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Ein bisschen mehr.

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P18 / Gen
Jan Böhmermann Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf OC (Own Character) Olli Schulz
08.06.2015
29.09.2015
42
43.463
12
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49 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
20.06.2015 1.203
 
Leni





Klaas' Umzug nach Freiburg ist die eine Sache, an der Jan sich seit acht Jahren festbeißt. Zuerst dachte ich, er sei froh, dass Klaas freiwillig Abstand zwischen uns bringt und im Großen und Ganzen alles so bleiben kann, wie es immer gewesen ist. Stattdessen immer wieder die Erinnerung, dass er wegen mir gegangen sei und dass er bis heute nicht zurück nach Berlin gezogen ist, beweist doch nur, dass er noch nicht drüber weg ist.

„Über was?“, frage ich jedes Mal, immer ein wenig gereizter, aber auch hilflos.

„Über dich. Euch“, sagt Jan und sieht mich an, als sie das glasklar, als müsse ich das doch wissen, wo ich doch selbst nicht drüber weg bin.

„Schwachsinn“, winke ich ab, „ihm gefällts da.“

Und wenn er zurückziehen würde, würde das auch gegen ihn, und letztlich gegen mich, verwendet werden. Jan ist eifersüchtig, aber wenn ich ihn darauf anspreche, wenn ich das Wort Eifersucht nur beiläufig fallen lasse, muss ich mir anhören, dass das ja wohl nicht grundlos ist und überhaupt, mir vertraut er, aber Klaas? Bitte.

Obwohl ich will, dass Klaas wieder nach Berlin zieht, fürchte ich mich vor den Konsequenzen. Eine unvorhergesehene Wegrationalisierung. Sorgerechtsstreit inklusive. Der Abstand ist gut für uns alle, der Urlaub nur eine winzige Ausnahme.

„Du willst es nicht sehen“, hat Jan gesagt, als ich meinen Koffer gepackt habe, „aber ich kann es nicht übersehen. Er ist in dich verliebt.“

Gedanken wie diese sind der Grund für eine frühe Joggingrunde am Strand. Ich muss sämtliche Wut in Energie umwandeln. Die Hass-Methode. Auf Instagram ließe sich das vermarkten, meine Freunde beobachten meine plötzliche Motivation nicht ohne Besorgnis.

„Mein letzter Stand war, dass du Sport hasst“, merkt Isa vorsichtig an, als ich eine halbe Wasserflasche exe, was sonst meiner täglichen Flüssigkeitsaufnahme entspricht.

„Ich hasse vieles“, antworte ich vage. Diese halbgefrorene Stimmung zwischen Jan und mir zum Beispiel. Von wegen Vergessen.

„Ich kann verstehen, dass du wütend bist, aber er ihm gehen momentan viele Dinge durch den Kopf“, ausgerechnet Paulina verteidigt Jan.

„Woher weißt du das?“, sofort kneife ich die Augen zusammen.

„Wir saßen neulich abends noch länger draußen und haben uns über dies und das unterhalten.“

„Aha? Über was denn genau?“, frage ich eine Spur zu scharf.

Mir entgeht nicht, wie sie plötzlich hektisch wird. Sie räumt gerade den Frühstückstisch ab und lässt fast die Butter fallen. Ich werfe Isa einen skeptischen Blick zu.

„Du machst dir zu viele Sorgen“, weicht Paulina der Frage aus, „wirklich, mach dir nicht so viele Gedanken.“

„Ich mache mir aber Gedanken“, erwidere ich.


Jan schafft es lange, nicht mit mir zu kommunizieren. Ja, man kann es nicht nicht, ich war auch im Deutsch-Leistungskurs, danke, aber was bringt einem das fürs Leben? Ihn jedenfalls nicht dazu, seinen Ärger zu verbalisieren. Während Joko Klaas in Bezug auf einen Umzug bearbeitet, muss ich mir die Zeit mit einem guten Buch vertreiben, da Jan sich ausschließlich mit den Kindern beschäftigt. Er kümmert sich. Das Internet würde sich überschlagen vor Glück. Ein liebender Vater. Das ist eine Schlagzeile wert.

Tatsächlich schafft er es erst am letzten Abend, mich wieder in seinen Dunstkreis einzubeziehen. Er erwartet mich nach dem Joggen vor dem Haus. Ich erschrecke mich beinahe zu Tode, als ich ihn erblicke.

„Schon wach?“, frage ich. Verschwitzt, überhitzt, in einer seltsam schwebenden Stimmung.

„Du schleichst dich nicht gerade leise raus.“

„Du hast einen leichten Schlaf.“

Was an dem zu vollen Bett liegt, aber lass uns die Straße jetzt nicht runtergehen, dann muss ich vermutlich mit dem Zug nach Hause fahren.

„Vielleicht.“

Kurz überkommt mich der schreckliche Gedanke, das hinter der Tür seine gepackten Koffer stehen und er bereits Stunden vor uns abreisen will. Der Wind kühlt meinen verschwitzten Nacken und ich bekomme eine Gänsehaut.

„Warum sitzt du hier draußen?“, frage ich.

„Nur so.“

„Willst du mir irgendwas sagen?“, frage ich und kann nicht verhindern, ängstlich zu klingen.

„Nein, wie kommst du drauf?“

„Nur so ein Gefühl“, brumme ich. Bitte, bitte, bitte sprich mit mir. Ich bin hier, direkt vor dir, wir sind alleine, du kannst mir alles sagen! Rede, verdammt nochmal.

„Paulina hast du’s wahrscheinlich schon erzählt“, murre ich.

Er grinst mich an.

„Was soll das Grinsen?“, frage ich irritiert.

„Gar nichts.“

„Mhm?“

„Hast du Sex and the City geguckt?“

Ich runzle verwirrt die Stirn.

„Ist das eine Fangfrage? Ich gucke alles. Viel wichtiger ist, hast du sie geguckt?“

„Der Hollywoodkuss“, sagt er. Ich wünschte, der Begriff wäre mir völlig fremd. Aber Carrie und Jack Berger vor dem Gericht in New York, die den Hollywood-Kuss erfinden, weil sie über kleinere Differenzen nicht anders hinwegkommen, was letztlich zur Trennung führt. Rosige Aussichten.

„Und?“, hake ich nach.

„Fiona war Fan von allem, was in dieser Serie passiert ist. Lässt sich drüber streiten. Aber einen Versuch ist es wert, oder?“

Also habe ich es Fiona zu verdanken, dass er mich wenigstens mal wieder küsst? Verdanke ich es Fiona, das Jan mich so weit zurückbiegt, das ich das Gefühl habe, mir etwas brechen zu müssen und das ich meinen Schweiß auf seinem grauen Shirt verteile? Ob es für so etwas vorgefertigte Dankeskarten gibt?

Jubel reißt mich aus meinen Gedanken. Wir hatten Publikum. In dieser Gruppe kann niemals etwas privat bleiben. Mein Privatleben habe ich an der Garderobe abgegeben, als ich Olli kennenlernte.

„Ihr notgeilen Säcke.“

„Sowas sagt man nicht“, belehrt mich mein Sohn.

„Sowas sagen Kinder nicht“, erwidere ich.

Ich bin noch nicht so weit, mich Kindern in meiner Ausdrucksweise korrigieren zu lassen. Der Spieß lässt sich verdammt leicht umdrehen. Es heißt Verabredung und nicht Abverredung, Vorgerstern und nicht Übergestern und sie sollen sich erst wieder melden, wenn sie wissen, wie man Lasagne ausspricht.


Wir essen ein letztes Mal in einem kleinen süßen Lokal am Meer und ich wundere mich, das Joko kein musikalisches Quartett organisiert hat, das er „total spontan“ an den Tisch winkt, um Klaas vor allen Anwesenden ein letztes Mal zu bekehren. Untermalt von den sanften Streichmusik-Klängen, die mir nach zehn Sekunden zu den Ohren rauskommen würde. Klassische Musik und ich gehen besser weiterhin getrennte Wege. Mozart ist für mich der Johannes Strate des .... Wen-interessierts-Jahrhunderts. Und das soll kein Kompliment sein, Strate. Joko ist unverhältnismäßig still. Er reagiert nicht mal, als Olli zum zehnten Mal erzählt, er sei auf einem Krabbenbrötchen gezeugt worden. Selbstverständlich in der FSK-0 Version, die sich anhört wie ein Low-Budget-Disneyfilm.

„Warum hast du keinen letzten Überzeugungsversuch gestartet?“, frage ich, als wir das Restaurant verlassen.

„Er weiß schon was er tut“, Joko klingt dennoch wehmütig, „außerdem könnte ich ja auch nach Freiburg ziehen.“

„Du bist so ein Idiot.“

„Du könntest ihn überzeugen.“

„Ich lasse mich nicht für deine Zwecke missbrauchen, weißt du doch.“

„Willst du nicht, dass er zurückkommt?“

Ich zucke mit den Schultern.

„Ich will nur, dass er glücklich ist.“

„Ist er nicht“, antwortet Joko. Ich weiß es!, will ich sagen, aber lass mich das Gegenteil glauben.

„Ach, ihm geht’s gut“, sage ich mit wegwerfender Handbewegung, „du hast selbst gesagt, dass er weiß, was er tut, hm?“

„Die Stadt ist zu klein für beide“, erwidert Joko. Ich sehe ihn an, weiß, wie leidend ich gucke.

„Was soll ich machen?“, frage ich.

„Gar nichts“, er legt einen Arm um mich, „er kommt schon wieder.“
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