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Ein bisschen mehr.

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P18 / Gen
Jan Böhmermann Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf OC (Own Character) Olli Schulz
08.06.2015
29.09.2015
42
43.463
12
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49 Reviews
Dieses Kapitel
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31.08.2015 976
 
Leni





Wie stehts? Fünfzig fünfzig würd ich sagen. Für mich. Für Klaas stehts hundert, alles auf eine Karte. Jetzt oder nie. Und mir ist es nur recht, weil ich auf Nähe angewiesen bin. Nähe, die ich sonst oft nicht ertrage. Ich will mich nicht alleine fühlen, körperlich. Er hat recht. Ich bin verzweifelt.

Er zieht mich so dicht an sich heran. Es ist nur ein äußeres Bild. Wir sind nicht wirklich hier, nicht wirklich so eng zusammen, wir sind so weit voneinander entfernt wie wir es nur sein können und unsere Lippen finden sich von ganz alleine. Das ist nicht das, was ich will, nicht der Mann, den ich will, aber ich gebe mich damit zufrieden. Das ist schrecklich. Von mir. Ich habe schon immer geahnt, dass ich eigentlich kein guter Mensch bin. Ich bin meinen Kindern nicht gerade ein gutes Vorbild. Und doch höre ich nicht auf. Ich könnte es so leicht beenden. Nur ein Wort. Ein Zurückweichen. Klaas warme Hände auf meinem Rücken, unter meinem Shirt. Alarmglocken werden überhört. Gedanken weitergeschoben wie Regenwolken. Den Flur runter Olli und Paulina, die es wissen, das weiß ich.

Sein heiser Atem streift meine Wange. Er hält inne. Noch ist es nicht zu spät, es als kleine Unachtsamkeit abzutun. Wir stehen alle unter Druck. Wir sind alle angespannt. Ich bin nicht die Einzige, die verzweifelt ist. Unter dem Spalt der Tür fällt ein Lichtschimmer ins Zimmer. Zwischen Klaas und der Wand ist nicht viel Platz für meine komplexen Gedanken. Und vor allem ist dort kein Platz für Jan. Flashbacks in enge Toilettenkabinen, Jan, Klaas. Wenn es wirklich etwas bedeuten würde. Wenn es einen Unterschied machen würde. Wenn es richtig wäre. Aber nichts davon trifft zu.

Olli muss nur ins Bad, „ich schlafe keine Nacht mehr durch“, und Klaas und ich grinsen uns an. Das Grinsen besiegelt es, das weiß ich. Wir sind wie Teenager, die nachts ins Freibad einsteigen. Ich kann die Sirenen schon heulen, aber ich bin noch im Wasser. Und ich werde ein bisschen zu lange im Wasser bleiben. Das Grinsen ist das Zeichen. Ein geheimes Signal, das nur wir verstehen. Es ist okay. Es ist in Ordnung. Am Ende wird es nichts bedeuten. Wir können Freunde sein. Wir werden Freunde bleiben. Bitte lass uns Freunde bleiben. Er setzt an, etwas zu sagen, aber ich schüttle den Kopf. Ein Wort und das Kartenhaus, auf dessen Dach wir stehen, bricht zusammen. Wir werden hart aufprallen. Wir werden keine Freunde bleiben. Ich will nichts verlieren, weder Isa, noch Joko, noch Klaas, noch Jan, noch meine Kinder. Niemanden.

Es ist nur eine Knutscherei. Und anders als alles andere ist eine Knutscherei noch lange kein Weltuntergang. Wir passen aufeinander auf. Wie versprochen. Wir müssen uns für eine kurze Weile ineinander verkriechen und so tun, als gäbe es die Welt da draußen nicht. Ich werde ihm das Herz brechen. Und er weiß das genauso gut wie ich. Und trotzdem hört niemand auf. Wieso auch? Es sind nur Küsse. Niemand unterbricht uns, niemand hält uns auf. Vielleicht soll es ja so sein. Genau so, wie es ist.
Wir schlafen eng aneinander gekuschelt ein. Und ich denke: das sind all die Umarmungen, die du mir nicht geben konntest, Jan. Das solltest du sein. Du solltest da sein und mich trösten. Mich küssen. Mich halten. Du solltest mir doch nur sagen, dass du mich liebst, verdammt. Die Spiele sind vorbei. Wir haben zwei Kinder, oh, die Spiele sind sowas von vorbei. Du hast es nicht vorhergesagt, du hast mich mitten rein geschoben. Du hast gewollt, dass du Recht hast und guck dir das an, bitte, das, was du wolltest.
Ich muss ihm das Herz brechen, ist das letzte, was ich denke, ehe ich endlich einschlafe. Ich werde ihm das Herz brechen, aber nicht heute Nacht.


Am Morgen schleiche ich mit roten Ohren in die Küche, wo Paulina gut gelaunt an einem Drei-Sterne-Frühstück arbeitet und Olli mich mit seiner Kaffeetasse in der Hand durchdringend mustert. Es lohnt nicht, dagegen zu halten.

„Guten Morgen“, sage ich gut gelaunt. Olli nickt mir wortlos zu.

„Guten Morgen“, flötet Paulina, „gut geschlafen?“

„Ja, danke“, ich setze mich zu Olli an den Tisch. Er schenkt mir einen Kaffee ein und schiebt ihn zu mir herüber. Er ist nicht nur mein Vater, sondern auch ein bisschen auch mein nicht bezahlter Psychiater. Kaum fünf Minuten später betritt Klaas die Küche und alles ist wie immer. Naja, wir sehen uns kaum an und ich beobachte Olli sehr genau, damit er nicht auf die Idee kommt, etwas Dummes zu sagen, aber ansonsten ist alles wie immer. Katastrophenmanagement will gelernt sein.

Paulina serviert Rührei und Toast. Ich habe eine Schwäche für ihr Frühstück. Das ist diese Küche. Diese verdammt gemütliche bunte Küche.

„Wie immer das beste Rührei Berlins“, lobe ich zufrieden und häufe eine weitere Gabel auf meinen Toast.

„Und eine große Portion für Klaas“, Paulina häuft ihm einen Berg Ei auf den Teller und Klaas versteckt sich noch viel offensichtlicher hinter der Zeitung als nötig wäre. Ich beschäftige mich intensiv mit einem Bastuntersetzer, den ich langsam in seine Einzelteile zerpflücke. Peinliches Schweigen auf allen Seiten.

„Wie sieht euer Tag aus?“, fragt Olli.

„Arbeiten“, antwortet Klaas einsilbig.

„Und ich dachte, ich kümmere mich zur Abwechslung mal um meine Zukunft“, sage ich. Erstaunte Blicke.

„Sag Bescheid, wenn du Hilfe brauchst“, sagt Paulina, „also falls du dich nach einer Wohnung umschauen willst oder – sag einfach Bescheid, ich bin allzeit bereit.“

„Mache ich. Danke“, sage ich, „aber ich komme erstmal alleine klar.“

Klaas und mein Blick treffen sich. Unbeabsichtigt oder nicht. Das mit dem Herzen verschiebe ich auf später. Ich kümmere mich um meine Zukunft. Was auch immer das heißen soll. Vielleicht fahren wir ja auch ein ganz neues Modell, offene Beziehung? Es muss einen Weg geben. Oder mehrere. Einen davon werde ich heute finden. Es reicht mit Selbstmitleid und Verzweiflung. Keine Knutschereien mehr.
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