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Ein bisschen mehr.

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P18 / Gen
Jan Böhmermann Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf OC (Own Character) Olli Schulz
08.06.2015
29.09.2015
42
43.455
12
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Dieses Kapitel
1 Review
 
18.07.2015 1.065
 
Klaas





Paul und ich haben in der Cafeteria gegessen und Joko ein Stück Kuchen gebracht. Ich beantworte seine Fragen nach dem „nach bestem Wissen und Gewissen“-Prinzip, denn eigentlich weiß ich gar nichts und nicht nur das zieht ein schlechtes Gewissen nach sich. Seine Eltern liegen im Krankenhaus, sein Leben hat sich von heute auf morgen geändert, und ich bin nicht fähig, etwas von dem Schmerz und der Angst aufzufangen, weil ich selbst noch immer in einer Art Schockzustand umherlaufe und versuche, es für alle so gut wie möglich zu machen.

Während Paul sich auf die Suche nach einer Krankenschwester gemacht hat, um nach einer Vase für die Blumen zu fragen, die er im Park des Krankenhauses für Isa gepflückt hat, hat Joko die Zeit genutzt, um mich auszufragen. Sich an unseren Leben zu beteiligen, während seines so umfassend jeden Halt verloren hat, ist seine einzige Ablenkung.

„Was ist los bei Leni?“ hat er gefragt. Ich habe hilflos aus dem Fenster in den strahlend blauen Himmel geblickt. Das Wetter ist seit Tagen unpassend schön. Ein später Sommer.

„Streit mit Jan“, sage ich, „er braucht Zeit zum Nachdenken.“

„Klingt für mich nach Pause.“

„Keine Ahnung“, erwidere ich achselzuckend.

„Denkst du, das wars?“

„Ich weiß es nicht“, wieder ein Schulterzucken, „kann schon sein.“

„Hey, ich bin auf deine Einschätzung angewiesen“, erinnert er mich, „gib mir ein bisschen was.“

„Was willst du hören? Er ist ein Arsch. Er sollte jetzt bei ihr sein, oder? Stattdessen schläft sie erst im Hotel und dann in Ollis Gästezimmer und ruft ihn an, um zu fragen, ob sie den Tag mit den Kindern verbringen darf.“

„Sie hat im Hotel geschlafen? In deinem Zimmer?“

„Ja.“

„Klaas“, er versucht, sich etwas aufzurichten, was ihm nicht gelingt. Ich trete ein Stück näher an ihn heran.

„Das ist deine letzte Chance“, sagt er, „diese … Pause, es klingt zumindest nach einer, ist das letzte Zeitfenster. Ich weiß, dass du sie liebst. Nein, du musst jetzt nichts sagen. Ich habe Augen im Kopf. Wir alle haben Augen im Kopf. Jan reagiert nicht ganz umsonst so, wie er es tut, oder?“

Ich antworte nicht. Es wäre nicht klug, sich selbst zu belasten.

„Sags ihr“, sagt Joko, „alleine schon, weil du es mit dir rumschleppst und sie es dir nicht leichter macht.“

„Sie muss es mir nicht leichter machen. Wir sind Freunde.“

„Vielleicht könnt ihr das nicht mehr sein“, sagt Joko, „wie funktioniert das für dich so, dieses Freunde-Ding?“

Wieder ein Schulterzucken.

„Eben“, die Tür wird geöffnet, Paul kommt mit einer Vase zurück, „das ist dein Fenster.“


Joko hat im Krankenhaus ein wenig zu oft „How I Met Your Mother“ gesehen und bildet sich ein, in jeder Episode stecke etwas über unseren Freundeskreis. Mag sein, dass es ein Fenster gibt. Mag sein, dass es jetzt gerade ein kleines bisschen offen ist, aber ich werde nicht durchklettern. Nicht einmal durchsehen. Egal, was dahinter ist, es ist nicht für mich bestimmt. Ich kann sie so sehr lieben, wie ich will, sie liebt ihn. Sie wird ihn immer lieben. Niemand ist Schuld daran, nicht einmal er hat es darauf angelegt.

„Dann gebe ich ihm halt Zeit“, sagt Leni halb genervt, halb nachgiebig, „oder?“

„Keine Ahnung“, zu einer schlaueren Aussage bin ich nicht fähig.

„Du weißt doch sonst immer alles“, sagt sie mit einem verzweifelten Grinsen.

„Was euch angeht weiß ich gar nichts“, sage ich. Wie sollten wir auch, wenn selbst die beiden nicht wissen, wie es funktioniert. Das einzige, was sie wissen, ist, dass sie sich lieben, alles darum ist trial and error. Versuch und Irrtum.

„Hm“, macht sie, „da sind wir ja schon zwei.“

Wir sehen den Kindern dabei zu, wie sie die Rutsche hochklettern. Das einzig Gute an Jan sind Felix und Maja. Sie haben sie gut hinbekommen, beide, sie sind auch einer der Gründe, weshalb ich nichts sagen werde.

„Hat Joko irgendwas gesagt?“, wechselt sie das Thema.

„Ihm geht’s jeden Tag besser“, sage ich und nach einer kurzen Pause, „leider siehts bei Isa nicht danach aus.“

„Verdammte Scheiße“, flucht sie leise, „wieso kann nicht alles wieder wie vorher sein?“

„Wann vorher?“, frage ich. Ich frage, ehe ich darüber nachgedacht habe.

„Bevor alles seltsam geworden ist. Vor diesem Unfall. Vor … allem“, sie seufzt, „ich hasse Veränderungen, die ich nicht beeinflussen kann.“

„Das haben Joko und du gemeinsam.“

„Ich will, dass er wieder gesund ist. Beide. Ich will, dass sie mit Paul ins Schwimmbad gehen und uns besuchen und dass wir wieder in den Urlaub fahren. Ich war in den letzten zehn Jahren nicht so weit von ihm entfernt wie jetzt. Ich kann ihm nicht helfen. Egal, was ich sage oder tue, es drückt nicht annähernd aus, was ich fühle. Ich will ihn nicht runterziehen, aber ... ich bin so eine schlechte Optimistin.“

„Bist du nicht“, versichere ich ihr, „du tust dein Bestes.“

„Nein. Das ist nicht mein Bestes. Ich kann nicht mein Bestes geben, weil ich so abgelenkt bin von der Sache mit Jan und von allem, was er gesagt hat.“

„Was hat er denn gesagt?“

„Das ist nicht wichtig“, weicht sie aus, „wichtig ist nur, dass die beiden wieder gesund werden und Paul seine Eltern nicht mehr im Krankenhaus besuchen muss.“

„Er fragt mich ständig Dinge, die ich ihm nicht beantworten kann“, gebe ich zu, „ich verbringe die halbe Nacht damit, zu googeln. Kann ich nicht empfehlen.“

„Du tust wirklich dein Bestes“, sagt sie, „wie immer. Du weißt, was zu tun ist. Du kannst immer alles gleichzeitig.“

Nein, kann ich nicht. Und noch weniger weiß ich, was zu tun ist. Das ist mein Versuch und Irrtum. Es ist immer Versuch und Irrtum.

„Aber“, sie blinzelt ein paar Tränen weg und lächelt mich an, „du musst das nicht alles alleine machen. Das weißt du, oder? Joko hat Recht. Wir passen aufeinander auf.“

Ja, das tun wir. Und weil wir das tun, sollte ich dir die Wahrheit sagen. Ich liebe dich. Ich liebe dich und ich liebe dich schon sehr lange, deshalb, nur deshalb, bin ich weggezogen und der Abstand war der einzige Schutz.

„Oder?“, fragt sie verunsichert, weil ich nichts sage.

„Klar“, beeile ich mich, ihr beizupflichten, „tun wir doch immer. Und die beiden schaffen das.“

„Es ist gut, dass du wieder nach Berlin ziehst“, sagt sie, „wir brauchen dich hier.“

Ich kann nicht. Ich kann es ihr nicht sagen. Das würde das Ende der Freundschaft bedeuten, so oder so. Und wir sind Freunde. Sie braucht einen Freund.
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