Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Die Anderen

von Reeba
GeschichteAbenteuer, Drama / P16
Hoban Washburne Kaywinnit Lee Frye Malcolm Reynolds River Tam Simon Tam Zoë Washburne
10.06.2015
12.07.2016
15
72.375
5
Alle Kapitel
30 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
10.06.2015 5.021
 
I. Schatzjäger


Das letzte deutliche Audiosignal lag ein paar Stunden zurück.
Seitdem war da nur ein Wispern in den offenen Frequenzen, ein Knistern, ein geisterhaftes Stöhnen und Pfeifen, ganz selten geadelt durch Satzfragmente oder Wortfetzen. Stimmen in der Weite des Raums.

Wash seufzte. In den Pilotenstuhl gelümmelt, betrachtete er die beiden Plastikdinosaurier, die auf dem oberen Rand seiner Steuerkonsole standen. Sie waren mit Isolierband festgeklebt, damit sie im Falle ruckartiger Manöver nicht herunterfielen. Im Moment befanden sie sich nicht in Gefahr. Im Moment glotzten sie mit ihren dunklen Plastikaugen ins Nirgendwo, zu öder Sternguckerei verdonnert, so wie Wash.
Das war zugegebenermaßen ein bisschen übertrieben.
Er liebte den Platz hier oben, das Fenster der Brücke, diesen kleinen Ausschnitt Unendlichkeit. Auch die Brücke selbst lag ihm am Herzen, obwohl sie ungefähr denselben Charme besaß wie das Innere eines betretbaren Frachtcontainers.

Plötzlich wieder wachsam, beugte Wash sich vor und machte die Augen schmal. Von irgendwo in der allgewaltigen Schwärze kam ein schwaches Glimmen, der Widerschein einer Sonne, aber das war auch schon alles.
Dieser Sektor des Sternensystems galt als ausgestorben. Kaum Schiffsverkehr. Die bewohnbaren Planeten hatten sich Isola angeschlossen und steckten teilweise noch mitten in der Kolonisierung. Und bis diese Kolonisierungsprojekte abgeschlossen waren und der Sektor attraktiver wurde, benutzten sowohl die Allianz als auch Siedler und Händler ihn als Schrottplatz. Zwischen den großen Anhäufungen von Asteroiden und Zwergplaneten trieb der Auswurf eines Systems, das seinen eigenen Mittelpunkt noch nicht gefunden hatte.
Wash musste die Sensoren nicht einmal bemühen, er sah diesen Auswurf im Frontfenster.
Gerümpel. Wrackteile. Und ganze Schiffe.
Sie trieben zwischen den Körpern der Planetoiden, dunkel und vergessen, wie Wagen am Rand einer lange aufgegebenen Transportpiste.

Über dieses Gebiet existierten keine verlässlichen Berichte, nur Gerüchte, und auch die wurden höchstens zwischen Schmugglern und Händlern erwähnt. Tipps führten hierher, aufgeschnapptes Gerede, sonst nichts.
Niemand war hier draußen – keine Patrouillen, keine Sonden, keine Siedlungsfrachter.
Nur Leute wie Wash und seine Begleiter.

Die Serenity hing einsam im offenen Raum.
Die Bewegungslosigkeit war eine Illusion. In Wahrheit manövrierte das Schiff mit Minimalgeschwindigkeit zwischen den Asteroiden hindurch. Am Heck, wusste Wash, glich der Antrieb einem matten Glühen. Die Sensoren hingegen arbeiteten auf Hochtouren: ein voller Scan der Umgebung jede halbe Stunde, ein Scan der nahesten Körper, wann immer die Sensoren über ein halbwegs intaktes Schiff oder einen Planetoiden wanderten.
Nein, es gab keinen Grund, ungeduldig zu werden. Der Pilot überprüfte die erleuchteten Anzeigen des Hauptmonitors. Schließlich suchten sie erst seit acht Stunden.
Und daher auch kein Grund für die Anderen, ihn abzulösen.
Es sei denn, er fand etwas. Oder Zoe kam hier hinauf, um ihn zu besuchen.

Ein Piepen ertönte, bevor Wash erneut seufzen konnte.
Er aktivierte den am weitesten rechts befindlichen Seitenmonitor.
Die registrierte Masse war so nah, dass die Ausgleichskräfte des Schiffs auf sie reagierten – nah genug für einen simplen Blick.
Der Asteroid trieb schweigend neben der Serenity her. Für einen Asteroid dieses Sektors war er relativ klein, vielleicht zwanzigmal so groß wie das Schiff. Trotzdem hatte seine Nähe etwas Bedrohliches. Hinter dem Koloss konnte Wash einen zweiten Asteroiden ausmachen.
Zwillinge.

Nach einem vorsorglichen manuellen Scan widmete Wash seine Aufmerksamkeit wieder dem offenen Raum. Er hatte kaum Zeit, ehrfürchtig an diese unendliche Schwärze zu denken, an die Nadelpunkte ferner Sterne, an den immerwährenden Horizont mit seinen Verlockungen in Form von Raumhäfen und Hypertoren. Sein manueller Scan verursachte ein zweites Piepen.
Wash runzelte verwundert die Stirn.
Die Asteroiden waren bereits erfasst. Er schaute noch einmal durchs Sichtfenster auf die beiden rötlich vor dem schwarzen Hintergrund abgehobenen Körper. Langsam schob sich das Schiff an ihnen vorbei. In Kürze würden sie Wash ihre dunkle Seite zeigen.
Nummern flackerten über den Monitor: Masse, Entfernung, voraussichtliches Verlassen des Einflussbereichs der Asteroiden. Er achtete nicht darauf. Nach einem Zögern steuerte er die Serenity in einem Bogen an den Zwillingen entlang.
Er wollte es selbst sehen. Weil es zu früh war und ein bisschen zu leicht ging. Weil sie sich insgesamt nur einen Tagesflug außerhalb der Allianzrouten befanden. Und weil da, logisch gedacht, keine dritte Masse neben den beiden Asteroiden hätte sein dürfen.

Die dunkle Seite des ersten Asteroiden tauchte auf. Zwischen ihm und seinem Zwillingsbruder herrschte tatsächlich so etwas wie Nacht, so als schaue man auf einen bodenlosen Spalt, dessen oberste Ränder ganz sacht von einer Sonne berührt wurden.
Und doch hing das Schiff gut sichtbar in der Lücke.
Es war nicht eingeklemmt, sondern schien am vorderen Asteroiden zu haften, mit Stahlklammern oder einem Unterdruckmechanismus befestigt: ein mittlerer Frachter, zweimal so groß wie die Serenity, nicht neu, aber recht gut erhalten.
Solange die Asteroiden ihre Position und Anordnung beibehielten, würde das Schiff nicht abtreiben.
Wash starrte in den Spalt, auf die hässliche, rostfarbene Hülle des Frachters, wo die Schatten sie nicht komplett verbargen.
Die Stingray

Nach einer Weile, abwesend, drosselte der Pilot den Antrieb. Knapp außerhalb des Anziehungsbereichs der Asteroiden, verharrte die Serenity jetzt neben ihnen.
Ein ausgedehnter Sektor, einige Millionen Quadratmeilen groß. Sie hatten sich eine Woche gegeben, die nicht gerade detaillierten Karten im sprichwörtlichen Handgepäck.
Über den Schrottplatz mochte man ja schnell stolpern – aber über einen einzelnen Wagen?
Doch sie hatten sie gefunden, ohne Zweifel. Wash konnte keinen Namen auf der Schiffshülle sehen, aber er erinnerte sich an die Aufnahmen des Schiffes.

Er betätigte das Intercom. „Wash hier.“
Die Stimme einer Frau antwortete. „Was ist los, Schatz?“ Zoe. Sie lachte. „Soll ich raufkommen und dir Gesellschaft leisten?“
Zu jedem anderen Zeitpunkt hätte er das enorm zu schätzen gewusst.
Jetzt sagte er nur: „Ihr kommt besser alle. Sag Mal Bescheid.“ Er hörte die Nervosität in seinem Tonfall. „Ich glaube, wir haben einen Treffer gelandet.“

***

‚Sing und tanze, Nachbarsmädchen,
rund um unsern Kreis –ʼ‚
Sie traute sich nicht, wirklich zu singen. Also summte sie bloß.
Da die Kabinentür geschlossen war, schwang sie probehalber die Arme. Der Tanz war eine Weile her. Exakt zwei Monate und vierzehn Tage. ‚Eine Weile‘ klang besser.
Mitten in einer zaghaften Drehung stoppte sie, die Arme plötzlich steif, den Kopf vorgestreckt, lauschend – nicht nur mit den Ohren, sondern mit ihrem ganzen Wesen.
Das Beben des Bodens, die andauernde, sanfte Vibration, erstarb unter ihr. Dann war sie ganz verschwunden.
„Sing und tanze?“, fragte sie zitternd.

Das Schiff hatte angehalten.
Raum. Offener, gähnender Raum. Sie schloss die Augen und sammelte sich. Da waren – Eins – dröhnende Schritte, dann – Zwei – matt kreisende Turbinen, - Drei – Stimmen innerhalb und außerhalb ihres Schädels, und letztlich – Vier – die Stille des gewaltigen Alls. Warum sie all das nicht schon vorher wahrgenommen hatte, wusste sie nicht, aber jetzt drangen diese Dinge von allen Seiten her auf sie ein.
Das Blut verließ ihre Lippen, um ihr rückwärts in den Körper zu laufen. Sie machte die Augen ganz weit auf.

Jenseits der halbdunklen Absätze, der eisernen Treppen und der Geländer, durch deren Lücken sie oft stundenlang die Beine baumeln ließ, lauerten sie im Nichts – zwei wuchtige Kugeln, so viel Masse, dass man den Atem anhalten musste. Zwei Formen, die sich langsam drehten, wie Tänzer, ja, wie Tänzer, ohne einander je zu berühren. Und falls sie es doch taten, würde es ein fürchterliches Erzittern geben, ein Krachen, ein Splittern abgesprengter Felsblöcke, alles lautlos, denn da war keine Luft, die irgendein Geräusch zugelassen hätte.
Sie konnte es trotzdem hören und zuckte zusammen.

Aber das war es nicht. Das beschrieb nicht annähernd, was sich dort draußen befand. Aus dem Nichts, schlimmer als die Masse der Körper, die sie zu ersticken drohte, kam ein ganz anderes Schweigen.
Schweigen, wo keines sein sollte.
Sie senkte die Arme, öffnete die Kabinentür und trat in den Gang hinaus.
Nackte Füße auf Stahl. Flüchtig erschreckte sie das tappende Geräusch. Aber das war sie ja selbst. Dummes Mädchen.
Die Stimmen hatten hinter imaginären Vorhängen gewartet. Nun waren es so viele.
Flüstern. Kratzen. Jemand häufte Befehle aufeinander, bevor Gewalt und Grauen ihn zum Verstummen brachten.
Und als sich River Tam auf ihrem Weg zu den Gemeinschaftsräumen diesen fernen Stimmen hilflos öffnete, war es neben einer gestaltlosen Angst auch Neugier, die sie antrieb. Neugier, die sie in dieser Art lange nicht mehr verspürt hatte und die sie nicht begriff.

***

Am Esstisch der Besatzung war Captain Malcolm Reynolds damit beschäftigt, sich durch einen Haufen Sektorkarten zu wühlen, unterstützt von einem ziemlich desinteressierten Jayne.
Die Tischplatte zwischen den Männern verschwand fast unter Papier. Sehr, sehr viel Papier. Das meiste davon unbrauchbar.
Auf dem Propangaskocher der Küchenzeile köchelte Tee vor sich hin. Der Geruch nach Gewürznelken und Zimt war kaum zu ignorieren, aber Mal sah erst auf, als sich der Mann ihm gegenüber erhob.
Der Anblick eines Jayne, der mit einem Teekessel herumhantierte, schoss wirklich jeden Vogel ab. Trotzdem zuckten Mals Lippen nicht einmal.

Er war ein großer, glattrasierter Mann in seinen späten Dreißigern, einigermaßen schlank, aber kräftig von Körperbau, mit braunem Haar, einer Vorliebe für Handfeuerwaffen und derzeit nicht allerbester Laune.
Jayne setzte den Kessel ab und gähnte ungeniert. „Dieses Herumgewühle in Karten macht mich ganz schläfrig“, sagte er halb entschuldigend.
„Suchen beinhaltet Karten, Jayne“, erwiderte Mal und sah dem Anderen dabei zu, wie er sich den Bart kratzte. „Tut mir leid, wenn dich das schockieren sollte.“

Wie üblich, stellte der Captain der Serenity fest, schlug sich seine eigene Unzufriedenheit in sarkastischen Bemerkungen wider. Zumindest konnte er bei Jayne damit nicht viel Schaden anrichten. Denn wie üblich entgingen Jayne weite Teile der Ironie, ganz zu schweigen von versteckter Kritik.
„Tee?“, grinste er.
Trotz seiner Größe und seiner Muskeln erweckte er den Eindruck eines Schuljungen, der sich über jede vertrödelte Minute freut, die ihn von ungeliebten Aufgaben fernhält.
„Nein danke.“
„Sicher? Riecht ganz okay, das Zeug.“
„Ich bin sicher.“ Mal wandte sich wieder den Karten zu. Er glättete das billige Papier.

Zwei Millionen Meilen außerhalb der Allianzrouten befanden sie sich in einem Niemandsland, übersät von den rostigen Hinterlassenschaften der nahesten Häfen und Kolonien – ein Friedhof treibender Wracks. Nichts als grob zusammengestoppelte Vermessungen. Kein vernünftiger Mensch machte sich die Mühe, den Quadranten ordentlich zu kartographieren.
Sie hatten sieben Tage für die Suche angesetzt – zu wenig für ein Gebiet dieser Ausdehnung, zu viel für risikoloses Umherfliegen in der Nähe der Allianzschiffe.
Dazu kam noch: selbst wenn sie etwas entdeckten, war da immer noch der Rückflug nach Isola. Weitere Tage in ständiger Gefahr, durchsucht zu werden. Und diesmal ging es nicht um Proteinbarren oder elektronische Geräte – die sie leicht verstecken konnten -, oder Vieh – das sie überhaupt nicht verstecken mussten.

„Das hier“, beugte sich Jayne soeben über eine weitere Karte, „ist ein Klasse-2-Asteroid. Ich dachte, es gibt nur Felsen und Staub in dieser Gegend.“ Er hatte sich wieder hingesetzt und seinen Becher auf einem Stapel Koordinatenlisten abgestellt.
„Ist trotzdem nur ein kreiselnder Felsblock“, sagte Mal nach einem Blick auf die Karte. „Hält die benachbarten Asteroiden in einer Art Balance. Und nimm den Becher da runter.“
Dadurch, dass er widerspruchslos gehorchte, offenbarte Jayne nun doch einen Anflug von Interesse.
„Komisch“, sagte er. „Merkwürdige Gegend.“

Bevor Mal ‚merkwürdiger Auftrag‘ entgegnen konnte, erschien Zoe in der Tür des Bereichs, der der Crew als Küche und Speiseraum diente. Sie kam die kurze Treppe hinunter. Ihr dunkles Gesicht war angespannt.
„Wash auf dem Intercom“, berichtete sie mit gehobenen Augenbrauen. „Da ist etwas, das ihr euch vielleicht ansehen solltet.“
Durch seine Beschäftigung mit den Sektorkarten war es Mal entgangen. Jetzt registrierte er, dass der Schiffsantrieb nicht mehr vibrierte, sondern bloß noch summte. Was bedeutete, dass die Serenity im offenen Raum hing.

Mal erhob sich.
Die Vermutung war unsinnig. Es war viel zu früh. Mit ein paar Schritten gesellte er sich zu Zoe, und sie erklommen die Treppe, von Jayne gefolgt.
Auf dem Weg zur Brücke spulte sich immer derselbe Satz in Mals Kopf ab: Absolut unmöglich. Weiter kam er nicht. In seiner Magengrube hatte sich ein vertrautes Prickeln eingenistet. Gleichzeitig war da eine seltsame Vorahnung – oder nein, eher ein Gefühl, als sei seine Haut zu klein für seinen Körper und werde ihm von einer gestaltlosen Hand am Rücken zusammengezogen.

Der zerbrechliche Umriss, der neben der Treppe zur Brücke kauerte, ließ ihn für einen Moment denken, er sei der Anlass für diese Unruhe. Aber Simon Tam hatte Mal versichert, seine Schwester werde niemanden an Bord absichtlich beeinflussen.
Und als er sich der jungen Frau näherte, sah Mal, dass sie auch gar nicht in seine Richtung schaute. Der Vorhang langen, dunklen Haars war der Treppe und der offenen Brückenluke zugekehrt.
Links am Gang öffnete sich eine weitere Tür. Ein schlanker junger Mann mit aristokratischen Gesichtszügen und ebenfalls dunklem Haar trat heraus.
„Hallo, Doktor“, nickte Mal ihm zu, aber Simon Tam war offensichtlich zu besorgt, um zu antworten. Er hockte sich neben dem zerbrechlichen Umriss hin, der nicht das leiseste Anzeichen gab, irgendeinen von ihnen bemerkt zu haben.
Sie gingen an ihm vorbei und erklommen die Treppe zur Brücke, während er sich – wie Dutzende Male jeden Tag – um seine Schwester kümmerte.
„River?“, hörte Mal ihn sacht fragen. Dann, beschwichtigend: „Es ist alles in Ordnung. Du musst keine Angst haben.“

Das, dachte Mal vage, als er die Brücke erreichte, kam einer Lüge gleich. Es gab Dinge da draußen, vor denen man besser ein bisschen Angst hatte. Eine Menge Dinge.
River Tam mit ihrem übernatürlichen Sinn für Störungen war nur eins davon, und Mal hatte widerwillig gelernt, ihr kurioses Verhalten nicht als reine Verrücktheit abzutun.

Wash saß in seinem Pilotenstuhl. Er wandte den Kopf nach den Eintretenden, aber so, als müsse er sich dazu zwingen, das Frontfenster auch nur für eine Sekunde unbeobachtet zu lassen.
„Gut, was haben wir?“, erkundigte sich Mal – lockerer, als es seiner Anspannung entsprach.
Sein Pilot deutete nach vorn.
Zoe atmete hörbar ein.
„Yeh soo“, murmelte Jayne.

Zwillingsasteroiden, nah genug, um alles ohne ausgleichende Antriebsmodule an ihre Masse zu ziehen, waren sicherlich etwas, das man nicht alle Tage zu Gesicht bekam.
Aber sie trugen keine Schuld am Schweigen, das die Brücke jetzt erfüllte.
Zwischen den treibenden Kugeln, jede davon so groß wie eine ganze Stadt, wirkte das Schiff klein und verloren. Trotzdem ließ sich seine Klasse problemlos einschätzen.
Die unelegante, eckige Hülle war doppelt so lang wie die der Serenity. Das fremde Schiff besaß keine Flügel, nur ein doppeltes Antriebsmodul, erloschen, sodass der Frachter im Schatten kauerte.

Mal erkannte das Schiff. Dies war das Wrack der Stingray.
Seine Vernunft wehrte sich anstandshalber, und so stand er für eine Weile bloß da und starrte.
Schließlich fiel ihm etwas ein, das er sagen konnte.
„Okay. Das ist recht“ – er suchte nach einem adäquaten Wort – „unerwartet.“
„Und wie“, murmelte Zoe.
Der Nächste, der aus seiner Bewegungslosigkeit herausfand, war Wash. Immerhin hatte er etwas mehr Zeit gehabt, um sich an den Anblick zu gewöhnen.
Er berührte eine Konsole. „Sie ist nicht beschädigt“, sagte er. „Zumindest nicht schwer. Die Außenhülle scheint intakt zu sein.“ Damit schaute er zu ihrem Fund zurück. „Irgendjemand hat sie hier, na ja, abgestellt.“
„Abgestellt“, wiederholte Jayne in ehrfürchtigem Ton.

Mal fand seine Selbstkontrolle wieder, als Simon Tam zu ihnen auf die Brücke kletterte. Das Gesicht des jungen Doktors, auf dem die Sorge um seine Schwester jetzt von blankem Erstaunen ersetzt wurde, erinnerte ihn an Notwendigkeiten.
Das seltsame Gefühl, das ihn kürzlich befallen hatte, schrieb er größtenteils simplem Finderstolz zu – und der Möglichkeit, doch noch von der Allianz gestört zu werden.
„Na schön“, reckte er die Schultern. „Reines Glück, Leute. Beanspruchen wir es nicht über Gebühr.“ Die Besatzungsmitglieder schüttelten ihre Starre ab. „Zoe, Jayne, Frachtschleuse. Sagt Kaylee Bescheid, dass wir sie mitnehmen.“ Er warf Simon einen Blick zu. „Der Rest bleibt natürlich hier. Wer unbedingt helfen will, kann inzwischen im Hauptfrachtraum Platz schaffen.“
Es erstaunte ihn immer aufs Neue, wie ein paar Kommandos einer Gruppe Festigkeit zurückgaben.

Jeder schaute noch einmal zum Wrack hinüber. Dann aber eilten Zoe und Jayne davon. Wash kontrollierte die Sektorüberwachung – er würde derjenige sein, der nach eventuellen gegnerischen Schiffen Ausschau hielt. Simon Tam wich Mal schweigend aus, als der Captain die Brücke verließ.
Malcolm Reynolds war kein leichtgläubiger Mann.
Seinen Begriffen nach hatte so ein Zusammentreffen von Umständen fast automatisch einen Haken, und sein Instinkt für kuriose Ereignisse war geweckt. Andererseits: warum zur Hölle sollte die Serenity nicht zur Abwechslung einmal vom Glück begünstigt werden?

Mit einem innerlichen Schulterzucken folgte er Zoe und Jayne zum Frachtbereich. Keine Zeit, Bedenken zu wälzen. Sie würden selbst nachsehen müssen, was hier vor sich ging.
Und wenn die Hinweise etwas wert waren, würde es an Bord der Stingray eine Menge zu sehen geben. Hoffentlich auch etwas, das sie für ihre Mühe entschädigte und sowohl sie als auch ihren Informanten zufriedenstellte. Treibstoff, Ersatzteile und Nahrungsmittel fielen schließlich nicht vom Himmel.

Eine Viertelstunde später hatten sie sich in Raumanzüge gezwängt. Sie würden zu viert sein: Mal, Zoe, Jayne und Kaylee.
Es war unmöglich, von der Serenity aus zu bestimmen, ob Antrieb und Lebenserhaltungssysteme des anderen Schiffes noch arbeiteten, und Kaylee mit ihrem Händchen für Maschinen stellte eine unverzichtbare Unterstützung dar. Trotz seiner Entschlossenheit konnte Mal nicht anders, als sie zu bemitleiden. Jeder an Bord wusste, dass der offene Weltraum ihr Angst einjagte. Aber sie hatten kaum eine Wahl.

Sie konnten nicht an die Stingray andocken. Sie würden eine Sonde mit einem Sicherheitsseil zu ihr hinüberschicken, und sich dann an diesem Seil zum Wrack hinüber hangeln. Wash würde auf der Brücke bleiben, um das riskante Manöver zu überwachen.
Simon Tam allerdings war mit ihnen in den Hauptfrachtraum gekommen. Da Kaylee die Gruppe begleitete, hatte er zugestimmt, hier zu warten und die Luken von innen zu bedienen, falls nötig.

Mal überprüfte die Anzüge und sonstige Ausrüstung der Gruppe. Jayne trug einen Schneidbrenner und einen Notfallkasten mit einer Ersatzatemmaske auf dem Rücken, Zoe diverse Rollen Kabel und zwei Transportbehälter, Kaylee eine Kiste mit Modulen und Werkzeug. Er selbst hielt die Sonde in der linken Hand, erweitert um ein starkes, noch eingerolltes Stahlseil, und auf seinen Rücken waren zwei weitere Transportkanister geschnallt.
Sie alle waren mit Waffen ausgerüstet: kurzen Laserkanonen, und Jayne hatte seine Callahan dabei. Mal hatte nicht versucht, ihn davon abzuhalten. Ein unbekanntes Wrack – besser, sie führten auch schwere Artillerie mit sich.
Dann aber fragte er sich, warum er so dachte. Es war nur ein totes Schiff. Verärgert über die Anspannung, die ihn belästigte, verstärkte Mal seinen Griff um die Sonde.

„Also gut“, sagte er zu den Anderen, „sobald wir in der Zwischenluftschleuse stehen, wird unser Doktor die Heckklappe öffnen. Wir bleiben dicht an der Hülle, ich schicke die Sonde los. Mit etwas Glück sind wir in zwanzig Minuten drüben.“ Er berührte seinen Helm, der noch an seinem Gürtel baumelte. „Wir haben Sprechkontakt zueinander und zu Wash.“
Er erzählte hier niemandem etwas wirklich Neues, aber da die Crew nicht allzu oft im offenen Raum operierte, hielt er eine kleine Ansprache für eine gute Idee. Und das schien sie auch zu sein. Sogar Jayne hörte aufmerksam zu. Kaylee starrte ihn an und nagte an ihrer Unterlippe.
„Sollte nicht zu lange dauern“, fügte er hinzu. „Keine große Sache.“ Das war natürlich geschwindelt. Bevor ihm noch weiterer Blödsinn entschlüpfen konnte, endete er mit einem knappen: „Los geht’s.“

Simon verließ den Frachtraum und verschwand in einer separaten Kammer neben den Heckklappen.
Die Gruppe versammelte sich an der inneren Luftschleuse. Sie zogen ihre Helme auf und überprüften auch diese, während sich die erste Klappe öffnete.
Dahinter gab es gerade genug Platz für eine Handvoll Leute. Sie betraten diesen Zwischenraum und warteten. Die sich wieder schießende Klappe tauchte alles in Dunkelheit, und die einzigen Lichtquellen waren die innen gelb erleuchteten Helme.

„Kaylee“, sagte Mal. Seine Stimme klang flach und verzerrt im Gruppenintercom. Er ignorierte die Tatsache, dass die Anderen ihn ebenfalls hörten – wie Kaylee schauten sie in seine Richtung – und lächelte die Mechanikerin an. „Konzentrier dich auf das Seil oder auf die Stingray. Schau einfach geradeaus.“
Kaylee versuchte, sein Lächeln zu erwidern, und nickte tapfer.
„Das ist mein Mädchen.“ Mal nickte ebenfalls. „Guter Soldat.“
„Captain“, hörten sie Simon im Intercom, „bereit für den Druckabbau?“
„Sicher. Legen Sie los, Doktor.“

Sie wandten sich der Ladeklappe zu. Plötzlich machte sich das Vakuum innerhalb des Zwischenraums bemerkbar, und Sekunden später öffnete sich die Ladeklappe der Serenity.
Zuerst erschien ein schwarzer Rand längs der Klappe, schwarz selbst in der Dunkelheit, in der sie warteten, dann tauchte noch mehr Schwarz auf, von Nadelpunkten der Sterne gesprenkelt, und schließlich der offene Raum.
Sie machten drei, vier vorsichtige Schritte und standen auf einer kleinen Plattform – der heruntergelassenen Ladeklappe – am Rande der Unendlichkeit.
Die Serenity mit ihren hundertfünfzig Metern Totallänge schwebte still neben zwei Giganten aus Fels, mitten im Nichts aufgehängt. Wer immer hier das Pech hatte, zu fallen, musste sich um ein ‚hinaus‘ oder ‚hinunter‘ keine Sorgen mehr machen. Es gab nur ein allgemeines ‚ringsum‘ ohne jeglichen Boden, der einen Fall hätte bremsen können.

„Ladeklappe komplett geöffnet“, sprach Mal ins Intercom.
Alle lauschten ihm, und er hörte ihre Atemzüge. Regelmäßige Kommentare, wusste Mal, gaben ein Gefühl der Routine, der Verlässlichkeit. Das hatte der Krieg ihm beigebracht.
Er schaltete das System der Sonde ein und platzierte das Endmodul des Stahlseils neben der Ladeklappenöffnung. Es blieb dort haften, ähnlich wie die Stiefel der Gruppe, die festen Kontakt zur Klappe hatten.
Dann, mit einer durch die Schwerelosigkeit verlangsamten Schwungbewegung, schickte er die Sonde los. Das Stahlseil entrolle sich gemächlich, entfaltete sich schließlich zu einer dünnen, kurvigen Linie, während die Sonde ins All hinaustrieb.
Sie war erst schätzungsweise hundert Meter weit gekommen, als sie anfingen, an ihr zu ziehen: die Asteroiden.

Hastig aktivierte Mal den Magnetsensor der Sonde über Fernsteuerung. Ungeachtet der Kälte in seinem Raumanzug wurde ihm warm. Wenn der Magnet der Sonde und ihr Miniaturantrieb sich als zu schwach erwiesen, blieb der Gruppe nichts anderes übrig, als einen ‚Sprung‘ mit Rückendüsen zu wagen. Oder aufzugeben.
Der Captain der Serenity behielt die Sonde eisern im Blick. Hunderte von Dollar für Treibstoff, fünf Tage Flug und Kartenleserei, immer in Gefahr, von der Allianz entdeckt zu werden. Dieser ganze Mist durfte einfach nicht umsonst sein.
Die Stingray steckte dunkel zwischen den Asteroiden. Man konnte einigermaßen verlässlich einschätzen, wie viele Meter die beiden Schiffe voneinander trennten, und das Stahlseil war nicht unbegrenzt lang.  
Die Sonde schrumpfte auf die Größe einer Streichholzschachtel. Ihr rotes, blinkendes Auge war schon fast nicht mehr zu erkennen. Dahinter ragte Rostrot auf: die Hülle der Stingray. Die Sonde war fast dort.

Aber erst als ihr Auge erlosch und damit anzeigte, dass sich ihr Haftmechanismus an einem Untergrund festgesaugt hatte, traute Mal sich, zu blinzeln. Er schaute nach unten. Er hatte noch etwa zehn Meter Restseil in der Hand. Knapp, ganz knapp.
„Sonde hat angedockt“, sagte er.
„Seid vorsichtig“, kam Washs Stimme durchs Intercom.
Während Zoe die Position des Endmoduls überprüfte, wies Mal seine Begleiter an, dasselbe mit ihren Sicherheitshaken zu tun. Sie gehorchten gewissenhaft. Keiner von ihnen war scharf darauf, den Kontakt zum Stahlseil zu verlieren und ins Nichts davon zu segeln.
Als sie fertig waren, teilte Mal sie ein. „Jayne, du gehst als Erster.“
Der ehemalige Söldner nickte mit einer steifen Bewegung, für die er seinen gesamten Oberkörper beugen musste.
„Kaylee, danach kommst du.“ Mal hob eine besänftigende Hand. „Keine Sorge, ich werde direkt hinter dir sein.“
„Prima“, entgegnete sie, aber ihre Stimme klang zittrig.
„Zoe bildet die Nachhut. Okay, fangen wir an.“

Jayne löste den Haftmechanismus seiner Stiefel und begann, sich Hand über Hand von der Ladeklappe weg zu hangeln. Nach etwa zwanzig Metern sah es so aus, als klammere er sich etwas dringender an ihrer improvisierten Brücke fest – aufgrund der Anziehungskraft der Asteroiden, wie sein schwerer Atem verriet.
Die Anderen beobachteten ihn angespannt. Doch der große Mann zögerte kaum. Er bewegte sich stur vorwärts, Griff um Griff, und seine Position am Seil wirkte insgesamt stabil.
„Geht schon“, hörten sie ihn berichten. Dann, deutlich leiser, fügte er hinzu: „Ich hoffe, dieser ganze Dreck ist es wert.“
Mal zog es vor, darauf nicht zu antworten. Er war selbst nicht gerade begeistert von diesem Manöver, aber er musste Zuversicht ausstrahlen.

Allmählich schrumpfte Jayne zu einer Puppe. Die tiefe, rostgefleckte Finsternis des Spalts zwischen den Asteroiden rahmte ihn ein.
„Jayne?“
„Sekunde.“ Wieder angestrengtes Atmen. Dann: „Scheiße auch, dieses Ding ist riesig.“
Offenbar bezog er sich auf die Stingray.
„Natürlich ist sie riesig“, entgegnete Mal mit größtmöglicher Gelassenheit. „Bist du drüben?“
„Jup.“ Das sachte Rucken des Seils ebbte ab.
„Gut.“ Mal schaute zu Kaylee. „Jetzt du. Schön langsam.“
Sie leistete schweigend Folge. Das steife Material des Raumanzugs ließ nicht erkennen, ob ihre Hände zitterten. Mal half ihr mit den Sicherheitshaken und sah dann gemeinsam mit Zoe zu, wie die Mechanikerin ihre ersten Griffe machte. Schließlich musste sie ihre Füße von der Ladeklappe entfernen, und sie tat es, aber ihr Atem kam abgehackt.
„Weiter so.“ Man wartete, bis sie etwa zehn Meter entfernt war, bevor er den Haftmechanismus seiner eigenen Stiefel abschaltete. Zoe nickte ihm zu – sie würde ihm in kurzer Distanz folgen.

Schwerelosigkeit gestattete fast unbegrenzte Mobilität, aber man musste lernen, mit ihr umzugehen, genau wie ein Kind seine ersten Schritte lernen musste. Der Körper trieb gemütlich in irgendeine Richtung, die Organe in eine andere, und nur die eigenen Arme bestimmten, wohin es ging, wenn keine Rückendüsen im Einsatz waren. Viele Piloten und Dockarbeiter schwärmten von diesem Zustand. Mal fand auch nach Jahren noch, dass er ein ungeheuerliches Ärgernis darstellte.
Kaylee beobachtend, die recht gut vorankam, folgte er dem Seil und spürte, wie es sich spannte und vibrierte, weil inzwischen drei Leute daran hingen. Er hörte Atemgeräusche, sowohl seine eigenen als auch die seiner Gefährten, und das hauchfeine Schaben verschiedener Materialien im Inneren seines Raumanzugs. Trotzdem hatte er den Eindruck, unter einer gewaltigen Käseglocke zu stecken, und das hohle Gähnen des schwarzen Raums auf allen Seiten machte es nicht besser.
Jetzt ergriff ihn auch die Anziehung der Asteroiden. Das Stahlseil hielt. Der Schatten zwischen den Felskugeln rückte näher. Dennoch war es eine beunruhigende Erfahrung.

„Jayne“, sprach Mal ins Intercom, um sich abzulenken, „wie sieht’s mit der Einstiegsluke aus? Wash?“
„Ich gebe Jayne jetzt die Codes durch“, ließ sich der Pilot vernehmen. „Alles okay bei euch da draußen?“
„Fantastisch“, sagte Mal.
Jayne grunzte nur.
Kurz blieb es still, dann sagte Wash mit unverhohlener Skepsis im Tonfall: „Würde mich wundern, wenn unter diesen Codes ein Volltreffer wäre. Ich meine… das ist kein Vergnügungskreuzer, oder? Wie sollte ein einfacher Handelsinformant an diese Codes gekommen sein?“
„Keine Ahnung“, entgegnete Mal. „Immerhin wusste er, dass die Stingray in diesem Gebiet gestrandet ist.“

Wash hatte soeben ausgesprochen, was allen Mitgliedern der Crew spanisch vorkam. Aber in ihrer allgemeinen Notlage und mitten in einem riskanten Manöver war wenig Zeit für Bedenken. Mal näherte sich Kaylee. Sie waren jetzt dicht genug an das fremde Schiff herangerückt, um Details ausmachen zu können. Die Hülle sah tatsächlich intakt aus. Doch an zwei oder drei Stellen verunzierten dunkle Streifen das Rostrot.
„Kaylee, siehst du das?“, fragte Mal.
Der Helm der Mechanikerin wandte sich dem Schiff zu. „Ich sehe es. Rückstände von Laserbeschüssen.“
„Hat nicht allzu viel gebracht.“

„Ich unterbreche euer Geplauder ja nur ungern“, ertönte Washs Stimme wieder, „aber ich muss wirklich um ein bisschen ehrfürchtige Ruhe für das Durchgeben der Codes bitten. Jayne, bist du in Position?“
„An der Luke“, antwortete Jayne. „Hier ist das Panel.“ Noch einmal schweres Atmen: Jayne befestigte seine Saughaken jetzt an der Hülle des Schiffs, um die Hände freizuhaben.  
Mal schaute an Kaylee vorbei und erspähte Jayne in ungefähr fünfzehn Metern Entfernung vor einer abgeschrägten Fläche mit einer Vertiefung: die Hauptluke.
„Kann losgehen“, vermeldete der ehemalige Söldner.
Eine Pause, dann begann Wash, ihm Codes zu diktieren. Sie waren relativ simpel.

Die gesamte Besatzung hörte zu, ohne ein Geräusch zu machen. Niemand bewegte sich mehr. Gelegentlich spannte sich das Stahlseil, wenn die Serenity einen Meter abdriftete, doch Wash hielt das Schiff so akkurat in Position wie nur möglich.
Mehr Codes. Ein Schweißtropfen rann Mal über die Schläfe.
Er widerstand der Versuchung, sich zu Zoe umzuwenden oder Jayne nach einem Statusreport zu fragen. Er hatte den dritten Platz in der Reihe gewählt, um hinter Kaylee zu sein, und Jayne jetzt zu drängen, hatte keinen Sinn.
Sekunden später schien Zoe zu entscheiden, dass ihr Frontmann trotzdem einen Anstoß vertragen konnte. „Jayne“, sagte sie. „Meldung, bitte. Es wird langsam ungemütlich hier.“
„Momentchen“, erwiderte Jayne. „Wash, gib mir nochmal diesen letzten Code.“
Nummern.
Und Schweigen.

Dann sagte Jayne plötzlich: „Buke siyi! Dieser Dreckscode funktioniert.“
Man hörte ihm an, wie aufgeregt er war.
Ihre menschliche Perlenkette erwachte wieder zum Leben. Neben Kaylees sich bewegendem Umriss blinkte es rot und grün: das Signal einer Vakuumschleuse.
„Aufgepasst!“, befahl Mal scharf. „Weiter, Mei-mei“, spornte er Kaylee an, Washs freudigen Kraftausdruck im Ohr.

Sie hangelten sich die verbleibenden Meter entlang.
Jayne, der den Öffnungsmechanismus der Hauptluke, einen Hebel, wohlweislich nicht betätigt hatte, wartete neben der Vertiefung. Er hatte eine Hand ausgestreckt, um Kaylee bei ihrem Schritt vom Seil zur Hülle zu helfen, wo sie sich mit denselben Hafthaken sichern würde wie er.
Mal sah das gelb beleuchtete Gesicht der Mechanikerin für ein paar Sekunden. Trotz ihrer Angst spähte sie jetzt an der Hülle der Stingray entlang, und er hoffte, dass ihre erwachte Faszination ihre Furcht noch für eine Weile ausbootete.
Das Innere eines intakten Schiffswracks war dem Weltraum unbedingt vorzuziehen, aber sie hatten nicht die leiseste Idee, was sie auf der Stingray erwartete.

„Zoe?“, fragte Mal nach hinten.
„Schon da, Captain.“ Sie war bereits hinter ihm.
„Gut.“ Er musterte die Luke.
Dahinter gab es definitiv einen Zwischenraum – und sie wussten nicht, ob seine Vakuumsysteme noch in Betrieb waren. Eine überstürzte oder strategisch schlecht durchdachte Öffnung der Luke konnte leicht dazu führen, dass alle möglichen Dinge ins All hinaus gesaugt wurden und die Crew dabei gefährdeten. Aber irgendjemand musste den Hebel direkt an der Luke umdrehen.

„Jayne, Kaylee, ihr bleibt, wo ihr seid“, ordnete Mal an. „Zoe, du beziehst Stellung auf der anderen Seite. Falls es mich in die Unendlichkeit bläst, kann ich mich wenigstens noch entscheiden, wem von euch ich zuwinken will.“
Zoe widersprach nicht. Nach neun Jahren unter seinem Kommando wusste sie, dass es in manchen Situationen vergebens war, mit ihm zu diskutieren.
Sie hangelte sich langsam an ihm vorbei, erreichte die andere Seite der Luke und befestigte ihre Hafthaken.
„Sei vorsichtig“, bat Wash im Intercom.
„Aber immer doch.“ Mal brachte sich an die Luke heran und ergriff den Hebel mit der rechten Hand. Mit der linken Hand stemmte er sich gegen die Metallfläche, um genügend Druck ausüben zu können. „Na schön. Letzte Worte?“
Kaylee und Zoe starrten ihn stumm an. Jayne grinste.
Ein letzter Atemzug. Eine innerliche Bitte um Erfolg.
„Sesam, öffne dich.“ Mal legte den Hebel um.


________




Yeh soo (chin.) = Jesus!
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast