In a Gruff Manly and Safely Nongay Way

KurzgeschichteSchmerz/Trost / P12
06.06.2015
06.06.2015
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Disclaimer: Ich schwöre bei Isaac Newton, dass ich keinerlei Rechte an der Folly-Serie besitze. Ideen, Charaktere und Story gehören Ben Aaronovitch.

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Thomas Nightingale war ein geduldiger Mensch. In etlichen Jahrzehnten als Magier hatte er gelernt, was Selbstdisziplin war, von seiner edwardianischen Erziehung ganz zu schweigen. Dennoch konnte er nicht umhin, sich am frühen Nachmittag einige wenige Tage vor Weihnachten immer mehr Sorgen zu machen.

Peter.

Nightingale wusste, dass sein Lehrling intensiv an der Mordermittlung um den Fall James Gallagher beteiligt war. Natürlich hatte Peter ihn informiert, dass er des Nachts in die U-Bahntunnel hinabsteigen und nach verborgenen Gängen suchen würde. Nightingale selbst war mit in den Untergrund gestiegen. Doch während er bereits gegen vier Uhr gemeinsam mit Lesley wieder ins Folly zurückgekehrt war, hatte Peter sogar noch beim Frühstück um neun durch mangelnde Anwesenheit geglänzt.

Nicht einmal eine Nachricht gab es von ihm. Nightingale wusste, dass Peter sehr anders gestrickt war als er – was teilweise auch der sehr unterschiedlichen Erziehung geschuldet war – im Bezug auf Alltagsmanieren. Wie gesagt, trotz der inzwischen sehr anderen Zeiten hatte seine edwardianische Erziehung deutliche Spuren hinterlassen. Dennoch war sich Nightingale sicher, dass Peter in irgendeiner Form Bescheid gegeben hätte, wenn er aus dem Untergrund wieder hochgekommen wäre, gleich ob mit neuen Erkenntnissen oder ohne. Demnach befand er sich also noch immer unter der Erde – ein Zustand, den Nightingale beim Mittagessen mehr als beunruhigend fand. Er brachte nicht viel von Mollys in zuversichtlich großer Menge zubereiteter Forelle herunter, obwohl es ausgezeichnet schmeckte.

Für den Nachmittag hatte er eine Fahrt nach Surrey auf dem Plan – das nächste potenzielle Kleine Krokodil unter die Lupe nehmen, einen gewissen Andrew Hoverfield. Er hatte noch nicht einmal die Hälfte der Strecke geschafft, als das Funkgerät in seinem Jaguar seine Aufmerksamkeit forderte. Lesley meldete sich über ihr Airwave bei ihm.

Es musste etwas wichtiges sein.

Im Nachhinein war Nightingale froh, dass er zum Funken am Straßenrand angehalten hatte. Lesleys Nachricht brachte ihn dermaßen aus dem Konzept, dass selbst er als höchst versierter Autofahrer womöglich einen kleinen Unfall hätte bauen können.
Peter war ins Krankenhaus eingeliefert worden. Nach einem Zusammentreffen mit einem Magier.

Für einen Schreckensmoment zogen Bilder von einem Dach in Soho an seinem inneren Auge vorbei. Peter, voller Kratzer und Schrammen. Ein Signare, eiskalt und von Bosheit erfüllt. Ein Schornstein, der sehr gut Peter unter sich hätte begraben können. Die Beschreibung eines von einem Meister ausgebildeten, ethisch fragwürdigen Zauberers durch seinen angeschlagenen, am ganzen Leibe zitternden Lehrling.

Was, wenn Peter Recht gehabt hatte und der Gesichtslose irgendwie mit dem Baker Street-Fall in Verbindung stand? Für ein paar Sekunden befürchtete er das schlimmste; bis Lesley ihn erlöste. Es war nicht der Gesichtslose gewesen. Allerdings hatte der Unbekannte kurzerhand eine U-Bahnstation umgepflügt und Peter war für einige Stunden verschüttet gewesen. Das war zwar besser als die Szenarien, die Nightingale sich kurzzeitig ausgemalt hatte, aber immer noch schlimm genug.

„Ich werde, sobald es mir möglich ist, vorbeikommen“, gab Nightingale zu seinem  zweiten Lehrling durch, hängte das Funkgerät wieder an die Montur und startete den Motor des Jaguars neu. Ohne zu zögern wendete er den Wagen auf die Gegenspur. Die Kleinen Krokodile konnten warten, sein Lehrling hatte Priorität.

Man mochte Nightingale vorwerfen, damit nicht völlig objektiv zu handeln, doch er hatte seinen ersten Lehrling sehr viel fester ins Herz geschlossen, als er jemals zugeben würde. Er redete sich gerne ein, dass es daran lag, dass Peter die erste andere Person außer Molly war, mit der er seit Jahrzehnten wieder dauerhaft viel Zeit verbrachte, doch er wusste genau, dass es die zugegebenermaßen etwas gewöhnungsbedürftige Persönlichkeit seines Lehrlings war, die ihm ans Herz gewachsen war.

Zu viele Jahre Lebenserfahrung hatten ihn gelehrt, was passierte, wenn man Leute ins Herz schloss; man wurde verletzt. Unter anderem, wenn jene Leute verletzt wurden. Diese Lektion hatte Nightingale auf die harte Tour lernen müssen. Vielleicht waren es die ganzen schlechten Erfahrungen, die ihm die schrecklichsten Bilder vor sein geistiges Auge pflanzten, wenn seine Gedanken zu Peter wanderten. Es konnte viel passieren, wenn man verschüttet wurde. Zu viel. Auch da sprach Nightingale zu seinem Leidwesen aus persönlicher Erfahrung. Sein Griff ums Lenkrad war so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten, während er sich bemühte, nicht an einen bleichen, von Schutt begrabenen Peter zu denken.

Die Fahrt zurück nach London fühlte sich so lang an, dass es einer Tortur gleichkam. Als er endlich am Hospital angekommen war und einen Parkplatz gefunden hatte, waren seine Nerven schon reichlich angespannt. Lesley hatte sich unterwegs nicht noch einmal gemeldet. Das deutete er als gutes Zeichen. Er vermutete, sie gleich in Peters Zimmer anzutreffen. Hätte dessen Zustand eine drastische Verschlechterung erlebt, hätte sie Nightingale das sicherlich mitgeteilt.

Er musste sich nicht erst an der Rezeption erkundigen, er wusste, wo Peter lag. Dies war die Klinik von Abdul und Nightingale selbst hatte vor nicht allzu langer Zeit einige Nächte in dem Privatzimmer verbracht, das der Kryptopathologe für die Bewohner des Follys reserviert hatte. Sobald er ebendieses betrat, viel ihm ein enormer Stein vom Herzen. Peter lag mit geschlossenen Augen im Bett, offensichtlich nicht bei Bewusstsein und ein wenig blässlich, doch abgesehen von oberflächlichen Fissuren auf den ersten Blick nicht weiter verletzt. Vermutlich war er unterkühlt und dehydriert gewesen, aber zumindest letzteres war dank einer Infusion geregelt worden, die über einen Zugang an Peters Handrücken gelegt worden war.

Als er die Tür hinter sich leise zuzog, erregte er Lesleys Aufmerksamkeit. Die junge Blondine saß auf einem der grässlichen Plastikstühle, wie es sie in jedem Krankenhaus zu geben schien,  und beobachtete Peter besorgt. Sobald sie Nightingale bemerkte, schickte sie sich an, aufzustehen, doch Nightingale winkte ab. Er konnte sich gut vorstellen, dass es seine zweite Schülerin schlauchte, ihren engen Freund so zu sehen.

„Wie geht es ihm?“, fragte er kurz angebunden. Es kam schroffer heraus als er es vor gehabt hatte. Nervliche Belastung hatte ihn schon immer ungehalten und brummig werden lassen.

„Er ist mit einer Menge Glück davongekommen, Sir“, erklärte Lesley prompt, „Doktor Walid sagte, er sei hauptsächlich unterkühlt und dehydriert, er hat keine schwereren Verletzungen erlitten, nur ein paar Schürfwunden.“ Damit bestätigte sie Nightingales Vermutung, aber es war dennoch eine ungemeine Erleichterung. Trotzdem wollte er mit dem Schotten noch ein paar Worte über Peters Zustand wechseln, nur um sicher zu gehen.

„Hm“, brummte Nightingale, „War er schon wach?“

„Nicht seit ich hier bin, Sir“, kam ihre dienstbeflissene Antwort.

„Hm.“

„Wollten Sie mit ihm reden, Sir?“, fragte sie mit einem Glitzern in den Augen, das ihm ein wenig auf die Nerven ging. Er hätte sich tatsächlich lieber bei Peter persönlich erkundigt, wie sich dieser inzwischen fühlte und was genau vorgefallen war, inklusive jeden noch so kleinen Details über den Zauberer, dem er begegnet war.

„Ich würde ihm zu gerne ein wenig meine Meinung sagen“, knurrte er, ein wenig gereizter als es vielleicht angebracht war. Die überschwänglichen Sorgen, die er sich gemacht hatte, ließen nur langsam nach, wobei ein bitterer Nachgeschmack zurückblieb.

„Ich wusste doch, dass er Ihnen mit der Zeit ans Herz gewachsen ist, Sir“, grinste Lesley müde.

„Und Sie verbringen eindeutig zu viel Zeit mit ihm“, murrte Nightingale säuerlich, „Sie werden allmählich genauso frech wie er.“ Leider wusste Lesley genau, wie er das meinte und lächelte ihm als Antwort nur zu.

Nightingale verschränkte die Hände auf dem Rücken und tigerte umher, um seine aufgestaute Energie abzubauen.

So verbrachten Lesley und er schweigend einige Zeit an Peters Bett, doch dieser weigerte sich beharrlich, in nächster Zeit aufzuwachen. Irgendwann wurde es zu spät, als dass Nightingale noch länger bleiben konnte, egal wie gerne er sich einen der unbequemen Stühle ergriffen und neben Lesley Platz genommen hätte.

„Ich fürchte, ich muss jetzt gehen“, erklärte er seufzend mit einem Blick auf seine Taschenuhr, „Ich habe noch einige Nachforschungen anstehen, die ich zu Ende führen muss. Informieren Sie mich bitte umgehend, wenn sich sein Zustand ändert, Lesley.“

„Selbstverständlich, Sir“, nickte sie und beobachtete, wie Nightingale Peter noch einen letzten, besorgten Blick zu warf.

Dann wandte er sich schon zum Gehen, als sein Blick an einer Packung Weintrauben hängen blieb. Fragend hob er eine Augenbraue und wandte sich Lesley zu. „Er liebt Weintrauben, Sir“, erklärte sie prompt, „Es hat gewissermaßen Tradition, dass er welche bekommt, wenn er im Krankenhaus liegt.“ Diese Information speicherte Nightingale in seinem Hinterkopf ab. Er hatte das ungute Gefühl, dass er seinen unfallträchtigen Lehrling noch das ein ums andere Mal im Krankenhaus liegen sehen würde.
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