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Ein bisschen mehr.

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P18 / Gen
Jan Böhmermann Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf OC (Own Character) Olli Schulz
08.06.2015
29.09.2015
42
43.455
12
Alle Kapitel
49 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
17.09.2015 1.029
 
Leni



Die Krisen im Auto,
Die Kinder zuhause.
Für alle die nie kriegen
Was sie brauchen
Für alle die zögern,
Für alle die zweifeln,
Für die, die verstehn wollen,
Aber doch nichts begreifen können.

Die Höchste Eisenbahn – Der Himmel Ist Blau (Wie Noch Nie)



Als ich nach Hause komme, müde, genervt von mir selbst und unzufrieden mit dem Status der Welt, sitzt Jan im Wohnzimmer. Ich hatte insgeheim gehofft, er sei schon ins Bett gegangen, aber er wartet auf mich. Ich bin so blass wie der ganze Abend blass gewesen ist. So farb-, so leblos. Klaas zu fragen, ob er mit mir spazieren geht, war sowas wie eine Selbstaufgabe und das, was ich aufgegeben habe, ist jetzt leider weg. Ins Leere gefallen. Als ich das Wohnzimmer betrete, dreht Jan sich zu mir um.

„Na?“, seine Stimme ist kratzig. Ich lasse mich erschöpft neben ihn fallen. Mein Blick fällt auf seine Hände. Er hält ein kleines schwarzes Samtkästchen auf dem Schoss.

„Was ist das?“, frage ich. Oh nein, denke ich, das machen wir jetzt nicht. Das geht nicht. Ich will in keine der beiden Richtungen. Kein „ich wollte, aber habe es mir anders überlegt“, kein „willst du“ – können wir nicht einfach nur hier sitzen und ins Leere starren?

Jan stellt das Kästchen vor sich auf den Tisch und seufzt. Er sieht mich an, als erwarte er die Antwort auf eine ungestellte Frage. Ich öffne den Mund. Und sage nichts.

„Das sind keine Ohrringe.“

„Jan, ich –“

„Nein, warte. Ich hab' den Ring schon 'ne halbe Ewigkeit. Ich habe ihn vorm Urlaub gekauft und ich wollte dich fragen, aber ich weiß, was du vom Heiraten hältst. Ich bin durchgedreht, okay? Klaas und dich zusammen zu sehen ... ja, ich bin ein Idiot.“

„Oh ja“, stimme ich ihm zu, „du bist ein Idiot.“

„Ich habe ziemlich unverzeihliche Fehler gemacht, Leni. Von Anfang an. Ich bin nicht gut in dem ganzen zwischenmenschlichem Kram.“

„Warum wolltest du mich dann heiraten? Das ist so ziemlich das zwischenmenschlichste, was man tun kann, oder?“, frage ich mit erstickender Stimme.

Obwohl ich es nie auf eine Ehe angelegt habe, frage ich mich, ob ich nicht doch gut darin wäre. Als Ehefrau. Als „die Frau von“ als „meine Frau“, als „alles Gute zum Hochzeitstag“. Ein großes Fest, um unsere Liebe zu feiern. Der Gedanke erscheint mir absurd. Das ich nichts davon mitbekommen habe. Hinter welcher unserer Auseinandersetzungen hat sich das alles versteckt? Er hat geplant, mir einen Antrag zu machen und stattdessen sind wir klimawandelartig auseinandergebrochen. Wäre es der schlechteste oder der beste Zeitpunkt gewesen? Wir werden es wohl nie erfahren.

„Weil ich dich liebe. Und vielleicht, weil ich sichergehen wollte, dass du mir nicht wegläufst.“

Ich setze mich auf die Couch, rutsche an ihn heran und lege meine Arme um ihn. Ich möchte ihn festhalten. Ganz fest. Weil ich, jedes Mal beim Aufwachen und jedes Mal, wenn ich die Wohnungstür hinter mir zuziehe, die selbe Angst verspüre. Was, wenn er von jetzt auf gleich einfach verschwindet? Über all die Jahre ist diese Angst nie kleiner geworden. Ich bin mir seiner nicht sicher, aber ich bin mir auch dem Leben nicht sicher. Nichts ist mehr sicher. Nichts war es je. Seine stopplige Wange kratzt über meine Haut.

„Ich liebe dich auch“, raune ich kaum hörbar. Dann weine ich.

Wir sitzen eine Weile reglos da. Ich in seinen und er in meinen Armen. Hängen so unseren Gedanken nach. Was hätte ich gesagt? Ich weiß es nicht.

Er küsst mich sanft auf die Stirn. Was, wenn er mich jetzt fragen würde? Was würde ich sagen? Würde ich es verschieben? Haben wir nicht noch so viel zu klären, ehe wir überhaupt daran denken sollten, uns zu heiraten? Gibt es für uns ein „für immer“? Nicht sicher. Aber das gibt es für keinen. Ich denke an Isa und Joko und ihre Hochzeit und weine noch mehr.

„Wie geht es ihm?“, fragt er leise.

„Nicht gut“, sage ich schulterzuckend, „ich weiß nicht, was ich tun soll.“

„Du tust, was du kannst. Er braucht –“

„Zeit? Ja.“

Nicht die Zeit, die kommt, sondern die Zeit, die schon war. Die kann ihm niemand geben. Ich würde alles tun, alles, aber meine Mittel sind endlich. Ich wünschte, sie wären es nicht. Ich wünschte, ich könnte Tag und Nacht an Jokos Seite sein, vielleicht will er das gar nicht, vielleicht will er genau das. Ich kann ihn nicht fragen. Ich sollte es wissen, oder? Ich sollte es von uns allen am besten wissen.


Seit diesem Abend sind Jan und ich uns wieder nahe. Die Tatsache, dass er mich geheiratet hätte, und sei es nur aus dem unromantischen Grund, mich für sich alleine zu haben, mir das Weglaufen schwerer zu machen, rührt mich. Vielleicht sollte es das nicht. Vielleicht sollte ich das alles schlimm finden. Vielleicht sollte ich denken, der Ring sei eine Fessel und ich müsse mich von allem befreien, aber ich will mich nicht befreien. Ich will von dem Gewicht eines Ringes am Boden gehalten werden. Ich will ihn und ich will, dass er mich will. All die Jahre und nichts hat sich daran geändert. Wenn ich ihm dabei zusehe, wie er Maja die Zähne putzt oder Felix badet oder Nikolausstiefel befüllt, wenn wir zu viert auf der Couch sitzen, wenn wir zusammen in den Supermarkt auf der Ecke gehen, wenn wir den Buggy in den Kofferraum verfrachten. Dann, immer und jeden Tag und noch hunderttausend Male, frage ich mich, womit ich das verdient habe. Dieses Glück. Wieso ich und nicht Joko? Wieso wir und nicht sie?

Wenn wir am Frühstückstisch sitzen und er sich Rührei auf seinen Toast schaufelt, sieht er manchmal auf und mich an und ich halte inne, die Kaffeekasse fest in der Hand. Was hättest du gesagt? Ich weiß, dass er die Antwort in meinen Augen nicht finden kann. Aber wenn ich beim Zähneputzen in den Spiegel blicke, sehe ich es ganz klar. Frag mich jetzt, denke ich, jetzt zwischen Zahnpasta und Zahnseide.

Dann setze ich meine Kaffeetasse wieder auf dem Untersetzer ab und wische Maja die Marmelade aus dem Gesicht. Jan versinkt wieder in seiner Zeitung und das einzige, was nicht schweigt, ist das Radio, das immer nur unpassende Musik spielt.
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