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Ein bisschen mehr.

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P18 / Gen
Jan Böhmermann Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf OC (Own Character) Olli Schulz
08.06.2015
29.09.2015
42
43.455
12
Alle Kapitel
49 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
04.07.2015 1.050
 
Leni





Ich lasse mich nicht vom Optimismus anstecken, sondern entschuldige mich, um eine zu rauchen.
Der Raucherbereich ist, bis auf mich, leer. Mein Parfüm mischt sich mit abgestandenem Qualm und ich warte darauf, dass mich ein Heulkrampf überkommt oder das ich auf die Knie sinke und meinen Glauben an Gott wiederfinde. Aber es hilft weder Flennen noch Beten. Hoffen vielleicht, aber ich bin schlecht darin, auf Dinge zu hoffen, deren Nichterfüllung mich zerstören würde.

Jan findet mich, als ich bei der zweiten Zigarette bin. Er rümpft nur kurz die Nase, erzählt, die anderen haben ihn auf den neusten Stand gebracht und er habe vermutet, ich sei hier.

„Kriege ich auch eine?“, fragt er.

„Du rauchst doch gar nicht“, sage ich und reiche ihm Packung und Feuerzeug.

„Joko scheint den Umständen ganz gut zu gehen“, sagt Jan. Weil er ihn nicht kennt. Ich nicke.

„Klaas zieht nach Berlin“, sage ich.

„Das war abzusehen.“

„Je nachdem, wie es weitergeht, wird Joko jede Hilfe brauchen können.“

Aber egal, was ich sage, zum Trotz der Umstände, wird Jan in diesem Umzug nicht nur einen notwendigen Schritt sehen. Nicht nur eine Unterstützung seines besten Freundes. Für ihn ist es der Versuch, wieder einen Platz in meinem Leben zu finden, jetzt, wo ich gerade aus dem Takt gekommen bin. Ich hasse es, dass er ihm das unterstellt.

„Ich komme mir vor wie bei „Ziemlich Beste Freunde“.“

Ich verdrehe die Augen.

„Was?“, fragt Jan unerwartet harsch.

„Er kümmert sich um Paul“, sage ich.

„Wir könnten uns um Paul kümmern.“

„Hör auf!“, verlange ich und drücke meine Zigarette wütend im übervollen Aschenbecher aus.

„Er muss sofort zurückziehen?“, fährt er ungerührt fort.

„Ja, muss er. Und ich will, dass er wieder hier wohnt. Er gehört nicht nach Freiburg, er gehört zu uns.“

Er mustert mich. Ich nehme nichts davon zurück.

„Steht das Datum, an dem du endlich damit aufhörst, schon fest? Ich würds mir gerne in den Kalender eintragen“, sage ich. Ich kann das genauso gut wie du, Jan.

„Wann hört er endlich auf, sich in unser Leben einzumischen? Ich denke, die Termine wären in etwa deckungsgleich.“

„Er mischt sich nirgendwo ein, Jan! Du hast ihn angerufen und er ist hergekommen. Er hat uns mit den Kindern geholfen. Und ich für meinen Teil bin dankbar dafür. Wir brauchen ihn hier. Ich brauche ihn hier, als meinen Freund. Willst du das jetzt wirklich diskutieren? Hier? Im Krankenhaus? Wieso können wir darüber streiten, aber wenn es um Leonard oder Fiona geht, wird alles totgeschwiegen?“

Er schüttelt den Kopf.

„Hast du ihm von dem Antrag erzählt?“

„Von welchem Antrag?“, frage ich, „es gab keinen Antrag. Es war eine Ankündigung, aber du hast selbst gesagt, du fragst mich nochmal. Und ich habe niemandem davon erzählt. Es geht hier nicht um uns!“

„Wenn er dir sagen würde, dass du es nicht tun sollst, würdest du auf ihn hören“, sagt er.

„Das glaubst du wirklich, oder?“

„Ja.“

„Du glaubst wirklich, dass ich all meine Entscheidungen so abhängig von ihnen mache? Wir wären nicht zusammen, würde ich das. Ich – du hast immer Angst, dass ich mit Klaas abhaue, aber wer garantiert mir, dass du für immer bei mir bleibst? Ich mache dir keinen Antrag, aus Angst, du könntest mit einer anderen abhauen, aber du willst mir einen Ring an den Finger stecken, um sicherzugehen, dass ich das nicht tue.“
Ich habe mich in Rage geredet. In meine Wut hineingesteigert.

„Ich will dich heiraten, weil ich dich liebe! Nicht, damit du mir nicht wegläufst!“

„Dafür ist die Ehe sowieso keine Garantie!“

Wir schweigen, beide vom anderen getroffen. Als ich ansetzen will, etwas zu sagen, etwas wie „wir sind beide erschöpft und aufgebracht“, drückt er seine Zigarette aus.

„Der Tag, an dem Klaas kein Thema mehr ist, wird nicht kommen“, sagt er.

Wie Worte hängen in der Luft. Ich sauge den Zigarettenrauch tief in mich auf.

„Was soll das heißen?“

„Wir sollten uns beide über einige Dinge klar werden, Leni.“

„Über welche Dinge?“, frage ich, „ich muss mir über gar nichts klar werden!“

„Gut, dann muss nur ich mir über einiges klar werden.“

Ich warte darauf, dass ich ihm diese Idee ausrede, aber es kommt nichts. In meinem Kopf herrscht plötzlich gähnende, hangover artige Leere. Ein großes schwarzes Nichts.

„Und was ist mit den Kindern? Denkst du nicht, sie machen gerade schon genug durch?“

„Du wirst jeden Tag im Krankenhaus sein“, sagt er, „Klaas und du, ihr seit Zweck-WGs ja gewohnt. Also würde ich vorschlagen, sobald er eine Wohnung gefunden hat –“

„Ist das dein Ernst?“, frage ich fassungslos, „bist du ins Krankenhaus gekommen um mit mir Schluss zu machen?“

„Ich mache nicht mit dir Schluss.“

„Oh doch“, sage ich, „wenn du durch diese Tür gehst, hast du genau das getan. Mein bester Freund und seine Frau liegen schwer verletzt in diesem verdammten Krankenhaus und du hast nichts besseres zu tun, als mir zu sagen, du musst dir über einige Sachen klar werden? Über welche Sachen? Worüber musst du so dringend nachdenken?“

Er blickt mich regungslos an.

„Jan! Willst du mich ernsthaft damit alleine lassen?“

„Du bist nie alleine“, sagt er.

„Und das wirfst du mir vor?“

„Nein. Aber vielleicht wäre es manchmal ganz gut, wenn ich an erster Stelle käme und nicht –“

„Wenn du jetzt Klaas sagst!“

„Du brauchst ihn mehr als mich.“

„Er ist mein bester Freund!“

„Er ist nicht dein bester Freund, Leni, er ist in dich verliebt.“

„Was ist passiert? Was ist seit gestern passiert?“, ich bin verzweifelt.

„Ich verstehe, dass du – es ist für euch alle nicht leicht. Für mich auch nicht. Aber ich sollte dich trösten. Ich sollte neben dir sitzen und deine Hand halten. Ich sollte für dich da sein, aber er ist es. Er ist es immer. Da ist kein Platz für mich. Den gab es nur, solange er nicht da war, aber jetzt wird er wieder hier leben und das wars.“

„Das wars?“, wiederhole ich ungläubig, „so leicht würdest du aufgeben? Wenn da was wäre. Aber da ist nichts! Und du gibst einfach auf?“

Er schüttelt den Kopf und sieht mit einem Mal traurig aus.

„Da ist nichts!“, wiederhole ich, „er ist nicht in mich verliebt. Er ist nicht mal wegen mir hier, er – Joko und Isa, Jan. Das ist alles, worum es geht! Paul! Können wir nicht einfach für eine Sekunde nur an die drei denken?“
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