Stories Of A Lost Life

GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P16
04.06.2015
27.01.2017
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Es ist schwierig mit jemanden an einem Tisch zu sitzen, den man abgrundtief hasst. Noch schwieriger ist es, wenn dieser jemand davon überzeugt ist, das Zepter in der Hand zu halten.
Aber ich halte es aus. Gedanklich gehe ich meinen Plan und den Dimitris durch, stelle sie nebeneinander und beglückwünsche mich für meine Genialität. Das hilft in den Momenten in denen Dimitri von seiner lächerlichen Zeitmaschine zu faseln beginnt. Und das tut er in meiner Gegenwart eigentlich immer, bis auf heute. Heute war er zur Abwechslung einmal gut aufgelegt gewesen. Das lag wohl an meinem Vorschlag. „Clive“ hatte er gestern gesagt. „Clive, was ist dein Teil des Plans?“ Ich hatte nicht lange überlegt. „Der Premier wird entführt.“ „Und sonst?“ „Pardon?“ „Ich meine, das kann doch nicht die einzige Bedingung sein.“ Ich hatte daraufhin geschwiegen. „Du hast meinen Geldsorgen ein Ende bereitet. Da muss es doch etwas geben, was dich noch freuen könnte.“ Ich kann mir noch immer den verständnislosen Ausdruck vorstellen, mit dem ich Dimitri in diesem Moment angeschaut haben muss. „Ich…hatte da so eine Idee…“ „Sag schon.“ „Ich würde gerne…Professor Layton nach London holen.“ „Was?“ Jetzt hatte es an Dimitri gelegen, mich verständnislos anzuschauen. „Den Professor Hershel Layton den ich meine?“ Ich nickte. „Und warum, wenn ich fragen darf?“ Um ehrlich zu sein, ich hatte keine Ahnung. „Ähm…warum nicht?“ hatte ich zurückgefragt und mich gezwungen zu lächeln. „Ich meine er…kann doch sicher irgendwann nützlich sein?“ „In Ordnung. Und weißt du was, ich habe auch schon eine Idee wie wir das anstellen werden.“ „Hm?“ ich kann mich noch erinnern wie ich den Kopf leicht schief gelegt hatte.
Und am nächsten Tag war er mit seiner hirnrissigen Idee angekommen, sich als „böser Layton der Zukunft“ zu verkleiden, damit ich dann das Zukunfts-Ich seines Begleiters Luke ausgeben konnte und Layton so sicher durch das London der Zukunft navigieren konnte. Etwas schlaueres hatte ich von Dimitri ehrlich gesagt auch nicht erwartet. Erst einmal hatte ich ihn wieder angestarrt, als hätte er mir gerade eröffnet, den Stein der Weisen oder eine tatsächlich funktionierende Zeitmaschine erfunden zu haben, oder zur Abwechslung mal eine Idee gehabt, die Sinn ergab. Ziemlich lange, glaube ich, länger als sonst, bis er mir die London Times in die Hände gedrückt hatte. „Das ist er.“ Hatte er gesagt und auf das Titelbild getippt. „Ich weiß.“ Murmelte ich. „Er hat sich kein Stück verändert.“ Schoss es mir spontan durch den Kopf, und ich ließ die Zeitung sinken. „Gib es zu, dieser Luke Triton sieht dir verdammt ähnlich.“ Ich hatte darauf nichts geantwortet, sondern den Jungen neben dem Professor betrachtet.
Und jetzt sitze ich hier. Entmutigt mustere ich das schneeweiße Blatt vor mir auf dem Tisch. Es lacht mich geradezu aus. „Gib es zu, du hast keine Ahnung was du schreiben sollst.“ Lacht es in meinen Ohren hämisch. „Du hast vier Jahre als Journalist gearbeitet und bist trotzdem ein Null, kähähähä.“ Kichert es boshaft. „Sei ruhig, ich muss mich konzentrieren.“ Murmele ich leise zu mir selbst und verscheuche das imaginäre Gekicher damit tatsächlich aus meinem Kopf. „Sehr geehrter Professor…“ Ich knülle das Blatt sofort zusammen. Nein, viel zu gehoben. Oder etwa nicht? Auch nach vier weiteren Versuchen immer noch kein Ergebnis, mit dem ich zufrieden bin. Mit den Nerven schon jetzt am Ende ramme ich den Füller ins Tintenfass und stütze die Stirn in meine Hände. Es ist schon schwer genug, überhaupt mit rechts zu schreiben. Noch schwerer, wenn man eigentlich Linkshänder ist, und gleichzeitig den krakeligen Schreibstil eines Dreizehnjährigen zu verbessern versucht. Ich stehe auf und stelle mich an die Fensterfront, während ich die Finger meiner rechten Hand durchknete, um sie zu entspannen. Chinatown erstreckt sich unter mir, ein Meer aus strahlend roten und grünlich schimmernden Dächern, die im Licht des künstlichen Lichts blitzen und mich für einen Moment blenden, dahinter der dicht zugewucherte Wald. Die Bäume haben sich wie angegossen in das Stadtbild eingefügt, und da sie so nahe an der künstlichen Themse liegen müssen sie nicht mal unterirdisch bewässert werden. Weit hinten, am anderen Ufer besagten Gewässers kann ich das Labor erkennen. Keine zehn Pferde bringen mich nochmal in den Tunnel, der es mit der anderen Seite des Flusses verbindet, denn dann kann ich das nächste Paar Schuhe getrost entsorgen, so wie vor ihm schon so viele. Ich reibe mir müde die Augen. Es ist 23 Uhr, tiefschwarze Nacht also. Zumindest auf den Uhren des echten Londons. Aber leider ist mir das Zeitfenster bei den Bauarbeiten etwas außer Kontrolle geraten, und daher muss ich mich hier unten zwingen, mir einzureden, es wäre neun Uhr morgens. Ein Jetlag voller bösartiger Rafinesse. Es ist ohnehin taghell hier unten, und an Schlaf ist aufgrund von Dimitris Aufgabe nicht zu denken. Er erwartet Ergebnisse.
Ich runzele die Stirn und drehe mich zur Tür. Warum bin ich überhaupt hier oben im Pagodenturm? Hier ist der übelste Abschaum des Clans auf einen einzigen Punkt konzentriert, und ich stehe direkt neben der versteckten Zelle, die Dimitri für Hawks hat errichten lassen, um ihn sicher zu verwahren. Zumindest an diesen kleinen, für mich unglaublich wichtigen Punkt der Abmachung hat Dimitri sich gehalten, auch wenn es seinen Ruf zerschmettern wird wie ein rohes Ei, wenn die Sache rauskommt.
Seufzend lasse ich mich wieder auf dem Stuhl nieder und fahre mir durch die Haare, die mir in die Stirn hängen, damit sie mir beim Schreiben nicht in die Augen fallen. Ich muss mich endlich zusammenreißen, mein Vorhaben soll nicht an meinem Zögern in Angesicht eines leeren Blattes scheitern. Mit dieser Tatsache vor Augen funktioniert es tatsächlich. Ich fasse die Angaben, die Dimitri mir auf einem Zettel notiert hat, in einem persönlichen Brief zusammen. Meine Hand zittert dabei vor Anstrengung, als wünsche sie sich, den Stift zu wechseln, und als meine Hand sich langsam aber sicher verkrampft, wünscht es sich der Rest von mir ebenfalls von ganzem Herzen. Schließlich unterschreibe ich und werfe die Feder aus meiner steifen Hand.  
Fertig.
Endlich.
Nichts wie weg aus diesem ekelhaften Nest der Gangster. Ich nehme mir Jacke und Tasche vom Haken und springe die Treppen mehr hinunter als dass ich laufe, bis ich an die frische Luft stoße. Ich atme die stickige, feuchte Luft ein wie frische Meeresbrise, und laufe los, um meinen eingeschlafenen Beine ein wenig Bewegung zu gönnen.
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