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Ein bisschen mehr.

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P18 / Gen
Jan Böhmermann Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf OC (Own Character) Olli Schulz
08.06.2015
29.09.2015
42
43.463
12
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Dieses Kapitel
3 Reviews
 
14.06.2015 924
 
Leni





Es dauert tatsächlich nur eine knappe halbe Stunde, bis Felix und Paul über den schmalen Pfad, der zwischen Strand und Garten verläuft, in ihren Schlafanzügen auf uns zustürmen. Sie hängen sich an unsere Arme.

„Können wir schwimmen gehen?“, fragt Felix aufgeregt.

„Zuerst wird gefrühstückt“, vertröste ich ihn, „sind die anderen schon wach?“

„Onkel Olli und Tante Pauli noch nicht“, erklärt Paul enttäuscht, „wir haben zehn Minuten geklopft, aber sie haben nicht aufgemacht.“

Ich grinse Joko an. Der arme Olli. Hat sich wahrscheinlich einen Vorrat an Ohrstöpseln eingepackt.

„Geht und klopft nochmal“, sagt Joko. Jubelnd rasen die beiden davon. Wir folgen ihnen in gemütlichem Tempo.

Das Frühstück ist chaotisch und laut. Maja liebt es, den Löffel ihre Frühstücksflocken klatschen zu lassen, sodass sich ein hübsches Muster rund um den gelben Plastikteller bis auf mein weißes Shirt ergibt. Ein Anfängerfehler. Paul stößt einen Krug Kakao um, Olli verschanzt sich hinter seiner Zeitung.

Paul und Felix sitzen wie auf heißen Kohlen und schmeißen beinahe ihre Stühle um, als Klaas sie erlöst, indem er vorschlägt, nach dem Zähneputzen zum Strand zu gehen.

„Dürfen wir?“, fragt Felix und sieht uns erwartungsvoll an.

„Zuerst Zähneputzen“, sagt Jan.

„Und die Sonnencreme nicht vergessen. Steht in eurem Bad“, erinnere ich Felix, „deine Badesachen sind im blauen Koffer. Nimm ein Handtuch mit. Eins von den großen.“

Sie poltern unter den missmutigen Schreien von Maja, die ihrem Hochstuhl nicht entkommen kann, die Treppe nach oben. Ich stürze den letzten Schluck Kaffee herunter und räume die Teller zusammen.

„Das mache ich“, sagt Olli, „und danach lege ich mich nochmal hin.“

Ich grinse. Allgemeiner Trubel. Sandsachen werden gepackt, eine Luftpumpe im Schuppen gesucht, „die Ohren beim Eincremen nicht vergessen!“, wo sind die Sandalen, „wir gehen später einkaufen, schreibt auf, was ihr braucht“, und ich in meinem fliederfarbenen Badeanzug, der mir beim Kauf schmeichelnder vorkam als er es jetzt tut. Ich streife ein Kleid darüber und kämpfe mit meiner Tochter und ihrer UV-Kleidung. Bis wir endlich aufbrechen, eine kleine Karawane hinunter zum Strand, ist über eine Stunde vergangen. Maja zerrt an meiner Hand. Jan packt sie und setzt sie sich auf die Schultern. Die Henkel der Tragetasche schneiden in meine Schulter.

Während alle ins Wasser wollen, bleiben Isa und ich bei den Sachen zurück. Ich breite mich auf meinem Handtuch aus und lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen.

„Sie schlafen immer noch bei euch, hm?“, fragt sie mitleidig. Ich rolle mich zur Seite, um sie anzusehen. Sie sitzt da und schneidet Äpfel in eine Schale.

„Mhm“, brumme ich, „er will nicht drüber reden, aber ich habe es mir für diesen Urlaub fest vorgenommen.“

„Joko und du seid wohl mit Agenda angereist“, sie grinst.

„Er will Klaas zurück nach Berlin holen“, sage ich, „hat er mir erzählt.“

Ich bin gespannt, wer von uns mehr Durchhaltevermögen beweist. Und wer bekommt, was er will.

„Er legt sich seit Wochen richtige Strategien zurecht“, erzählt sie belustigt, „er vermisst ihn.“

„Ja, ich auch“, mittlerweile kann ich das sagen, laut, ohne dass jemand misstrauisch aussieht. Ich vermisse einen sehr guten Freund, der sehr lange immer greifbar gewesen ist und es dann nicht mehr war. Ein normales, durchschnittlich starkes Vermissen, aus dem mir niemand einen Strick drehen kann.

„Vielleicht schafft ers ja“, erwidert Isa.

„Mhm“, mache ich und lege mir eine Hand über die Augen. Jahre der Standhaftigkeit und ein einziger Urlaub überzeugt ihn davon, alle Zelte abzubrechen und zurück nach Berlin zu ziehen? Er lebt gerne in Freiburg. Gut, das ist Schwachsinn. Er erzählt nicht viel. Er will uns schonen. Vielleicht hat er uns längst ersetzt und die zögernde Zustimmung zu unserem Urlaub war einer Absage für einen anderen Urlaub mit anderen Freunden geschuldet.

„Mama! Mama, guck mal!“, brüllt Felix und taucht für ein paar Sekunden unter, die Füße kerzengerade in die Luft gereckt. Als er wieder auftaucht, strecke ich beide Daumen in die Luft. In Momenten wie diesem wird mir klar, wie sehr ich mich verändert habe. Wie sehr ich mich von der Leni, die ich mal war, entfernt habe. Keine Wertung, eine bloße Feststellung.

„Super!“

„Komm auch rein!“, ruft er, „nur mit den Beinen! Hier sind keine Haie. Keine Haie!“

Umständlich erhebe ich mich von meinem Badetuch und gehe hinunter zum Wasser. Meine Füße graben sich in den feuchten Sand. Paul und Klaas sind weit rausgeschwommen, während Felix am Flachen Handstände übt und sie Joko beibringen will, der kläglich scheitert. Maja streckt mir ihre kleinen, speckigen Arme entgegen. Ich nehme sie, setze sie mir auf die Hüfte. Zufrieden spielt sie mit meinen Haaren, mit dem Träger meines Badeanzugs.

„Steht dir gut“, sagt Jan. Ich lächle.

„Danke.“

„Wo warst du heute Morgen so früh?“

„Ich konnte nicht schlafen“, sage ich und vermeide jede Färbung des Tonfalls. Ein neutraler Bericht. Er sieht zu Felix, der ein sehr geduldiger Lehrer ist und Joko gut zuredet.

„Isa!“, sagt Maja und deutet hinter mich. Ich setze sie ab und sie läuft, unterbrochen von ein paar Stolperern, die sanft vom Sand abgefangen werden, zurück zum kleinen Lager, wo sie mit offenen Armen von Isa empfangen wird. Jan nutzt die Gunst des Augenblicks, greift nach meiner Hand und zieht mich zu sich. Er trägt ein weißes Shirt, eine Badehose, seine Sonnenbrille. Wir sind noch keine 24 Stunden hier und er sieht so viel entspannter aus. Ich fühle mich noch ein bisschen gestresster als sonst. Und ich habe meine Haarspange vergessen. Es ist immer irgendetwas.

„Ich liebe dich“, sagt er.

„Ich dich auch“, sage ich.

„Komm, mach auch einen Handstand!“, ruft Felix und meint nicht mich. Ich bleibe, die Füße in den Wellen, zurück.
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