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Ein bisschen mehr.

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P18 / Gen
Jan Böhmermann Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf OC (Own Character) Olli Schulz
08.06.2015
29.09.2015
42
43.463
12
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Dieses Kapitel
1 Review
 
11.06.2015 758
 
Klaas





Als Olli vorschlug, einen gemeinsamen Urlaub zu machen, dachte ich, okay, das ist eindeutig einer dieser Pläne, die man nie in die Tat umsetzt. Man redet jahrelang von zwei Wochen Nordsee, aber es kommt höchstens zu einem verlängerten Wochenende in Berlin. Aber Olli hat mich überrascht. Er hat uns alle überrascht, kalt erwischt. Er hat nur zweieinhalb Monate gebraucht, um alle auf einen Termin zu bringen, das Haus zu buchen und Euphorie zu säen, wo vorher milde Skepsis gewesen ist. Zahlreiche, mehr oder weniger notwendige, Nachrichten später sitze ich im Auto und fahre Richtung Norden. Ich bin der einzige, der alleine anreist. Die anderen schieben sich mit ihren Familien durch den Ferienanfangsstau, während ich bei geschlossenen Fenstern rauche und immer den Radiosender wechseln kann, wenn mir das Lied nicht gefällt.

So wie ich mich kenne, oder besser die anderen, werde ich der Erste sein, der am Haus eintrifft. Trotz dem längsten Anfahrtsweg habe ich nicht das Problem, dass ich Windeln wechseln oder anhalten muss, weil mein Sohn unter Reiseübelkeit leidet und sich in eine vorsorglich eingesteckte Plastiktüte übergibt. Jaja, Joko wird sich freuen, wenn der seichte Kotzgeruch Pauls sich langsam im viel zu warmen Wageninneren ausbreitet.

Aber nicht mein langer Anfahrtsweg ist der Grund, warum ich mitten in der Nacht über die Autobahn heize. Ich bin froh, wenn ich Freiburg für eine Weile hinter mir lassen kann. Die Stadt und ich, das passt einfach nicht. Zwar behaupte ich das gerne, wenn Joko wieder dezente Versuche unternimmt, mich zu einem Umzug zu bewegen, aber Freiburg ist nur eine Notwendigkeit und kein Zuhause. Er versäumt es nicht, mich daran zu erinnern, dass sich meine Freunde in Berlin befinden und es fühlt sich nicht selten so an, als würde mein Leben dort ohne mich weitergehen. Joko will den Grund übersehen, weil es einfacher ist. Ich kanns nicht, deshalb wohne ich in einer Stadt, die mir nichts bedeutet.

Ich war bis zuletzt derjenige, der offen gelassen hat, ob er es schafft oder nicht. Dabei freue ich mich auf den Urlaub. Ich freue mich darauf, Zeit mit ihnen zu verbringen.

Pack deine Sachen ein und raus, du bist hier jetzt nicht mehr zu Haus und scheiß auf Freunde bleiben


Wer bei Revolverheld nicht sofort an Leni denken muss, hat sie nicht verstanden. Die Leidenschaft, die sie aufbringen kann, wenn es darum geht, ein Plädoyer gegen diese Band zu halten, ist immer wieder unterhaltsam. Ich muss lachen, wenn ich daran denke, wie sie vor ein paar Monaten auf einem Radio-Event auf Johannes Strate getroffen ist und ihn unbeirrt mit einem Blick gemustert hat, der mich an seiner Stelle dazu veranlasst hätte, ein bis zehn Sicherheitsmänner einzustellen. Ja, Leni kann sich in etwa so sehr fürs Hassen begeistern wie fürs Lieben. Ihre Nachrichten im Gruppenchat waren entweder euphorisch oder wutentbrennt, sie kennt kein Mittelmaß, während Jan sich kaum beteiligt, sich raushält. Verglichen mit Leni ist er ein durch und durch nüchterner Mensch. Daran liegt es wohl, dass Maja und Felix so ausgeglichen sind. Das Beste aus beiden Welten.

Zwei Stunden später, die Sonne geht langsam auf, vibriert mein Handy alle paar Sekunden auf dem Beifahrersitz. Das heißt, auch die anderen haben sich mittlerweile auf den Weg gemacht. Paulina und Olli, die beste Musikauswahl im unordentlichsten Auto. Isa, Joko und Paul, die beste Laune, aber das unvollständigste Gepäck. Leni, Jan, Felix und Maja. Ja.

Entweder, die zwei Wochen werden katastrophal und wir werden danach nie wieder länger als drei Stunden in einem Raum sein, oder sie beleben den etwas eingeschlafenen Freundeskreis wieder. Die Wahrscheinlichkeit, dass ersteres passiert, überwiegt. Wir haben alle unsere Macken. Die Angewohnheiten, die wir sonst nur mit uns selbst ausleben, werden auf engem Raum nicht gut zu vertuschen sein. Joko zum Beispiel läuft nach dem Duschen gerne mal nackt durch die halbe Wohnung und ich möchte nicht näher darauf eingehen, woher ich das weiß. Leni raucht immer noch mehr, als sie behauptet und ist furchtbar im Vertuschen und von Olli fange ich am besten gar nicht erst an.
So wachsen Paul, Felix und Maja wenigstens mit dem richtigen Verhältnis zur Welt auf. Ein bisschen wie 'ne Kommune, nur weniger nackt und mehr monogam.

Bei meinem ersten Tank-Stopp checke ich mein Handy. Eine Aneinanderreihung von Staumeldungen und „ich freu mich schon“s. Eine Sprachaufnahme von Olli.

„Community-Ding!“, brüllt er ins Rauschen. Er wird uns allen um den Hals fallen, wenn wir ankommen. Wie ein Flummi von Zimmer zu Zimmer hüpfen und Dinge sagen wie „Leute, dass wird unsere Zeit“. Der Gedanke lässt mich grinsen. Jaja, unsere Zeit.
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