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Wie alles begann

von claudrick
Kurzbeschreibung
GeschichteSci-Fi / P12 / Gen
Curtis Newton / Captain Future Grag Otto Prof. Simon Wright
31.05.2015
31.07.2015
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31.07.2015 1.534
 
Die Anstrengung stand Vizepräsidentin Paulina Del Rubio ins Gesicht geschrieben, als sie auf die Hand ihrer Leibwächterin gestützt, aus dem kleinen Regierungsgleiter ausstieg. Als die den Boden des Hangars der Mondbasis unter ihren Füßen spürte, atmete sie tief durch, prüfte mit einer routinierten Handbewegung den Sitz ihrer Frisur und straffte sich. Sie war nicht mehr jung, und selbst den relativ kurzen Flug von New York auf den Mond empfand sie als Strapaze. Doch als ihre Leibwächterin ihr nun wieder ihren Gehstock reichte, auf den sie sich stützen konnte, fand sie zu ihrer gewohnten, würdevollen Haltung zurück und trat ihren nichtmenschlichen Gastgebern entgegen.

„Wir freuen uns, Sie in der Mondbasis begrüßen zu dürfen, Frau Vizepräsidentin“, begrüßte Simon Wright die Politikerin von der Erde. „Hatten Sie eine angenehme Anreise?“

„Einmal abgesehen von der Notwendigkeit, einen nicht besonders kleidsamen Raumanzug tragen zu müssen, darf ich mich wohl nicht beklagen. Der Flug war sehr ruhig.“

„Wie geht es Präsident Forrester?“, erkundigte sich Simon vorsichtig.

„Nun, wie Sie vielleicht den Medien entnehmen konnten, muss er sich gerade vor einem Untersuchungsausschuss verantworten“, entgegnete Del Rubio. „Eine traurige Angelegenheit, die auch mir noch bevorsteht, sobald ich wieder in New York bin. Ich möchte Ihnen nochmals mein tiefstes Bedauern ausdrücken.“

„Ich danke Ihnen“, antwortete Simon. „Was geschehen ist, lag nicht in Ihrer Verantwortung, Frau Vizepräsidentin. Von meinen beiden Mitbewohnern haben Sie ja schon gehört. Ich freue mich, Sie Ihnen heute in natura vorstellen zu dürfen. Grag, mein unverzichtbarer Assistent und Otho, das jüngste Mitglied unserer „Mondfamilie“.

„Aber, Professor…“, wandte Grag sofort ein.

„Halt die Klappe, Grag!“, zischte Otho und trat sogleich mit charmantem Lächeln einen Schritt auf Del Rubio zu. „Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen, Frau Vizepräsidentin. Dass es mich gibt, habe ich auch Ihnen zu verdanken.“

Paulina Del Rubio konnte nicht umhin, den Androiden anzustarren, während sie ihm die Hand reichte. Bei allem menschlichen Anschein wirkte er doch durch seine leichenhafte Blässe und die fehlenden Haare irgendwie… unheimlich.

„Sehr erfreut, Mr… Otho“, entgegnete sie gedehnt.

„Grag hier ist ein ausgezeichneter Koch“, ergriff Simon wieder das Wort. „Wir haben eine Kleinigkeit für Sie vorbereitet. Wenn Sie mir bitte folgen wollen?“

„Natürlich, gerne“, erwiderte die Vizepräsidentin, und gefolgt von ihrer Leibwächterin verließ sie gemeinsam mit den nichtmenschlichen Wesen den Hangar.


Paulina Del Rubio hatte nicht viel erwartet, als Professor Simon Wright von Kleinigkeiten gesprochen hatte, wusste sie doch um die beschränkten Möglichkeiten in der Mondstation. Umso überraschter war sie, als sie sah, wieviel Mühe sich dieses seltsame Trio für ihren Besuch gemacht hatte: Nach der Führung durch die Mondbasis erwartete sie im Aufenthaltsraum ein ziemlich appetitlich aussehender Käsekuchen, so wie ihn die New Yorker mögen, Minibagels mit Frischkäse und Räucherlachs und Blaubeermuffins. Zudem roch es äußerst einladend nach frischem Kaffee.

„Meine Herren, ich muss sagen, ich bin angenehm überrascht. Haben Sie das hier alles selbst gemacht?“

„In der Tat hat das alles Grag zubereitet“, bestätigte Simon. „Er ist in der Küche mindestens genauso versiert wie im Labor. Bitte setzen Sie sich doch! Und Ihre Begleiterin natürlich auch.“

Paulina Del Rubio und die Leibwächterin nahmen Platz. Grag schenkte sofort Kaffee ein, während Otho geschickt Käsekuchen und Bagels auf den Tellern der Gäste drapierte. Simon ließ sich indes auf dem Tisch nieder. Die Vizepräsidentin genoss sichtlich den ersten Schluck Kaffee und ließ sich dann den Kuchen schmecken.

„Die Mondbasis scheint mir in einem ausgezeichneten Zustand, Professor“, meinte Del Rubio nach einer Weile. „Nicht nur, dass es hier überraschend wohnlich ist, auch das Labor, der Hangar, die Versorgungseinrichtungen… Wirklich alles bestens in Schuss.“

„Vielen Dank“, erwiderte Simon. „Was wir hoffen ist… dass die Basis trotz allem, was hier geschehen ist, weiter als Forschungseinrichtung betrieben wird und wir hierbleiben können.“

Del Rubio legte ihre Gabel beiseite und sah den Professor aufmerksam an.
„Das ist auch ganz in unserem Interesse. Es wurde viel Geld investiert, und Präsident Forrester und ich werden alles in unserer Macht stehende tun, um Ihnen das zu ermöglichen. Aber ich kann zum jetzigen Zeitpunkt nichts versprechen.“

Sie wollte noch etwas hinzufügen, als plötzlich die Tür in ihrem Rücken aufglitt und jemand den Aufenthaltsraum betrat. Die Leibwächterin sprang auf und wollte zur Waffe greifen, ließ die Hand aber sofort wieder sinken.

„Grag?“

Die Kinderstimme hätte nicht unerwarteter kommen können wie ein Asteroid, der auf dem Mond aufschlug. Paulina Del Rubio drehte sich langsam um starrte das Kind an, das da in der Tür stand. Vielleicht ein Jahr alt, verschlafen und mit einem Teddy unter dem Arm. Das Mond-Trio schwieg ertappt, und auch die Vizepräsidentin brauchte einen Moment, bevor sie die Sprache wiederfand.

„Wer ist das?“, fragte sie konsterniert.

„Wer ist das?“, wiederholte das Kind und deutete auf die beiden fremden Frauen.

Grag ging zu dem Kleinen hin und hob ihn auf seinen Arm, ein Anblick, der Del Rubio noch mehr zu erschüttern schien.

„Professor Simon… Was geht hier vor?!“

„Frau Vizepräsident, das ist der Sohn von Roger und Elaine Newton. Er wurde hier auf dem Mond geboren und lebt seitdem hier.“

„Ein Kind? Hier geboren?“, stammelte Del Rubio ungläubig und erhob sich. „Niemand wusste, dass Mrs. Newton schwanger war…“

„Sie hat es keinem gesagt“, erklärte Simon. „Sie fürchtete, sich nicht in vollem Umfang an der Arbeit hier beteiligen zu können, wenn sie auf der Erde blieb.“

„Das ist unglaublich…“, hauchte Del Rubio und betrachtete das Kind eingehend.

„Unglaublich“, wiederholte der kleine Curtis und fuhr sich mit seinen kleinen Händen lachend durchs rote Haar.

„Wie heißt du, mein Kleiner?“, fragte die Vizepräsidentin, und die Großmutter in ihr konnte nicht umhin, den Kleinen wohlwollend anzulächeln.

„Curtis“, antwortete dieser. „Und du?“

„Ich heiße Paulina“, antwortete Del Rubio, überrascht über die deutliche Aussprache dieses Kindes.

„Paulina“, wiederholte Curtis den schwierigen Namen mühelos und lachte wieder.

„Und wie alt bist du, Curtis?“, fragte Del Rubio weiter. Der Kleine hatte wohl keine Lust mehr auf ein weiteres Gespräch mit der unbekannten Dame, denn statt einer Antwort hob er nur seinen Daumen und legte dann seinen Kopf auf die Schulter des Roboters.

„Ich kenne Dreijährige, die nicht so gut sprechen“, stellte Paulina Del Rubio verblüfft fest.

„Ja, er ist ein sehr begabtes Kerlchen“, bestätigte Grag ungefragt.

„Und dass er sich den Türcode des Schlafraums gemerkt hat, wissen wir jetzt auch“, ergänzte Otho.

„Und er muss sich irgendetwas hingerückt haben, damit er an die Tasten kam…“, mutmaßte Grag. „Lass uns gleich einmal nachsehen, Otho.“

Mit dem Kind auf dem Arm verließ Grag in Begleitung des Androiden den Aufenthaltsraum. Sie waren so mit dem kleinen Curtis beschäftigt, dass sie nicht einmal daran dachten, sich von der Vizepräsidentin zu verabschieden. Del Rubios Knie zitterten, sie musste sich setzen.

„Professor Simon, Sie beabsichtigen doch nicht, hier ein Kind großzuziehen, völlig isoliert in dieser trostlosen Umgebung, ohne andere… Menschen?“

„Es war der letzte Wunsch von Elaine Newton bevor sie starb. Zudem fürchtete sie, dass ihr Sohn Opfer eines Racheaktes des Corvo-Clans werden könnte, wenn er auf die Erde zurückkehrt.“

„Aber er wäre doch auch auf der Erde sicher. Die Regierung könnte ihm jeglichen Personenschutz garantieren, den er braucht…“

„Den Schutz, den Elaine und Roger im Labor hatten?“, erwiderte Simon, und er wünschte, er hätte seiner Stimme mehr Sarkasmus verleihen können. Paulina Del Rubio schwieg betreten.

„Glauben Sie mir, Frau Vizepräsidentin“, fuhr Simon fort, „mit Grag und Otho an seiner Seite gibt es für den kleinen Curtis keinen sichereren Ort als das Mondlabor. Die beiden werden den Kleinen mit allen Mitteln beschützen, die ihnen zur Verfügung stehen. Und wenn er erwachsen ist und auf sich selbst aufpassen kann, kann er selbst entscheiden, wo er leben möchte.“

Paulina Del Rubio dachte nach. Auch sie hatte Enkelkinder, was ihr die Vorstellung, ein Kind könne auf dem Mond aufwachsen, noch schwerer machte. Doch der kleine Curtis schien aufgeweckt und gesund, wirkte weder verängstigt noch vernachlässigt. Im Gegenteil, seine Entwicklung schien der anderer Kinder seines Alters weit voraus. Eine Tatsache, die – abgesehen von möglicherweise ererbten Talenten - zu einem gewissen Grad wohl auch seinen Bezugspersonen zu verdanken war, die sich offensichtlich behutsam und fürsorglich um die Bedürfnisse des Kleinen zu kümmern schienen. Und ihn auf ihre nichtmenschliche Weise… liebten.

„Nun gut…“, fuhr Paulina Del Rubio fort. „Von mir wird zunächst einmal niemand etwas von der Existenz des Kindes erfahren. Aber Sie werden erlauben, Professor, dass ich mich regelmäßig nach seinem Wohlergehen erkundige. Und Sie müssen mir versprechen, dass er trotz allem mit anderen Menschen in Kontakt kommt. Es soll doch kein Sonderling aus dem kleinen Kerl werden, nicht wahr?“

„Darauf können Sie sich verlassen, Frau Vizepräsidentin“, entgegnete Simon. „Das dürfte auch im Sinne von Roger und Elaine Newton sein. Und Sie können uns besuchen, wann immer Sie wollen.“

Beim Gedanken an weitere Flüge zum Mond runzelte Paulina Del Rubio die Stirn.

„Vielleicht kommt mich der kleine Curtis ja mal besuchen. Ich habe zwei Enkelkinder, mit denen er spielen könnte“, antwortete die Vizepräsidentin.

„Das wäre sicher gut für ihn“, erwiderte Simon Wright, erleichtert über den Ausgang dieses Gesprächs.

„Und was das Mondlabor angeht…“, fügte Del Rubio noch hinzu, „Es wäre wirklich schade, wenn es aufgegeben werden müsste, nun da es sich auch als das Zuhause eines Kleinkindes herausgestellt hat. Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, dass Sie hier bleiben können.“

„Danke“, entgegnete Simon Wright und hatte das gute Gefühl, dass diese Frau alles erreichen würde, was sie wollte.
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