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Ein bisschen mehr.

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P18 / Gen
Jan Böhmermann Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf OC (Own Character) Olli Schulz
08.06.2015
29.09.2015
42
43.455
12
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49 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
08.06.2015 1.132
 
Leni





Samstagvormittage in Supermärkten, falls mich je jemand fragen sollte, wie die Vorhölle aussieht. Mit zwei Kindern, die in Eigenregie ihre Ernährungspläne gestalten und Schnuller unter Autos werfen und alles nach Farben sortieren müssen und den Wagen gegen Auslagen fahren.

„Maja ist so laut“, beschwert sich Felix und hält sich demonstrativ die Ohren zu. Ich krame nach passablen Bananen und werde von einigen umstehenden Müttern mitleidig angesehen. Jaja, ich habe meine Kinder nicht im Griff, schon gut. Packt mir doch gleich einen Erziehungsratgeber in den Wagen, aber spart euch diese Blicke. Alles nur eine Momentaufnahme. Die pastellfarbenen Instagram-Posts über Anteil- und Rücksichtnahme sind noch nicht in der echten Welt angekommen. Aber in der echten Welt wird das Urteil gefällt und das fällt heute nicht gut für mich aus.

„Mama!“, nörgelt Felix.

„Hol bitte einfach den Orangensaft, ja?“, bitte ich meinen Sohn und wende mich an Maja, „wir kaufen dir einen neuen Schnulli.“

Wir kaufen alle Schnuller, die dieser beschissene Laden hat, wenn du nur endlich aufhörst, zu heulen. Ich kann nicht mehr. Am liebsten würde ich mich zwischen die Kiwis legen und ein bisschen schlafen. Nach dem Mittagsschlaf sieht die Welt schon anders aus, sage ich meinen Kindern, wenn sie knatschen. Mir sagt das niemand.

Der Einkauf zieht sich hin, die Schlangen vor den Kassen sind meterlang und zu allem Überfluss klingelt auch noch mein Handy. Ich fische es aus dem Gerümpel meines Rucksacks.

„Was?“, frage ich bissig. In der Hektik habe ich nicht auf den Namen geschaut.

„Ich freu mich auch, von dir zu hören“, ein eingeschnappter Olli fehlt mir gerade noch.

„Ist gerade ganz schlecht“, sage ich, „was gibt’s denn?“

„Mama, darf ich mir noch ein Eis holen?“, Felix zerrt an meinem Shirt.

„Nein, wir haben noch Eis zuhause“, sage ich.

„Aber ich will eins ohne Stiel. Lieber im Becher“, quengelt Felix.

„Dann hol dir eins“, in Gottes Namen.

„Du klingst gestresst“, analysiert Olli messerscharf, „habt ihr schon gepackt? Übermorgen gehts los!“


Wir haben uns zu einem Familienurlaub breitschlagen lassen. Jan, Felix, Maja und ich zusammen mit Joko, Isa, Paul, Olli, Paulina und Klaas. Ein Haus am Meer. Meer light. Nordsee. Ich lege keinen Meter mehr zurück als nötig. Wenns schlecht läuft regnet es zwei Wochen durch und wir dürfen uns ein Indoor-Bespaßungsprogramm zusammenschustern. Bei dem Gedanken daran kommen mir unweigerlich jedes Mal die Tränen. Ich möchte nur mal eine Sekunde tief durchatmen und mich von ein, zwei Wellen überrollen lassen, ohne das mich jemand fragt wo die Socken mit den Dinos sind oder die Feuchttücher oder der gottverdammte Schnuller.

Irgendwo schreit immer einer, hat eine Schulveranstaltung oder will bei Mama und Papa schlafen. Es grenzt an einem Wunder, wenn wir alle vier zusammen zu Abend essen. Jan arbeitet, Felix meckert rum, weil es ausnahmsweise Pizza Salami gibt und anders als auf Brot ist die nach der Zeit im Backofen das wurstifizierte Böse. „Vegetarier mit Wurst“, sagt er. „Salami ist Wurst“, sage ich. „Aber nur auf Brot, Mama“, sagt er und isst Brot, während Jan später die kalte Pizza zur romantischen Beleuchtung der Abzugshaube im Stehen isst und ich am Küchentisch versuche, ein paar letzte Zeilen zu tippen, ehe mir die Augen zufallen.

„Nein, wir sind noch nicht ganz fertig. Ich bin gerade sehr beschäftigt, Schulz. Ich meld mich später“, würge ich ihn ab. Anders als Paulina und er muss ich nicht nur meine Sachen falten und zu Rollen eindrehen und in einen Koffer stopfen, nein, ich muss Listen schreiben und den Überblick behalten und noch Sonnencreme kaufen und zwar die, die nicht klebt, sonst gibt’s Tränen und Wutanfälle und wo zum Teufel ist die UV-Badekleidung?

„Sie haben aber zwei süße Kinder“, sagt die Kassiererin, die mich aufheitern möchte. Ich lächle dankbar und schiebe die letzten Teile in den Wagen. Felix angelt sein Eis zufrieden zwischen Äpfeln und Schnullerverpackung hervor. Majas Fußspitze landet in meinem Bauch.

„Danke“, sage ich.


Im Auto müssen wir uns in brütender Hitze durch einen kleinen Stau quälen und zuhause muss ich drei volle Einkaufstüten, ein heulendes Kleinkind und eine obligatorische Wickeltasche in den dritten Stock schleppen. Mir rinnt der Schweiß tröpfchenweise über die Stirn und perlt von meiner Oberlippe. Hätt ich mal besser nie geraucht, aber immerhin hab ich trainierte Arme.

„Papa!“

Felix hat Jan im Wohnzimmer entdeckt, wo er gerade dabei ist, seinen übervollen Koffer unter Anwendung roher Gewalt zu schließen. Begeistert hüpft Felix um ihn herum.

„Stell dich mal drauf'“, sagt Jan zu ihm.

„Das Fliegengewicht“, kommentiere ich den wenig erfolgreichen Versuch.

„Dann stell du dich doch mal drauf“, erwidert er grinsend. Ich tippe mir mit dem Mittelfinger an die Stirn. Dann setze ich mich auf den Koffer und er zieht den Reißverschluss zu. Danach packe ich die Einkäufe aus und er bringt Maja dazu, das mit dem Heulen für heute gut sein zu lassen. Es läuft alles wie am Fließband. Und es gibt Tage, an denen wache ich auf und denke „wolltest du das?“, aber ich muss die beiden nur einmal ansehen, um zu wissen: wie könnte ich das nicht wollen? Wir sind ein eingespieltes Team. Ein Uhrwerk. So uhrwerkartig, wie es geht, mit Kindern und Jobs und dem Leben dazwischen, aber ja, Zahnräder, die ineinander greifen, das volle Programm.


Wir machen uns an einem Montagmorgen auf den Weg in den von den Kindern herbeigesehnten Urlaub. Die grauen Morgenstunden. Grau und schleierhaft, eine Zeit, zu der ich normalerweise zugedeckt bis zur Nasenspitze im Bett liege und versuche, zu ignorieren, dass ich pinkeln muss. Jetzt sitze ich auf dem Beifahrersitz und versuche notdürftig, meine Augenringe zu überschminken.

„Was machst du da, Mama?“, fragt Felix neugierig. Ihn kann man zu jeder Tages- und Nachtzeit wecken, er ist hellwach und für jedes Abenteuer zu haben.

„Ich schminke mich“, antworte ich, „wie ist der Kakao?“

Wenigstens Maja schläft. Was den unerschütterlichen Schlaf angeht, kommt sie klar nach mir.

„Gut. Du siehst auch ohne Schminke schön aus“, sagt Felix. Ich drehe mich zwischen den Vordersitzen zu ihm um und lächle ihn an.

„Du bist ein Charmeur“, sage ich, „ich weiß nicht, von wem du das hast.“

„Für wen schminkst du dich? Für die Rentner-Truppen, die sich im kalten Krieg um die Wanderwege befinden?'', fragt Jan.

„Ist an der Nordsee Krieg?“, will Felix wissen.

„Nein, Quatsch. Da ist gar nichts los“, sage ich und werfe Jan einen mahnenden Blick zu. Wortwahl.
Ich drehe das Radio ein wenig leiser. Wir fahren auf die Autobahn auf. Nach Hamburg, nach dem Elbtunnel, werde ich für eine Stunde einschlafen. Bis dahin werde ich im Geiste wieder und wieder durchgehen, ob ich an alles gedacht habe, schlechten Raststättenkaffee trinken und mich vollkrümeln. Ich lächle in den Rückspiegel, wo Felix sich seine Kopfhörer aufgesetzt hat um einem Hörspiel zu lauschen, lächle Jan an, der das Lächeln erwidert. Wie könnte ich das nicht wollen?
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