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Eine verhängnisvolle Liebe

GeschichteAllgemein / P12 / Het
Efeusee Häherfeder Löwenglut OC (Own Character) Taubenflug
01.06.2015
04.12.2021
61
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25.11.2021 2.130
 
Häherfeder hatte ein Problem. Es war der dritte Tag am Rande dieses grauenhaften Zweibeinerortes und der dritte Tag, der sich hingezogen hatte wie ein ganzer Mond. Er hatte die ganze Nacht über Taubenflug und Hummelstreif gewacht, dann hatte er sie bei Sonnenaufgang mit Kräutern versorgt, damit sie länger bei Kräften blieben, und hatte sich dann schlafen gelegt.
Doch noch bevor Sonnenhoch gekommen war, war er wieder aufgewacht, weil Zweibeiner an den Fluss gekommen waren. Es hatte ein paar Schrecksekunden gedauert, bis er erkannt hatte, dass die schrillen Laute vom anderen Ufer herübergetragen wurden und ihm keine Gefahr drohte. Aber seitdem hatte er es nicht geschafft, wieder einzuschlafen. Es war ihm immer schwerer gefallen, seine Glieder stillzuhalten, und schließlich hatte er sich erhoben, um an den Fluss zu gehen, zu trinken und sich ein wenig die Füße in dem kühlen Wasser zu vertreten.
Kaum hatte er jedoch seine Vorderpfoten ins seichte Wasser gesetzt, war mit lautem Kläffen ein Hund wie aus dem Nichts erschienen und auf ihn zugekommen. Häherfeder hatte schnell wieder unter seinem Dickicht Schutz gesucht, aber das Biest hatte ihn verfolgt, bis er in seiner Panik den nächststehenden Baum erklommen hatte, die Pfoten in die Rinde gekrallt. Er hatte sicher nur ein paar Schwanzlängen geschafft, indem er die Pfoten immer nur wenig nach oben geschoben hatte, dann hatte er einen Ast gefunden, auf dem er jetzt klebte wie zäher Honig.
Der Hund war inzwischen dazu übergegangen, den Baum zu umkreisen, hechelnd und ab und zu heiser bellend, aber er wollte einfach nicht verschwinden. Häherfeder hielt seine Krallen in den Ast gebohrt und die Ohren angelegt, jeder Muskel war angespannt, weil er Angst hatte, herunterzufallen, sobald er sich rührte. Aber wenn dieses Biest sich nicht bald verzog, würde er noch lange in dieser Haltung ausharren müssen und er wusste nicht, ob er das schaffen würde. Er verfluchte seine Blindheit und diesen mäusehirnigen Hund, bis sich seine Gedanken nur noch darauf konzentrierten, möglichst keine Bewegung und keinen Mucks zu machen.
Da hörte Häherfeder plötzlich Stimmen von unten. Sie kamen ihm bekannt vor.
»Häherfeder?« Das war eindeutig Taubenflug.
Dem SternenClan sei Dank!, dachte er erleichtert. »Ja!«, miaute er, aber er rührte sich noch immer nicht. Der Hund war noch da und er knurrte jetzt bedrohlich.
»Hey, du Flohpelz!«, miaute Hummelstreif. »Verschwinde hier!«
Der Hund bellte und Häherfeder hörte Schritte und raschelndes Fell, Schläge und das Reißen von Krallen, dann jaulte der Hund auf.
»Nimm das!« Erneutes Jaulen und die stolpernden Schritte des Hundes entfernten sich. »Geh zu deinen Zweibeinern zurück!«
Die Kampfgeräusche erstarben schließlich und Taubenflugs Geruch wurde stärker unter ihm. »Es ist alles in Ordnung, Häherfeder«, miaute sie. »Du kannst jetzt runterkommen.«
»Ach ja?«, miaute Häherfeder. »Und wie soll ich das bitte anstellen?«
»Lass einfach los. Du bist nicht besonders weit über dem Boden und hier unten ist weiches Moos«, miaute Hummelstreif. »Keine Sorge, Katzen landen immer auf ihren Pfoten. Die meisten jedenfalls...«
Häherfeder atmete zitternd durch. Lange konnte er sich sowieso nicht mehr halten. Er schob sich bis zum Rand des Astes vor und löste dann seine Krallen. Mit einem leisen Jaulen landete er tatsächlich auf allen Pfoten, die jedoch sofort unter ihm wegknickten, sodass er liegen blieb wie ein neugeborenes Junges.
»Danke…«, brachte er hervor.
»Wie gut, dass wir rechtzeitig da waren«, miaute Taubenflug.
»Ich hole unsere Beute«, verkündete Hummelstreif und verschwand.
»Alles in Ordnung?«, erkundigte sich die Kriegerin. »Es war sehr mutig von dir, auf den Baum zu klettern. Das hätte nicht jeder in deiner Situation geschafft.«
Häherfeder antwortete nicht, sondern blieb liegen, alle Viere von sich gestreckt. Erst als Hummelstreif mit einem Hasen und zwei Mäusen zurückkehrte, erhob er sich, um zu fressen, dann putzte er sich und hatte schließlich das Gefühl, dass seine Würde einigermaßen wiederhergestellt war.
»Es ist einfach nicht richtig, dass du hier alleine bist«, miaute Taubenflug. »Was, wenn wir nächstes Mal nicht so schnell zur Stelle sind? Aber dank der Hilfe des SternenClans können wir jetzt nach Hause zurückkehren. Ich finde, wir sollten heute noch aufbrechen, damit wir nicht noch länger an diesem schrecklichen Ort bleiben müssen.«
»Sehe ich auch so«, stimmte Hummelstreif zu.
»Sehr gut. Was meinst du, Häherfeder? Fühlst du dich fit genug, damit wir gleich aufbrechen können?«
Häherfeder schwieg verwirrt. Warum sollten sie heute schon zu ihrem Clan zurückkehren? Sie hatten Flammenpfote noch immer nicht gefunden. Und warum waren Taubenflug und Hummelstreif eigentlich schon da? Es war noch lange nicht Sonnenuntergang. »Wollt ihr damit sagen, dass ihr Flammenpfote gefunden habt?«, fragte er.
»Oh ja, wir haben sie gefunden«, miaute Taubenflug fröhlich. »Deswegen können wir ja auch endlich heimkehren.«
»Und… wo ist Flammenpfote dann jetzt?«
»Na da, wo wir sie gefunden haben«, antwortete Hummelstreif, als sei das selbstverständlich. »In einem Wald hinter dem Zweibeinerort. Sie hat zwei neue Freunde gefunden.«
»Hat sie das?« Häherfeder war sich nun sicher, dass irgendetwas mit den beiden nicht stimmte.
»Ja«, miaute Taubenflug. »Sie ist hier glücklich. Das Clanleben war nie etwas für sie. Ich finde das nur fair. Jede Katze sollte auf die Weise leben, die sie am besten findet. Und wir können endlich heimkehren und unserem Clan helfen, den bevorstehenden Angriff abzuwehren. Je länger wir warten, desto schlimmer.«
»Sehe ich auch so…«, murmelte Häherfeder.
»Gut, also warum willst du noch länger hier bleiben?«, fragte Hummelstreif vorwurfsvoll. Die beiden waren sehr überzeugt von dem, was sie sagten.
»Weil wir den bevorstehenden Angriff nicht abwehren können ohne sie«, miaute Häherfeder laut. »Das ist ja der Grund, warum wir sie den ganzen Weg hierher verfolgt haben. Wir brauchen Flammenpfote, weil sie die vierte Katze ist, die die Prophezeiung vervollständigt. Deswegen brauchen wir dich, Taubenflug, damit du sie finden kannst, und mich, damit ich…« Häherfeder verstummte. Er hatte das Gefühl, er wusste, was hier los war.
»Aber…« Taubenflug war nun verunsichert. »Woher willst du wissen, dass sie wirklich die vierte Katze ist? Gibt es dafür irgendeinen Beweis?«
»Ja«, miaute Häherfeder. »Ihr beide seid der beste Beweis. Sie hat euch manipuliert, damit ihr ohne zu fragen nach Hause zurückkehrt und sie hier lasst. Ihre Gabe ist mächtiger geworden, als ich angenommen hatte. Ihr könnt nicht mehr rational denken, weil ihr in ihre Augen gesehen habt. Deswegen bin ich der einzige, der sie davon überzeugen kann, mitzukommen.«
»Meinst du?«, fragte Taubenflug kleinlaut. Sie und Hummelstreif sahen sich an.
»Ihre Augen waren schon etwas Besonderes«, murmelte Hummelstreif. »Ich glaube, Häherfeder könnte Recht haben.«
»Aber…«, setzte Taubenflug an.
»Ja, ich habe Recht«, miaute Häherfeder schnell. »Ich bin immerhin nicht umsonst der Heiler. Ich finde auch, dass wir heute noch aufbrechen sollten, aber nicht zum DonnerClan, sondern zu dem Wald, in dem ihr sie gefunden habt. Vielleicht schaffen wir es noch, bevor sie gar nicht mehr auffindbar ist.«
Häherfeder erhob sich und machte schon ein paar Schritte in die Richtung, in der der Zweibeinerort lag. Als die beiden anderen nicht folgten, drehte er sich um. »Was ist denn?«, fragte er genervt.
»Ich… ich finde das nicht richtig«, miaute Taubenflug leise. »Dass wir sie zwingen, mitzukommen…«
»Taubenflug, das denkst du nur, weil sie will, dass du das denkst. Und wir zwingen sie nicht, wir erklären ihr den Ernst der Lage und dann wird sie freiwillig mitkommen. Nun kommt schon!«
Die beiden schienen noch immer unentschieden.
»Wie hat sie das überhaupt gemacht?«, fragte Hummelstreif. »Du sagst, dass sie uns manipuliert hat. Wie könnte eine Katze jemals einen so großen Einfluss haben? Ich fühle mich nicht manipuliert…«
»Es ist aber so, Hummelstreif. Denk darüber nach. Was fühlst du wirklich? Fühlst du dich tatsächlich nicht anders als sonst?«
Hummelstreif schwieg, dann erwiderte er. »Es ist schon ein bisschen seltsam… Wie kann sie uns nur so täuschen? Niemand sollte solch eine Macht haben.«
»Nein, das ist wahr«, miaute Häherfeder. »Wenn Tigerstern nicht wäre, würden wir sie auch nicht brauchen. Und auch Löwenglut nicht, den niemand im Kampf besiegen kann und auch Taubenflug nicht, die jeden in beliebiger Entfernung heimlich beobachten kann.«
»Und auch dich nicht.«
Häherfeder seufzte. »Ja, auch mich nicht. Aber wir müssen alle zusammen da sein, wenn Tigerstern angreift, sonst ist es zu spät und alle unsere tollen Gaben nutzen uns nichts.«
Taubenflug erhob sich. »Häherfeder hat recht. Wir sollten das Tageslicht, das uns noch bleibt, nutzen, um zum Wald zu gelangen. Wenn sie noch da ist, haben wir kein Problem, wenn sie weitergezogen ist, können wir sie von dort aus finden. Komm, Hummelstreif!«
Das zeigte Wirkung. Auch der Krieger erhob sich und gemeinsam liefen sie auf direktem Weg zum nahen Zweibeinerort. Da die beiden nun wussten, wohin sie gehen mussten, konnten sie Häherfeder einfach in die Mitte nehmen und ihn so durch die Randgebiete des Baus führen. Es war noch immer eine Tortour und eine Flut aus Geräuschen und Gerüchen, die auf ihn einströmten, aber es half, dass er die Pelze seiner Clankameraden immer neben sich spürte und dass sie endlich ihrem Ziel so nahe gekommen waren.
Im Geiste überlegte Häherfeder sich schon, wie er am besten mit Flammenpfote reden sollte. Sollte er in ihre Träume eindringen, um die Chance zu haben, dass sie die SternenClan Vorfahren mit eigenen Augen sehen könnte? So würde er ihr all das zeigen können, was er zu sagen hatte. Aber im Traum würde er ihre Augen sehen können und würde dann womöglich genauso manipuliert werden wie Taubenflug und Hummelstreif, auch wenn er der Meinung war, dass ihm das nicht so einfach passieren könnte wie den Kriegern. Aber nein, lieber erzählte er ihr alles und ging kein Risiko ein. Er sollte dafür sorgen, dass Taubenflug und Hummelstreif nicht in der Nähe waren und ihren Blicken auswichen, dann würde er sich ungestört mit ihr unterhalten können. Ja, wenn alles gut ging, konnten sie sich schon heute bei Sonnenuntergang auf den Rückweg machen.
Häherfeder war wahrlich guter Dinge, als sie endlich am Wald ankamen. Es hatte länger gedauert als er gehofft hatte, die nächtliche Kühle kroch ihm bereits in den Pelz ohne die Sonne, die von den Bäumen verschluckt wurde. Taubenflug lief voraus, um die Spur wiederzufinden, die die beiden heute bei Sonnenhoch gelegt hatten und die sie auf geradem Weg zu Flammenpfote führen würde, während Hummelstreif darauf achtete, dass Häherfeder auf sicheren Pfaden durch den Wald fand.
Auch wenn dieser Wald fremd war für den Heiler, fand er sich doch besser zurecht als unten am Fluss oder auf der weiten Wiese, die sie überquert hatten, von dem Zweibeinerbau ganz zu Schweigen. Er fühlte sich wesentlich wohler mit Moos und Nadeln unter den Pfoten und den Geräuschen von raschelnden Blättern und Vögeln über sich.
»Hier geht es lang«, miaute Taubenflug von vorne. »Es ist nicht mehr weit.«
Sie liefen noch eine Weile und einige Male musste Hummelstreif ihn davor bewahren, gegen einen tiefhängenden Ast zu laufen oder in ein Loch zu treten, aber schließlich nahm auch Häherfeder den Geruch von Katzen wahr, darunter einen, von dem er glaubte, dass er zu Flammenpfote gehören musste. Es gab nur ein Problem.


»Mäusedreck!«, fluchte Hummelstreif zum wiederholten Mal.
Sie hatten das ganze Terrain um die Fuchshöhle herum abgesucht, die Flammenpfote und ihren neuen Freunden in den vergangenen Tagen als Bau gedient hatte, und hatten nichts gefunden außer schalen und weniger schalen Spuren, die alle nach einer Weile wieder zu dem Bau zurückzuführen schienen. Taubenflug hatte alle möglichen Pfade aus dem Wald heraus abgesucht, war sogar auf in der Nähe stehende Bäume geklettert und hatte nichts gefunden. Sie konnte nicht ausmachen, in welche Richtung sie gegangen waren. Die Dunkelheit war bald hereingebrochen und ein leichter, aber dichter Nieselregen hatte eingesetzt, der es noch um einiges schwieriger machte, irgendeine Spur aufzunehmen. Sie hatten sich geschlagen geben müssen.
»Hör auf zu fluchen«, miaute Taubenflug. »Das hilft uns auch nicht weiter.«
Sie war von einer kurzen Jagd mit zwei Vögeln zurückkehrt, sie sie sich teilen konnten.
»Ich werde heute Nacht Wache halten«, miaute sie nach einer Zeit des Schweigens. »Vielleicht sind sie noch nicht allzu weit weg und ich kann sie noch hören, wenn es still ist.«
»Aber nicht die ganze Nacht«, miaute Häherfeder zwischen zwei Bissen. »Einer von uns wird dich ablösen, wenn Mondhoch vorbei ist. Bei dieser Dunkelheit werden sie dann sicherlich nicht mehr unterwegs sein.«
»Einverstanden.«
»Während ihr gesucht habt, habe ich in der Nähe Disteln entdeckt. Die Wurzeln werdet ihr morgen essen, dann seid ihr gestärkt.«
»Danke Häherfeder.« Taubenflug klang niedergeschlagen. »Es tut mir leid, dass wir sie jetzt wieder verloren haben.«
»Ihr konntet nichts dagegen machen«, miaute Häherfeder, auch wenn er genauso enttäuscht war. »Sie hat sogar Feuerstern manipuliert, als sie noch ein Junges war. Es ist wirklich nur möglich, ihr zu widerstehen, wenn man ihr nicht in die Augen sieht oder sehen kann.«
Hummelstreif gähnte. »Ich finde, wir sollten uns ein wenig Ruhe gönnen«, miaute er. Bevor Häherfeder und er für die Nacht in den verlassenen Fuchsbau schlüpften, tappte Hummelstreif zu Taubenflug, rieb sein Fell leicht an ihrem und miaute leise: »Mach dir nicht zu viele Gedanken, Taubenflug. Wir werden sie finden.«
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