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OS Collection

von Theresie
Kurzbeschreibung
OneshotAllgemein / P16 / Gen
Alexy Armin Boris Castiel Dakota Kentin
06.06.2015
05.04.2021
9
19.768
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06.06.2015 3.857
 
Unser Schicksal

›Dunkel sind die Wege, die das Schicksal geht.‹
Euripides


Es stürmt. Am Himmel ziehen wilde Wolken vorbei und unzählige Regentropfen fallen aus ihnen hinaus. Hinunter, durch die kalte Luft und bis zur Erde, wo sie mich treffen. Sie durchnässen meine verschmutzte und zerrissene Kleidung, und vermischen sich mit meinen Tränen, die über meine Wangen strömen. Und meinem Blut, das von Kratzern und größeren Wunden stammt, die meinen geschwächten Körper säen. Frierend kauere ich hinter einem der zahlreichen Bäume hier in diesem großen Wald, der zum Hoheitsgebiet Amoris gehört, und lausche zitternd dem Klang meines Herzschlages, der immer lauter und schneller wird. Am liebsten würde ich aufstehen und verschwinden. Einfach nur weg von diesem furchtbaren Ort. Und wieder zurück nach Hause. Dort, wo es sicher und warm ist oder … vielmehr war. Aber ich kann nicht. Sobald ich mein Versteck verlasse, riskiere ich es zu sterben.
So wie mein Bruder...


Knacks!

Ich fahre zusammen, kaum dass dieses Geräusch, gar nicht allzu weit entfernt von mir, ertönt. Automatisch läuten in mir die Alarmglocken und ich spüre den Impuls zur Flucht. Meine Augen suchen hektisch alles ab, was sich in meiner Nähe befindet, entdecken jedoch nichts und ich versuche, mich zu beruhigen...

»Da ist es ja.«

Bevor ich aber auch nur den Hauch einer Chance zur Flucht habe, wird auf mich eingeschlagen, bis ich flach im nassen Laub liege. Dann werden mir Fesseln an- und eine enge Schlinge um dem Hals gelegt. Wie ein Straßenhund werde ich gezogen. Dass mir die Luft zum Atmen genommen wird, interessiert sie - die ›normalen‹ Menschen - nicht. Nein. Sie lachen mich aus, treten mich und beleidigen mich.
»Beweg' dich, du Monster. Wird Zeit, dass eure Sorte endlich ausgerottet wird, aber anscheinend vermehrt ihr euch wie die Karnickel. Widerlich!«
Diese Worte brennen sich tief in meine kaputte Seele und ich rühre mich auch bei wiederholtem Zerren nicht.
»Ey, was soll das?!«
Einer meiner beiden Peiniger baut sich vor mir auf. In seinen Händen hält er den Schlagstock und hebt seine Arme über den Kopf. Mit all seiner Kraft und dem Hass auf mich lässt er die Waffe auf meinen Körper niedersausen...


Bamm!

Erschrocken zucke ich zusammen und starre meiner Lehrerin ins wütende und von tiefen Falten geziertes Gesicht. In ihrer Hand hält sie den langen Zeigestock, den sie wohl auf's Pult geschlagen hatte.
»Prinzessin!«, meckert sie sogleich los. »Unterlasst das Dösen in meinem Unterricht! Ihr solltet besser aufpassen und nicht träumen. Zum Träumen ist die Nacht da!«
»Aber nicht die vergangene«, entgegne ich ganz frech und unschuldig guckend. »Denn da hat es so heftig gestürmt, dass ich gar nicht schlafen konnte und jetzt bin ich natürlich noch ganz müde.«
Genervt seufzend beginnt Miss Garcia - passender wäre Miss Garstig - ihre Sachen einzupacken und ich freue mich innerlich schon sehr, dass der Unterricht nun zu Ende ist. Aber wie sollte es anders sein, bekomme ich natürlich noch einen Haufen Hausaufgaben auf, was ich total unfair finde! Nichtsdestotrotz bin ich die Erste, die den Lernsaal verlässt und eile die Treppe hinauf, die in den ersten Stock führt und hier befindet sich unter anderem mein Schlafgemach.
Zusammen mit meinem Vater, dem Herrscher von Amoris und unseren Bediensteten, Jägern, Wachen, Hofhunden sowie Pferden, lebe ich in einem riesigen Schloss, das von einem noch kolossaleren Wald umrandet wird. Nur ein einziger Weg führt hinaus aus Vaters Reich, ohne dabei den Forst betreten zu müssen. Dieser wird hauptsächlich von Händlern genutzt, aber manchmal kommen auch Könige aus Nachbarländern vorbei, die ihre Söhne mitbringen, die um meine Gunst buhlen. Schließlich bin ich in einem Alter, in dem über Heirat gesprochen wird, wovon ich jedoch noch gar nichts wissen will...

Klack!

Beim Klang dieses Geräusches zucke ich leicht zusammen und bleibe stehen. Vorsichtig spähe ich über das Treppengeländer und beobachte wie Boris, der Jägermeister, und zwei seiner Lehrlinge den Keller verlassen und die Eisentür schließen.
»Endlich haben wir eines dieser Monster erwischt«, sagt der Lehrling mit dem sandfarbenen Haaren und seufzt angestrengt. »Auch wenn wir ordentlich Gewalt anwenden mussten, um es herzubringen...«
»Dafür schmorrt es jetzt schön im Kerker«, erwidert der Rothaarige verächtlich lachend und fügt hinzu: »Und die anderen von euch finden wir auch noch!« Dabei tritt er gegen die Tür. »Wie eine Plage, die man einfach nicht in den Griff bekommt, so seid ihr, ihr gottverdammten Rabenmenschen
Boris ist der Einzige, der schweigt; auch als sich die Lehrlinge in Bewegung setzen, folgt er ihnen wortlos, blickt jedoch noch kurz zur Tür zurück, ehe alle Drei um die nächste Ecke biegen.
Von diesen Rabenmenschen habe ich schon mal gehört. Es sollen mysteriösen Geschöpfen sein, die Unglück bringen und von allen gehasst und gejagt werden. Noch nie habe ich einen echten gesehen und das ist auch gut so, behauptet Vater zumindest immer, der mir, als ich noch klein war, immer dieselbe Stelle im königlichen Geschichtsbuch zitiert hatte, die ich bestimmt niemals vergessen werde: ›Seit Anbeginn der Zeit existieren neben uns - den normalen Menschen - noch eine weitere Gattung: die Rabenmenschen. Sie unterscheiden sich von uns optisch nur durch ein einziges Merkmal, mit dem sie auch geboren werden: ein Mal an ihrem rechten Arm. Mit diesem haben sie die Macht dunkle Magie heraufzubeschwören und Unheil anzurichten...‹

Leise husche ich die Treppe hinunter. Meine Schulbücher fest an mich drückend nähere ich mich der besagten Tür und schaue kurz, ob die Luft rein ist. Und bevor ich überhaupt darüber nachgedacht habe, öffne ich sie nur einen kleinen Spalt breit, da sie ziemlich schwer ist und ein langes Quietschen von sich gibt. Ohne auch nur einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, was ich hier eigentlich tue, tappse ich die lange Steintreppe hinunter, die sich nun vor mir erstreckt. An den Wänden hängen Halterungen, in denen Fackeln stecken, die ein Sehen möglich machen. Zwar ist es unheimlich und auch kühl, aber dennoch kehre ich nicht um.
Ich bin von Natur aus neugierig, was mir schon oft Schimpfe von Vater eingebracht hat, trotzdem habe ich nichts daraus gelernt und betrete nun eine Halle, in der sich zahlreiche Zellen befinden. Der Kerker. Es ist mucksmäuschenstill, nur meine Schritte hallen durch die Luft und ich halte Ausschau nach dem Rabenmenschen. Zur Hilfe nehme ich mir eine der Fackeln und leuchte in jede Zelle hinein, als ein Rasseln ertönt. Zögerlich folge ich diesem Geräusch und erreiche die hinterste Zelle, in der eine Gestalt kauert. Ich halte die Fackel näher an die Gitterstäbe und erspähe einen ... Jungen? Ja, einen Jungen, der nichts außer einer schwarzen Hose und um den Hals eine Eisenkette trägt, die mit Hand- und Beinschellen verbunden sind, welche in der Wand hinter ihm verankert sind, sodass er sich ja gar nicht aufrichten kann ... Als mir diese Tatsache richtig bewusst wird, bin ich wie geschockt. Noch nie in meinem Leben habe ich einen Gefangenen gesehen... Schwer schluckend hebe ich meine Hand etwas, damit der Schein der Fackel das Gesicht des Fremden erhellt und kaum sehe ich, dass es blutverschmiert und geschwollen ist, vergesse ich sogar, dass er ein Rabenmensch ist. Vor Schreck lasse ich meine Bücher fallen und kann die Fackel gerade noch festhalten. Sogar sein nackter Oberkörper ist mit Schnitten und Hämatomen übersät. Am Auffälligsten jedoch ist nicht eine der Wunden, nein, sondern etwas an seinem rechten Arm, das bis hin zum Daumenballen verläuft. Ein schwarzes Mal in Form eines Raben, der den Schnabel weit offen hat, so als wolle er etwas rufen...
Plötzlich öffnet der Fremde seine Augen, die saphirblau sind und genau in meine blicken. In ihnen finde ich nicht den geringsten Glanz. Es hat den Anschein, als wäre seine Lebensflamme erloschen. Und da senkt er seinen Kopf wieder und sein schwarzes, strähniges Haar verdeckt sein Gesicht...

»Prinzessin!«

Jetzt lasse ich die Fackel wirklich fallen und fahre herum. "Meister B-Boris...", stottere ich und weiß nicht, was ich nun zu meiner Erklärung sagen soll. Aber das brauche ich auch gar nicht, denn der große, breitgebaute Mann bückt sich nur, hebt meine Bücher sowie die Fackel auf und greift meinen Arm. Er schiebt mich stumm vor sich in Richtung Tür und ich wage es nicht zurück zu dem Rabenmenschen zu schauen...
Ich rechne ganz fest damit, dass Meister Boris zu meinem Vater geht und mich verpetzt, aber umso überraschter bin ich, als er mir meine Bücher gibt, mich hoch in mein Zimmer schickt, wo ich sie ablegen und dann sofort wieder nach unten zu ihm kommen soll. Kaum stehe ich dann wieder vor ihm, bittet er mich, ihn in den Schlossgarten zu begleiten, was ich wortlos auch tue. Während wir durch den langen Korridor gehen, der von vielen Säulen und Kerzenständern wie auch Kronenleuchtern gesäumt ist, schweifen meine Gedanken zum Rabenmenschen hin, der doch eigentlich wie ein ganz gewöhnlicher Junge mit Tattoo aussieht. Ich frage mich wirklich, ob er Unheil anrichten würde. Dafür sah er meiner Meinung nach viel zu nett aus. Und auch todtraurig. Bestimmt hat er sogar Angst so ganz alleine im Dunklen. Und Hunger... Ja, genau! Der Junge hat mit Sicherheit großen Hunger und Schmerzen, immerhin ist er verletzt. Vielleicht sollte ich ihm etwas zu Essen und Medizin bringen - heimlich natürlich...
»Prinzessin...«
»Ja?«, reagiere ich sofort und im selben Moment betreten wir den Garten; steuern den weißen Pavillon an, der inmitten von ihm gebaut wurde.
»Wieso seid Ihr in den Kerker gegangen? Ihr wisst doch, dass das für Euch verboten ist.«
»Es tut mir leid...aber...« Ich hole Luft, »...aber ich habe Sie und Ihre Lehrlinge unbeabsichtigt belauscht und wollte einfach mal einen echten Rabenmenschen sehen...«
»Ihr wolltet...was?«
»Vater sagt immer, dass sie gefährlich und verhasst sind«, sage ich leise. »Aber der Junge sah ganz normal und gar nicht böse aus. Warum ist er eingesperrt? Was geschieht nun mit ihm? Wird er nie wieder Tageslicht sehen dürfen?« Fragend sehe ich ihn an und er sieht aus, als wüsste er nicht, wie er nun antworten soll.
»Nun«, beginnt er, kaum dass wir auf einer Bank im Pavillon Platz genommen haben. »Wie fange ich am Besten an...«
»Mit der Wahrheit«, bitte ich aus Angst, er könnte mich anschwindeln, damit ich sofort Ruhe gebe.
»Prinzessin...«
»Ihr könnt mich ruhig beim Vornamen nennen«, unterbreche ich ihn ein letztes Mal und bin dann endlich still.
»Prinzessin Theresie, bitte versprecht mir, dass Ihr Eurem Vater nichts davon erzählt, was Ihr von mir erfahren werdet.« Meister Boris wirkt nervös und ich nicke.
»Versprochen.«
»Gut... Dieser Junge ist seit seiner Geburt ein Rabenmensch, das ist sein Schicksal, das sich niemals mehr ändern wird. Jedes Lebewesen hat ein Schicksal, dem es sich fügen muss. Ob es will oder nicht. Auch wenn es äußerst ungerecht ist...«
»Und was bedeutet das?«, will ich wissen, weil ich nicht ganz verstehe, was er damit meint. »Wird der Junge nicht mehr frei sein?«
Meister Boris ringt mit seinen Worten und ich lege den Kopf schief, als plötzlich die beiden Lehrlinge auftauchen.
»Oh, Prinzessin. Was macht Ihr denn hier?« Der eine, der Meister Boris sehr ähnlich sieht, was Haar- und Hautfarbe betrifft, setzt sich neben mich. »Schön, Euch mal ohne Wachen zu sehen.« Er grinst, was mir nicht ganz geheuer ist, sodass ich ein wenig wegrutsche. Da steht der Jägermeister plötzlich auf und geht einfach und ich bin nun genau so schlau wie vorher, was den Jungen im Kerker betrifft...
»Prinzessin, wir gehen gleich auf die Jagd, sollen wir Euch etwas fangen? Vielleicht einen Fasan? Oder einen Bären? Aus dessen Fell könnt Ihr Euch einen warmen Wintermantel machen lassen.«
Ich schüttle angewidert den Kopf und frage, ohne zu überlegen: »Fangt ihr noch einen Rabenmenschen?« Erschrocken halte ich mir den Mund zu, aber meine Worte schwirren bereits in der Luft und zwei Augenpaare blicken mich ungläubig an.
»Dieses Wort ist es nicht würdig von einer Prinzessin ausgesprochen zu werden«, sagt der Rothaarige kalt. »Es ist wertlos und braucht nicht die geringste Aufmerksamkeit. Vergesst es ganz schnell wieder.«
»A-Aber...«
»Ihr solltet wieder ins Schloss gehen, sonst erkältet Ihr Euch noch.« Der Hellhaarige greift ungefragt meine Hand und zieht mich von der Bank.
»Und was geschieht mit dem Jungen im Kerker?«, verlange ich zu erfahren. »Wann wird er wieder frei sein?«
»Morgen«, antwortet der Rothaarige abfällig. »Morgen wird er vor aller Augen befreit werden!«

Es ist bereits weit nach Mitternacht und ich bin auf leisen Sohlen in die große Vorratskammer geschlichen, um das frische Fleisch der heute erlegten Wildschweine von den Haken zu ziehen, an welchen sie zum Lufttrocknen hängen. Auch eine Kanne mit Wasser nehme ich mit sowie ein paar Kerzen. Dann schleiche ich zum Kerker und bin froh dem Jungen eine gute Nachricht überbringen zu können.
Als ich die Zelle erreiche, stelle ich fest, dass er sich nicht einen Milimeter seit heute Mittag bewegt hat. Er zeigt nicht die kleinste Regung und ich glaube erst, er sei ... tot.
»Ähm...h-hallo?«, wispere ich mit klopfendem Herzen und hocke mich dicht vor die Gitterstäbe hin. »L-Lebst du noch?« Eine seltsame Frage, aber etwas Besseres fällt mir nicht ein.
»Noch...«, haucht eine schwache Stimme und der Kopf des Jungen hebt sich langsam.
Erleichtert atme ich aus und zünde die Kerzen an, die ich neben mir hinstelle, damit wir uns einander gut sehen können.
»Was willst du von mir?«
Irritiert blicke ich in seine leeren Augen. »Was meinst du damit?«
»Wieso kommt ausgerechnet die Prinzessin zu jemandem wie mir - und das gleich zwei Mal?«
»Das erste Mal war ich neugierig, weil ich noch nie einen Rabenmenschen gesehen habe und jetzt bin ich hier, weil du bestimmt hungrig bist, außerdem habe ich eine Überraschung für dich.«
Der Junge wirkt perplex. »Du ... wolltest wissen wie ich aussehe?«
»Ja.«
»Und wie sehe ich für dich aus?«
»Wie ein ganz normaler Junge. Aber sag mal, dein Tattoo da, kannst du damit wirklich zaubern?«
Anstatt zu antworten, dreht er seinen Kopf weg und blickt hoch zum einzigen Fenster hier, das aber zugemauert ist und keinen Lichtstrahl durchlässt. »Gleicht meine Anwesenheit denn keiner Strafe?«
»Was? Wieso sollte sie?«
»Die ›normalen‹ Menschen empfinden uns als unnormal und widerlich, aber du ... du bist die Erste, die sagt, dass ich normal aussehe... Das ist seltsam.«
»Muss denn jeder dieselbe Meinung haben, ohne sich sein eigenes Bild zu machen?«, entgegne ich und reiche ihm ein Stück Trockenfleisch, indem ich meinen Arm durch die Gitterstäbe stecke. »Und jetzt iss, du siehst kraftlos aus.«
»Ist das vergiftet?«
»Natürlich nicht! Hier der Beweis.« Ich beiße ein Stück ab oder versuche es zumindest, aber es ist echt zäh und als ich es dann endlich geschafft gabe, fällt mir ein, dass ich Trockenfleisch ja gar nicht mag. »Igitt...« Und ziehe es wieder aus meinem Mund.
Ein leises Lachen ertönt und mir wird das Fleisch aus der Hand genommen.
»Wie heißt du eigentlich?«, möchte ich wissen, während ich den Jungen beim zaghaften kauen beobachte. »Mein Name ist Theresie.«
»Armin...«
»Und wie alt bist du?«
»17.«
»Wow, zwei Jahre älter als ich. Und wo kommst du her?«
»Du bist ziemlich neugierig.«
»Stimmt, aber ich bin wie ich bin...«
»Was auch gut so ist...«, murmelt Armin und ich höre ihn schwer schlucken. »Ansonsten würdest du dich nur selbst belügen.«
Verwundert suche ich seinen Blick, doch da fährt er bereits fort:
»Ich habe mit meiner Familie in einem kleinen Dorf gelebt. Meine Eltern waren aber keine Rabenmenschen, denn man wird durch das Schicksal zu einem, das hat nichts mit Vererbung zu tun. Auch mein Bruder trug dieses Mal.« Er hebt seinen Arm mit dem Raben-Tattoo. »Doch seines war vollständig mit Narben überdeckt, die entstanden, als er versuchte es mit einem Messer aus seiner Haut zu kratzen. Es machte ihn fertig, dass das Schicksal es so ungerecht mit uns meinte. Unsere Eltern akzeptierten uns so wie wir waren, allerdings waren sie schlechte Lügner und dann, eines Tages, verrieten sie uns einfach, weil sie die Schande nicht ertragen konnten, dass ihre Kinder ›unnormal‹ waren. Und diese Schande wurde ihnen zum Verhängnis: man ließ sie hinrichten, weil sie der Ursprung unserer Existenz waren...« Armins Stimme versagt für einen Augenblick und ich spüre einen Kloß in meinem Hals, schweige aber und lasse ihm Zeit, bis er seine Sprache wiedergefunden hat, was einige Minuten dauert. »Mein Bruder und ich wurden gejagt wie Freiwild und standen zum Abschuss bereit. Tagsüber waren wir am schutzlosesten. Nur in der Nacht konnten wir uns ausruhen und unserer Angst freien Lauf lassen. Vor allem mein Bruder weinte viel und war kurz davor aufzugeben. Zwar machte ich ihm Mut, aber man kann seinem Schicksal nicht entfliehen. Es ist immer schneller als man selbst und es ist immer siegreich...«
»W-Wo ist dein Bruder jetzt?«, wispere ich und bereue es sogleich wieder.
»Der Jäger mit dem roten Haaren hat ihn mit seiner Flinte erschossen. Hinterrücks und ohne zu zögern...« Das letzte Wort schluchzt er und auch ich spüre Tränen in mir aufsteigen. »Sein Name war Alexy und er war alles, was ich hatte. Jetzt bin ich ganz allein...«
»Das stimmt nicht«, sage ich leise. »Du hast mich und ich lasse dich nicht alleine. Versprochen.«
Armin dreht seinen Kopf zu mir; seine Wangen sind nass. »Du bist die Prinzessin von Amoris. Wir leben in zwei verschiedenen Welten. Ich bin im Gegensatz zu dir ein absolutes Nichts! Du wirst bis zu deinem Tod ein erfülltes Leben haben und ich...«
»Du wirst morgen frei sein!«, unterbreche ich ihn und schaffe es nach seinen Fingern zu greifen, auch wenn ich mir meinen Arm dabei fast ausrenken und mich fest ans Gitter drücken muss. »Das haben mir die Jäger gesagt und dann frage ich Vater, ob du hier bleiben darfst.«
Armin blickt auf meine Hand und murmelt: »Frei sein...«
»Ja, dann musst du nicht meht hier bleiben«, bekräftige ich meine Worte noch einmal.
»Verstehe ... dann werde ich fort von hier sein.« Er hebt seinen tätowierten Arm und lässt so meine Hand los. So weit wie es die Ketten erlauben, beugt er sich mir zu und bevor ich begreife, was nun geschieht, spüre ich seine kalten Finger an meiner Stirn. »Noch nie sprach ein Mensch mit mir wie mit einem ›Artgenossen‹. Noch nie war ein Mensch so nett zu mir und gab mir etwas zu essen. Ihr seid ein herzensguter wenn auch naiver Mensch und ich danke Euch, dass Ihr mich nicht wie ein Nichts behandelt habt. Dass Ihr mir die Möglichkeit gabt, mich für einen kurzen Moment lebendig zu fühlen. Vielen Dank, Prinzessin Theresie.« Seine Augen beginnen zu leuchten und als er sie schließt, höre ich den Ruf eines Rabens ganz in meiner Nähe. »Schlaft gut...« Das Letzte, was ich fühle, ist ein Schnippsen gegen meine Stirn, dann wird alles so finster wie das Gefieder eines Raben...

›Alexy...
Bruderherz...
Ich halte es ohne dich nicht mehr aus, aber bald schon sind wir wieder vereint. Und zwar an einem Ort, an dem es das Schicksal nicht gibt. An einem Ort, an dem wir für alle Zeit frei sein werden. Bis in alle Ewigkeit. Ich muss nur noch etwas hinter mich bringen, aber dann bin ich bei dir...‹

Jemand rüttelt an meiner Schulter. Armin?Ich öffne meine Augen und blicke in Meister Boris' besorgtes Gesicht.
»Prinzessin, was in aller Welt habt Ihr hier im Kerker verloren?«
»Hm? Ich habe Armin besucht und...« Mit einem Ruck sitze ich aufrecht und blicke zur Zelle, die jedoch leer ist. »Wo ist er? Wurde er schon befreit?«, frage ich und werde traurig angesehen.
»Prinzessin...«
»Wieso hat er nicht auf mich gewartet?«
»Prinzessin!« Meister Boris fasst meine Schultern. »Der Junge wurde von den Jägern fortgebracht!«
»Ja, in die Freiheit.«
»Nein, zum Schafott.«
»Was?!« Erschrocken starre ich ihn an. »A-Aber ich dachte...«
»Um elf Uhr ist die Hinrichtung. Ich habe Euch doch gesagt, dass jedes Lebewesen ein Schicksal hat, dem es sich fügen muss. Ob es will oder nicht. Auch wenn es äußerst ungerecht ist... Und das des Rabenmenschen lautet noch heute zu sterben.«
»Nein! Das darf nicht passieren!«, rufe ich verzweifelt und reiße mich los, bevor ich die Treppe hinauf eile und im Rücken höre, wie nach mir gerufen wird. Aber ich ignoriere es, denn Armin ist mir einfach wichtig. Er darf sein Leben nicht verlieren. Er ist erst 17 und hat sein ganzes Leben noch vor sich. Bloß weil er ein Rabenmensch ist, hat er kein Recht auf eine Zukunft? Bloß weil er ein Tattoo trägt, das man problemlos verdecken könnte? Würde man es nicht sehen, würde ihn doch jeder für einen ›normalen‹ Menschen halten. Wieso sind die Leute nur so oberflächlich?
Tränen kullern mir über's Gesicht, während ich aus dem Schloss in Richtung Wald renne, wo sich das Schafott befindet. Von weitem kann ich bereits Jubellaute vernehmen. Bin ich etwa zu spät? Nein, bitte nicht. Armin!
Der Himmel, gerade noch strahlendblau, zieht sich rasendschnell zu. Die warme Sonne wird von kalten Wolken verschlungen und es ist auf einmal so unheimlich.
Ich erreiche den großen Platz, auf dem das Schafott steht, vor welchem sich eine Menge Schaulustiger versammelt hat. Mit Mühe und Not drängle ich mich nach vorne und kaum habe ich dies geschafft, blicke ich hoch und in Armins Gesicht.
Kniend und mit auf dem Rücken gefesselten Händen hockt er vor dem Fallbeil, das bereits hochgezogen wurde.
»Armin«, schluchze ich und auch er weint. Im selben Moment scheint alles um uns herum ausgeblendet zu sein, denn nur wir zwei sind hier. »Es tut mir so leid...«
»Es ist nicht Eure Schuld, sondern mein Schicksal.«
»Ich hasse es. Ich hasse dein Schicksal.«
»Ich auch, aber nur so kann ich wieder bei Alexy sein.«
Ich nicke wissend, dass ich es nicht verhindern kann. »Grüßt du ihn von mir?«
»Versprochen. Und danke, dass ich Euch kennenlernen durfte.«
»Dir danke ich auch. Leb wohl, Armin...« Sturzbäche aus Tränen strömen über meine Wangen und ich wische sie weg, doch es sind einfach zu viele.
»Prinzessin.«
Ich blicke auf und sehe Armin lächeln.
»Zu Eurer Frage, ob ich wirklich zaubern kann: Ja, seht.« Sein Tattoo beginnt aus heiterem Himmel zu leuchten und der Rabe beginnt zu krächzen und es klingt wie ein Donnern. Prompt taucht alles um uns herum wieder auf. Alle Leute und ihre Rufe. Und gleichzeitig beginnt es heftig zu regnen. Armin schließt seine Augen und bevor das Fallbeil fällt, hält mir plötzlich jemand die Augen von hinten zu, sodass ich nur ein Geräusch höre. Sonst nichts...

...

»Hier, für dich, Armin.« Ich hocke mich hin und lege eine Vergissmeinnicht auf das Grab hier inmitten des Waldes, das nur für den Rabenmenschen geschaffen wurde, der vor zwei Wochen starb. Niemand weiß, dass er hier in Frieden ruht. Niemand außer mir, Meister Boris und der Person, die mir damals dem Anblick von Armins Tod erspart hatte. Kentin, ein Prinz aus dem Süden. Er wollte sich mir vorstellen und war zusammen mit seinem Vater hergekommen.
»Prinzessin Theresie, lasst uns zum Schloss zurückkehren, es wird allmählich dunkel.«
»Einen Moment noch.« Ich richte mich langsam auf und streiche mir eine störende Strähne meines schwarzen Haares aus meinem Gesicht, als meine Aufmerksamkeit auf einen Raben stößt, der auf dem Grabstein sitzt und mich beobachtet. Seine Augen sind so blau wie die von... »Armin?«  Aber da fliegt er auf und lässt eine lange Feder fallen, die genau auf der Vergissmeinnicht landet. Ich bücke mich und hebe sie auf; drücke sie an mich und denke an ihn. Dann wende ich mich Kentin zu, der meine Hand greift und zusammen gehen wir zurück zum Schloss.
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