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Ein bisschen mehr.

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P18 / Gen
Jan Böhmermann Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf OC (Own Character) Olli Schulz
08.06.2015
29.09.2015
42
43.463
12
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08.06.2015 423
 
Die Ästhetik eines Drei-Tage-Barts besteht doch vor dem Hintergrund des Drei-Tage-Lebens. In den Tag hineinleben. Sich drei Tage lang nicht rasieren,  so what, ausgeleierte Pullis, V-Ausschnitt bis zum Bauchnabel oder schick zum Anzug. Die Kombiniermöglichkeiten sind schier unendlich, die Interpretationen grenzenlos. Hat seine Freundin ihn verlassen? Oder er seine Freundin? Büffelt er für Prüfungen? Oder hat er sie in den Sand gesetzt? Steckt ein fieser  Hangover dahinter oder das neu entdeckte Öko-Dasein? Wir wissen es nicht. Wir sehen diesen Kerl in der Bahn sitzen und reimen uns zusammen, welche Musik er hört. Sind es die  Black Keys oder segelt er unter  Revolverhate-Flagge, wer weiß das schon. Drei-Tage-Bärte sind ein Mysterium. Eines, auf das ich mich gerne einlasse. Ich bin umgeben von Bärten. Mein Sohn malt sich mit braunem Filzstift einen stoppligen Bart ins zarte Gesicht und bittet seinen Vater, ihm zu zeigen, wie man sich rasiert. Der hat den Rasierer aber schon länger als drei Tage lang nicht eines Blickes gewürdigt. Bart ist in. Und das findet mein Sohn auch, denn das, was Papa macht, ist Trend. Außerdem sind Onkel Joko und Onkel Klaas auch oft im Holzfäller-Look unterwegs und trotzdem rennen ihnen die Frauen hinterher. Kein Wunder, dass Hase Felix zu ihnen aufschaut. Ich bin umgeben von Bärten. Beim Küssen sehe ich ihn von Angesicht zu Angesicht. Er kitzelt mein Kinn. In seinem Fall ist der Bart eine revolutionäre Aufbäumung. Gegen das System. Gegen alle, die Bärte zum hipsterarischen Statement machen wollen. Wir sind eine Anti-Anti-Mainstream-Familie. Irgendwie. Wir kaufen bio und es verschimmelt in der hintersten Ecke des Kühlschranks, was auch bio ist, nur nicht mehr essbar. Ich rauche eine Zigarette die Woche, denn ganz aufzuhören bedeutet, ganz aufzuhören. Wir haben nach dem besten Kindergarten gesucht und uns für einen katholischen entschieden, in dem Gott nur an den wirklich wichtigen Feiertagen eine Rolle spielt. Wie zu Zeiten meines FSJs. Es ist ewig her, ich bin alt, zu alt für  Crop Tops und zu jung, um das  XXL Kreuzworträtselheft zwischen Rotweinflaschen aufs Band zu legen.
Wir wissen nicht, wo wir mit unserer Erziehung hinwollen, nur das wir es besser machen wollen, darin sind wir uns einig. Immer Obst im Haus, Gruß an Psycho-Adreas, eine feste Zubettgehzeit. Vielleicht ist das ziemlich mainstream, vielleicht ist das die neue Generation, aber was solls.
Für mich besteht die Ästhetik eines Drei-Tage-Barts wohl darin, ihn in dem Gesicht des Mannes zu sehen, den ich liebe.
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