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Ein bisschen mehr.

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P18 / Gen
Jan Böhmermann Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf OC (Own Character) Olli Schulz
08.06.2015
29.09.2015
42
43.455
12
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49 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
11.07.2015 1.081
 
Klaas





Ich habe mich bewusst gegen das Gästezimmer von Paulina und Olli entschieden und noch viel bewusster gegen die verwaiste Wohnung meines besten Freundes. Ich ertrage die Bilder nicht, die mich von jeder Wand aus anlächeln. Die Familienportraits, die in silbernen Rahmen auf der Kommode im Flur stehen, die bunten Kindergeburtstagsfotos an der Pinnwand überm Küchentisch. Jeder Zentimeter dieser Wohnung ist voller Leben. Und ich fürchte, wenn ich die Tür aufschließe, könnte es entweichen.

Ein Hotelzimmer ist unpersönlich genug, das all meine Gedanken problemlos darin Platz finden. Sie kreisen um Isa und Joko, um Paul und um Leni. Und Jan. Ich kann ihr nicht sagen, alles werde gut, denn ich bin mir absolut sicher, dass er Mist bauen wird. Jan trifft selten kluge Entscheidungen. Um genau zu sein kann man sie an einer Hand abzählen. Dass er sie liebt steht außer Frage. Seine Art, das zum Ausdruck zu bringen, ist mehr als fragwürdig.

Ich wälze mich seit Stunden hellwach von einer Seite auf die andere und zerwühle das akkurat gemachte Bett. Mal ist mir zu heiß, ohne Decke ist mir kalt und im Fernseher läuft nur Müll. Wann ist das Leben nur so kompliziert geworden? Wann ist das alles passiert? Eben noch saß ich auf meinem Balkon und habe auf Freiburg heruntergesehen. Ich habe Berlin zwar vermisst, aber nicht das damit verbundene Chaos. Jetzt bin ich wieder mittendrin. Es bleiben keine Verschnaufpausen. Ich würde so gerne alles ändern. Für mich und für sie. Alles zum Guten wenden. Aber das kann ich nicht. Das kann niemand. Es ist, als wartest du auf ein Vorstellungsgespräch und du willst bis zu der Minute vorspulen, in der du den Raum wieder verlässt. Aber du musst da durch. Mit all der Angst, der Nervosität, der Aufregung. Und du musst dir immer vorbeten: „Ich bin nicht der Erste, der das tut“.

Das Handyklingeln lässt mich zusammenzucken. Das Krankenhaus, denke ich. Aber es ist Leni.

„Hey“, sage ich, „alles okay? Es ist mitten in der Nacht.“

„Tut mir leid“, sie weint.

„Jan?“, frage ich.

„Ich bin raus, weil ich es nicht mehr ausgehalten habe“, sagt sie.

„Wo bist du jetzt?“

„In meinem Auto“, sagt sie, „was … was soll ich jetzt machen?“

Niemand auf der Welt sollte so verzweifelt sein, dass er mich um Rat fragen muss. Aber sie vertraut mir. Das hat sie immer getan. Und deshalb ist das, was ich sagen werde, nicht fair, aber ich sage es, weil ich es selbst zu sehr will.

„Du könntest ins Hotel kommen“, schlage ich vor, „wir überlegen uns was, ja?“

Sie schnieft mehrmals. Denkt darüber nach.

„Ich bin auf dem Weg.“

Wieder Schniefen, dann beendet sie das Gespräch. Ich setze mich auf und fahre mir mit beiden Händen fest durchs Gesicht. Dann schalte ich das Licht ein. Auf Kurz oder Lang wird er sie zerstören. Er wird nichts von ihr übrig lassen und sie wird sich nicht dagegen wehren. Wir haben uns vielleicht mitschuldig gemacht, aber mindestens sind wir Co-Abhängige. Immer wieder wird sie angeschwemmt und wir sagen ihr, dass das alles schon wieder wird. Was wir eigentlich sagen sollten, damit sie es mit eigenen Augen sieht, weiß ich nicht.


Leni ist blass und verheult. Sie öffnet die Balkontür und tritt hinaus in die kühle Nachtluft. Ich sehe auf ihren Rücken. Ihre grobe schwarze Strickjacke. Ich sehe das Beben ihrer Schultern und möchte sie am liebsten in den Arm nehmen, aber das tue ich nicht. Wenn ich einmal damit anfange, will ich nicht mehr aufhören, aber das muss ich, denn spätestens in ein paar Tagen liegt sie wieder neben ihm und das ist alles nie passiert. Ich wünschte, das wäre alles nie passiert.

„Was hat er gesagt?“, frage ich.

„Gar nichts!“, sagt sie händeringend, „das, was er schon im Krankenhaus gesagt hat. Ich weiß nicht, was er will.“

„Das weiß er, glaube ich, selbst nicht“, murmle ich. Sie dreht sich um. Ihre Augen funkeln zornig. Sie hält sich im Türrahmen fest und sieht mich wortlos an. Am liebsten würde ich sagen: „Bitte vergiss ihn endlich! Er tut dir nicht gut“, aber das wird sie nicht tun. Eher vergisst sie mich.

„Ihr kriegt das wieder hin“, höre ich mich sagen.

„Ihr wärt froh, wenn es vorbei wäre“, sagt sie aufgebracht.

„Wir sind froh, wenn du glücklich bist“, korrigiere ich sie, „das ist ein Unterschied.“

Nicht, dass sie das wird. Nicht mit ihm. Es gibt ein Leben ohne ihn, Leni, wieso siehst du das nicht?
Sie tritt fröstelnd ins Zimmer zurück und schließt die Balkontür. Sie ist der Farbkleks in einem durch und durch unspektakulären Hotelzimmer. Ich sitze noch auf meinem Bett und weiß nicht, was ich sagen soll.

„Kann ich hier schlafen?“, fragt sie. Nein, will ich sagen, nein, kannst du nicht. Geh nach Hause. Rede mit ihm. Aber ich will nicht, dass sie geht.

„Klar.“

Sie schläft schnell und erschöpft neben mir ein. Ich liege wach. Die ganze Nacht liege ich da und sehe ihr beim schlafen zu und ich hasse es. Gleichzeitig sehne ich nichts weniger herbei als den Morgen. Ich würde die Zeit gerne anhalten, nur für diese eine Nacht. Ich sollte Jan dankbar dafür sein, dass er sie mit seinen Aussetzern immer wieder zu mir treibt. Aber ich bin ihm für gar nichts dankbar.

Am nächsten Morgen machen wir uns nach einem gezwungenen Frühstück auf den Weg ins Krankenhaus. Leni sieht furchtbar aus. Ich sage es ihr nichts.

„Hier hat man keine fünf Minuten seine Ruhe“, protestiert Joko, der bereits wach ist.

„Wie geht’s dir heute?“, frage ich. Joko spürt sofort, dass etwas nicht stimmt. Wir stehen anders, weiter voneinander entfernt, Leni ist gar nicht richtig anwesend.

„Der Arzt war vorhin hier. Er sagte, Isas Zustand verbessert sich stetig. Ich durfte sie kurz sehen“, für eine Sekunde flackert sein Lächeln, „aber genug von mir. Was gibt’s bei euch Neues?“

Leni wirft mir einen unsicheren Blick zu. Dann schaut sie zu Joko.

„Es ist nichts“, winkt sie ab, weil sie die Skepsis in seinem Gesicht bemerkt hat.

„Hört sich nicht so an“, erwidert Joko und sieht jetzt mich an. Ich zucke mit den Schultern.

„Jan“, setzt sie an, überlegt es sich dann aber anders, „die Kinder kommen heute Nachmittag. Sie waren gestern mit Jan im Zoo und Paul schlägt sich ganz gut.“

Joko sieht mich noch immer an und wieder zucke ich unbeholfen mit den Schultern.

„Ihr passt aufeinander auf?“, fragt er. Wir nicken einträchtig. Ich tue mein Bestes, aber ich glaube nicht, dass Leni sich vor ihren Fehlern bewahren lassen möchte.
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