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Ein bisschen mehr.

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P18 / Gen
Jan Böhmermann Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf OC (Own Character) Olli Schulz
08.06.2015
29.09.2015
42
43.455
12
Alle Kapitel
49 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
20.09.2015 1.134
 
Leni



Im Zweifel für Ziellosigkeit
Ihr Menschen, hört mich rufen
Im Zweifel für Zerwürfnisse
Und für die Zwischenstufen

Tocotronic - Im Zweifel Für Den Zweifel



Klaas und ich haben ein Gespräch nachzuholen. Auf mein zweites Angebot, einen Spaziergang zu machen, geht er ein. Eventuell weil er weiß, dass wir sonst noch ewig in diesem was-ist-das-eigentlich-Sumpf vor uns hindümpeln.

Ich rauche und er erzählt mir von seinen Reiseplänen, aber ich werde das Gefühl nicht los.

„Verreist du mit ihr?“, frage ich.

„Ja“, er bleibt stehen, sieht mich sehr lange an, „macht dich das sauer?“

„Nein?“, ich nehme einen tiefen Zug, „du hättest sie uns ja wenigstens mal vorstellen können.“

Freundschaft über Liebe, Klaas! Um die Welt zu reisen und dabei die Leute hinter sich lassen, die nachts um halb zwei 500km fahren würden, mindestens!, nur um sich eine Doku über eine Freundschaft zwischen einem Mann und einem Berglöwen mit dir anzusehen, weil du das Gefühl hast, das muss sein. Ich würde sie laufen, wenn ich müsste. Ich würde alles für dich tun.

„Naja“, druckst er herum.

„Was?“

„Die anderen kennen sie schon“, eröffnet er mir schließlich. Spielt bitte Mr Brightside für mich. Und bitte spielt es laut.

„Warum denkt jeder, ich kann nichts ertragen? Denkst du, ich stürze mich direkt von der nächstbesten Brücke in die Spree, nur weil du eine 20 Jährige vögelst?“

„Manchmal denke ich das.“

„Das ist doch bescheuert“, ich puste den Rauch vor mir in die Luft und beobachte wie er sich in Nichts auflöst, „ich würde mich nie ertränken, ich habe Angst vor Haien, verdammt.“

Wieso kann ich mich nicht in Nichts auflösen?

„Diese ganze Reise, alles … ist das wegen mir?“, frage ich. Ich muss es wissen. Das ist so selbstverliebt. So verdammt selbstverliebt. Wir halten an und stützen uns aufs kalte Geländer. Nein, ich würde nie springen.

„Für mich“, erwidert er.

„Gut für dich“, sage ich.

Ich schnippe die Zigarette in die Spree und sehe Klaas an. Er muss glücklich sein. So glücklich, wie er es verdient hat. Und auch wenn ich es mir in all meiner Selbstzentriertheit gelegentlich wünsche, ich bin nicht die Plattform für dieses Glück.

„Was ist mit dem Umzug? Jans Idee?“, fragt er.

„Ja. Aber ich habe es entschieden.“

„Denkst du, er will näher bei Leonard sein?“

„Wir haben beide unsere Intentionen“, sage ich schulterzuckend.

Am liebsten würde ich Klaas von dem nicht gemachten Heiratsantrag erzählen. Will ich ihn damit wütend machen? Vielleicht. Aber in erster Linie will ich es nur loswerden. Jedes Mal, wenn ich Jan ansehe, muss ich daran denken. Und manchmal wünsche ich mir, er hätte es mir nie erzählt. Das ist eines der Dinge, auf die man drängt, die man unbedingt erfahren möchte, aber wenn man sie dann weiß, brennen sie einem ein Loch in den Körper. In die Seele. Ich weiß nicht, ob es eine Seele gibt. Aber in meiner Vorstellung sieht sie aus wie ein dritter Lungenflügel, der horizontal unterm Herzen liegt. Die Stelle, die manchmal weh tut, wenn man wächst oder einfach nur so. Ich denke, ich habe Krebs oder einen Herzinfarkt, das wars jetzt, aber in Wirklichkeit ist es nur das Wissen, das ich nicht will.

„Als wir uns das letzte Mal unterhalten haben, wolltest du dich von Jan trennen“, erinnert mich Klaas, „du hast ihm nichts erzählt?“

„Was sollte ich ihm denn erzählen?“, ich lasse mein Blick über das ruhige Wasser gleiten.

„Ich weiß nicht, was du an ihm findest. Ich werds nie verstehen.“

„Musst du ja auch nicht“, erwidere ich schroff, „ich verstehe auch nicht, wieso du mit jemandem, den du nicht kennst, um die Welt reisen musst, aber muss ich ja auch nicht, oder?“

„Was hast du dir von einem Spaziergang versprochen, Leni?“

Ich mahle mit dem Unterkiefer, schlucke deplatzierte Tränen herunter.

„Mehr“, ich atme das Wort aus.

„Ich kann dir nicht mehr geben“, sagt er, „ich kann dir höchstens sagen, dass ich dich geliebt habe und dass ich Abstand von diesem Gefühl brauche. Und von dir.“

Ich atme tief ein. Fast so schlimm, wie fast geheiratet worden zu sein, ist, mal geliebt worden zu sein. Und es übersehen zu haben. Auch wenn ich es gar nicht übersehen, sondern nur ignoriert habe. Ich dachte, es endet irgendwann und alles ist wieder beim Alten, aber so funktioniert das im Leben nicht. Ich habe es so sehr gehofft. Ich weiß nicht, ob es irgendwo so funktioniert.

„Was soll ich sagen?“, sage ich, „es tut mir leid?“

„Ich habe mir das auch alles anders vorgestellt“, räumt er ein, „aber du bist –“

„So dumm“, unterbreche ich ihn. Ich bin der dümmste Mensch, dass ich es nicht hinkriege und alle gleichzeitig vor die Köpfe stoße. Ich bin dumm, weil ich ihn, meinen besten Freund, jetzt nicht trösten kann. Ich kann gar nichts sagen. Diese Schuld trage ich. Und ich trage sie nicht würdevoll, sondern voller Scham. Ich habs versaut. Ich bin ein abschreckendes Beispiel. Ich bin so, so dumm.

„In Sachen Leben bist du auch ein bisschen dumm, ja. Aber Jan und du seid möglicherweise einfach füreinander bestimmt. Egal, wie das für Außenstehende aussieht. Und es sieht wirklich furchtbar aus.“

„Hast du ihn angerufen? Damals im Krankenhaus?“

Klaas nickt. Das dürfte dann wohl der Moment gewesen sein, in dem ihm klar gewesen ist, dass ich mich nie ganz für ihn entscheiden werde. Und das er, egal, was er sagt, nicht gegen die Liebe ankommen wird. Und das ist so kitschig. So unsagbar kitschig. Und vielleicht bin ich auch eine der Personen, die ihren Partner vor ihre Freunde stellt. Auch wenn ich mir das  sicher nie eingestehen werde.

„Danke.“

Dafür, dass du mich aushältst. Und auffängst. Dass du mich nicht alleine lässt, nie so richtig.

„Das tut echt ziemlich weh, oder?“, frage ich ihn.

„Oh ja“, er lacht kurz auf, „es tut scheiß weh.“

Plötzlich wirkt die Vorstellung, am Flughafen zu stehen und in die Kapuze seines dunkelgrünen Parkas zu weinen, weniger beängstigend als befreiend. Ihn ein letztes Mal, für wer weiß wie lange, zu sehen, wenn er durch die Sicherheitskontrollen geht und sich nochmal zu uns umdreht, um zu winken. Dann werden wir nach Hause fahren, unser Hab und Gut in Umzugskartons packen und nach Köln ziehen. Die Stadt, der ich vor gut zehn Jahren den Rücken gekehrt habe, in der Hoffnung auf ein besseres, ein geregelteres Leben. Das, was ich bekommen habe, war nicht sonderlich geregelt, aber es war das beste Leben, das ich je gehabt habe. Es kann nur besser werden. Es wird besser werden.

Und ja, ich habe mir mehr erhofft. Mehr wie in: mehr das Gefühl, dass es okay sein wird. Dass diese Freundschaft alles überlebt. Dass wir nicht versuchen, etwas mit Maschinen am Leben zu erhalten, das eigentlich lieber gehen wollen würde. Ich kann es nicht gehen lassen. Ich kann ihn nicht gehen lassen, nicht ganz, noch nicht.
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