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Ein bisschen mehr.

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P18 / Gen
Jan Böhmermann Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf OC (Own Character) Olli Schulz
08.06.2015
29.09.2015
42
43.463
12
Alle Kapitel
49 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
26.06.2015 1.236
 
Leni





War das ein Heiratsantrag? War das wirklich ein Heiratsantrag? Oder was das nur die formelle Vorankündigung? Ich gehe jedenfalls wortlos darüber hinweg, denn Olli kommt mit furchtbarem Kaffee zurück und ich befürchte, so viele schlechte Nachrichten an einem Tag verkraftet er nicht. Und dann taucht Klaas auf und ich lasse das letzte bisschen Zusammenreißen einfach los und sie alles regeln.
Erst, als Klaas mit den Kindern in Felix Zimmer verschwunden ist, um ihnen ein Zelt aufzubauen, in dem sie übernachten wollen, haben wir eine Minute für uns. Eine Minute ist zu wenig, denke ich, aber so tun, als hätte er es nicht gesagt?

„Auf einmal?“, frage ich, „ich dachte, wir sind nicht so traditionell.“

Er sitzt auf der Bettkante mit dem Rücken zu mir und knöpft sein Hemd auf. Ich bin zu träge, um meine Schlafsachen anzuziehen.

„Ich frage dich nochmal“, sagt er, „aber nicht heute.“

„Bitte keinen Flashmob“, bringe ich hervor, schaffe es aber nicht, den dicken Kloß in meinem Hals herunterzuwürgen. Er dreht sich zu mir.

„Ich habe keine Ahnung, was ich sagen soll“, sagt er.

„Schon gut“, ich robbe nach vorne, lege mein Kinn auf seine Schulter. Er lehnt sich zurück, gegen mich. Wir sind froh einander zu haben, froh, gesund zu sein und in dieser überteuerten Wohnung, aber wir fühlen uns auch schuldig. Ich schließe die Augen.

„Danke, dass du heute alles organisiert hast“, sage ich.

„Dafür musst du dich nicht bedanken“, sagt er, „ich fand mich nicht besonders hilfreich.“

„Ich bin froh, dass du da warst. Ich bin so kurz davor den Verstand zu verlieren“, nuschle ich. Er drückt seine Wange gegen meine und wir verharren eine Weile schweigend in dieser Position.

„Ist es okay, wenn ich –“, ich will es nicht aussprechen, nicke nur in Richtung Tür. Er nickt. Ich schlinge meine Arme um seinen Oberkörper und drücke ihm einen Kuss auf den Nacken. Dann gehe ich in die Küche und warte auf Klaas. Wir müssen nicht reden. Und das tun wir auch nicht. Wir sitzen einfach am Küchentisch, trinken Tee und sehen aus dem Fenster. Es ist nicht wichtig, was gewesen ist, jetzt zählt nur, was wird.


Am nächsten Morgen fahre ich mit Paul, Felix und Klaas zum Krankenhaus, während Jan Maja zu Anette bringt. Auf der Fahrt herrscht die Art von Schweigen, in die man gerne etwas hineinbrüllen möchte. Aber nicht kann, denn es gibt nichts, absolut gar nichts, was angemessen wäre. Immer wieder begegne ich Klaas Blick im Rückspiegel, immer wieder möchte ich auf die Bremse treten, mitten auf der Straße aussteigen und sagen: „Bitte fahr du, ich halte das alles nicht aus.“ Aber ich schaffe es bis zum Krankenhaus. Nass geschwitzt parke ich. Olli steht rauchend in einem auf dem Boden aufgemalten gelben Viereck.

„Lauft schon vor zu Olli“, weise ich Felix und Paul an und beobachte, wie Olli die Zigarette schnell ausdrückt und sie mit offenen Armen empfängt.

„Alles okay?“, fragt mich Klaas behutsam. Ich umklammere immer noch das Lenkrad.

„Ich hab Angst“, sage ich, „ich habe echt eine scheiß Angst.“

Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie er Anstalten macht, seine Hand nach mir auszustrecken, jedoch inne hält und lieber das Radio ausschaltet.

„Du kennst sie. Sie schaffen das“, sagt er und dann, „wir wiederholen uns alle ständig, oder?“

Olli bedeutet uns mit Handzeichen, dass er mit den Kindern schon vorgeht und wir sitzen regungslos im Wagen. Wie oft habe ich mir gewünscht, dass das Leben mich überraschen soll. Wie oft saß ich da und dachte: wieso passiert nicht endlich etwas? Etwas, mit dem ich nicht rechne. Alles ist so langweilig, so vorhersehbar. Und jetzt sind wir hier und ich will alles zurücknehmen. Das war nicht das, was ich gemeint habe. Keine Unfälle, kein Koma, kein Antrag.

„Zieh zurück nach Berlin“, sage ich, „du willst nicht in Freiburg wohnen. Freiburg ist scheiße. Ich weiß, weshalb du nicht zurückkommst, aber das ist jetzt unwichtig, oder? Zieh wieder her.“

„Ich bin schon wieder da“, antwortet er, „die Wohnungssuche läuft.“

„Seit wann?“, frage ich.

„Seit dem Hinflug.“

„Und was ist mit Freiburg?“

„Was zum Teufel soll ich in Freiburg?“, er grinst. Ich lächle. Wenn ich ihm jetzt vom möglichen Antrag erzähle, der im Hintergrund lauert, wars das. Ich werde ihn verlieren, für immer, und ich brauche ihn. Nicht nur für jetzt, sondern für immer.

„Okay. Lass uns reingehen“, beschließe ich, „ich bin die Erwachsene.“


Im Krankenhaus erwartet uns ein wacher Joko und eine im Koma liegende Isa. Es will weder rechte Freude noch Trauer aufkommen, auch wenn ich erleichtert lächeln muss, als ich hinter Klaas das Krankenzimmer betrete und Paul auf dem Bett seines Vaters sitzt und ihm liebevoll die Hand hält, die aus einem weißen Gips herausschaut. Arm gebrochen, Rippen gebrochen, Halskrause. Ein wenig bleich ist er noch, aber er grinst uns an und das ist alles, was ich mir von seinem Anblick erhofft habe.

„Das blühende Leben“, begrüßt Klaas ihn, „wie geht’s dir?“

Nur Joko und ich kennen diesen Tonfall. Nur wir wissen, dass es ihm schwer fällt, einen kindertauglichen Optimismus an den Tag zu legen. Ich mache einen Schritt nach vorne, an seine Seite, und drücke seine Hand. Nur kurz. Ein „ich bin da“, nur für den Fall.

„Das Essen lässt zu wünschen übrig“, sagt Joko. Ich muss schon wieder Tränen wegblinzeln.

Allgemeines Gelächter. Wir setzen uns auf das zweite Bett des Zimmers und für einen Moment herrscht wieder dieses undurchdringbare Schweigen. Selbst die Kinder sagen nichts. Sie stehen am Fenster und beobachten die ankommenden Krankenwagen. Für solche Gespräche gibt es keine Anleitung. Nicht so wie für Smalltalk oder Bewerbungsgespräche. Gott, warum kann nicht alles ein bisschen einfacher sein?

„Wie wärs, wenn ihr euch was aus dem Automaten im Flur holt?“, schlägt Olli Paul und Felix vor, „und bringt Joko was mit.“

Er drückt ihnen Geld in die Hand und sie stürmen los. Das ist der Beginn des ernsten Teiles. Die Angst hat sich nicht verflüchtigt. Ich will, dass mich jemand an die Hand nimmt und mir einen Zettel gibt, von dem ich ablesen kann.

„Bitte, Leute. Eure Negativität kann ich jetzt wirklich am allerwenigsten gebrauchen“, verkündet Joko, „ja, es ist schlimm. Es ist mehr als das. Aber ich habe einen Sohn und Isa liegt im Koma. Wir brauchen einen Plan. Wir müssen besprechen, wie es weitergeht. Klaas –“

„Wie besprochen“, sagt Klaas, „ich bin schon dabei, mir eine Wohnung zu suchen. Wir kümmern uns um Paul und um alles, was sonst anfällt.“

„Danke“, sagt Joko, „und was machen wir mit dir?“

Er sieht mich an. Ich kneife mir ein paar Mal in die Nasenspitze, um nicht zu heulen.

„Mir geht’s gut“, sage ich und komme mir dabei sehr albern vor. Können wir jetzt bitte nicht über mich reden?

„Ihr drei kriegt das ‘ne Weile ohne mich hin, oder?“, fragt Joko.

„Gerade so“, antwortet Klaas.

„Immerhin habe ich dich wieder zurück nach Berlin gekriegt“, er zwinkert mir zu. Ich halte das nicht aus. Nichts davon. Ich möchte ihn umarmen, aber das geht nicht. Ich möchte mich neben ihn legen und ihm von dem Noch-Nicht-Antrag erzählen, aber das geht nicht. Ich will mit ihm und Isa in der Küche sitzen und dabei zusehen, wie sie sich necken.

Aber das geht nicht.

„Hey“, sagt Joko, „alles wird wieder gut.“

Ich schlucke alles hinunter, alle „ich will“ und „ich möchte“s, alle Tränen, den Kloß, die Fragen. Und nicke lächelnd. Ja, alles wird wieder gut. Und wenn auch nur, weil er es sagt.
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