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Ein bisschen mehr.

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P18 / Gen
Jan Böhmermann Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf OC (Own Character) Olli Schulz
08.06.2015
29.09.2015
42
43.463
12
Alle Kapitel
49 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
19.06.2015 1.055
 
Leni





„Hast du nicht gesagt, dass du das klären willst?“, Olli gibt sich keine Mühe, weniger vorwurfsvoll zu wirken. Weniger von oben herab.

„Ich habe nur von mir gesprochen“, erinnere ich ihn, „nicht von ihm.“

Olli verdreht die Augen.

„Was?“, frage ich genervt, „ich bin den halben Weg gegangen, ist ein wenig Entgegenkommen zu viel verlangt?“

Ich tue mein Bestes. Ich versuche es. Ich versuche, nachzuvollziehen, was in ihm vorgeht, aber ich bin so außenstehend, wie man nur sein kann. Eine Mutter zweier glücklicher Kinder, die ich jeden Tag sehe, jeden Tag in den Arm nehmen kann. Die jede Nacht in meinem Bett schlafen und mir ihre kleinen Füße in den Magen rammen. Sie sind mir so nahe, wie sie nur sein können. Aber muss ich mich deshalb schuldig fühlen?

Das Museum ist eine Ansammlung von Meereszeug, ausgestopften Robben und Knöpfen, die man drücken kann, um sich Geschichten anzuhören. Während Paul und Felix durch die Räume flitzen und das Wissen nur so in sich aufsaugen, klebt Maja mit platter Nase und in Gesellschaft ihres Vaters an der großen Glasscheibe, von der aus man die kleinen geretteten Robben sehen kann. Sie sonnen sich faul auf einem Felsen. Ich geselle mich zu den beiden.

„Guck, Mama!“

„Sehr süß“, ich sehe kaum hin, sondern Jan an. Ich habe das Gefühl, der ganze Raum ist erfüllt von unseren bad vibrations. Alle glücklichen Eltern mit ihren noch glücklicheren Kindern sehen in unsere Richtung, obwohl oder gerade weil wir nichts sagen. Kein Lachen, kein „Süßigkeiten gibts erst nach dem Mittagessen“. Er schaut sich demonstrativ die Heuler an. Ich habe mich verschätzt, was das Ausmaß dieses kleinen Zwischenfalls angeht. Er schafft es immer wieder, das Blatt zu wenden.

„Halloooo!“, Majas flache Hand klatscht laut gegen die Scheibe. Ich ziehe sie ein Stück zurück.

„Du erschreckst die Robben, Maja.“

Sie haben zwar nicht mit der Wimper gezuckt, weil es sich um Panzerglas handelt, aber ich kann darauf verzichten, noch mehr Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen. Sei es von Robben oder von den absurd aktiven Großeltern, die ganz in der Nähe ihren diabetesgefährdeten Enkeln die Schokolade aus dem Gesicht wischen.

„Wo sind wir?“, frage ich Jan, „auf einer Skala von eins bis zehn.“

Er runzelt die Stirn.

„Nirgendwo. Wir haben keinen Streit“, informiert er mich, „wo sind die anderen?“

„Wieso? Hältst du es keine zehn Minuten mehr mit mir alleine aus?“

Er verdreht die Augen.

„Du könntest es einfach gut sein lassen“, schlägt er vor. Ehe ich etwas entgegnen kann, taucht Klaas auf. Öl ins Feuer. Unbehaglich ordne ich ein paar Haarsträhnen meiner Tochter. Wann beginnt endlich diese verdammte Fütterung?

„Und, Kriegsbeil begraben?“, fragt er. Ich werfe ihm einen flehenden Blick zu. Bitte keine Provokation.

„Musst du nicht irgendeine Infotafel lesen?“, fragt Jan genervt.

„Schon passiert“, Klaas lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, „vielleicht nehme ich Maja einfach mal mit nach … da hinten und Mama und Papa unterhalten sich in Ruhe.“

Gute Idee. Nur leider eine, die vom Rest unserer Reisegruppe konsequent überrannt wird. Plötzlich sind wir umringt von Olli, Paulina, Felix, Paul, Joko und Isa, die die Zeiten der Fütterung am Eingang gelesen haben. Anders als ich. Ich packe Jan am Oberarm und zerre ihn mit mir in einen leeren Raum. Da sich jetzt alle ansehen, wie Robben tote Fische in einem Stück hinunterschlingen, können wir uns nach Herzenslust nicht streiten. Jan sieht mich wortlos an.

„Das sollte ein entspannter Familienurlaub werden“, erinnere ich ihn, „aber aus einem Grund, den ich nicht verstehe, bist du sauer auf mich und willst auf keinen Fall darüber reden. Bitte erleuchte mich.“

„So ein Gruppenurlaub ist bekannt dafür, entspannt zu sein“, gibt er zurück.

„Also liegts an den anderen? Was habe ich nicht mitbekommen?“, will ich wissen. Ich werfe einen Blick zurück auf die Gruppe, die gut darin sind, so zu wirken als würden sie uns nicht beobachten.

„Hat das was mit Klaas zu tun?“, frage ich. So ziemlich das einzige Thema, das ihn ein wenig aus der Ruhe bringt.

„Und ich dachte, dass wir das geklärt haben?“, murrt er, „mindestens zwanzigtausend Mal?“

„Scheinbar haben wir das nicht“, stelle ich fest, „also, worum geht’s? Dass er mich gestern abgeholt hat? Was hätte ich deiner Meinung nach tun sollen? Per Anhalter fahren?“

„Du hast ihn angerufen?“

Strategier dich da mal schön wieder raus, Leni.

„Ja, habe ich. Und weil er mein Freund ist, hat er mich abgeholt.“

„Ein rein freundschaftlicher Dienst also. Hat er das auch so gesehen?“

„Nein, er hatte einen Ring in der Tasche und wollte mir auf halber Strecke einen Antrag machen“, ich verdrehe die Augen, „gehts hier wirklich um Klaas? Oder willst du davon ablenken, dass du Leonard vermisst? Dass du keinen Urlaub mit ihm machen kannst, obwohl du gerne würdest? Ich sehe die Anträge, die du stellst. Auch wenn du nicht drüber redest. Sie wird’s nicht erlauben. Und ich kann sie verstehen.“

Dieses Vom Regen-in-die-Traufe-Prinzip greift, ohne dass ich mich groß anstrengen muss.

„Ich … weiß nicht, wieso ich das gesagt habe“, und dann auch noch zu blöd bin, um galant zurückrudern.

„Weil du es denkst.“

Ja, aber muss ich denn alles laut aussprechen, was ich denke? Man muss wissen, wann man den Mund halten sollte. Jetzt zum Beispiel auf keinen Fall. Jetzt sollte man die Wogen glätten.

„Ja, aber ich verstehe dich. Ich weiß, dass er dir fehlt. Es wäre schön, wenn du das Gefühl hättest, mit mir darüber reden zu können, weil du das kannst“, versichere ich ihm, „ich würde mich freuen, wenn du den Urlaub wenigstens ein bisschen genießen könntest. Und das nächste Mal fahren wir wieder ohne Gruppe, hm? Können wir das jetzt einfach vergessen und uns diese dämliche Fütterung anschauen?“

Ich liebe dich wirklich, aber du musst lernen, damit zu leben. Mit deinen Fehlentscheidungen. Mit dieser einen ganz besonders. Es war immer klar, dass sie weitreichende Folgen nach sich ziehen würde. Und in den nächsten Jahren wird sich daran nicht so viel ändern wie du gerne hättest. Es ist scheiße, ja, aber wir arrangieren uns damit. Und am Ende ist Leonard immer der, der verliert und das ist beschissen.

„Gut. Vergessen wirs“, willigt er ein, legt mir einen Arm um die Schultern und küsst mich. Mit etwas gutem Willen fühlt es sich auch an wie immer.

„Hätten wir das gestern schon gemacht“, sage ich, „hätten wir diesen Museumsbesuch abwenden können.“
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