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Am Ende

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Cara Coburn John Youg
05.06.2015
05.06.2015
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Kursiv bedeutet Telepathie.

„Russell hat mir nicht geantwortet, also habe ich mich in seine Gedanken gedrängt und…“ Cara brach ab, als ihr bewusst wurde, dass Stephen gar nicht sie anschaute. Seine Augen waren auf etwas hinter ihr gerichtet, und Cara wappnete sich innerlich gegen den Angriff, der gleich erfolgen musste…

John.

Cara vergaß, was sie hatte sagen wollen, vergaß, dass die Welt dem Untergang geweiht war. Er war zurück. Sichtlich erschöpft und gezeichnet vom Kampf mit den Polizisten, aber am Leben und hier, hier. Zuhause. Er war hier, und er würde kämpfen für seine Leute, mit aller Kraft, die ihm zur Verfügung stand.
So, wie er es immer getan hatte.

„Und?“ Stephens Stimme drängte sie aus dem Moment heraus. Widerstrebend drehte Cara sich um, die Angst war zurückgekehrt. Wenn der Gründer die Maschine einschaltete, würde John als einer der ersten sterben.

„Russell, Nathalie und ein paar andere, sie…“ Ohne den Satz auch nur in Gedanken zu vollenden, wusste sie, dass Stephen verstanden hatte. Vermutlich hatte es auch John begriffen, aber sie zwang sich, weiterzusprechen: „Sie haben deinen Vater zu Ultra gebracht. Weil sie nicht auf uns warten konnten.“ Die Anklage, die in ihrer Stimme mitklang, galt ebenso ihren verräterischen Freunden wie ihr selbst. Sie war verantwortlich gewesen für das Leben dieser Leute, und jetzt waren Mike und Jasmin tot. Ohne Kampf, ohne eine Möglichkeit, sich zu verteidigen. Sie waren abgeschlachtet worden, nur um die Macht des Gründers zu beweisen.

Hätte John sie noch geführt, wäre das nicht passiert. Der Gedanke war da, bevor sie ihn unterdrücken konnte, und Cara biss sich auf die Lippen. Sie durften jetzt nicht zurückschauen, hatten keine Zeit für Selbstzweifel.
Die Menschheit hatte keine Zeit mehr.

Stephen wich zurück, für einen Moment fassungslos. Dann spannte sich auch sein Kiefer an.
„Gehen wir.“

„Gib mir eine Minute!“ Er war schon wegteleportiert, aber Cara vertraute darauf, dass er sie noch gehört hatte. Die Verbindung zwischen ihnen beiden war immer schon stark gewesen, aber jetzt fühlte sie sich noch mächtiger an – der einzige Halt in dem Chaos, das ihre Welt geworden war. In der Stille, wo vor kurzem noch Johns Geist in ihrem gewesen war.

Cara drehte sich zu dem Mann um, der sie öfter gerettet hatte, als sie zählen wollte – vor Ultra, vor Menschen, vor sich selbst. John erwiderte ihren Blick, sein Gesicht so vertraut und kostbar wie Stephens Stimme. Noch nie hatte Cara eine so tiefe Müdigkeit darin gesehen wie jetzt, aber das änderte nichts. Sie liebte John. Hatte ihn immer geliebt, würde ihn immer lieben. Egal, wie die Dinge zwischen ihnen standen.

„Dann ist Roger also in der Maschine?“ Die Hoffnungslosigkeit in seiner Stimme schnitt wie ein Messer in Caras Brust, schnürte ihre Kehle zu. Es durfte nicht sein. Was auch immer sie tun mussten, um den Gründer aufzuhalten – John durfte nicht sterben. Nicht so.

Er las die Antwort – nicht in ihrem Kopf, sondern in ihren Augen. „Das bedeutet für mich und den Rest der Menschheit so ziemlich das Ende. Jeder Krieg erfordert Opfer.“ Leises Bedauern, aber keine Anklage, wenn es auch weiter wehtat. Eine einfache Feststellung.

„Es ist noch nicht zu spät, wir können es noch aufhalten.“ Sie mussten es aufhalten. Sie würden es aufhalten, es war alles möglich, wenn sie zusammenhielten und kämpften – sie, Stephen, John… so lange er durchhielt.
Nein, das ging nicht. Er hatte seine Kräfte verloren. Er war ein Mensch.
Er würde sterben. Es lief immer darauf hinaus. Und es durfte nicht geschehen.

„Bring mich hier raus!“ Mit einem Mal war wieder Feuer in seinen Augen, das Feuer, das Cara und alle anderen dazu gebracht hatte, John zu vertrauen. Aber was wollte er draußen anrichten?
„Wieso?“
„Astrid ist ganz allein da oben. So sollte man nicht sterben.“

Astrid.
Es war keine Bosheit in Johns Stimme, kein Funken Rache an Cara: nur eine weitere Feststellung.
Niemand sollte alleine sterben.

Plötzlich war Cara froh, dass er ihre Gedanken nicht mehr hören konnte, dass er nicht wusste, was er ihr antat.
In wie viele Teile ihr Herz brechen konnte. Sie hatte nicht erwartet, dass es so wehtun würde, aber das war wohl naiv gewesen. Immerhin war es John, der damals ihr Herz erst wieder vom eisigen Grund aufgehoben und gewärmt hatte. Und es hatte sich gut angefühlt für lange Zeit – länger, als sie hatte erwarten dürfen.

„Cara.“ Seine Stimme war sanft, aber leidenschaftlich. Unwiderstehlich, und das wusste er. „Bring mich hier raus.“
Es war keine Bosheit in Johns Stimme – in seinem ganzen Wesen, trotz allem, was die Welt ihm angetan hatte. Seine Augen waren immer noch unschuldig, und die Liebe darin brannte wie Feuer.

Astrid. Cara glaubte, den Namen in der Luft zu hören. Es war eigentlich nicht möglich, aber sie spürte es – spürte, wie sehr sie Johns Gedanken ausfüllte. Wie verzweifelt er sie beschützen wollte.
Wie sehr er sie liebte.

„Cara, beeil dich!“
Sie richtete sich auf. So dankbar sie war, dass John gerade nicht in ihrem Kopf steckte, so dankbar war sie, dass Stephen es tat. Im Moment war er der einzige, der noch an ihre Stärke und an die Hoffnung glaubte.
Sie war noch nicht am Ende. Die Welt war noch nicht am Ende.

„Bitte.“
Cara schloss für einen Moment die Augen. Als sie sie wieder öffnete, war sie auf das verzweifelte Bitten in Johns Gesicht vorbereitet.
„Ich liebe dich.“ Sie hatte das eigentlich nicht sagen wollen. Aber wenn sie heute alle starben…
„Cara…“
„Ich weiß. Schon gut.“ Fast lächelte sie. John war noch nie ein Fan der drei Worte gewesen – aber seine Aktionen bewiesen seine Gefühle. Immer.

„Du rührst dich nicht von der Stelle, verstanden? Ich bringe sie zu dir.“
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