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Ein bisschen mehr.

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P18 / Gen
Jan Böhmermann Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf OC (Own Character) Olli Schulz
08.06.2015
29.09.2015
42
43.455
12
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Dieses Kapitel
1 Review
 
19.09.2015 1.303
 
Leni





Das nächste Sonntagsessen findet am zweiten Advent statt. Bei uns. Kurz bevor die anderen nach und nach eintrudeln, klopft Jan an die Tür meines Arbeitszimmers, kommt herein und eröffnet das Gespräch mit dem gefürchteten Satz: „Ich wollte mit dir über etwas reden“. Sofort klappe ich meinen Laptop zu und lasse all die schlimmen Dinge im Schnelldurchlauf durch mein Hirn zappen. Trennung, Trennung, Trennung! Das, was er dann wirklich will, ist keine der Optionen.

„Ich denk schon länger darüber nach.“

„Worüber?“, mein Blick irrt ziellos umher. Fällt auf ein Bild von Felix.

„Einen Umzug.“

„Alleine?“

„Nein“, er grinst kurz verlegen, „natürlich nicht.“

Er fährt sich mit einer Hand durchs Gesicht und geht in Richtung Fenster. Draußen regnet es seit Stunden.
„Wie würdest dus finden, wenn wir zurück nach Köln ziehen würden?“

Ich atme tief ein.

„Soll das so 'ne Art Neuanfang sein?“

„Brauchen wir einen Neuanfang?“

Das mit den Gegenfragen kann er einfach nicht sein lassen. Nein, wir brauchen keinen Neuanfang. Eine Weiterentwicklung vielleicht, aber müssen wir deshalb gleich die Stadt verlassen? Ist Berlin wirklich schon verbrannte Erde?

Ich sehe Jan an. Ist es, weil Klaas wieder in Berlin wohnt? Müssen wir wirklich räumliche Distanz schaffen, um jede Gefahr zu minimieren? Ist es wegen Leonard?

„Kann ich drüber nachdenken?“, frage ich.

„Kannst du“, er dreht sich zu mir. Meine Familie lebt hier. Alles, was mir wichtig ist, ist in Berlin. Hier habe ich meine Kinder bekommen. Bin sesshaft geworden. Erwachsen. So erwachsen, wie man werden kann. Isas Grab. Felix Schule. Anette. Der Kindergarten, für den wir uns entschieden haben. Wir haben immer einen Parkplatz vor dem Haus. Ich liebe diese Wohnung. Hier haben meine Kinder laufen gelernt. Und ich liebe diese Stadt. Aber noch mehr wiegt, dass ich Joko nicht verlassen werde. Niemand wird zurückgelassen. Ich kann nicht gehen. Aber ich kann es ihm nicht vor dem Essen sagen.

Zuerst kommen Olli und Paulina, weil sie eine Pünktlichkeitsfanatikerin ist, und dann Joko, Klaas und Paul. Die Kinder verschwinden, nachdem sie gegessen haben, sofort im Kinderzimmer und mit ihnen die Gespräche. Wir schweigen uns an. Ich stochere im Salat herum und versuche, niemandem direkt in die Augen zu sehen.

„Wieso erzählt nicht mal jemand was?“, fragt Olli in die Runde und schenkt sich noch ein großzügiges Glas Wein ein. Er bemerkt meinen Blick und hält mir die Flasche entgegen, doch ich schüttle ablehnend den Kopf. Ich brauche klare Gedanken.

„Ich mache nächsten Monat eine etwas längere Reise“, springt Klaas für uns alle in die Bresche.
Bitte? Olli wollte eine lustige Alltagsgeschichte und kein wenig amüsantes Zukunftsszenario. Klaas sieht ausschließlich mich an und mit einem Mal ist nicht mehr zu übersehen, wovon Jan die ganze Zeit gesprochen hat. Das Herz ist gebrochen, denke ich, und dafür musste ich nur ich selbst sein.

„Schön“, höre ich mich sagen, „wo geht’s hin?“

„Nach New York. Und von da aus weiter. Bis ich keine Lust mehr habe.“

Schweigen.

„Kommt ziemlich plötzlich, oder?“

Ich bilde mir ein, unterm Tisch zu spüren, wie mir jemand sanft aber bestimmt gegen mein Schienenbein tritt. Klaas ignoriert meine Frage und häuft noch ein paar Kartoffeln auf seinem Teller.

„Noch jemand?“, fragt Olli in die Runde.

„Wir ziehen wieder nach Köln“, sage ich und versuche, glücklich zu klingen. Ich klinge wütend.
Jan sieht mich überrascht an. Aber ich habe nur Augen für Joko.. Nein, ich will dich nicht alleine lassen. Ich würde dich niemals im Stich lassen, Joko, aber ich glaube nicht, dass irgendjemand von uns dir wirklich helfen kann. Wir sind zu sehr mit unseren eigenen Problemen beschäftigt und vielleicht ist es ja gut, die weit weg zu bringen.

Aber Joko sieht nicht verärgert oder überrascht aus. Er ist nicht wütend. Er legt sein Besteck zur Seite, stützt seine Ellenbogen auf den Tisch und blickt in die Runde. Wir schweigen wie Kinder, die eine Strafe erwarten.

„Ich mache eine Reise. Mit Paul. Ich nehme ihn ein Jahr aus der Schule, noch steht nichts Genaues fest, aber ich dachte, das würde uns beiden gut tun“, verkündet er.

Ich werfe Klaas einen schnellen Blick zu. Er hat es auch nicht gewusst.

„Und wir wollen gerne wieder nach Hamburg ziehen“, sagt Paulina, „näher ans Meer. Scheint so, als würden wir alle Berlin verlassen.“

Ich tipple mit den Fingerspitzen nervös gegen den Stuhlrahmen. Etwas zu hektisch greife ich nach der Wasserflasche, die Jan wie immer nicht ganz zugedreht hat, und kippe sie um. Eine Wasserlache breitet sich auf dem halben Tisch aus und tropft mir auf die Beine. Ich springe auf und renne in die Küche, um mich abzutrocknen. Aber mehr, weil ich mich für mich selbst schäme.

Mit einem Geschirrtuch reibe ich mir über den Rock und versuche, nicht zu weinen. Du kannst nicht immer heulen, Leni. Und wenn jetzt ein Kind reinkommt und nach Saft fragt?

Nach einer Weile kommt Joko, um nach dem Rechten zu sehen. Er lehnt sich einfach neben mir an die Spüle und starrt auf die Wand, an der die Pinnwand mit den wichtigsten Terminen hängt. Bald werden dort Besichtigungstermine eingetragen werden.

„Ich weiß, es steht mir nicht zu, durchzudrehen“, sage ich entschuldigend.

„Warum nicht?“, fragt er.

„Weil du mein bester Freund bist, Joko. Und weil wir dich hier vor vollendete Tatsachen stellen. Wir verlassen die Stadt. Niemand hat es für nötig gehalten, es dir vorher zu sagen. Wir … verlassen dich. Wir verlassen euch.“

„Tut ihr nicht“, sagt er und nimmt mich in den Arm. Joko und ich umarmen uns lange. Eine halbe Ewigkeit. Es fühlt sich an wie ein Abschied und das macht mich traurig. Deshalb halte ich ihn noch fester.

„Ich liebe dich“, sagt er, „und ich wollte dir von meinen Plänen erzählen, aber ich dachte, dass du es nicht gut aufnimmst.“

„Was?“

Bin ich wirklich so labil?

„Wir werden uns für eine Weile nicht sehen“, sagt er, „das ist dir noch nie leicht gefallen.“

„Wir ziehen nach Köln“, sage ich, es klingt wie eine Frage, wie etwas, das gerade erst zu mir durchgedrungen ist.

„Hast du das spontan entschieden?“

Ich schüttle den Kopf.

„Willst du das?“

Ich nicke. Joko lässt mich los und sieht mich an.

„Ich will nicht zu den anderen gehen“, murmle ich.

Es war mir nicht klar, dass wir uns alle nicht mehr über unsere Zukunftspläne aufgeklärt haben, weil ich es nicht verkrafte. Und das ist mir noch peinlicher, als die Tatsache, dass ich wegen einem blöden Wasserfleck direkt einen Nervenzusammenbruch erleide.

„Willst du in der Küche sitzen bis alle gegangen sind?“

„Ja.“

„Willst du Gesellschaft?“

„Nein, geh ruhig wieder rein“, sage ich. Er nickt, zögert.

„Es ist nur eine Phase“, sagt er.

„Ich hasse New York“, sage ich.

Er lässt mich alleine. Und ich fühle mich alleine. Aber da ist auch eine kleine Freude darüber, wieder nach Köln zu ziehen. Ein Heimatsgefühl, das ich nie zugeben würde. Es hat etwas für sich, in die Stadt zurückzukehren, in der man geboren worden ist. Was auch immer dort sonst noch passiert sein mag.

Ich beschäftige mich damit, den Kühlschrank neu zu sortieren, die Spülmaschine aus- und einzuräumen und die Dampfabzugshaube abzuwischen, bis die anderen gehen. Ich verabschiede mich nur kurz von ihnen. Ich würde nur doch wieder weinen. Jan leistet mir Gesellschaft.

„War das eine Antwort oder ein Überbietungsversuch?“, fragt er vorsichtig.

Wir sollten die Kinder ins Bett bringen. Oder mit ihnen über den Umzug sprechen. Wie schnell werden wir eine Wohnung finden? In welchem Stadtteil werden wir wohnen? Bitte nicht Ehrenfeld.

„Leni?“, reißt er sich aus meinen Gedanken.

„Wir ziehen nach Köln“, sage ich, „ich möchte nach Köln ziehen. Ich glaube, dass uns das allen gut tun wird.“

Ich beuge mich vor und küsse ihn. Flüchtig.

„Ich kümmere mich um ein paar Besichtigungstermine“, verspricht er.

„Wir verlassen alle die Stadt“, sage ich.

„Das heißt, niemand wird zurückgelassen, oder?“

Niemand wird zurückgelassen.

Wir ziehen nach Köln.

Berlin ist verbrannte Erde für uns.
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