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Ein bisschen mehr.

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P18 / Gen
Jan Böhmermann Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf OC (Own Character) Olli Schulz
08.06.2015
29.09.2015
42
43.455
12
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49 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
05.09.2015 943
 
Klaas





Vor der Kulisse eines beginnenden Herbstes, alles andere als golden, komme ich mir vor wie der Böse. Ich laufe ihr hinterher, doch sie rennt an ihrem Auto vorbei, kopflos und aufgebracht. Ich weiche ein paar Passanten aus und entschuldige mich gleichzeitig dafür, dass Leni sie anrempelt. Einige Meter später, nicht klüger, hole ich sie schließlich ein.

„Woher weiß man, dass ein Anwalt gut ist?“, fragt sie.

„Brauchst du einen?“

„Nein. Hab nur drüber nachgedacht“, sie sieht mich nicht an, „was sollen wir den Kindern sagen?“

„Die meisten Eltern sind geschieden.“

„Wir sind nicht verheiratet“, sagt sie, „und außerdem glaube ich nicht, dass das stimmt.“

Sie lässt mich stehen und läuft weiter. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass wir stehen geblieben sind. Wenn ich ganz ehrlich bin, so ehrlich, dass ich es selbst nicht aushalte, dann würde ich sagen, dass die beiden früher oder später heiraten werden. Ich weiß nicht, wie wir an diesen Punkt kommen werden, aber es wird passieren.

Ich habe Mühe, mit ihr Schritt zu halten.

„Ich bin überhaupt nicht bereit für sowas“, sagt sie, „aber wahrscheinlich habt ihr Recht und es ist verschenkte Zeit. Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, wo ich anfangen muss.“

„Du musst das alles nicht alleine machen“, sage ich.

Schreib doch einen Ratgeber, Klaas. Wird alles wieder, auf Regen folgt stets Sonnenschein, der kriegt sich schon wieder ein. An einer roten Ampel bleibt Leni abrupt stehen und sieht mich an. Ihr Blick ist undeutbar. Ich muss an die Nacht denken. Daran, dass sie in meinen Armen eingeschlafen ist. Daran, dass das nie mehr passieren wird. Das war kein Beginn, sondern ein Ende. Ein sehr schönes, sehr schmerzhaftes Ende.

„Wir müssen über gestern reden, oder?“, fragt sie.

„Nein, ich glaube nicht, dass es da was gibt, über das wir reden müssen“, sage ich.

„Das wird für immer zwischen uns stehen“, sagt sie. Ja, denke ich, aber das stand es vorher schon. Jedes Mal ein Mal zu viel. Aber Leni ist eine Meisterin der Verdrängung und sie hat das alles für uns alle mitverdrängt. Nur funktioniert das nicht. Nicht mehr.

„Wir leben höchstens noch siebzig Jahre.“

„Darüber macht man keine Witze.“

Was will sie hören? Das ich sie liebe? Ich will, dass sie nicht zu Jan zurückgeht. Aber das heißt nicht, dass sie zu mir kommt. Es gibt kein Szenario, in dem das passieren wird. Leni will mich nicht. Vielleicht weiß sie es nicht selbst, aber sie will mich nicht.

Die Ampel wird grün. Wir bewegen uns nicht.

„Nein, ernsthaft“, sagt sie, „du willst nicht drüber reden? Wir tun so als sei das nicht passiert?“

Nein.

„Du solltest dich erstmal um deine Sachen kümmern“, schlage ich unbeholfen vor. Sie schüttelt unmerklich den Kopf. Offensichtlich hat sie etwas anderes erwartet. Dabei habe ich schon alles gesagt. Alles darüber hinaus hieße nur Selbstaufgabe. Oder zumindest Offenlegung einiger sehr empfindlicher Teile von mir. Und wer tut das schon, wenn man damit rechnen muss, mit nichts rechnen zu können?
Die Ampel wird wieder rot.

„Ich kann nicht einfach alles vergessen was du gesagt hast“, sie klingt vorwurfsvoll.

„Versuchs“, erwidere ich.

Ich hasse Jan. Ich hasse es, dass er in unseren Leben existiert. Dass nicht alles hätte anders kommen können. Aber das ist nur Wunschglaube. Nichts wäre anders. Vielleicht würden wir trotzdem genau jetzt, genau hier stehen und uns nicht trauen, etwas zu sagen. Niemand von uns will die Kreide in der Hand halten und den Schlussstrich ziehen, den es benötigt. Es wird ihn nicht geben. Vielleicht verlasse ich das Land. Abstand wahrt den Frieden. Eine Weltreise mit Hanna. Wieso nicht? Alles, was mich von hier weg bringt.

„Aber du denkst das alles wirklich.“

Sekunden verstreichen. Und die Ampel wird grün. Eine Mutter schiebt ihren Kinderwagen an uns vorbei. Ich habe das Gefühl, es ist dunkler geworden. Ich habe das Gefühl, dass wir uns gar nicht mehr von der Stelle bewegen können. Wir werden das hier und jetzt ausstehen. Bis nichts mehr übrig ist.

„Natürlich denke ich das wirklich“, sage ich, „sonst hätte ich es nicht gesagt.“

Leni sieht immer noch so jung aus. Jung und abgeklärt. Ihre blauen Augen stechend. Ich weiß nicht, wie Menschen darauf kommen, in Augen könne man lesen. Wer das behauptet, hat Leni noch nie ins Gesicht gesehen. Und ich weiß, wie dieses Gesicht aussieht, wenn es verliebt ist. Wenn es vor Liebe nur so übersprudelt. Liebe aus jeder Pore. Ich weiß, wie das aussieht. Als Beobachter, nie aus erster Hand. Es gibt nur einen Blick und der galt immer nur Jan. Ich kann mir nicht einmal etwas anderes einreden.

„Klaas –“, setzt sie an.

„Wir müssen das nicht machen“, sage ich, „schon gut.“

„Nein, es ist nicht gut. Ich hätte nicht – nein, ich will mich nicht dafür entschuldigen. Ich fand es – schön“, sagt sie zögernd, „aber –“

Ja, aber. Dieses Aber wird es immer geben.

„Nein, wirklich. Es ist okay“, wiederhole ich, „du musst das nicht tun.“

„Ich glaube schon“, erwidert sie langsam.

„Willst du wirklich hier, an einer Ampel, über alles reden?“

„Nein“, sagt sie, „aber wir müssen.“

Ja. Wir müssen. Wir können es nicht mehr länger hinaus zögern. In dem Moment klingelt mein Handy. Es ist Joko. Er hat einen siebten Sinn. Ich zeige Leni das Display und nehme dann ab.

„Ja?“, Leni sieht mich fragend an, „Klaas. Nein, wir machen uns sofort auf den Weg.“

Ich nehme das Handy nur langsam vom Ohr, weil ich auf einen Geistesblitz hoffe, der mich nicht trifft. Stattdessen viel mehr die Erkenntnis, dass die Talfahrt, in der wir uns befinden, noch anhalten wird. Und wir nicht einfach den Aufzug nehmen können.

„Was ist?“, will sie wissen. Ihr Blick ist jetzt angsterfüllt.

„Isas Zustand hat sich verschlechtert.“
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