Wiedersehen an der Weltzeituhr

KurzgeschichteHumor, Romanze / P12
Andrej "Tschick" Tschichatschow Maik Klingenberg
08.06.2015
08.06.2015
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Author's note: Das war ursprünglich keine Fanfiction, sondern Teil einer Schulaufgabe, und richtet sich somit an bestimmte Kriterien, die ich nicht selbst bestimmt habe.
Ich habe die Geschichte schon vor einer Weile geschrieben und vor einiger Zeit wiedergefunden und nun hochgeladen. Mich würde wirklich interessieren, was ihr von ihr haltet, zumal das meine erste hier veröffentlichte Geschichte ist. Viel Spaß beim Lesen ♥



Am Sonntag, dem 29. wartete ich pünktlich wie die Maurer unter der Weltzeituhr. Isa war noch nicht da, und ich fragte mich, ob sie wirklich kommen würde. Es waren ziemlich viele Menschen unterwegs und ich betrachtete den Fernsehturm, die gelbe Straßenbahn, die riesigen Reklametafeln. Es war einer dieser letzten Sommertage, an denen die Sonne ihren Endspurt gibt und aus vollen Kräften scheint, aber irgendwann hört es abrupt auf und der Herbst ist da.
Eine Menschenmenge teilte sich, und dann sah ich sie. Isa schlenderte aus der Richtung der U-Bahn-Station und schaute sich um, ein leichtes Lächeln auf den vollen Lippen.
Und sie hatte sich verändert. Ihre Haare waren nun mindestens fünf Zentimeter lang und standen wild in alle Richtungen von ihrem Kopf ab. Sie trug einen knielangen, khakifarbenen Rock, der ihre tollen Beine umspielte, und ein weißes T-Shirt, dazu abgewetzte Turnschuhe.
Dann entdeckte sie mich, fing plötzlich an zu rennen, sprang auf mich zu und umarmte mich, sodass ich fast hingefallen wäre, wenn sie mich nicht losgelassen und vor mir stehen geblieben wäre.
„Hallo du Schwachkopf“, sagte sie.
„Hallo“, brachte ich hervor, außer Atem. „Du siehst... du siehst super aus.“
„Danke. Die Sachen hat mir meine Halbschwester geliehen. Ich steh zwar mehr auf Hosen und sowas, aber was anderes hatte sie nicht für mich.
Warst du schon mal in Prag? Es ist toll da.“

Wir fuhren mit der U-Bahn zum Potsdamer Platz und gingen hinüber zum Sony Center. „Wow.“ Isa blieb staunend stehen und hob den Kopf so weit zur farbigen, hohen Decke, dass ihr Mund offen stehen blieb. „Wie riesige, leuchtende Kristalle.“
Dann fragte ich sie, ob sie schon einmal in Berlin gewesen sei, und sie bejahte und antwortete, dass sie zwar hier gewesen wäre, aber nichts zu sehen bekommen hätte, weil sie sich habe verstecken müssen. Ich schaute sie verwirrt an und wartete, ob da noch mehr käme, weil es doch sehr ungewöhnlich war, dass man sich heutzutage in Berlin verstecken musste, aber sie schwieg.
Also stellte ich die erste Frage, die mir einfiel. „Ich habe gehört, du hast einen Lasterfahrer verprügelt?“
„Oh ja“, sagte sie grinsend, „als ich meine Halbschwester wieder verlassen hatte, musste ich ja irgendwie wieder nach Deutschland kommen, also bin ich per Anhalter gefahren. Ein LKW hat mich mitgenommen, der Fahrer sah ganz nett aus.“ Sie redete so laut, dass jeder sie hören konnte; ein paar Leute drehten sich sogar zu uns um. Aber Isa scherte das nicht, obwohl ich sah, dass sie es bemerkte. „Irgendwann hielt er dann an so einem Parkplatz an der Autobahn an, der den Begriff „Raststätte“ nicht verdient hat, weil da einfach nur Büsche waren. Zum Pissen. Das haben wir dann auch gemacht, und als ich grade fertig war, kam der so von hinten und hat mich begrapscht. So richtig. Ich hab ihm dann eine oder zwei reingehauen, aber als das nichts gebracht hat, hab ich mein Knie volle Kanne in seine Eier gerammt und bin weggelaufen, durch die Büsche, bis ich bei so einem Arsch-der-Welt-Dorf war. Da habe ich den erstbesten Bus genommen und bin im nächsten Dorf unfreiwillig mitten in ein fettes Zigeuner-Fest gekommen. Und was danach passiert ist, weiß ich nicht mehr. Ich hatte den totalen Blackout.
Am nächsten Tag bin ich dann auf dem Rücken einer großen Kuh aufgewacht und mein Holzkasten war nicht mehr da. Stattdessen fand ich in meiner Hosentasche einen kleinen Zettel, auf dem in unleserlicher Schrift etwas stand, und darunter war eine schlechte Zeichnung von einem lächelnden Brot.
Joa, und dann habe ich mich auf dem Weg gemacht. Und was haben du und Tschick noch gemacht?“
Ich glaube, ich sah ein bisschen aus wie Friedemann, als ich sie danach anstarrte. Der erste Teil war glaubwürdig, aber ab der Zigeuner-Sache war das wohl wieder eine ihrer wilden Erzählungen. Ich beschloss, dass das Schlauste, was ich jetzt tun konnte, war, nicht nachzufragen, und erzählte ihr stattdessen unsere Geschichte.
„Ehm, also, nachdem du weg warst, sind Tschick und ich irgendwie in ein verlassenes Dorf gekommen, wo so ein alter Knacker unser Auto angeschossen hat, und dann hat er uns in sein Haus eingeladen, uns von seinem Leben erzählt und uns Weisheiten erteilt. Ja, der war ziemlich krank, und dann wollten wir mit dem Auto einen Hügel runter und haben uns fünf mal überschlagen, und danach hatten wir höchstens ein paar blaue Flecken-“
„Was, echt?“, fragte sie mit großen Augen.
„Ja, aber die Ironie daran ist, dass danach eine Sprachtherapeutin, die einem Flusspferd sehr ähnlich sah, aus dem Gebüsch kam und aus Versehen einen Feuerlöscher auf Tschicks Fuß fallen ließ, sodass er gebrochen war. Die Frau hat uns dann in ihrem Auto ins Krankenhaus gebracht, wobei uns die Polizei verfolgte, aber sie konnte uns nicht einholen. Danach sind wir aus dem Krankenhaus abgehauen, Tschick mit einem dicken Gips, und sind mit dem Lada trotz Dellen und Beulen weitergefahren. Auf der Autobahn sind wir dann in einen Laster voller Schweine gekracht und meine Wade ist zerfetzt, und schließlich hat uns die Polizei aufgespürt und es gab mächtig Ärger zu Hause. Tschick ist jetzt in einem Heim und ich muss dreißig Arbeitsstunden abarbeiten.“
So ähnlich ging die Unterhaltung, außer dass Isa zwischendurch ständig Laute wie „Was?!“, „Jetzt ehrlich?“, „Niemals!“ und „Oha!“ ausstieß.
Danach redeten wir noch darüber, wie ungewöhnlich das doch alles war und dass es doch noch gute Menschen auf der Welt gab, und über Horst Frickes Carpe Diem und das Universum.
Irgendwann gingen wir dann raus aus dem Center und spazierten an der Spree entlang. Die Sonne strahlte schon mit letzter Kraft ihr schönes und seltenes rot-goldenes Dämmerungslicht. Wir liefen schweigend, aber das Schweigen war nicht unangenehm.
An einer Stelle waren wir ein paar Meter über dem Fluss, und vor dem kleinen Abgrund war ein etwa kniehoher, eiserner Zaun, auf den sich Isa nun stellte. Sie streckte ihre Hand nach mir aus und sagte: „Halt meine Hand“, und ich hielt sie. Isa balancierte leichtfüßig auf dem Zaun, und ich schaute sie nur an.
Ihre Hand war warm und ihr Blick konzentriert auf ihre flinken Füße gerichtet. Die tief stehende, orangerote Sonne leuchtete mal zwischen ihrem Hals und ihren Schultern hervor und mal nicht und umgab sie mit einem goldenen Schimmer. Dazu der Fluss und die Wolkenkratzer im Hintergrund – ich fühlte mich wie in dem Moment, in dem sie im Gebüsch sitzend und Brombeeren kauend gesungen hat: irgendwie ganz seltsam.
Plötzlich verlor Isa das Gleichgewicht und kippte in Richtung Wasser. Ich zog sie, auch wenn mit etwas verlangsamten Reflexen, rechtzeitig zu mir, aber aus Versehen so fest, dass sie vom Zaun stolperte und dicht vor mir stehen blieb. Nur langsam registrierte ich, wie dicht, und meine Herz klopfte wie verrückt. Sie schaute mir tief in die Augen, so tief, dass es mir ungelogen so vorkam, als würde sie durch mich hindurchsehen.
„Mach deine Augen zu“, flüsterte sie. Ich muss nicht reagiert haben, ich war wahrscheinlich zu vertieft in dem Augenblick, deshalb lächelte sie und sagte: „Komm schon, mach die Augen zu, Maik.“
Ich tat es und hörte nur noch Isas und meinen Atem und mein wild schlagendes Herz. Und dann küssten wir uns. Erst ganz vorsichtig, dann fordernder und leidenschaftlicher. Und obwohl mein Gehirn in diesen Moment wie weggeblasen war, kann ich eins sagen: es war der absolute Wahnsinn.
Als sich unsere Lippen wieder trennten, flüsterte sie mir ins Ohr: „Vergiss das nicht.“ Meine Augen waren immer noch geschlossen. Ich dachte nicht darüber nach. Daraufhin spürte ich, wie sie mir ein zusammengefaltetes Stück Papier in die Hand drückte, und als ich ein paar Sekunden später meine Augen öffnete, war Isa verschwunden.
Ich schaute mich verwirrt um, doch konnte sie nirgends entdecken. In meiner Hand befanden sich dreißig Euro und ein Brief.

Hallo du Schwachkopf,
mein Verstand sagt mir, ich soll bleiben, doch ein anderer Teil will, dass ich weiterziehe. Wie heißt dieser Spruch nochmal? „Man muss gehen, wenn es am schönsten ist“. Und danach lebe ich. Ich kann nicht stillstehen.
Sei mir nicht böse. Danke für die tolle Zeit mit dir – und für den Kuss.
Deine Isa


Ich wusste, dass ich enttäuscht oder wütend oder traurig sein sollte, doch komischerweise stellte sich keins der Gefühle bei mir ein. Stattdessen fühlte ich eine starke innere Ausgeglichenheit, gemischt mit Wohlbefinden, Freude und Glück.
So nahm ich die U-Bahn Richtung Marzahn, stieg jedoch eine Station zu früh aus, weil ich Lust hatte, zu Fuß zu gehen. Ich dachte über viele Dinge nach, unter anderem darüber, was Isa jetzt wohl machen würde und was sie für ein Ziel hat; wie sie es schafft, immer zu gehen, wenn es am besten ist; schließlich ist es ja normal, dass man, wenn man etwas tolles erlebt, es weiter erleben will, oder? Oder  ist es wie bei einem Berg: nachdem man den Höhepunkt erreicht hat, geht es nur noch runter?
Jetzt erst sah ich aus den Augenwinkeln ein klappriges, altes Auto. Es ist, als ich in Gedanken versunken gewesen war, mehrere Male an mir vorbeigefahren, aber ich hatte es nicht weiter beachtet. Es fuhr noch einmal vorbei – Moment, der Fahrer erinnerte mich an jemanden... Hitler?
Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich rannte dem Wagen hinterher, so schnell ich konnte, und als ich ihn fast eingeholt hatte, hielt er abrupt an, sodass ich ein paar Meter zu weit lief. Ich ging zurück und schaute mir den überraschend jungen Fahrer mit beeindruckendem Hitler-Bärtchen an, der gerade das Fenster herunterließ und sich auffordernd aus dem Fenster lehnte.
„Na, Graf Koks? Lust auf ein letztes kleines Abenteuer?“