Aftermath

GeschichteSchmerz/Trost / P18
04.06.2015
03.05.2016
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Dieses Kapitel
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A.N.: Eine kleine Geschichte, die mir seit diesem grandiosen Film nicht mehr aus dem Kopf ging.  Als Two- Shot angelegt, maximal aber nur drei Kapitel.
Höchstens.  Wenn ich es verhindern kann, dass es nicht wieder zu sehr ausartet, dieses Mal. ;-)
Einen lieben Dank an erdbeerkaktus für das Beta- Lesen des ersten Kapitels!



1

Schweißgebadet fährt sie in die Höhe, will schreiend um sich schlagen, muss aber zu ihrem blanken Entsetzten feststellen, dass sie sich keinen Millimeter mehr bewegen kann.
Ihr Oberkörper ist an einem Sitz fest gezurrt, ihre Beine spürt sie nicht und ein blutdurchtränkter Knebel steckt in ihrem rohen, wunden Mund.
Sofort greift der Mann am Lenkrand neben ihr zur Seite, presst seine Hand auf ihre Stirn und drückt ihren Kopf unaufhaltsam gegen die Lehne zurück.
„Schhh“, macht er dabei und wendet seinen Blick keine Sekunde von der Straße ab.

Der heiße, pochende Schmerz in ihrer Mundhöhle ist allgegenwärtig, genauso wie der Geschmack von Blut, welcher sie unwillkürlich würgen lässt.
Der rohe, zerfaserte Fleischklumpen, der weit hinten oben an ihrem Gaumen klebt ist kurz, viel zu kurz.

Ruckartig wischt Max sich den kalten Schweiß von der Stirn, blickt stur gerade aus, starr nach vorne gerichtet.
Das Mädchen zu seiner Seite fängt an zu wimmern, beginnt wie eine Irre an ihren Gurten zu rütteln, ihren Fesseln, weinend und würgend.
„Schhh“, macht er erneut und packt das Lenkrad so fest, dass seine Knöchel weiß hervor treten.
Wenn sie sich jetzt in eine Panik steigert und vor Angst kotzen muss, dann würde sie ihm auf der Stelle hier ersticken, elendig verrecken an dem notdürftig zusammengeballten Stoff- Fetzen in ihrem Mund, der immer noch die Blutung stillen soll.
Er hat sie so am Beifahrersitz fixiert, weil er befürchtete, andernfalls würde sie ihm in ihrer Bewusstlosigkeit gefährlich hin und her rutschen und möglicherweise ihren Verletzungen erliegen.  

Sie haben das Mädchen gut zugerichtet vorhin, die beiden Bastarde, bevor sein Verstand endgültig ausgesetzt hat und alles nur noch als ein einziger wirbelnder Rausch aus Staub, Blut und Mündungsfeuer in seiner Erinnerung zurück geblieben ist.    
Im Nachhinein.

Ein Blick in den Rück- und beiden Außenspiegeln zeigt Max, dass keine sichtbaren  Verfolger an ihm dran sind, schon seit Ewigkeiten nicht.
Trotzdem sagt ihm ein Gefühl in seinen Eingeweiden, dass er keine Zeit verschwenden sollte; sein Ziel so schnell wie möglich erreichen muss.


Er hatte die zwei Spikeheads schon von Weitem mit seinem Fernglas entdeckt, früher am Nachmittag, als die Sonne noch erbarmungsloser als sonst auf das verdörrte Ödland hinunter brannte, seines Empfinden nach.
Oder aber es lag einfach an dem Schauspiel, das sich abgespielt hatte, vielleicht etwas mehr als eine halbe Meile von ihm entfernt, weshalb ihm plötzlich vermehrt der Schweiß ausbrach.
Er war jenseits der bekannten Straßen gefahren, hatte hinter einer Düne Halt gemacht und die kleine, isolierte Gruppe ein paar wenige Minuten beobachtet.
Er konnte es nicht mehr nachvollziehen, dass es immer noch Menschen mit Kindern gab, die lieber allein ihr Glück versuchten, anstatt sich zumindest einem der größeren Clans unterzuordnen und so wenigstens etwas Schutz für sie und die Ihren zu finden.    

Zwei junge Scouts waren es, die sich da mit Waffengewalt hysterisch laut lachend an einem steinalten, notdürftig umgebauten Chevie zu schaffen gemacht hatten, während ein anderer, älterer Mann auf dem Boden kniend ein Mädchen fest umklammert in seinen Armen hielt.
Der magere Körper zitternd vor Angst, schmal und zierlich, von kleiner Gestalt.
Dunkle, verfilzte Locken, die ihr in allen Richtungen vom Kopf abstanden.
Unwillkürlich stellte Max die Gläser schärfer, vergrößerte das Bild bis aufs Maximum.
Sein Herz schien einen Schlag lang auszusetzten, bevor es mit ungewohnter Heftigkeit gegen seine Brust zu hämmern begann.
So ähnlich, so grausam ähnlich dieser Anblick, dass sich sein Magen für einen Moment schmerzhaft zusammen zog und sein überhitztes Hirn ihm für den Bruchteil einer Sekunde glauben machen wollte, dass sie es war.
Sie, die da in den Armen eines fremden Mannes stand, Halt und Hilfe suchend.

Er konnte die Worte nicht richtig hören, die sich die beiden Spikes gegenseitig zuwarfen, aber der allgemeine Tenor war auch so zu verstehen.

Plündern, Spaß haben, töten.
Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.

Nicht sein Problem, dachte Max, obwohl es ihm gefährlich in den Fingern juckte.
Aber das hier konnte auch einfach nur eine von unzählig vielen Fallen sein, rief er sich ins Gedächtnis zurück und selbst wenn nicht, hatte er immer noch genügend Restverstand, es nicht drauf ankommen zu lassen, alleine.
Er wollte das Fernrohr sinken lassen, sich ruckartig abwenden, als das Mädchen urplötzlich den Kopf in seine Richtung drehte und er erstarrte, plötzlich unfähig, seinen Blick wieder von ihr zu lösen.

Riesige, vor Angst geweitete Augen, ein schmales, tränenüberströmtes Gesicht, welches eine Resonanz derart abrupt in seiner Erinnerung entfesselte, dass es sein Innerstes erschütterte.

"Dad!", ertönte in diesem Moment ihre Stimme in seinem Kopf und unwillkürlich zuckte er zurück, fuhr sich mit dem Handrücken fahrig den Schweiß von der Stirn.

Hilf uns, Max!
Dad!
Hilfe!

Voller Entsetzen stolperte er einen halben Schritt zurück, wollte die Stimmen und die Bilder abschütteln, die sich seinem Inneren Auge aufdrängten und seinen Sinnen ein grausames Doppeltsehen vorgaukelten.  
Seinen Magen zu einer kleinen Kugel Trockeneis zusammenballen ließ.
So kalt, dass es brannte.

Dad!

Einer der Spikeheads packte die Kleine grob am Arm und riss sie ihrem mutmaßlichem Vater mit einem brutalen Ruck aus den Händen, der sofort panisch versuchte, sie wieder an sich zu ziehen, was mit einem gezielten Tritt in sein Gesicht erfolgreich verhindert wurde.
Der Spike trat dem zu Boden gehenden Mann noch ein paar Mal kräftig in die Seite, bevor er das wild um sich schlagende Kind hinter ihm her zerrte.
"Bitte!", schrie der Mann so laut, dass Max ihn nun tatsächlich hören, ihn verstehen konnte und richtete seinen Oberkörper wieder auf.
"OhGottbitte, bitte tut ihr nichts, bit-"
In diesem Moment ertönte ein einzelner Schuss, der den händeringenden Mann auf seinen Knien augenblicklich verstummen und abrupt nach vorne kippen ließ.

"Daaad!", schrie die Kleine außer sich vor Angst und Panik, eine einzelne Silbe gut hörbaren Schmerzes, der sich für immer in seinen Gehörgang brannte.
Impulsiv riss Max das Fernglas von seinen Augen, widerstand nur mit Mühe dem wahnwitzigen Impuls, sich nicht sofort die Hände auf seine Ohren zu pressen.
Spähte einen einzigen, hämmernden Herzschlag später nur wie unter Zwang wieder durch seine Vergrößerungsgläser hindurch.  
„ Daaad! Hiilfeee! Daaaady! Neinneinnein!"
Die schrille Stimme des Mädchens überschlug sich und sie trat um sich wie eine Wilde, schaffte es es tatsächlich, sich für einen Moment von ihm loszureißen, bevor der andere Spikehead sie nach nur ein paar rasenden, kopflosen Schritte wieder erwischt hatte.  
Sie hart zu Boden stieß und sich brutal über sie warf.
Ein weiterer schriller Schrei entwich ihrer Kehle, so laut und verzweifelt, so grausam bekannt, dass ein Teil von Max glaubte auf der Stelle daran zerbrechen zu müssen, wenn er sich nicht sofort in den Wahnsinn flüchtete, als es plötzlich aufhörte, gänzlich und abrupt.
Ein feuerroter Schwall Blut spritzte wie eine Fontäne aus ihrem Mund und er konnte das
Messer blendend in der Sonne aufblitzen sehen, mit dem man ihr die Zunge abgeschnitten hatte.
Der blutbesudelte Bastard riss sie wieder hoch, zerrte sie zurück zum Chevie und stieß sie auf die Motorhaube.
Zog mit einem Ruck seine Hose herunter.  


Dad!


Jetzt sitzt sie hier neben ihm, zerrt und strampelt sich die Seele aus dem Leib, Panik in jeder ruckartigen Bewegung und nackte Angst in den riesigen Augen, nicht wissend, dass das Schlimmste bereits vorbei ist.
Vom Sterben abgesehen, vielleicht.
„Schhh“, macht Max immer wieder und wechselt seinen Blick hektisch zwischen ihrem Gesicht und der Windschutzscheibe hin und her, gibt mehr Gas.
„Ganz ruhig“, sagt er und schaltet noch einen Gang höher, lauter gegen das Aufheulen des Motors an sprechend. „Du hast viel Blut verloren. Du musst ruhig bleiben, langsamer atmen, nur durch die Nase. Ich hole Hilfe.“
Panisch schüttelt sie den Kopf, versucht verzweifelt Worte zu formen, die sie nie wieder sprechen können wird, auch ohne Knebel in ihrem Mund.
„Ganz ruhig“, wiederholt Max. „Ich bringe dich an einen sicheren Ort. Ich hole Hilfe.“

Er weiß nicht, was um Himmels Willen ihn geritten hat, er sich überhaupt auch nur dabei gedacht hat.
Er muss sein letztes bisschen Restverstand verloren haben, endgültig wahnsinnig geworden sein, sie mit sich zu nehmen auf seinem Weg zur Zitadelle; noch ein hungriges Maul mehr, dass Furiosa würde stopfen müssen.
Wenn sie es denn bis dahin schaffen würde, vorausgesetzt.
Ihr Gesicht ist weiß wie ausgebleichte Knochen und Blut tropft immer noch von dem Stoff- Fetzten  ihr Kinn hinab, zäh und dunkel.
In den letzten Minuten ist sie rapide apathisch geworden, die fiebrig glänzenden Augen haben sich flatternd geschlossen und ihr Kopf rutscht langsam hinunter auf ihre Brust.
Fahrig greift Max nach ihrem Kinn, drückt ihren Kopf wieder zurück nach oben, wo er fast auf ihre rechte Schulter kippt.
Aber diese eine flüchtige Blick zur Seite reicht aus, macht es ihm wieder schneidend und schmerzhaft bewusst und er weiß, warum er sie mitgenommen, sie gerettet hat.
Weiß es ganz genau.

If you can't fix what's broken, you'll go insane.

Ein Akt des Überlebens, eine unmögliche Wiedergutmachung seines Nicht- Handeln- Könnens damals, als es darauf ankam, für immer und ewig darauf ankam, die kleinste Hoffnung auf Erlösung jetzt, vielleicht, irgendwann, wenn er es irgendwie wieder gut machte.
Irgendwie wieder gut.
Sie an ihrer statt rettete, sie in Schutz und Sicherheit brachte, die es so in jenen Tagen für sie nicht gegeben hatte, für Keinen von ihnen.
Doch ein weiterer, kurzer Blick in den Rückspiegel und seine Augen strafen seine Handlungen erbarmungslos Lügen.

Furiosa und die restlichen schwangeren Frauen, die Vuvalinis.
Gerettet, in Sicherheit gebracht, mit seiner Hilfe.
Sicher im Schutz der neuen Zitadelle.
Aber er konnte dort nicht bleiben.
Unmöglich für ihn, mit Ihnen dort zu verweilen.
Rastlos, hilflos.

Can't fix what's broken.

Verdammt, für immer.

Max weiß, Furiosa hätte es gesehen, wenn er nur lang genug bleiben wäre.
Jeder hätte das, ausnahmslos.
Er lässt sich an den Augen ablesen, wenn man nur aufmerksam genug hinsieht, der Wahnsinn.
Konzentriert genug lauscht.
Den Stimmen in seinem Kopf.

Und doch war er zu lange da draußen allein mit sich selbst, Niemand an seiner Seite in diesen verfluchten Ödlanden, der die Stimmen in seinem Kopf fast zum Verstummen bringen konnte, wie sie es einst für sehr kurze Zeit getan hatte.
Sie waren es, von denen er sträflich gehofft hatte, endlich erfolgreich vertrieben zu haben, zusammen mit den zermürbenden Erinnerungen, die sie stets mit sich brachten.

In der ersten Zeit nach Immortan Joes Fall waren sie tatsächlich leiser geworden, gedämpft, ein Hintergrundrauschen nur noch in seinem Kopf.
Kaum zu verstehen und leicht zu vertreiben.
Ein tot geglaubtes Gefühl begann zaghaft, sich versuchsweise in ihm auszubreiten, jedoch unschlüssig, ob es auch bleiben sollte.
Max definierte es nach einiger Zeit und mit verblüfftem Misstrauen als eine Art von brüchiger Erleichterung.
Das Atmen wurde langsam leichter, irgendwann, und sie stach nicht mehr so sehr in seiner Brust, die Schuld.
Die Last seines Lebens, die Bürde ihres Todes.
Aber bald schon kamen ihre Stimmen wieder, wurden lauter, drängender.
Fordernd.
Wie ein Wahnsinniger raste er dann quer durch die Wüste, gejagt von den Geistern seiner Vergangenheit vor den fünf Ehefrauen und Furiosa und der Fury Road, auf der Flucht vor einer unwiederbringlichen Zukunft.
Ohne sie.
Diejenigen, die er einst mit seinem Leben zu beschützen geschworen hatte.
Sein Herz war mit ihnen gestorben, gebrochen, im Wüstensand begraben.
Doch es war reanimiert worden an jenem Tag, als er bar jeglicher Chancen mit Furiosa und den übrig gebliebenen Vulvalinis in den selbst gewählten Krieg gegen Immortan Joe und seine War Rigs gezogen war.
Das Unmögliche zusammen mit Furiosa und den anderen Frauen bewerkstelligt, einen unglaublichen Sieg errungen hatte.
Aber langsam dämmerte Max, dass das nicht genug war.

Bis tief in seine Eingeweide spürt er es, weiß es instinktiv, dass es nie genug sein wird, niemals genug sein kann.
In jedem wachen, klaren Moment.

Das ist ihm in den letzten drei, unendlich lang erscheinenden Monaten der selbst erwählten Einsamkeit klar geworden, das bittere Bewusstsein wie ein Splitter aus stumpfen, rostigem Metall   in seinem Hinterkopf nagend.
Wispernde Stimmen in seinem Kopf.

Die ganze verfluchte Zeit über, die er durch dieses verdammte Ödland geisterte, auf der Suche nach Rache, Wiedergutmachung.  

Erlösung.
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