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Ein bisschen mehr.

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P18 / Gen
Jan Böhmermann Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf OC (Own Character) Olli Schulz
08.06.2015
29.09.2015
42
43.463
12
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49 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
15.06.2015 1.213
 
Leni





„Wie wärs, wenn wir morgen kinderfrei machen? Die anderen können auf die beiden aufpassen und wir machen mal was, zu dem ich nicht das halbe Kinderzimmer in einer Reisetasche mitschleppen muss“, schlage ich Jan vor, als wir nebeneinander im Bad stehen und uns die Zähne putzen. Er spuckt die Zahnpasta ins Waschbecken und unsere Blicke treffen sich im Spiegel. Das sind die romantischeren Momente des Alltags. Wir sind so erwachsen, dass es mich ankotzt.

„An was hast du gedacht?“

„Wir könnten nach Wilhelmshaven hochfahren. Einfach mal ein bisschen was anderes sehen.“

Ein gewagter Plan. 74 Kilometer getrennt von Hase Felix und Biene Maja sind exakt 73,5 Kilometer zu viel. Und das weiß ich. Aber ich würde gerne mal wieder Dinge sagen wie „verdammte Scheiße!“ ohne das darauf dieser Blick folgt, der mich als Mutter disqualifiziert.

„Hört sich gut an.“

Ich wische mir den Mund mit einem Zipfel meines Handtuchs ab und verberge mein Lächeln hinter Frottee.

„Schön“, sage ich, „ich dachte, ich müsste mehr Überzeugungsarbeit leisten.“

„Wieso?“

„Nur so ein Gefühl“, weil du die Kleinen zu sehr bevaterst und ich das Thema nicht anschneiden kann, ohne ein Argument an den Kopf geworfen zu bekommen, das gefährlich nach „du wolltest ja nie Kinder“ klingt. Ich hasse es, wenn er auf die Schiene wechselt, weil ich dann nur mithalten könnte, wenn ich tief in der Kinderentführungskiste kramen würde. Und das kann ich nicht. Er druckt die seltenen Bilder aus, die Fiona ihm zukommen lässt. Hängt sie an die Pinnwand im Arbeitszimmer. Geburtstage, Weihnachten, Skiurlaub ... Leonard ist in unserer Wohnung omnipräsent.

Die Verabschiedung von den Kindern fällt kurz und schmerzlos aus. Ich zelebriere keine großen Abschiede. Das hat mir Freiburg irgendwie verdorben.

„Ihr beiden macht euch einen schönen Tag mit dem Rest der Familie“, mit allen Onkeln und Tanten, die zur Verfügung stehen. Und ich erinnere euren Vater daran, dass er auch ohne Kinder noch ein Mensch ist. Ein Mensch mit einer Freundin, die auch gerne mal etwas anderes wäre als Mutter. Das Wetter spielt mit, ich trage ein schmeichelndes Wickelkleid und einen arschteuren Push-Up. Optik ist nicht alles, aber um eine Kettenreaktion in Gang zu setzen, muss man sie irgendwie auslösen.

„Schüss“, sagt Felix unbeteiligt, „viel Spaß.“

Es ist ihm völlig schnuppe, was wir machen. Er weiß, dass er Olli voll im Griff hat und ihm ein wunderbarer Tag bevorsteht. Je schneller wir ins Auto steigen, desto besser.

„Euch auch“, wünsche ich und sehe zu meinem jüngeren, ebenfalls unbeeindruckten Sprössling. Maja schaukelt fröhlich auf Klaas Arm hin und her und ist äußerst desinteressiert, was die Verabschiedung ihrer Eltern angeht. Ich drücke ihr einen letzten Kuss auf die seltsam klebrige Wange und wir steigen ins Auto. Am liebsten würde ich die Türen verriegeln, um sicherzugehen, dass er nicht doch noch abspringt, doch er wirkt gelöst und entspannt und ich werde mir das nicht versauen, indem ich das Kinder-Thema jetzt schon anschneide. Oder überhaupt.

Wir schlendern durch die Läden, trinken Kaffee, diskutieren, ob der Aufpreis für Hafermilch gerechtfertigt oder albern ist, bummeln und halten Händchen, was sich zu meinem Unmut befremdlich anfühlt. Normalerweise halten wir die Hände der Kinder, um sie davon abzuhalten, in einer überfüllten Fußgängerzone zu verschwinden.

Wir schlendern durch Souvenirläden und begutachten plüschige Seerobben und alberne Schneekugeln, in denen Seesterne schweben. Das wir ihnen etwas mitbringen versteht sich von selbst. Wir arbeiten uns durch die Regale mit Kitsch und Staubfängern. Plötzlich ist es da. Ein Türschild. Verziert mit kleinen roten Glitzerkrabben und bunten Fischchen. Sie bilden den Rahmen für einen Namen, den ich lange nicht gehört habe. Leonard. Jan weigert sich, über ihn zu sprechen. Die Bilder hängen wie ein Mahnmal an seiner Pinnwand. Jedes Mal, wenn ich den Raum betrete, muss ich diese Fotos anstarren. Diesen glücklichen keinen Jungen. Und ich weiß, dass was Jan denkt, wenn er sieht, wie Leonard surfen lernt oder die Weihnachtsgeschenke aufreißt. Er denkt, dass er nicht gebraucht wird. Dass sein Sohn ein Leben führt, in dem für ihn kein Platz mehr ist.

Bin ich manchmal froh, dass er sich nicht um sein drittes Kind kümmern muss? Ja. Ja, ich bin ein Monster. Das schreibe ich mir selbst auf die Fahne, danke. Das hellblaue geschwungene Leonard kitzelt mein Schuldbewusstsein. Am liebsten würde ich danach greifen und es hinter all die anderen Namen schieben. Es verstecken. Aus den Augen, aus dem Sinn. Aber das funktioniert weder mit diesem blöden Türschild, noch mit einem Kind.

„Schon gut“, weicht er meinem nicht gesagten Satz aus, „vielleicht finden wir Felix und Maja.“

„Und wo willst du die Schilder aufhängen? An unserer Schlafzimmertür?“, frage ich. Ich habe es gesagt, ehe ich darüber nachdenken kann. Ich schleppe die Wut darüber jeden Tag mit mir herum und ausgerechnet jetzt bricht sie unkontrolliert hervor. Er ignoriert meinen Seitenhieb und sucht nach den Namen unserer Kinder, während ich mich beschämt mit anderen Souvenirs beschäftige. Dieser Laden ist vollgestopft mit Kram, Kitsch und sonstigem Zeug, das niemand wirklich braucht, aber plötzlich existiert nur noch dieses eine verdammte Schild.

„Joko und Klaas haben sie da wohl nicht, oder?“, wage ich nach einigen Minuten den nächsten kläglichen Versuch einer Wiederannäherung.

„Nee.“

Ich will mich entschuldigen, ihm klar machen, das ich nur einen Witz gemacht habe, aber er wird nur mit den Schultern zucken und damit ist die Sache erledigt. Zumindest nach außen hin. Jan ist einer von der nachtragenden Sorte.

Wir kaufen die Schilder und gehen in Richtung Parkhaus. Der Abstand zwischen uns vergrößert sich stetig. Ich versuche, Schritt zu halten, aber das scheint ihn nur noch weiter von mir zu entfernen.

„Komm schon! Es tut mir leid!“, rufe ich ihm nach, „wir könnten wenigstens vernünftig darüber reden, oder?“

Was wiegt mehr? Leonard oder der unüberlegte Schlafzimmer-Spruch? Ist eine eher ungute Mischung für einen kinderfreien Tag.

„Schon gut“, winkt Jan passiv-aggressiv ab, „es gibt nichts, worüber wir reden müssten. Vergiss es einfach.“

Er ist angepisst. Das wird eine angenehme Heimfahrt. Denke ich. Tatsächlich wird es eine Heimfahrt ohne mich, denn kaum stehen wir vor unserem Wagen, öffnet Jan die Fahrertür und sagt über das Auto hinweg „ich muss nachdenken“. Eine vage Aussage. Aber unmissverständlich. Er steigt in den Wagen und schließt die Tür. Ich komme gar nicht dazu, nach dem Griff der Beifahrertür zu greifen.

„Das – was? Ist das dein Ernst? Du lässt mich ernsthaft einfach hier stehen?“

Mit durchdrehenden Reifen verlässt er das Parkhaus und als er um die Ecke biegt, höre ich nur noch Quietschen. Resigniert ziehe ich mein Handy aus meiner Tasche. Bringt ja nichts, nichts zu tun. Er wird nicht reumütig zurückkommen und sich entschuldigen. Das mit dem Entschuldigen haben wir beide nicht drauf. Wen von den Spezialisten rufe ich an? Wer verspürt nach all den Jahren am wenigsten den Drang, nochmal alle alten Geschichten Revue passieren zu lassen?

„Hallo“, sage ich, als Klaas sich meldet.

„Den Kindern geht’s bestens“, sagt er amüsiert, „was gibt’s?“

„Kannst du mich abholen?“, frage ich, „Jan hat mich in einem Parkhaus ausgesetzt und ich glaube, mit einem Bus bin ich zwei Tage unterwegs.“

„In einem Parkhaus?“

„Streit. Meine Schuld. Kommst du? Ich schicke dir meinen Standort.“

Und stell mir bitte keine weiteren Fragen.

„Was sage ich den anderen?“

„Lass dir was einfallen“, sage ich und füge nach kurzem Zögern hinzu, „nicht die Wahrheit.“

„Dann bis gleich.“

„Bis gleich. Und danke.“
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