Eine Vorgeschichte über Tschick

GeschichteAllgemein / P12
Andrej "Tschick" Tschichatschow
04.06.2015
04.06.2015
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Wahlaufgabe 1                                Tschicks Vorgeschichte                                  30.5.15

„Lass das“, knurrte ich gereizt und schlug ihre Hand weg. „Nein, Andrej, du musst doch gut aussehen, wenn du rausgehst“, erwiderte meine Mutter und fing wieder an, an meiner Jacke herumzufummeln. Erneut haute ich auf ihre Hand und sagte: „Ich werde mir ja wohl noch selber die Jacke anziehen können! Ist dir eventuell schon mal in den Sinn gekommen, dass ich keine drei Jahre mehr bin?“  Sie überlegte. „Hm, stimmt, aber wenn ich es mache, sieht es besser aus.“  Ich stöhnte laut auf und stieß einen russischen Fluch aus. „VERDAMMT NOCHMAL, ICH MUSS MIR NUR EINE JACKE ANZIEHEN! DA GIBT´S NICHTS, WAS GUT AUSSIEHT! Ich gehe nur in die Schule!“ Meine Mutter hob eine Augenbraue und sah sich im versifften Flur um. Als niemand zu sehen war, hob sie die Hand und mein Kopf flog in den Nacken, als sie mir die Ohrfeige verpasste. „Wie redest du denn mit mir? Muss ich dich etwa darauf hinweisen, dass ich deine Mutter bin?! Ist schon schlimm genug, dass dein Bruder immer so unverschämt ist und ständig irgendetwas ausfrisst. Du weißt, wie oft er schon vor Gericht saß.“ Wütend starrte ich sie an und hielt mir mit der rechten Hand meine gerötete Wange.“Was hat das denn jetzt mit Maxim zu tun?“, fuhr ich sie an und raschelte mit meiner Plastiktüte, die mir als Schultasche diente. „Ich meine, ich gehe mit einer Plastiktüte zur Schule, und du machst dir Sorgen, dass irgendwo auf meiner Jacke ein Sabberfleck versteckt sein könnte?“ Mit einem letzten bitteren Blick drehte ich mich um und marschierte mit harschen Schritten aus der Tür. Draußen blickte ich nicht zurück. Ich war diese Asi-Hochhäuser so satt. Es war schon genug Folter, sie jeden Nachmittag nach der Schule am Horizont auftauchen zu sehen und darin zu wohnen. Mit meinen schmalen Augen beobachtete ich genau meine Umgebung, während ich knurrig zu meiner Förderschule stiefelte und ging in Gedanken meinen Stundenplan durch. Es war Mittwoch, also hatte ich zur ersten Stunde… Mathe. Mir entfuhr ein lautes Stöhnen und ich fuhr mir mit den Händen über das Gesicht. Mathe war mit Abstand so ziemlich das überflüssigste Fach auf Erden. Was half mir das im Leben? Ich wollte Mafiosi werden und nicht in einer dreckigen Lagerhalle Erbsen zählen. Oder hinter einer riesigen Lesebrille ellenlange Formeln mit Variablen und Schnick und Schnack auswendig lernen. Andere Schüler, die denselben Schulweg hatten wie ich, beäugten mich argwöhnisch. Ups. Ich hatte wohl etwas zu laut gestöhnt. Das ging mir aber im Moment dreißig Kilometer am Arsch vorbei. Ich hatte schlechte Laune, und wer damit ein Problem hatte, der sollte doch rumheulen.
Als ich das Klassenzimmer betrat und zu meinem Platz huschte, wurde ich wie immer von allen Seiten ignoriert. Das war mir heute ehrlich gesagt ganz recht. Ich hatte keine Lust, angestarrt und auf Worte zu achten, die hinter vorgehaltener Hand getuschelt wurden. Nicht, dass meine Mitschüler das je getan haben, ich habe bloß doof dahergeredet. Der Lehrer betrat den Raum und ich zog den Kopf ein. Das war eigentlich gar nicht meine Art, also den Kopf einziehen, aber ich hatte meine Hausaufgaben „vergessen“. Mit Schwung knallte er seine typische Lehrer-Tasche aufs Pult und funkelte uns über seinen Brillenrand hinaus mit funkelnden Adleraugen an. „Setzten!“, blaffte er und fuchtelte wild mit den Händen. Als es ihm nicht schnell genug zu gehen schien, legte er die Hände um den Mund, formte einen Trichter und brüllte: „Ich sagte SETZTEN!“ Aufgescheucht setzten sich alle Schüler auf ihren Platz und Herr Artischock schob sich zufrieden die Brille auf seiner Adlernase nach oben. Dann klappte er seine Tasche auf und man hörte, wie er lange Zeit klappernde Sachen hin und herschob, bis er schließlich seinen blauen Lehrer-Planer aus den unendlichen Tiefen  seiner brauen Ledertasche fischte. Triumphierend hielt er ihn hoch, als hätte er grade die Lösung zur Ölkrise gefunden, und blätterte wichtigtuerisch in ihm herum. Grade als ich dachte, er würde endlich mit seinem beschissenen Unterricht beginnen, huschte sein stechender Blick zu mir und er verkündete: „Tschichatschow. Mitkommen. Gespräch. Jetzt.“ Ich hob eine Augenbraue und versuchte, mir möglichst nicht anmerken zu lassen, dass ich grade ziemlichen Schiss kriegte. Betont langsam stand ich auf, schlenderte gemütlich nach vorne und beschleunigte auch nicht meine Schritte, als er mich anschnauzte: „Geht’s vielleicht noch langsamer? Kann man sich überhaupt noch langsamer bewegen? Los jetzt, schwing dich raus, es eilt!“ Als wir schließlich auf dem leeren Flur standen, starrte mich Artischock wütend an. Ich richtete meinen Blick provokant auf die Wand hinter ihm, verschränkte missbilligend die Arme vor der Brust und machte mich auf meine übliche Predigt gefasst. Mein Lehrer jedoch schwieg. Schließlich hielt ich die drückende Stille nicht mehr aus und stichelte: „Ich dachte, es eilt?“ Sein Gesichtsausruck wurde, wenn überhaupt möglich, noch finsterer. „Sei nicht immer so unverschämt“, bellte er und wackelte mit seinem Zeigefinger.  Das war heute schon das zweite Mal, dass man mich unverschämt nannte, und ich wurde ebenfalls sauer. „Von mir aus.“  Er ging nicht darauf ein, und kam endlich zum Punkt. „Ab morgen gehst du zum Hagecius-Gymnasium.“  Schweigen. Nach einer gefühlten Ewigkeit, sagte ich dann: „Was?“ „Himmel! Bist du taub oder was?“ Ich verdrehte die Augen.  „Nein, natürlich nicht, aber ich verstehe nicht wieso.“ „Da gibt es kein wieso. Es ist beschlossene Sache.“

Und so ging ich am nächsten einen anderen Schulweg.

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