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Ein bisschen mehr.

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P18 / Gen
Jan Böhmermann Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf OC (Own Character) Olli Schulz
08.06.2015
29.09.2015
42
43.455
12
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Dieses Kapitel
1 Review
 
29.08.2015 1.001
 
Leni





Ich beziehe Ollis Gästezimmer. Lasse mir Tee ans Bett bringen. Ich ergebe mich meinem Schicksal. Und übergebe mich zweimal, ehe ich endlich schlafen kann. Ein  Telefonat mit den Kindern, die mich vermissen, eine Absprache mit Jan, ein Abendessen von Paulina, eine SMS von Joko. Und dann tiefer, traumloser Schlaf. Und Klaas mitten im Zimmer. Ich werde von einem Geräusch geweckt, der Tür, schlage die Augen auf und merke, dass ich nass geschwitzt bin. Schlage die Decke zurück und sehe Klaas. Ziehe die Decke reflexartig wieder über mich.

„Ähm. Hallo“, bringe ich hervor, „was … machst du hier?“

Bitte frag mich nicht, was das heute im Krankenhaus gewesen ist. Lass uns das nicht tun. Lass uns das vergessen und weitermachen. Nur so kann es halbwegs funktionieren.

„Ich wusste nicht, dass du heute hier schläfst“, flüstert er, „sorry. Ich wollte dich nicht wecken.“

„Ich dachte, du bist im Hotel.“

„Olli war näher.“

Was erwartet er jetzt von mir? Das ich ihm anbiete, das Bett brüderlich zu teilen? Brüderlich. Wohl eher nicht. Er sollte nicht in diesem Zimmer sein. Noch weniger als ich. Vor allem sollten wir nicht zusammen in diesem Zimmer sein. Aber er macht keine Anstalten, in sein teures Hotel zu fahren und den Abend mit Markus Lanz ausklingen zu lassen.

„Wo ist Paul?“

„Im Krankenhaus“, sagt er, „ich musste ein bisschen Überzeugungsarbeit leisten, aber die Nachtpflegerinnen haben nachgegeben.“

„Isa?“

„Unverändert“, sagt er bedrückt, „aber Joko geht’s gut.“

„Wer ist diese Hanna?“, höre ich mich fragen. Ich will mich ohrfeigen. War der Tag denn nicht genug?

„Diese Hanna“, wiederholt er, „komm schon.“

Sei nicht so, Leni. Sei nicht so ein Biest. Ich darf dir Jan vorhalten, wann immer mir danach ist, ich darf mich in deine Beziehung einmischen, ich darf das, aber du darfst das nicht.

„Gut, von mir aus. Wer ist Hanna?“, wiederhole ich ungerührt.

„Sie ist nicht meine Freundin.“

Ist doch egal, sollte ich jetzt sagen, ist mir doch egal. Ich will nur wissen, woher ihr euch kennt. Wo lernen zwei Menschen, die auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein könnten, sich kennen? In Zeiten wie diesen? Und wieso bringst du sie mit ins Krankenhaus? Das alles ist ein Familiending, wir machen das mit uns aus, wir passen aufeinander auf, richtig? Da wird niemand von außen reingeholt, das ist unser verdammtes Boot, Klaas, sei nicht so egoistisch.

„Schade?“, ich zwinge mich, keine Miene zu verziehen.

„Joko hat erzählt, dass du im Krankenhaus geschlafen hast“, geht er darüber hinweg.

Ich richte meinen Blick starr an ihm vorbei an die dunkle Wand, in der ich schemenhaft die Umrisse eines riesigen Posters erkenne. Ton Steine Scherben. Paulina hat mal in einem besetzten Haus gelebt. Es ist gut, dass solche Menschen Lehrerinnen werden.

„Und was hat er noch so erzählt?“, frage ich, weil niemand etwas sagt.

„Wir müssen nicht darüber reden“, sagt Klaas, „es läuft sowieso immer gleich ab, oder nicht?“

„Du scheinst das besser zu wissen als ich.“

„Er verhält sich wie ein Arsch, du bist sauer. Du liebst ihn, du verzeihst ihm alles, du gehst wieder zu ihm zurück, vielleicht kriegt ihr noch ein Kind oder ihr heiratet oder ihr kauft ein Haus oder startet einen Beziehungspodcast.“

Er ist von Wort zu Wort lauter geworden.

„Reden wir jetzt doch drüber?“, frage ich gereizt. Er schüttelt wütend den Kopf.

„Du sollest ins Hotel gehen. Oder auf die Couch“, sage ich. Klaas gestikuliert wortlos durch die Luft, ehe er sich umdreht und die Klinge in die Hand nimmt.

„Mach doch einmal nicht denselben Fehler. Nur um zu sehen, was dann passiert“, sagt er und geht.
Ich laufe im Zimmer auf und ab, unschlüssig, ob es der Anfang oder das Ende von etwas ist. Unschlüssig, was ich denken oder fühlen oder sagen soll. Ob ich überhaupt etwas tun soll. Ob die Zeit stehen bleiben könnte, nur für ein paar Stunden, bis ich gedanklich da bin, wo mein Leben auf mich wartet.

Während ich am Fenster stehe und auf den Innenhof hinabblicke, wird die Zimmertür erneut aufgerissen. Klaas.

„Und das du nicht erkennst, dass er –“

Ich starre ihn erschrocken an. Reh im Scheinwerferlicht.

„Sorry, aber das musste ich noch loswerden! Ich denke viel zu oft über dein Leben nach, wenn ich eigentlich über meines nachdenken sollte. Du bist doch – du bist doch eigentlich nicht so. Du warst nie so!“

„Wie denn?“, frage ich.

„Unterwürfig. Verzweifelt. Albern, Leni“, zählt er auf, „ist dir das nicht zu kindisch?“

„Kannst du jetzt mal ‘n Punkt machen, bitte? Es ist mitten in der Nacht. Du tauchst hier auf, stehst einfach in meinem Zimmer und sagst mir, ich bin verzweifelt und unterwürfig?“

„Olli hat dich aus einem Park abgeholt!“

„Wieso erzählt er euch immer alles?“, wir sind nicht mehr leise, wir geben uns keine Mühe mehr, Freundlichkeit aufrecht zu erhalten. Alles geht den Bach runter und wir gehen mit.

„Wieso verlässt du ihn nicht? Wieso nimmst du nicht die Zeit, die du mit Warten verbringst, und nutzt sie für was Besseres? Es gäbe so viel besseres als ihn.“

„Was zum Beispiel?“, frage ich. Ich kenne nur die Flucht nach vorne und da steht Klaas und am Ende wird es ein Kollateralschaden. Er spricht von sich. Er spricht von sich und Jan hat recht.

„Du weißt, was ich meine!“

„Dann sag es doch!“, feuere ich zurück, „sag es!“

Er ist in dich verliebt. Du willst es nicht sehen, weil das vieles einfacher macht, aber was macht es wirklich einfacher? Es ist alles scheißkompliziert.

„Sag du mir, wieso ihn nicht verlässt. Es gibt keinen vernünftigen Grund. Die Kinder können nicht der Grund sein, um so ein Leben zu führen. Siehst du nicht, wie er mit dir umgeht? Welcher Mensch, der behauptet, einen anderen zu lieben, tut so etwas? Alles, was er je getan hat, war, dir weh zu tun. Und du verzeihst ihm immer wieder. Warum?“

„Weil –“

Zu fünfzig Prozent, weil er die Antwort nicht hören will und zu fünfzig, weil er ein impulsiver Mistkerl ist, greift Klaas mich aus dem Nichts, in dem ich schwebe und küsst mich.
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