Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Ein bisschen mehr.

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P18 / Gen
Jan Böhmermann Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf OC (Own Character) Olli Schulz
08.06.2015
29.09.2015
42
43.463
12
Alle Kapitel
49 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
15.06.2015 1.055
 
Klaas




Jan ist ein Idiot. All die Jahre und nichts hat sich geändert. Er wird immer derselbe Idiot bleiben und vielleicht ist es das genau das, was sie mag. Es wird nie langweilig. Sie kann sich nicht einmal sicher sein, ob sie nicht in Wilhelmshaven zurückgelassen wird, weil er „nachdenken“ muss. Ist es das? Oder was ist es? Neun Jahre und ich habe noch immer keine Antwort darauf. Als gäbe es eine.


Ich kann mich ohne große Erklärungen und unglaubhafte Lügen aus den Fängen der Urlaubs-Sekte befreien und nach Wilhelmshaven fahren, wo Leni in einem Café auf mich wartet. Meinen halbherzigen „schreib ihm jetzt keine hundert Nachrichten“-Rat wird sie nicht befolgen. Sie wird seinen Posteingang fluten. Erst wird sie wütend sein, dann wird sie sich für das entschuldigen, was sie gesagt hat. Oder nicht gesagt hat. Keine Ahnung. Dass die beiden sich nicht täglich irgendwo stehen lassen, ist bemerkenswert. Meine anfängliche Theorie von schneller Trennung und geteiltem Sorgerecht nach langem Krieg vor Gericht hat sich seit Majas Geburt still und heimlich verflüchtigt und ich kann nicht anders, als alles zu analysieren, was er tut. Wenn er sie ansieht, sehe ich ihm dabei zu. Wenn er mit ihr spricht, suche ich nach einem Unterton. Ich will ihn dabei erwischen, wie er einen Fehler macht. Ich will, dass er der Mensch ist, der er wirklich ist. Der Mensch, der sie im Parkhaus hat stehen lassen, weil er Konfrontationen nicht aushält. Er ist ein Idiot. Immer gewesen. Aber wir werden ihn einfach nicht los. Er schafft es auf weiten Strecken, sich zu verstellen, sich anzupassen an ihre Vorstellungen von einem ruhigen Leben, aber dann blitzt etwas Echtes hervor und bringt alles aus dem Gleichgewicht. Das könnte das Ende des Urlaubs bedeuten, das Ende der Beziehung oder einfach nur das Ende eines Ausfluges.

„Danke das du gekommen bist“, sagt Leni, die die traurigen Überreste eines riesigen Eisbechers vor sich stehen hat. Sie klemmt einen Zehner unter das Glas und wir gehen zum Auto.

„Also, was ist passiert?“, frage ich so unverfänglich wie möglich.

„Ach“, winkt sie ab, „ich hab was Dummes gesagt. Aber darum geht’s nicht wirklich. Er hat ganz andere Probleme.“

„Er hat Probleme?“, frage ich. Sie übergeht den Unterton.

„Er vermisst Leonard und klammert sich an unsere Kinder“, erklärt sie achselzuckend. Was soll ich dazu sagen? Entführungen machen sich nicht gut im Lebenslauf. Aber ich weiß, dass sie das nicht anders sieht, dass sie sogar ein bisschen froh darüber ist, dass sie ihn ganz hat, ihre Kinder ihn ganz haben.

„Jetzt sag schon“ fordert sie mich ungeduldig auf.

„Hätte er sich vorher überlegen sollen, oder?“

„Ich fürchte fast, da blieb nicht viel Zeit zum Nachdenken“, erwidert sie trocken. Ich lenke sie sachte in die Seitenstraße, in der ich im Halteverbot geparkt habe. Sie rüttelt am Griff der Tür, bis ich das Auto öffne. Kaum sitzt sie auf dem Beifahrersitz, öffnet sie routiniert das Handschuhfach und zieht die obligatorische Packung Kaugummi hervor.

„Wie geht’s jetzt weiter?“, frage ich, „wartet er im Ferienhaus auf dich?“

„Keine Ahnung.“

Sie schiebt sich einen Streifen Pfefferminzkaugummi in den Mund hält mir die Packung hin. Ich schüttle den Kopf und sie wirft die Packung zurück ins Fach, das sie mit dem Knie schließt. Ich schnalle mich an.

„Wir werden drüber reden“, sagt sie entschlossen, aber sie sieht mich an, als wolle sie meine Zustimmung. Es fällt mir schwer, zu glauben, dass er zu einer erwachsenen Unterhaltung in der Lage ist. Leni war immer die temperamentvollere. Mit ihr zu streiten ist eine eigene Kunstform, von der ich dachte, Jan hätte sie perfektioniert. Aber offensichtlich ergreift er noch immer die Flucht, sobald es zu ernst wird.

„Warum guckst du so?“, fragt sie lauernd und bindet ihre Haare zu einem lockeren Dutt hoch. Eine Strähne hängt unberührt in ihrem Nacken.

„Wie?“, will ich wissen.

So“, sie verzieht das Gesicht, macht mich offenbar nach, „du kannst ihn nicht leiden, ich weiß.“

„Das hast du gesagt.“

Sie mustert die karge Landschaft. Wiese, Wiese und noch mehr Wiese. Dann lacht sie kurz und wird wieder ernst.

„Ich will nicht, dass unsere Kinder weiter in unserem Bett schlafen“, sagt sie. Ich wünschte, sie würde mir so etwas nicht sagen und ich wünschte, dass ich mir das nicht wünschen würde.

„Okay“, sage ich.

„Und wie sage ich ihm das? Ich will nicht, dass es sich anhört, als ob – aber das ist kein Dauerzustand. Das ist doch – oder?“

Es gibt Dinge, die ich nicht weiß. Die passende Antwort auf diese Frage beispielsweise. Es gibt Dinge, die würde ich gerne nicht wissen. Es gibt so vieles, das sie nicht weiß.

„Sag es ihm so, wie du es mir gesagt hat. Er klammert zu sehr an Maja und Felix, weil Leonard nicht in seiner Nähe ist und er Schuldgefühle hat.“

„Hm.“

„Du hast gefragt.“

„Hab ich?“, sie grinst mich an. Ich schüttle grinsend den Kopf.

„Ich weiß nicht, ob er das selbst schon kapiert hat“, gibt sie zu bedenken, „ich glaube nicht, dass es gut ist, wenn ich diese Erkenntnis vorweg nehme. Ich bin nicht seine Therapeutin.“

In Freiburg heißen alle Frauen Helene oder Marlene. Und sie sagen immer „aber meine Freunde nennen mich Leni“. Leni heißt nur Leni. Und Leni sagt Dinge wie „ich würde mit Ein Hoch auf uns für Viagra werben“, während sie versucht, rückwärts einzuparken, worin sie katastrophal schlecht ist. Sie schickt mir Bilder von Eichhörnchen, die auf Barbiepferden reiten und dreiminütige Sprachaufnahmen, in denen sie nur über die zuvor geschickten Bilder lacht. Die Freiburg-Lenis tragen mattschwarze Strumpfhosen und knielange Jeansröcke und treffen sich sonntags zum Brunch.

„Könntest du mich bitte nicht auch anschweigen?“, fragt sie. Hilflos drehe ich das Radio lauter. Eine Übersprungshandlung.

„Urgh. Ich hasse diesen Song“, stöhnt Leni genervt. Ich widerstehe dem Drang, sofort den Sender zu wechseln.

Zimmer mit Blick aufs Meer, so much Love in the Air, was willst du mehr?


„Was für ein Scheiß“, sagt sie wütend, „das ist fast noch schlimmer als-“

Ich weiß, was sie sagen wird. Die ganze Welt weiß, was sie sagen wird.

„Revolverheld.“

„Ja“, bestätigt sie zufrieden, „Revolverheld.“

Dann greift sie in ihren Rucksack und befördert etwas kleines, in Papier eingeschlagenes daraus hervor. Vorsichtig entfernt sie die Verpackung und hält es zwischen uns hoch.

„Klaas gabs nicht“, sagt sie bedauernd. Es ist ein Aschenbecher in Form einer Muschel, auf der „Klaus“ steht.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast