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Ein bisschen mehr.

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P18 / Gen
Jan Böhmermann Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf OC (Own Character) Olli Schulz
08.06.2015
29.09.2015
42
43.455
12
Alle Kapitel
49 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
11.07.2015 1.030
 
Leni





Regen klingt nie wie Applaus, wenn man die Augen schließt. Regen klingt immer noch wie Regen. Und Jan bleibt, bei aller Liebe und Augenzuhalten, immer Jan.

„Du lässt mich alleine?“, wiederhole ich, „mit diesem ganzen Scheiß?“

„Wie gesagt“, seine Stimme lässt keinerlei Emotion erkennen, „du bist nicht alleine.“

Was ist mir entgangen? Ich habe nur einen Augenblick nicht aufgepasst und er ist mir entglitten.

„Ich will dich“, sage ich, „nur dich.“

Mir fehlt leider dieses eiskalte Kalkül, das er spielend an- und ausschalten kann. Er sieht mich an, ohne den Hauch von Mitgefühl, sieht er mir direkt in die Augen und verzieht keine Miene.

„Würdest du dir einmal die Zeit nehmen, ernsthaft darüber nachzudenken, ob das wirklich der Wahrheit entspricht?“

„Ich brauche keine verdammte Zeit! Ich muss mir das nicht überlegen, Jan. Ich hätte so oft – ich bin da, oder nicht? Ich bin jeden Tag da, ich bin auf deiner Seite, ich verteidige dich vor ihnen, ich liebe dich. Verstehst du das?“

Und wenn du mich nicht liebst, wenn das alles nur ein vorgeschobener Grund ist, um zu tun, was du eigentlich tun willst, dann sag es mir ins Gesicht.

„Wir reden heute Abend zuhause“, schlägt er vor, „ich nehme die Kinder mit, wir holen Maja ab und fahren in den Zoo. Okay?“

Er erwartet eine Antwort. Ich nicke. Er verlässt das Zimmer. Zurück bleiben nur der Zigarettenrauch und ich. Ich habe mich nie so einsam gefühlt. So seltsam. Als ich jung war, hatte ich das Gefühl oft. Mitten in der Nacht wollte ich mich aus der Wohnung schleichen und einfach laufen. Mir ein Zugticket kaufen und einfach fahren. Ich wollte weit weg. Und jetzt will ich auch weit weg, selbst wenn ich weiß, dass das nicht der richtige Weg ist. Der richtige Weg führt zurück ins Krankenzimmer. Meine Sorgen, dieses ganze Gespräch, muss hier zurückbleiben und mit dem Rauch verpuffen. Ich darf es nicht mit mir herumschleppen, sie dürfen es mir nicht ansehen, es ist nie passiert, mir geht es gut und ich bin so optimistisch wie Joko mich haben will.


Im Krankenzimmer halte ich mich im Hintergrund, aber in Jokos Sichtfeld. Ich gebe alles. Schauspielerische Höchstleistung. Natürlich durchschaut er es und schiebt es auf meine Sorge, deshalb lässt er es mir durchgehen. Als die Besuchszeit beendet ist, bin ich kaum fähig, mein Auto zu finden. Klaas nimmt mir die Schlüssel ab. Die Verabschiedung von Olli stehe ich noch durch, dann ist es vorbei. Meine Welt, mein Leben, bricht zu beiden Seiten weg und ich kann nichts dagegen tun. Ich will zurück ins Krankenhaus und mich auf das leere Bett in Jokos Zimmer legen. Will ihm beim Schlafen zusehen. Seine Hand halten. Auch das, all das, geht nicht.

„Was ist passiert?“, fragt Klaas, der mich zu gut kennt. Ich lasse mein Fenster hinunter.

„Jan ist passiert“, sage ich und schiebe hinterher, „bitte, bitte halt mir jetzt keinen Vortrag. Er ist so … ich weiß, dass das alles falsch ist. Er erträgt es nicht, uns zusammen zu sehen. Er sagt, für ihn ist in meinem Leben kein Platz, solange du da bist. Es ist so dumm. Wieso sieht er nicht, dass das nicht wahr ist? Ich kanns ihm nicht zum tausendsten Mal erklären. Ich will nicht, dass er – aber was soll ich machen? Ich will, dass du wieder nach Berlin ziehst und du musst einfach hier sein. Wie kann er das nicht sehen?“
Ich sehe ihn an.

„Was soll ich sagen?“, fragt er.

„Ich will nur, dass es Joko und Isa wieder besser geht“, sage ich, „nur das ist wichtig.“

Ich fühle mich so alleine. Ich fühle mich so unglaublich alleine.

Quälend lange Stunden später sitze ich auf der Couch und warte auf Jan, der nochmal los musste, während die Kinder friedlich in ihrem Zelt liegen und schlafen. Der Zoobesuch hat sie erschöpft. Ich bin erschöpft von jeder Minute dieses endlosen Tages.

Als er endlich kommt, habe ich Angst. Klaas ist bei Olli, ich bin alleine mit meinem Wasserglas.

„Hallo“, sagt Jan und sein Schlüsselbund klirrt auf dem Esstisch. Ich drehe mich nur halb zu ihm um und blinzle gegen das Sonnenlicht, das die untergehende Sonne zwischen den halb geschlossenen Rollladen hindurchwirft.

„Gibt’s was Neues?“, fragt er. Ich schüttle den Kopf.

„Können wir jetzt reden?“, frage ich.

Er nähert sich mir, setzt sich jedoch nicht auf die Couch. Als erfordere das, was er sagen will, ein Mindestmaß an Abstand.

„Ich brauche Zeit.“

„Zeit wofür?“, ich habe aufgegeben, die Tränen zurückzuhalten. Sie laufen und laufen und laufen.

„Zum Nachdenken.“

„Worüber?“

„Uns?“

„Worüber?“, wiederhole ich beharrlich. Er macht eine verzweifelte Geste. Ich springe auf, bleibe auf Abstand.

„Ich brauche dich!“, sage ich, „ich brauche dich jetzt, Jan.“

„Ich kann nicht.“

„Du kannst mich nicht trösten? Du kannst mir nicht beistehen? Du kannst mich nicht in den Arm nehmen? Weil Klaas hier ist? Wie sollte er verdammt nochmal nicht hier sein?“, ich gebe mir Mühe, nicht zu schreien. Ich zittere vor Wut.

„Ich denke, zwischen euch ist noch nicht alles geklärt.“

„Bitte hör endlich auf damit“, flehe ich, „ich werde diese Freundschaft nicht aufgeben. Er gehört zu meinem Leben. Zu mir! Wieso kannst du das nicht akzeptieren?“

„Weil er dich liebt!“

„Er liebt mich nicht!“, sage ich, „nicht auf diese Weise.“

„Ruf ihn an. Frag ihn. Frag ihn und sieh dir sein Gesicht genau an, wenn er dir erzählt, dass ich mir das alles nur einbilde. Ich habe gesehen, wie er dich anschaut, im Krankenhaus.“

„Willst du ihm wirklich unterstellen, dass er meinetwegen hier ist?“, frage ich.

„Ich will keinem von euch irgendetwas unterstellen“, sagt er, „es ist tragisch und unfair, dass das passiert ist und glaub mir, ich denke seitdem an nichts anderes –“

„Offenbar schon!“

„Leni. Bitte“, er fasst sich an die Schläfe, „ich bilde mir das nicht ein.“

„Und wie soll es jetzt weitergehen? Reden wir einfach nicht mehr miteinander? Muss ich ausziehen?“

„Ich weiß es doch auch nicht“, feuert er zurück, „aber ich kann das so nicht.“

„Okay“, ich atme tief durch, „okay, die Kinder hören, dass wir uns streiten und ich will nicht, dass Paul irgendetwas davon mitbekommt, deshalb gehe ich jetzt eine Runde um den Block. Wahrscheinlich hast du Recht und wir müssen beide nachdenken.“
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