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Ein bisschen mehr.

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P18 / Gen
Jan Böhmermann Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf OC (Own Character) Olli Schulz
08.06.2015
29.09.2015
42
43.463
12
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
24.06.2015 1.386
 
Klaas





Ein Anruf von Jan kann nur schlechte Nachrichten bedeuten. Nur ein einziges Mal, als er das nicht hat. Majas Geburt. Selbst Jan war zu erschöpft und gerührt und glücklich, als dass er hätte das Thema wechseln oder mir die Pistole auf die Brust setzen können. Damals wie heute dieselbe Frage.

„Du kommst doch, oder?“

„Ich bin so gut wie auf dem Weg. Fliegen geht wahrscheinlich schneller, keine Ahnung, ich checke das. Ich checke das“, habe ich gesagt und gleichzeitig meinen Laptop aufgerissen.

„Okay“, er atmete mehrfach schwer ein und aus, „was, wenn …“

„Nein“, sage ich entschieden, „nein, hör auf. Wir gehen nicht vom Schlimmsten aus.“

„Nein. Leni“, sagt er und ich halte inne. Leni war in ihrem Leben auf mehr Beerdigungen als Hochzeiten. Leni kann mit dem Tod nicht umgehen. Er hat Angst, dass sie durchdreht, dass sie sich vor seinen Augen auflöst und ich kann sie ihm nicht nehmen.

„Es wird alles gut“, sage ich, „ich nehme den nächsten Flug.“

„Wir sind im Krankenhaus.“

„Ruf mich an, sobald ihr was wisst.“

Das war wahrscheinlich unser intimster Moment. Es ist gut, dass er es übernommen hat. Sie hätte mich nicht anrufen können und ich hätte es nicht ausgehalten, nicht da zu sein. Freiburg, verdammt. Ausgerechnet Freiburg.

Zwei Stunden später steige ich in Berlin in ein Taxi und lasse mich zum Krankenhaus bringen. Laut Olli wissen sie noch nichts und es will ihnen auch niemand Näheres sagen. Ich fasse mir zum wiederholten Male an die Stirn. Pochender Kopfschmerz zieht mir bis in den Nacken. Tut mir das nicht an. Bitte. Es ist egoistisch, aber bitte tut mir das nicht an. Es ist kaum zwei Monate her, als wir bei einer seltenen abendlichen Skype Konferenz auf ein Thema kamen, das ich am liebsten sofort abgewürgt hätte. Aber Joko war hartnäckig.

„Wenn uns mal was passiert, Isa und mir, dann würde ich mich freuen, wenn du dich um Paul kümmerst“, sagte er ernst.

„Müssen wir das jetzt besprechen?“

„Ernsthaft, Klaas, wir haben die Unterlagen hier liegen und Isa pocht darauf, dass wir das endlich ausfüllen.“

Bitte lasst es nicht soweit kommen! Nicht für mich. Für Paul. Bitte lass das alles nur einen dummen Zufall sein, nicht Schicksal, nicht vorbestimmt. Ihr lasst uns nicht alleine. Niemanden von uns.

Olli wartet in der kargen Empfangshalle auf mich. Er sieht abgespannt aus. Müde. Wahrscheinlich gebe ich auch kein besseres Bild ab. Wir begrüßen uns ohne Elan.

„Du warst schnell“, sagt er.

„Gibt’s schon was Neues?“, frage ich. Ich bin nervös. Er schüttelt den Kopf. Es ist ungewohnt, ihn so zu sehen. So kurz angebunden und offensichtlich gestresst. Er kann seine Soge schlecht verbergen.

„Komm mit.“

Wir betreten einen Aufzug, fahren nach oben. Er führt mich einen Gang entlang. Leni fällt mir um den Hals. Als sie sich löst, weint sie. Ich erinnere mich daran, dass wir in einem Restaurant zu Mittag gegessen haben und sie in Tränen ausbrach, weil im Radio ein Lied lief, dass sie an ihre Eltern erinnerte. Sie weinte und aß gleichzeitig ihren Ziegenkäse-Salat und hielt obendrauf noch ein flammendes Plädoyer fürs Weinen.

„In der Öffentlichkeit zu weinen sollte normalisiert werden“, sagt sie, „ich weine jeden Tag, ständig, das reinigt. Tränen zu unterdrücken ist ungesund.“

Als wir die Rechnung kommen ließen, beugte sich ein Mann vom Nebentisch zu uns und sagte: „Sie haben leicht reden. Ich habe noch nie jemanden so schön weinen sehen wie Sie.“

Jan legt ihr einen Arm um die Schulter und zieht sie an sich. Leni wirkt teilnahmslos. Fernab von allem.

„Wir halten jeden Arzt auf, der rauskommt, aber niemand hält es für nötig mit uns zu sprechen“, sagt Olli aufgebracht, „das ist doch alles wie in einem schlechten Film.“

„Das kriegen wir hin“, ich möchte ein wenig Zuversicht streuen, woher auch immer ich sie nehme. Leni lächelt mich dankbar an, aber sie ist halb durchsichtig und kaum wirklich in diesem Gang, in diesem Krankenhaus, in dieser Welt. Sie hat das alles schon durch, das Warten im Krankenhäusern, ganze Nächte hat sie in Wartezimmern verbracht und ich frage mich, ob Jan das weiß. Hat sie ihm je erzählt, dass sie die Opfer eines Amoklaufes hat ankommen sehen, während sie auf Neuigkeiten zu ihrer Mutter gewartet hat? Seitdem kann sie kein Blut mehr sehen.

In diesem Moment tritt ein Arzt durch die Milchglastür, die sich automatisch öffnet und leise hinter ihm schließt. Ich ergreife die Initiative.

„Entschuldigung! Wie geht es –“

„Die OPs waren soweit erfolgreich“, sagt er sofort. Offenbar ein Arzt, der bereits von den anderen aufgehalten worden ist.

„Und wie geht es ihnen? Wie siehts aus? Was ist passiert?“

Der Mann bleibt stehen und mustert uns der Reihe nach. Sein Blick bleibt etwas länger an Leni hängen. Ich merke das, ich habe mich selbst darauf konditioniert, es zu merken. Niemand weint so schön wie sie, es ist so grausam wie wahr.

„Sie sind soweit stabil. Herr Winterscheidt hat diverse Brüche erlitten. Seine Frau hat es leider wesentlich schlimmer erwischt. Sie liegt derzeit im künstlichen Koma.“

Leni vergräbt ihr Gesicht an Jans Brust, der sie mit leisen Worten zu trösten versucht und ich schwanke zwischen Erleichterung und heller Panik. Es reicht nicht, wenn es nur einer von ihnen schafft. Sie müssen es beide schaffen. Beide! Das ist der Deal. Drunter machen wirs nicht, Joko, beide. Die einzige Option.

„Wann können wir zu ihnen?“, fragt Olli.

„Das wird heute nicht mehr möglich sein. Am besten gehen Sie nach Hause und ruhen sich aus“, wieder ein Blick in Richtung Leni, die sich nicht entscheiden kann, was sie fühlen soll. Der Arzt überlässt uns wieder uns selbst und einige Minuten vergehen, in denen niemand etwas sagt.

„Was sagen wir Paul?“, fragt Leni. Danach bricht sie endgültig in Tränen aus.

„Ich kümmere mich drum“, entscheide ich, „vor ein paar Wochen hat Joko mich gefragt, ob ich ... ob ich mich um ihn kümmern würde, wenn den beiden was passiert. Sie wollten ihre Unterlagen vervollständigen, dass ist … ein Zufall.“

Die anderen nicken bedrückt. Ihnen wird nichts passieren. Aber Leni glaubt nicht an Zufälle und es wäre besser, ich hätte es nicht erwähnt

„Paulina hat die Kinder zu uns gebracht“, sagt Olli, „du kannst auf unserer Couch schlafen.“

„Oder auf unserer“, bietet Jan an. Leni sieht ihn aus wässrigen Augen an.

„Vielleicht wäre es schöner für Paul, wenn er bei Felix und Maja sein könnte“, sagt Jan.

„Ja“, sagt Leni und sieht mich fragend an, „oder?“

Keiner von uns weiß so recht, wie wir mit der Situation umgehen sollen. Jeder trägt dazu bei, was er kann.
Paul sieht seinem Vater verdammt ähnlich. Es fehlt nur die übergroße Brille und vor mir stünde eine Miniaturausgabe von Joko. Ich knie vor ihm auf dem Boden und überlege nicht erst jetzt, sondern seit wir das Krankenhaus verlassen haben, wie ich es ihm am besten sage. Er ist zu intelligent für mich. Mein Blick reicht. Mein Blick, das Gesicht aller Erwachsenen, die sich Mühe geben, unbekümmert zu wirken.

„Ist was mit Mama und Papa?“, fragt er ruhig. Die ruhige, analytische Art hat er von Isa.

„Ja“, sage ich, „sie hatten einen Autounfall. Deswegen bin ich hergeflogen und kümmere mich um dich, bis es ihnen wieder besser geht.

„Sind sie jetzt im Krankenhaus?“

Ich nicke.

„Ja, sie sind im Krankenhaus und werden dort gut versorgt und morgen werden wir sie besuchen“, verspreche ich und weil es mir wichtig ist und Leni es seit einem Jahrzehnt unentwegt predigt, „du weißt doch, dass es okay ist, zu weinen?“

„Das sagt Papa auch immer“ er lächelt mich an, „in der Schule sagen die Jungs, ihre Eltern sagen, echte Männer weinen nicht. Aber Papa sagt, das ist schon okay. Weinen ist nicht nur für Mädchen.“

„Deine Tante Leni hat ganze Arbeit geleistet. Wir übernachten heute bei ihr und Jan, also wenn du noch ein Kuscheltier aus deinem Zimmer brauchst, holen wir das unterwegs.“

„Ich brauche kein Stofftier, ich hab noch welche bei Felix, von der letzten Übernachtung“, sagt er, „schläfst du auch bei Leni?“

„Ja“, sage ich, „ich bin da, wo du bist. Wir machen das alles zusammen.“

„Okay.“

Ich sehe Olli an, der in der Tür gelehnt hat und mich ansieht.

„Wir haben einen Kulturbeutel für Paul. Wenn er hier übernachtet. Den kannst du mitnehmen, den Rest hat Leni sowieso zuhause“, sagt er. Ich nicke. Jeder tut, was er kann. Wir schaffen das. Zusammen. Alle zusammen.
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