es schaffen!“ Auch Brynjar war erleichtert. Die kleine Flasche Met in der brennenden Schänke in Helgen war weit davon entfernt gewesen, seine erschöpften und ausgelaugten Lebensgeister wieder zum Leben zu erwecken, und die Kämpfe und der lange Weg hatten noch weiter an seinen wenigen Kraftreserven gezehrt.

Endlich, der letzte Schritt hinaus aus dem ewigen Zwielicht – hinaus in den Tag und in die Freiheit!!! Immer noch stand die Sonne hoch am Himmel und schickte ihr gleissendes Licht in einer solchen Fülle zur Erde hinab, als sei nichts geschehen. Als sei die stolze Festung Helgen nicht gefallen, als habe nicht ein Drache Tod und Verderben gebracht, Menschen das Leben geraubt und nichts als Zerstörung zurückgelassen. Aber doch – so paradox es auch klingen mochte – das Erscheinen und der Angriff des Drachen hatte ihm das Leben gerettet, ihm und seinem neuen Freund, es war wie eine Wiedergeburt, und Brynjar, der Heimatlose, der Gebrochene an Leib und Seele, beschloss, ein neues Leben zu beginnen.