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Ein bisschen mehr.

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P18 / Gen
Jan Böhmermann Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf OC (Own Character) Olli Schulz
08.06.2015
29.09.2015
42
43.463
12
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23.08.2015 1.247
 
Dieses Kapitel widme ich Johannes und Caro


Leni





Eines der vielen Dinge, die mich  How I Met Your Mother gelehrt hat, ist, dass du eine Sache hundert Mal richtig machen kannst, um sie dann beim hundertundersten Mal grandios in den Sand zu setzen. Und es entspricht auch ein wenig meiner eigenen Lebenserfahrung. Ich mache Dinge so oft richtig, bis ich sie ein einziges Mal falsch mache. Und das ist dieses eine Mal, das mir angekreidet wird. Immer.

Vor dem Krankenhaus stoße ich mit Klaas zusammen. Unangenehmer Moment in Drehtür. An seiner Seite eine junge Frau, die ich nicht kenne, aber die er zu kennen scheint. Freiburg?, denke ich, aber das ist es nicht. Sie strahlt aus jeder Pore aus, dass sie zufrieden ist. Ein glücklicher Mensch. Ein Mensch, der in seinem Leben noch keine gravierenden Fehlentscheidungen getroffen hat.

„Leni, Hannah. Hannah, Leni“, stellt er uns einander vor. Ich wünschte, dass er das nicht tun würde. Dass es nicht nötig wäre. Sie ist nur eine Randfigur, eine Momentaufnahme, nicht wichtig. Und doch ist sie jetzt wichtig genug, um einen Namen zu haben und meinen zu kennen. Ich nicke ihr zu. Lächle halbherzig. Die Nacht war kurz, das Bett unbequem.

Er ist verlegen. Schaut mir nicht in die Augen, sondern irgendwo an mir vorbei in die hässliche Eingangshalle des Krankenhauses.

Du hast dich hundert Mal für deine Freunde gefreut, für ihr Glück, für ihre Liebe, darüber, dass für sie alles gut ausgeht. Für alles, was du gerne gehabt aber nicht bekommen hast. Hast hundert Mal gesagt, dass du es ihnen von Herzen gönnst. Und das hast du auch. Ganz sicher. Aber beim hundertundersten Mal bist du müde, dein Körper tut weh und du kannst nicht mehr sehen, wohin dich dein eigenes Leben führen will. Du hast den Weg aus den Augen verloren. Du hast keine Antworten und so viele Fragen. Beim hundertundersten Mal willst du dich nicht mehr freuen.

Wortlos lasse ich die beiden stehen. Und beginne, zu weinen. Nein, ich beginne zu heulen und es ist mir egal, was die mir entgegenkommenden Menschen von mir denken. Es ist mir egal, was Klaas von mir denkt. Was er Hanna erzählt. Wahrscheinlich sagt er, dass ich eine schwere Zeit durchmache, wir ja alle, aber Leni besonders, weil ihr Freund ihr nicht beistehen will und sie nicht weiß, was sie mit ihrem Leben anfängt. So war sie schon immer, daran haben zwei Kinder nichts geändert. Sie schwimmt. Ziellos. Und ab und an ein bisschen würdelos, wenn wir ehrlich sind, und er ist ehrlich zu ihr.

Einerseits empfinde ich eine selten gefühlte Wut auf Klaas, andererseits auf mich selbst. Klaas ist nicht dein  Back Up. Vielleicht ist dein Flugzeug gerade abgestürzt, aber Klaas ist nicht dein Fallschirm. Jeder für sich. Darauf wird es am Ende immer hinauslaufen.


Ich weiß nicht, wohin mit mir. Jetzt zu Jan zu gehen wäre ein Fehler. Er würde meine Verzweiflung nicht verstehen. Er versteht mich einfach nicht. Und er hat mich alleine gelassen. In einem der schlimmsten Momente meines Lebens ist er nicht da, um mich zu halten. Er versichert mir nichts, er stützt mich nicht. Es gibt kein Netz und keinen doppelten Boden.

Ich kaufe mir im nächsten Späti drei Flaschen Bier und gehe an den schlimmsten Ort, den ich kenne. Den Mauerpark. Ich bin so ungerne unter Menschen, dass es an Selbstbestrafung grenzt, mich hier alleine auf eine Bank zu setzen, so offensichtlich verzweifelt und am Ende, dass es mit dem Teufel zugehen müsste, nicht angesprochen zu werden. Aber ich will mich nicht unterhalten. Will keinem Fremden mein Leid klagen. Ich will einfach nur hier sitzen und an nichts denken. Ihre Leben gehen ohne mich weiter. Ich will, dass sie das tun. Ich will, dass Joko und Isa gesund werden. Ich will, dass Jan mich in diesem Augenblick anruft, weil ihm klar wird, wie sehr er mich liebt. Aber er hat es nicht gesagt und vielleicht tut er es auch schon lange nicht mehr.

Auf nüchternen Magen ist man ziemlich schnell so betrunken. Als mein Handy klingelt, brauche ich ewig, um den Anruf entgegenzunehmen. Ich finde den grünen Hörer nicht und dann bin ich mir nicht sicher, ob ich ihn überhaupt finden möchte.

„Hallo“, sage ich langsam.

„Ah, du lebst. Wie schön“, sagt Olli, „seit Stunden hat dich weder jemand gesehen, noch jemand was von dir gehört.“

„Ich war bis eben im Krankenhaus.“

„Wo du geschlafen hast“, ergänzt er, „ja, ich bin gerade da gewesen. Wo bist du jetzt?“

„Im Park.“

„Und in welchem Park?“, fragt er ungeduldig.

„Ich bin betrunken.“

„Das hättest du nicht sagen müssen“, sagt er, „in welchem Park?“

„Mauerpark.“

Eins plus für diese zentrierte Ortangabe. Sag doch direkt Berlin.

„Okay. Ich finde dich“, sagt er, „bleib, wo du bist.“

„Ich will alleine sein.“

„Du kannst in meiner Wohnung alleine sein, aber nicht im Mauerpark“, erwidert er, „ich hole dich ab und wir gehen was essen. Hast du heute überhaupt schon was gegessen?“

„Nein.“

„Siehst du. Bis gleich. Schick mir deinen Standort. Kriegst du das noch hin?“

„Mhm.“

„Gut, dann bis gleich.“

Ich lege auf und starre auf die Wiese vor mir. Das kanns doch nicht sein. Ich bin mir selbst peinlich. Und denke an Hanna. Gestern hat sie noch nicht existiert. Doch, denn sonst wäre er ans Telefon gegangen und was wäre dann passiert? Verzweiflung führt zu nichts Gutem, aber ich lerne es nicht. Ich weigere mich beharrlich, diese Lektion anzunehmen. Verzweiflung hat mich in diesen Park geführt. Nein, ich lerne es nicht.


„Wir reden nicht über Jan“, ist das Erste, was Olli sagt. Darauf kann ich mich einlassen. Ich nicke. Er setzt sich neben mich und nimmt mir die letzte Flasche ab, um sie selbst zu trinken.

„Wer ist Hanna?“, frage ich ihn mit schwerer Zunge.

„Hanna?“, wiederholt er, „ich kenne keine Hanna.“

„Klaas Freundin.“

„Seit wann hat er eine Freundin?“

„Ich habe die beiden heute vor dem Krankenhaus getroffen.“

„Ich meine“, Olli legt einen Arm auf die Lehne hinter mir, „wäre doch schön, wenn er jemanden gefunden hat.“

Ich zucke mit den Schultern.

„Sie ist viel zu jung“, sage ich. Er prostet ins Nichts.

„Verlass ihn“, sagt er, „warte nicht auf was auch immer, du verschwendest dein Leben an diesen Mann. Verlass ihn, such dir eine Wohnung, ihr teilt euch das Sorgerecht. Es muss keinen Streit geben. Ihr seid erwachsene Menschen.“

„Aber ich will das nicht“, sage ich kleinlaut.

„Er wird sich nicht ändern. Er wird dir nicht sagen, wo das Problem liegt. Er ist nicht gut darin, zu reden. Und er interessiert mich nicht, aber du interessierst mich. Es geht dir nicht gut. Daran wird er nichts ändern, aber du kannst das. Du hast es in der Hand. Gib ihm keine Zeit. Er hatte genug Zeit. Er hatte so verdammt viel Zeit und was hat er damit gemacht?“

Wieder steigen Tränen in mir auf. Mit einem Schlag wieder nüchtern. Die Realität eine Faust im Magen.

„Du musst nichts davon alleine machen. Wir finden eine Wohnung, wir holen eure Sachen, wir erklären es den Kindern gemeinsam“, schlägt Olli vor, „das ist kein Weltuntergang. Niemand muss für immer mit jemandem zusammenbleiben, der das offenbar gar nicht will. Würde er es wollen, wäre er da.“

„Fühlt sich nach Weltuntergang an.“

„Ja, jetzt“, er legt mir einen Arm um die Schulter und drückt mich, „aber das ist nur eine Momentaufnahme.“

„Du sagst immer so schlaue Sachen wenn ich getrunken habe“, nuschle ich.

Vielleicht macht man es auch hundert Mal falsch, um es beim hundertundersten Mal endlich zu kapieren.
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