Denna

GeschichteFreundschaft / P16
Richard Rahl
30.05.2015
21.01.2019
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30.05.2015 6.562
 
Hey, schön, dass ihr diese FF angeklickt hab ;)

Die Idee spukt mir jetzt schon seit über einem halben Jahr im Kopf herum und hat es endlich geschafft ausformuliert zu werden. Eine Fortsetzung wird es vermutlich erst mal nicht geben, aber ein oder zwei Szenen, die auf diesen OS aufbauen könnten, folgen vielleicht irgendwann einmal. Nur versprechen kann ich halt noch nichts.

Ein wenig habe ich an dem Geschichtsverlauf und der Art, wie Denna getötet wurde geändert, aber das sollte eigentlich während dem Lesen klar werden. Alle Szenen mit Denna als gütige Seele sind dadurch selbstverständlich nicht passiert, aber ich denke, das sollte alles keine große Rolle spielen.
Eine kleine Spoilerwarnung (weiß nicht, wie wichtig die hier ist, aber ich wollte es wenigstens mal angesprochen haben) gilt für die ersten drei Bücher, sowie die erste Hälfte von 'Der Tempel der vier Winde'. Für das Verständnis des OS ist eigentlich nur das erste Buch notwendig, aber solltet ihr das Vierte noch lesen wollen, würde ich euch davon abraten, euch schon zu viele Details selber vorweg zu nehmen und mit der FF noch zu warten, bis ihr die Bücher gelesen habt ;)
Allen anderen wünsche ich jetzt mit Denna und Richard ganz viel Spaß!
LG Nicci







Richard rieb sich die Schläfen. Er brauchte wirklich dringend Schlaf, doch er musste sich nur an die Prophezeiung erinnern und schon war sämtliches Verlangen nach Schlaf augenblicklich erloschen.
‚Mit dem roten Mond kommt der Feuersturm. Der, der mit der Klinge verbunden ist, wird mit ansehen, wie sein Volk stirbt. Wenn er nichts unternimmt, dann werden er und alle, die er liebt, in dieser Glut sterben, denn keine Klinge, sei sie aus Stahl oder aus Magie erschaffen, kann seinen Gegner berühren.
Um das Inferno zu löschen, muss er das Heilmittel im Wind suchen. Im Blitzgewitter wird man ihn auf diesem Pfad sehen können, denn die Frau in Weiß, seine wahre Liebe, wird ihn in ihrem Blut verraten.’

Der Mond hatte inzwischen wieder eine normale Färbung angenommen, doch es war klar, dass dadurch nicht automatisch auch die Gefahr vorüber war. Nein, der rote Mond war ausschließlich eine Warnung gewesen. Eine Warnung für den Feuersturm, die Pest. Bisher waren zwar nur weniger als zwei duzend Fälle bekannt, doch die Hälfte der Betroffenen war tot. Sie waren gestorben und genau wie in der Prophezeiung vorhergesehen, hatte er nur hilflos zusehen können, weil seine Klinge machtlos gegen diese Art von Feind war. Wenn er den folgenden Worten Glauben schenkte, würden alle Menschen dieser Stadt, Kahlan eingeschlossen, der Pest zum Opfer fallen, doch er wusste kaum wo er anfangen sollte. Er hatte keine Ahnung von der Nutzung seiner magischen Kräfte und wusste nicht, wie er all die Menschen, die ihr Vertrauen in ihn setzten, beschützen konnte. Das einzige, was er zur Verfügung hatte, war ein altes Tagebuch in einer Sprache verfasst, die er nur mühsam und unvollständig verstand. Es war zum Verzweifeln.
Zusätzlich hingen noch Shotas Worte wie eine dunkle Wolke über seinem Verstand. „Der Wind macht Jagd auf dich!“
Dass sowohl die Prophezeiung als auch Shota von dem ‚Wind’ gesprochen hatte, konnte nichts Gutes bedeuten. Schon allein bedeuteten sowohl Prophezeiungen als auch Shota nichts als Ärger, doch beides zusammen bereitete ihm ernsthafte Kopfschmerzen. Kolo hatte in seinem Tagebuch von dem Tempel der Winde gesprochen und das war der einzige Anhaltspunkt, den er momentan hatte, also klammerte er sich an diesen einen Ast, der ihm zur Verfügung stand.

Seufzend wandte er sich wieder dem Text in der alten Sprache zu und wünschte sich zum tausendsten Mal, Zedd wäre jetzt hier und könnte ihm helfen. Selbst wenn er kein Hoch D’Haran konnte, wäre er wahrscheinlich von unschätzbarem Wert. Er hatte den größten Teil seines Lebens mit dem Studium der Bücher in der Burg der Zauberer verbracht und auch außerhalb der Burg große Mengen an Wissen und Erfahrung gesammelt. Wahrscheinlich gab es Unmengen an Wissen, die ihm bei seiner Aufgabe helfen konnte, doch er besaß nicht die Möglichkeit dieses Wissen entsprechend zu nutzen. Schon allein für dieses Tagebuch brauchte er gemeinsam mit Berdine ganze Stunden, um einige wenige Seiten zu entschlüsseln, wobei ein Großteil der Wörter oft auch noch mehrere Bedeutungen haben konnte. Das war es, was ihn am meisten frustrierte. Egal wie viel Mühe sie sich gaben, wenn ein einziges Wort an der falschen Stelle falsch interpretiert wurde, konnte das katastrophale Auswirkungen haben. Und über allem war da dieser immerwährende und vor allem immer stärker werdende Zeitdruck, der auf ihm lastete. Der Feuersturm hatte begonnen und die Lösung des Problems schien ferner denn je zu sein.


Ein Klopfen riss ihn aus der Übersetzung. „Herein“, befahl er ohne aufzusehen. Die Tür öffnete sich und an den Schritten erkannte er, dass es sich um Cara handeln musste.
„Lord Rahl, jemand wünscht Euch zu sprechen“, sagte die Mordsith und stellte sich vor seinen Schreibtisch in dem kleinen Arbeitszimmer, in das er sich zum Lesen zurückgezogen hatte. Erstaunt sah er auf: „Es ist mitten in der Nacht, Cara.“
„Genau genommen ist es eine Stunde vor Sonnenaufgang und der größte Teil des Palastes ist bereits seit mehr als einer Stunde auf den Beinen...“
Ein Stöhnen stahl sich über seine Lippen. Schon wieder hatte er die ganze Nacht durchgearbeitet, ohne dass er es bemerkt hatte.
„Gut, wer ist es?“, fragte er und rieb sich die Nasenwurzel in der Hoffnung, dass seine immer stärker werdenden Kopfschmerzen davon besser wurden.
„Eine Mordsith.“
„Was?“, abrupt sah er auf. Damit hatte er jetzt nicht gerechnet. Irritiert beobachtete er ihr ernstes, leicht besorgtes Gesicht.

„Soll ich sie herein holen?“, fragte sie und Richard meinte dieses Mal tatsächlich Sorge aus ihrer Stimme heraus zu hören, die sich wahrscheinlich nicht nur auf seinen Schlafmangel bezogen. Vermutete sie, dass ihm die Mordsith gefährlich werden konnte? Anders konnte er sich diese leichte Nervosität und Unruhe in ihrem Blick nicht erklären. Gehörte die Fremde womöglich zu der Gruppe von D’Haranern, welche ihn als Lord Rahl nicht anerkannten, und wollte ihn töten? Eine Mordsith als Gegnerin war nicht zu unterschätzen, das hatte er selber schmerzlich erfahren müssen. Wenigstens würde er ganz bestimmt nicht noch mal den Fehler machen und sie mit seinem Schwert angreifen, sollte sie ihm tatsächlich schaden wollen.
„Glaubt Ihr von dieser Mordsith geht Gefahr aus, Cara?“, fragte er ernst.
Die Gefragte schüttelte dein Kopf. „Nein, Lord Rahl, sie wird Euch gegenüber genauso loyal sein wie Berdine, Raina oder ich.“
Der Gedanke war immer noch ein wenig befremdlich, doch wahrscheinlich hatte er sich geirrt, was Caras Sorge anging. Sie wirkte nicht so, als würde sie aus dieser Richtung etwas Schlimmes erwarten. Vielleicht betraf ihr besorgtes Verhalten wirklich nur seinen Gesundheitszustand und die allgegenwärtige Gefahr der Imperialen Ordnung, die jetzt noch durch die Seuche verstärkt wurde. Oder er wurde langsam paranoid und sah Gefahren, wo gar keine waren. Sein Schlafmangel war wahrscheinlich ebenfalls nicht sonderlich förderlich. Doch wenn Cara sagte, er könne der Mordsith vertrauen, dann glaubte er ihr, dass von ihr keine Gefahr ausgehen würde. Er hatte keine Ahnung, was diese Mordsith von ihm wollen könnte, aber das würde er gleich früh genug erfahren.
Hoffentlich gab es keine Probleme im Palast des Volkes. Wenn die Mordsith eine Botin war, konnte das nur bedeuten, dass sie eine Nachricht für ihn hatte, die auf keinen Fall jemand anderem in die Hände fallen durfte, sonst hätte man auch einen normalen Boten schicken können. Er hoffte, dass sie nicht noch mehr schlechte Nachrichten brachte, falls sie wirklich eine Botin war. Das konnte er jetzt wirklich nicht gebrauchen...
„Bringt sie bitte in zehn Minuten herein“, befahl er seiner Leibwächterin. „Ich muss noch kurz an dieser Passage arbeiten.“




„Er ist bereit dich in zehn Minuten zu empfangen“, erklärte Cara der anderen Mordsith mit den rotbraunen Haaren, die in einem der Empfangsräume gewartet hatte. Ein zufriedenes Lächeln umspielte ihre Mundwinkel.
„Hast du ihm gesagt, wer ich bin?“, fragte Denna, während die blonde Mordsith sich neben sie an das Fenster stellte und in den kleinen Garten hinab sah.
„Nein, ich habe ihm wie versprochen nur gesagt, dass ihn eine Mordsith sprechen möchte. Er glaubt noch immer, dass du tot bist, und schöpft deshalb wahrscheinlich noch nicht einmal Verdacht in der Richtung.“
„Danke, Cara, dass du meinen Wunsch respektierst. Ich denke, ich kenne ihn gut genug, um sagen zu können, dass er es nicht aus zweiter Hand haben will, dass ich noch lebe. Er soll es direkt von mir erfahren.“
„Ich sage dir dazu nur noch eins: Wenn du ihm auch nur ein Haar krümmst, werde ich dir jeden einzelnen Knochen in deinem Körper brechen und anschließend deine Ausbildung wie ein Picknick erscheinen lassen!“

Denna brauchte nicht in das Gesicht ihrer Schwester des Strafers zu blicken, um zu wissen, dass sie jedes Wort davon genau so meinte, wie sie es gesagt hatte. Es war keine leere Drohung, auch wenn sie bezweifelte, dass Cara schlimmer sein konnte als Rastin oder Darken Rahl selbst.
„Ich werde ihm nichts tun. Seit er mich umgebracht hat, ist er nicht mehr mein Schüler und seit er Darken Rahl getötet und seinen Platz eingenommen hat ist er der neue Lord Rahl. Ich bin ihm genauso treu ergeben wie du auch. Sollte es sein Wille sein, werde ich mich freiwillig von ihm töten lassen. Endgültig dieses Mal. Du musst keine Sorgen haben, dass ich ihm in irgendeiner Art und Weise körperlichen Schmerz zufügen werde. Es wird ihm zwar nicht leicht fallen, mich zu sehen, aber das wird er überleben. Von mir hat er nichts zu befürchten.“
„Das hoffe ich auch sehr für dich. Ich fände es sehr bedauerlich, wenn sich dein Versprechen als unwahr erweisen würde. Ich habe meinen Teil eingehalten, jetzt bist du an der Reihe.“
Denna seufzte leise. „Warum glaubst du, dass ich ihm Schmerz zufügen würde, Schwester? Weil ich seine Herrin war?“
„Ja.“
Sie musste bei Caras direkter Art leise lachen, während diese keinerlei Regung zeigt und die Situation alles andere als komisch zu finden schien.
„Zu dem Zeitpunkt waren die Umstände ganz anders“, ging sie jetzt auf ihre Aussage drauf ein. „Er war nicht Lord Rahl sondern Richard Cypher, der als Sucher eine mehr oder weniger ernsthafte Bedrohung Darken Rahls darstellte, dem wir beide zu dem Zeitpunkt unseren Gehorsam schuldeten. Außerdem war er damals ebenfalls mehr als nur eine Stunde bei dir und dennoch bist du jetzt seine Beschützerin, der er sein Leben anvertraut. Warum sollte das bei mir anders sein?“
Es dauerte eine Weile, bis Cara antwortete. Anscheinend wusste sie keine vernünftige Erklärung darauf, die nicht lächerlich klang. Zufrieden schien sie mit der Antwort nicht wirklich zu sein.

„Es hat lange genug gedauert bis er uns Mordsith überhaupt auch nur ansatzweise vertraut hat. Er wird auf dich noch schlechter zu sprechen sein, also mach dieses Vertrauen nicht kaputt!“, erwiderte sie schließlich mürrisch, ohne direkt auf die Frage eingegangen zu sein. Wirklich überzeugt wirkte sie noch immer nicht, aber wenigstens schien sie langsam ein wenig Verständnis aufzubringen.
„Ich verspreche dir bei meiner Ehre als Mordsith, dass ich dein Vertrauen nicht enttäuschen werde.“
„Du weißt was passiert, wenn nicht, und das wollen wir doch beide nicht...“
„So weit wird es nicht kommen“, entgegnete sie ruhig. In gewisser Weise waren diese Drohungen sogar tröstlich, da sie zeigten, dass Richard bei Cara in guten Händen war. Jedes andere Verhalten von ihrer Seite wäre wohl nachlässig und falsch gewesen. Es war nicht so, dass sie Caras Bedenken nicht verstand, auch wenn sie unberechtigt waren.

„Gut, dann werde ich dich jetzt zu ihm führen. Er sollte jetzt so weit sein.“
Gemeinsam verließen die Mordsith den Raum und gingen schweigend durch die Gänge zu dem Lesezimmer. Sie nickten den beiden Wachen, die vor der Tür Wache schoben zu und sie erwiderten die Geste des Respekts mit einem Faustschlag auf die Brust. Auch sie schienen ein wenig Misstrauen ihr gegenüber zu hegen, auch wenn sie nicht zu wissen schienen, wer genau sie war. Doch ihre Stellung als Mordsith sowie die Tatsache, dass sie in Begleitung von Cara war, ließ sie wortlos passieren.
Bevor Cara an die Tür klopfte, sah sie Denna noch einmal tief in die Augen und warnte die andere Mordsith noch einmal wortlos mit einem finsteren Blick. Denna nickte ihr ernst zu, dann klopfte Cara.
Die vertraute Stimme von Dennas ehemaligen Gatten gab ihnen die Erlaubnis einzutreten. Die blonde Mordsith machte eine Handbewegung, dass sie ihr den Vortritt ließ. Dennas Hand wanderte zur Türklinke und sie trat ein.

Dort saß er, über ein Buch gebeugt und den Kopf auf den Händen abgestützt, sodass er sie noch nicht sah. Ein undefinierbares Gefühl stieg bei dem Anblick in ihr auf. Er war derjenige, der sie getötet hatte, doch sie sah in ihm nur den Mann, der ihr auch einige wenige wertvolle, schöne Stunden und Erfahrungen geschenkt hatte, was in seiner Position alles andere als Selbstverständlich gewesen war. Dass er sie bloßgestellt und umgebracht hatte, schien eher nebensächlich und bedeutungslos für sie zu sein, vor allem, weil sie sein Verhalten nachvollziehen konnte.
Er wirkte erschöpft und angespannt, doch es war nicht zu übersehen, dass er nicht mehr ihr altes Schoßhündchen war, sondern Lord Rahl. Auch wenn sie es nie zugeben würde, war sie stolz darauf, wie er sich entwickelt hatte. Keinem zuvor ist es gelungen nach einer Ausbildung wieder zu einer starken Persönlichkeit zu werden, sollte er an dem Punkt überhaupt noch leben, was selten genug vorkam. Dass Richard diesen Schritt geschafft hatte, war der Beweis dafür, dass er es würdig war der Lord Rahl zu sein.
Sie hatte sich verschiedene Reaktionen von ihm auf ihr Zusammentreffen ausgemalt, doch sie konnte nur schwer einschätzen, wie er sich verhalten genau würde. Als sie sich das letzte Mal gesehen hatten, schien er ihr vergeben zu haben, doch niemand konnte die wochenlange Folter mit dem Strafer einfach so weg stecken, selbst Richard nicht. Von dem, was sie bis jetzt erkennen konnte, ließ sich erahnen, dass das Zusammentreffen auf jeden Fall interessant werden könnte. Es war Zeit das heraus zu finden.


„Hallo Richard.“
Bei dem Klang ihrer Stimme schoss sein Blick gehetzt nach oben und starrte sie an. Zufrieden nahm sie zur Kenntnis, dass sie noch immer eine solche Reaktion bei ihm hervorrufen konnte. In ihrem rechten Augenwinkel konnte sie erkennen, dass es ihrer Schwester missfiel, wie sie ihn angesprochen hatte, doch ihre Aufmerksamkeit blieb ausschließlich auf dem Mann vor ihr gerichtet, der wie zu Stein erstarrt zu ihr aufblickte.




„Hallo Richard.“

Denna!

Die Stimme würde er überall erkennen. Aber das konnte nicht sein! Er hatte sie getötet, daran konnte er sich noch genau erinnern. Es war, als wäre er in der Zeit zurück katapultiert worden. Er kam gerade von Rahl zurück und hatte verstanden was dieser meinte, als er sagte, nichts habe nur eine Dimension. Die Seite, die er bisher gekannt hatte war die Seite des Zorns. Für ihn hatte die Magie des Schwertes immer nur über den Zorn funktioniert. Es war eine machtvolle Waffe gewesen, die ihn in mehr als einer Situation das Leben gerettet hatte, doch es war nur die eine Hälfte. Auf der anderen Seite war nicht der Zorn sondern Zuneigung und Vergebung. Man tötete mit dieser Seite der Magie nicht mit Kraft und Brutalität, sondern mit wahrer Hingabe und einem inneren Frieden, der alles überstieg, was man in Worte fassen konnte.

Sie hatte nackt auf dem Bett gesessen, nackt wie ein Kind bei der Geburt. In ihrem Gesicht hatte er das kleine Mädchen sehen können, dass durch die jahrelange Folter zerstört worden war. Er hatte ihr alles vergeben, was sie ihm angetan hatte. Sie hatte ihm den Strafer geschenkt, ihn zu Kahlan befragt und er hatte ihr gestanden, dass sie ihm mehr weh tat als Denna es je gekonnt hätte, sie aber in dem Schmerz, den sie verursacht hatte unerreichbar war. Sie war stolz gewesen und hatte geweint, sich dafür bedankt, dass er ihr letzter Gatte auf Lebenszeit gewesen war und ihr auch die schönen Seiten gezeigt hatte. Wer hätte gedacht, dass es Denna und nicht Richard sein würde, die ihre Verbindung lösen würde, indem sie starb...
„Wie willst du es tun?“, hatte sie gefragt und er hatte gewusst, was sie meinte. Er hatte den Kloß in seinem Hals runter schlucken müssen. „Wie möchtet Ihr es, Herrin?“, war seine Gegenfrage gewesen.
Sie hatte ihren Strafer gewollt. Der bekannte Schmerz war durch seinen Arm geschossen, als er nach dem Lederstab gegriffen hatte, der um seinen Hals hing. Genau wie sie es gewollt hatte, hatte er ihr den letzten Atemzug genommen, als er den Strafer auf ihrem Herzen ansetzte und drehte. Es hatte ihm wehgetan. Nicht nur der normale Schmerz, der seinen Arm hinauf schoss, sondern der Schmerz, weil er ein Leben nehmen musste, das nicht hätte sein müssen. Ein Leben einer Frau, die ihm so viel Leid zugefügt hatte und der er doch vergeben hatte.
Und jetzt stand diese Frau hier vor ihm.

Weitere Erinnerungen überrollten ihn. Bei jeder davon war er gefesselt und ihrem Strafer und ihrer Gnadenlosigkeit ausgeliefert. Alles was sie ihm je angetan hatte schoss innerhalb von Sekunden an seinem inneren Auge vorbei. Sämtliche Alpträume – sowohl die aus der Zeit bei ihr, als auch die aus den quälenden Nächten nach seinem Aufenthalt im Palast des Volkes – durchlebte er binnen weniger Augenschläge erneut.
Da stand sie vor ihm. Lebend. Anstelle des roten, beziehungsweise weißen Leders trug sie ihren braunen Anzug, der seltsam ungewohnt an ihr aussah.

„Denna“, brachte er mühsam mit brüchiger Stimme hervor und konnte sich nur gerade so verkneifen das instinktive ‚Herrin’ davor zu setzen, zu dem er früher verpflichtet war. Mühsam zwang er sich ihrem Blick standzuhalten, auch wenn er sich am liebsten von ihr abgewendet hätte. Diese Augen, die ihn wie immer zu durchbohren und auf seine innerste Seele zu sehen schienen. Wie oft hatten diese Augen auf ihn herab geblickt, als er willenlos und gedemütigt am Boden lag und in dem Moment alles getan hätte, nur damit sie aufhörte ihm noch mehr wehzutun...

„Ihr lebt“, zwang er sich schließlich zu sagen. Dass diese Bemerkung überflüssig war, war ihm durchaus bewusst, doch sämtliche Worte, die er hätte sagen können, schienen wie weg gefegt. Wie sollte man einer Person gegenüber treten, die einen wochenlang auf die grausamste Art und Weise gefoltert und misshandelt hatte? Cara hatte gesagt, sie würde ihn als Lord Rahl anerkennen, also sollte es eigentlich einfach für ihn sein in seiner Rolle als Herrscher zu bleiben, wie er es auch bei den anderen Mordsith war. Doch stattdessen hatte er das Gefühl, dass er durch diesen Machtwechsel nur noch weniger wusste, wie er sich verhalten sollte. Als er sie getötet hatte, war sie immer noch seine Herrin gewesen, also hatte er gewusst, wie er mit ihr reden musste, wie er sich bewegen sollte und was sie von ihm erwartete. Aber jetzt...
„Das hast du gut erkannt, Richard“, war ihre Antwort in dem leicht spöttischen Tonfall, den er so oft schon von ihr gehört hatte und mit dem er nicht unbedingt positive Gefühle verband. Dass sie so mit ihm sprach verbesserte seine innere Krise nicht unbedingt...
Er konnte und wollte diesem Blick nicht länger standhalten, also richtete er ihn stattdessen mangels einer Auswahlmöglichkeit auf Cara. „Eine kleine Vorwarnung wäre nicht schlecht gewesen...“, sagte er mit einem vorwurfsvollen und sarkastischen Ton. Es war deutlich, dass sie sich ein wenig unwohl fühlte zwischen den beiden und es erklärte auch ihren besorgten Blick zuvor. Wenigstens sie schien so was Ähnliches wie ein schlechtes Gewissen zu haben.
„Ich hatte sie darum gebeten, deshalb hatte sie nichts gesagt“, sprang Denna jetzt für sie ein, wodurch er gezwungen war, seine Aufmerksamkeit wieder auf seine frühere Herrin zu richten.

Wieder wusste er nicht, was genau er sagen sollte. Sie schien darauf zu warten, dass er das Gespräch anfing, anstelle selber zu beginnen. Dabei schien sie sich definitiv nicht so unwohl fühlen wie er. Kein Wunder, für sie musste es einfach sein. Sie schien nicht unter dem Zwiespalt zu leiden, welchen Rang sie gerade einnahm. Es war deutlich, dass sie momentan nicht Herrin Denna für ihn war, doch seine erste Begegnung mit Cara, Raina, Berdine und Hally war definitiv anders verlaufen. Vor allem respektvoller... Wieso schaffte er es also nicht einfach weiterhin die Rolle des Lord Rahl zu spielen? Selbst wenn Denna über die Magie seines Schwertes noch die Kontrolle haben sollte, hatte sie eigentlich keine Gewalt mehr über ihn. Cara würde nicht zulassen, dass sie ihn wieder folterte, und eigentlich glaubte er auch nicht, dass Denna versuchen würde ihn zu unterdrücken.
Und dennoch schien es für ihn unmöglich als der Herrscher aufzutreten, der er war. So lange hatte Denna ihm eingeprügelt, dass er ihr unterlegen war, dass er in den Dreck zu ihren Füßen gehörte und sich entsprechend zu verhalten hatte, wodurch er sich zusammenreißen musste, sich nicht vor ihr auf den Boden zu kauern und um Vergebung zu bitten, weil er sie blamiert hatte. Denn dieses Verhalten wäre für seine Position nicht mehr angemessen gewesen. Sein Körper wollte instinktiv reagieren, um sich nicht noch mehr Schmerzen einzuhandeln, dabei wusste Richard genau, dass er das nicht tun musste. Er hatte ihr die Kontrolle seiner Magie wieder entrissen, er hatte sie getötet und war jetzt Lord Rahl. Jetzt war er der Herr und sie musste tun, was er sagte, weil sie ihm gegenüber dazu über einen Schwur verpflichtet war. Warum konnte er diesen Gehorsam von ihr nicht einfordern, wie es sich für einen Herrscher gebührte? Es schien ihm unmöglich sich so zu verhalten, wie es sein Verstand ihm vorschrieb. Die Angst vor ihr und vor dem, wozu sie fähig war, steckte noch zu tief in seinen Knochen.

Dazu kam, dass sie sich im Gegensatz zu ihm auf diese Begegnung hatte vorbereiten können. Dass Denna sich ausgerechnet diesen Zeitpunkt ausgesucht hat, um ihm zu offenbaren, dass sie noch lebte, machte es nicht unbedingt besser. Er war übermüdet und stand unter einem stärkeren Druck als je zuvor. Das einzige, was er momentan wollte, waren ein paar sorgenlose Stunden zusammen mit Kahlan, ganz weit weg von allen Gefahren, Verpflichtungen und Erwartungen, die in sie gesetzt wurden. Doch stattdessen hatte er sich jetzt auch noch über Denna den Kopf zu zerbrechen.
„Cara, könnt Ihr uns bitte alleine lassen?“, fragte er steif. Denna hatte ihn bereits in Momenten der größten Schwäche gesehen, also wollte er wenigstens Cara nicht auch noch Zeugin davon werden lassen.
„Lord Rahl, seid Ihr sicher, dass Ihr mit ihr alleine sein wollt? Ich könnte-“
„Nein, Cara, ich bin mir eigentlich sogar ziemlich sicher, dass ich nicht mit ihr alleine sein möchte“, unterbrach Richard sie, „Aber ich denke es gibt ein paar Dinge, die ich mit ihr besprechen sollte. Alleine. Ihr könnt mit Ulic und Egan vor der Tür warten und werde Euch rufen, falls ich... Hilfe brauchen sollte.“
Sie wirkte nicht überzeugt. „Lord Rahl, ich-“
„Cara!“, schnitt er ihr wieder das Wort ab. Wenigstens über eine der Mordsith wollte er noch seine Machtposition halten. „Das war ein Befehl!“
Kurz starrte sie ihn wütend an, wie immer, wenn er verhindern wollte, dass sie ihn beschützten konnte. Sie sah fast so wütend aus wie zu dem Zeitpunkt, als er sie und Raina vor dem Schild in der Burg der Zauberer hatte stehen lassen und nur Berdine mitgenommen hatte. Dabei war sie doch gerade diejenige gewesen, die Denna ungefährlich genannt hatte.
Schließlich willigte sie ein und wandte sich vor dem Gehen noch einmal ihrer Schwester des Strafers zu: „Vergiss dein Versprechen nicht!“
Diese blickte gelassen wie immer zurück. „Das tue ich nicht.“
Cara schnaubte verächtlich, dann ging sie aus dem Raum und knallte die Tür ein bisschen lauter zu als notwendig.


Eine drückende Stille legte sich über den Raum. Langsam stand Richard auf und ging um den Tisch herum zu seiner ehemaligen Ausbilderin, bemüht dabei möglichst selbstbewusst auszusehen und nicht auf das flaue Gefühl in seinem Magen zu achten. Sie verschränkte ihre Arme vor der Brust, während er seine Hand um den Schwertknauf schloss. Der Schriftzug ‚Wahrheit’ bohrte sich in seine Handinnenfläche und gab ihm ein kleines Gefühl der Sicherheit, auch wenn das Schwert selbst gegen die Mordsith wohl nicht so viel ausrichten konnte.
Stumm sahen sie sich eine Weile an. Schließlich löste Denna sich aus ihrer Haltung und legte eine Hand auf seine Brust. Er zuckte leicht bei der Berührung zusammen, schaffte es jedoch sich sonst nichts anmerken zu lassen.
„Wo ist mein Strafer?“, fragte sie leise. Richard schluckte. „Kahlan trägt ihn.“
Ein wissendes Lächeln breitete sich auf ihren Zügen aus: „Ah die Frau, die dir noch mehr Schmerz zufügen konnte als ich... Ich schätze das ist die einzige Antwort die ich akzeptiere, warum du dein Versprechen gebrochen hast und ihn nicht mehr selber trägst.“
„Woher habt Ihr den neuen Strafer?“

Sie schien für eine Sekunde irritiert, dann schien sie sich daran zu erinnern, dass sie einen anderen Strafer an dem Kettchen an ihrem Handgelenk trug. Sie ließ ihn in ihre Hand schnellen und strich mit dem Daumen darüber. „Es ist der von Constance.“
„Sie war es auch, die Euch den Atem des Lebens gegeben hat, oder?“, fragte er leise.
„Natürlich war sie es.“
„Bitte sagt mir, dass sie nicht ebenfalls noch am Leben ist.“
Denna lachte auf. „Du mochtest sie wirklich nicht, nicht wahr?“
„Ich schätze das ist durchaus nachvollziehbar...“
„Nachvollziehbar wäre es, wenn du mich auf die gleiche Art und Weise hassen würdest wie sie, wenn nicht sogar noch mehr. Ich hab dir ebenfalls allen Grund dazu gegeben. Aber um dich zur beruhigen: Sie ist tot und wird auch nicht mehr aus der Unterwelt zurückkehren.“
„Immerhin etwas...“, brummte er undeutlich.
„Was wirst du jetzt tun, Richard?“, fragte sie ihn.
Ein Seufzen schlich sich über seine Lippen. „Ich weiß es nicht“, gestand er und begann langsam im Raum hin und her zu laufen. „Der Zeitpunkt, den Ihr Euch ausgesucht habt um hier aufzukreuzen, ist äußerst unpassend. Ich versuche momentan eine Armee aufzustellen, die gegen die Imperiale Ordnung wenigstens den Ansatz einer Chance hat und muss mich mit Prophezeiungen, Hexen und unfähigen Diplomaten herumschlagen. Ich diskutiere mit Abgesandten über Länder, die ich nicht kenne, habe gegen den Lebensborn und unsichtbare Mriswith gekämpft und muss mir Gedanken über eine Schwester der Finsternis machen, die irgendwo in der Stadt ihr Unwesen treibt. Zu allem Überfluss sind in der Stadt mehrere Fälle der Pest aufgetaucht und das einzige, was mir dabei vielleicht weiterhelfen könnte, steht in einem Buch, dessen Sprache ich kaum beherrsche, während mir langsam die Zeit davon läuft.“

„Kein Wunder, dass du schlimmer aussiehst als nach fünf Stunden Sonderbehandlung...“
„Danke, das war jetzt genau das, was ich hören wollte!“, antwortete er sarkastisch.
„Wann hast du das letzte Mal geschlafen?“, fragte sie ohne auf ihn einzugehen.
Er brummte missmutig. „Das dürfte schon einige Tage her sein...“
„Selbst bei mir hast du mehr Schlaf bekommen.“
Ihr einen finsteren Blick zu werfend ging er zurück zu seinem Stuhl hinter dem Schreibtisch. „Seid Ihr nur hier her gekommen, um schlechte Erinnerungen und alte, längst gelöst geglaubte Probleme wieder aufzuwirbeln?“
„Starrköpfig wie eh und je“, murmelte sie zufrieden. „Aber du hast Recht, ich bin aus einem anderen Grund hierher gekommen. Ich bin hier um dir die Treue zu schwören.“
Auch wenn er mit so etwas in der Art gerechnet hatte, überraschten ihn ihre Worte doch ein wenig. Er zog die Augenbrauen zusammen, während sie vor den Schreibtisch trat und die Kette um ihr Handgelenk öffnete. Langsam, beinahe schon zärtlich legte sie den Strafer vor ihn auf den Tisch und schob ihn ein Stück weiter auf ihn zu. „Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten für dich: Entweder du nimmst diesen Strafer und vollendest, was du im Palast des Volkes begonnen hattest, oder du beschließt mir eine neue Chance zu geben, um dir zeigen zu können wie ich als Dienerin und nicht als Herrin bin.“

Ohne die passenden Worte zu finden, sah Richard sie an. Er wollte etwas sagen, doch sie unterbrach ihn mit einer Handbewegung und gehorsam klappte sein Mund wieder zu. „Ich kann es verstehen, wenn du dich für das Erste entscheidest und ich werde deine Wahl bedingungslos akzeptieren. Wenn du dich jedoch dafür entscheidest, dass ich dir die Treue schwöre, ist das allerdings ebenfalls ein Versprechen dafür, dass unsere Vergangenheit kein Grund sein wird mich zu töten. Es steht dir frei einer meiner Schwestern zu befehlen, mich zu bestrafen, aber ich werde die Chance bekommen, mich dir gegenüber zu beweisen.“
Er starrte auf den Strafer vor sich und suchte nach Worten. „Ihr wisst, ich hatte Euch nie töten wollen...“
„Du hast es aber getan.“
„Ihr habt mir keine andere Wahl gelassen.“
„Du hattest eine Wahl. Nur hatte ich keine Wahl dir angenehme Möglichkeiten zu bieten.“
„Wenn Ihr es so seht, dann hattet Ihr genauso eine Wahl wie ich auch.“
„Meine Situation ließ nicht zu, dass ich mich für eine Alternative entschied. Ich hatte Darken Rahl meine Treue geschworen und die Treue einer Mordsith zum Lord Rahl ist stärker als die Angst vor dem Tod. Sie ist bedingungslos und gilt bis zum Lebensende.“
Mit abwesendem Blick bedachte er ihre Worte. Die Treue galt dem Lord Rahl. Nicht Darken Rahl, sondern jedem. Und jetzt galt sie ihm. Nur ihm! Er wusste es, aber begreifen konnte er es nicht so wirklich.
Er zwang sich, sich wieder auf das Gespräch zu konzentrieren. „Und warum habt Ihr nicht versucht mich aufzuhalten, nachdem Constance Euch zurück geholt hatte? Gegen Euch beide hätte ich keine Chance gehabt und selbst, wenn Ihr mich nicht mehr über meine Magie kontrollieren konntet, hättet Ihr mich überwältigen können.“
„Ab dem Zeitpunkt, an dem du mich getötet hattest, warst du nicht mehr mein Schüler. Und nach allem, was du für mich getan hattest, wollte ich nicht ein zweites Mal deine Ausbilderin werden.“

„Stattdessen habt Ihr Constance geschickt.“ Obwohl sie wusste, dass er Constance noch viel mehr verabscheute.
„Nein, ich habe sie nicht geschickt. Sie ist von allein zu dir gegangen und du hast sie getötet. Als ich bei ihr ankam war es zu spät für den Atem des Lebens.“
Richard starrte weiterhin auf den roten Lederstab vor ihm. Ganz vorsichtig berührte er mit den Fingerspitzen die Oberfläche. Der vertraute Schmerz schoss ihm den Arm hoch und er musste sich zwingen, nicht zurück zu zucken. Er glitt mit dem Finger über das glatte Leder hin zum Griff und schloss schließlich seine Faust darum herum. Der Schmerz steigerte sich, doch er ignorierte ihn und sah stattdessen Denna in die Augen. Er glaubte Stolz in ihren Zügen zu sehen, als er aufstand und noch immer nicht den Strafer los ließ. Langsam ging er um den Tisch herum. Als er vor Denna stand, ging diese vor ihm in die Knie und legte die Stirn auf den Boden.
„Führe uns, Meister Rahl. Lehre uns, Meister Rahl. In deinem Licht werden wir gedeihen. Deine Gnade gebe uns Schutz. Deine Weisheit beschämt uns. Wir leben nur, um zu dienen. Unser Leben gehört dir.“

Schon so oft hatte er diese Worte aus ihrem Mund gehört. Andacht um Andacht hatten sie sie nebeneinander aufgesagt, immer und immer wieder. Genauso wenig fremd war ihm die Position, die sie dabei eingenommen hatte. Jeden Tag hatte sie genauso neben ihm gekniet.
Und obwohl er das alles von ihr kannte, war es etwas vollkommen anders. Sie kniete jetzt VOR ihm, nicht neben ihn, und sie sagte die Worte für IHN auf, nicht für Darken Rahl. Hätte ihm jemand während seiner Ausbildung gesagt, dass Denna mal vor ihm knien und ihn anbeten würde, er hätte verbittert gelacht und denjenigen als vollkommen verrückt erklärt.
Doch es war wahr. Seine ehemalige Herrin kniete jetzt genau hier vor ihm und schwor ihm ihre Treue. Und zwar genau die Treue, die sie ihm vorhin beschrieben hatte. Bedingungslos bis in den Tod. Zum ersten Mal seit er Lord Rahl war, glaubte er zu verstehen was diese Hingabe wirklich bedeutete. Er wollte Cara oder den anderen Mordsith gar nicht vorwerfen, dass sie ihm weniger Respekt und Leidenschaft entgegen brachten, doch bei Denna wirkte diese Verbindung viel tiefer, als sie es bei den anderen je sein könnte.
Dreimal wiederholte sie die Andacht, wie es angemessen war.

„Steht auf, Denna“, forderte er sie auf, als sie fertig war. Sie tat wie geheißen und erhob sich. Er hielt ihr den Strafer mit dem Griff voran entgegen. Als sie ihn entgegen nahm und ihm in die Augen blickte, konnte er Tränen in ihrem Gesicht sehen. Tränen der Freude und Tränen der Erleichterung. Hastig wischte sie sie weg. „Ich danke Euch, Lord Rahl, dass Ihr mir vergeben habt.“
Er erschrak leicht bei der Anrede, die so falsch und doch natürlich auf ihren Lippen wirkte. Es war ein seltsames Gefühl für Richard sie so zu sehen. Ihre Dankbarkeit wirkte aufrichtig. Lächelnd wischte er ihr eine weitere Träne weg, die ihr über die Wange lief. Einem Instinkt nach zog er sie zögernd in eine feste Umarmung. Das Gefühl bei dieser Geste war seltsam. Es war mehr als ungewohnt sie auf diese Art und Weise in den Armen zu halten. Sonst hatte eine solche Nähe nur weiteren Schmerz bedeutet, doch gleichzeitig fühlte es sich richtig an, sie jetzt zu umarmen. Auch Denna wirkte etwas steif dabei, vor allem weil er wusste wie es war, wenn sie sich wirklich an ihn anschmiegte. Doch auch sie erwiderte die Umarmung leicht, so als habe sie plötzlich Angst davor ihn durch eine einfache Berührung verletzen zu können, ein Gedanke, der aus seiner Sicht ziemlich abstrus wirkte.


Eine Weile standen sie so da, dann löste er sich von ihr. Sofort trat sie einen Schritt zurück und drehte beschämt den Kopf zur Seite. „Vergebt mir, Lord Rahl.“
Er lachte leise und hob zögerlich ihr Kinn an, damit sie ihm in die Augen sah. Eine weitere Geste, die sich für ihn sehr merkwürdig anfühlte. Auf der einen Seite fühlte es sich an wie eine Anmaßung gegenüber einer Person, der er eigentlich beinahe schon übertrieben viel Respekt entgegen bringen musste, aber auf der anderen Seite empfand er es auch nicht als falsch, sondern der Situation angebracht. Vielleicht versuchte er ja unbewusst über diesen Körperkontakt ihr zu verdeutlichen, dass er ihr vergeben hatte oder sein Unterbewusstsein testete gierig und beinahe unbemerkt seine neuen Grenzen aus. Auf jeden Fall hätte er nicht gedacht, dass er es einmal sein würde, der den Blickkontakt erzwang. „Nach allem, was wir zusammen durchgemacht haben, sollte eine Umarmung nichts sein, wofür Ihr Euch entschuldigen müsstet.“
„Ich schätze es wird eine Weile dauern, bis wir uns an diese Situation gewöhnt haben...“, stellte sie fest.
„Oh ja das wird es“, stimmte er ihr zu. Ob er sich jemals so unbefangen ihr gegenüber verhalten könnte, wie er es bei Cara, Berdine oder Raina tat, wagte er ernsthaft zu bezweifeln. Dabei stellte er sich Denna beim Streifenhörnchen Füttern sehr amüsant vor. Es musste noch besser sein, als bei Berdine und Raina...

„Wenn ich Euch übrigens einen Tipp geben darf, wie Ihr die nächsten Tage hier überlebt, rate ich Euch es tunlichst zu vermeiden, alleine mit Kahlan in einem Zimmer zu sein. Sie würde Euch auf der Stelle Wandeln bevor Ihr ‚Strafstunde’ sagen könntet“, scherzte er noch immer ein wenig unbeholfen, doch es war allemal besser als das Schweigen, das sich schon wieder drohte auszubreiten
Sie lachte leise. „Ich werde mir Euren Rat zu Herzen nehmen, Lord Rahl.“
„Gut, ich weiß nicht, wie lange ich brauchen werde, sie davon zu überzeugen, Euch nicht bei der nächst besten Gelegenheit umzubringen, nur weil ich den Raum verlassen habe.
„Ihr solltet wissen, dass ich ebenfalls dazu in der Lage bin, mich zu verteidigen“, erwiderte sie fast schon ein wenig gekränkt, bevor sie wieder ernst wurde. „Und jetzt, Lord Rahl, werdet Ihr Euch für mindestens sieben Stunden in Euer Bett begeben und eine Runde schlafen, sonst werdet Ihr bald zusammen brechen, weil Euer Körper zu erschöpft ist.“
Er seufzte. „Ich würde das wirklich gerne tun, aber wenn ich nicht...“
„Wenn Ihr nicht bald schlaft, werdet Ihr niemandem mehr von Nutzen sein. Ich kenne die Grenzen eines Mannes und ich kenne Eure Grenzen und ich weiß, dass Ihr Euch schon viel zu nah daran befindet.“
„Ich...“
„Das war kein Vorschlag, Lord Rahl, das war ein Befehl!“
Seine Lippen verzogen sich zu einem müden Lächeln. „Ihr könnt nicht aus Eurer Haut heraus, oder?“

Sie grinste ebenfalls schief: „Nein, kann ich wohl nicht. Und jetzt los, sonst werde ich wohl nach einem Halsring und einer Kette suchen müssen, die ich auf den Boden legen kann, damit Ihr gezwungen seid zu schlafen, Lord Rahl!“
„Oh nein, ich glaube diese Phase haben wir hinter uns...“ Bei diesem Witz auf seine Kosten kamen definitiv schlechte Erinnerungen hoch. Es führte im noch einmal schmerzlich vor Augen, wie sehr Denna die Kontrolle ihn gehabt hatte und wie verdammt demütigend es gewesen war, dass er sich den ganzen Tag nur diesen Moment herbei gesehnt hat, an dem er sich endlich auf dem kalten, harten Steinfußboden hatte zusammenrollen dürfen. Die Versuchung Cara für den Tag eine kleine Sonderaufgabe zu geben, war mit einem Mal wieder ziemlich groß, doch er riss sich zusammen. Er war nicht wie Darken Rahl. Er wollte die Treue der Mordsith nicht mit roher Gewalt bekommen und entsprechend musste er sich dann auch verhalten, auch wenn ein kleiner Teil von ihm nicht gerade wenig Lust auf ein bisschen Vergeltung hätte...

„Dann los. Ich bin dazu da um Euch zu beschützen vor Gefahren jeder Art und wenn diese Gefahr von Euch selber kommt, dann muss Euch erst recht jemand beschützen. Und Ihr solltet von Cara wissen, Lord Rahl, dass es nicht Vieles gibt, was eine Mordsith davon abhalten kann. Wenn Ihr also selber das Hindernis seid, werde ich schon noch entsprechende Methoden finden, die...“
„Ist ja schon gut, ich gebe auf...“, unterbrach er sie leise vor sich hin murmelnd und ging, nachdem er Kolos Tagebuch eingesteckt hatte, zur Tür.
Denna schien wirklich ebenfalls ihre Grenzen austesten zu wollen. Man könnte fast schon meinen, dass sie eine Reaktion bei ihm provozieren wollte. Doch er hatte sich vorgenommen, sich auf diese Art und Weise nicht zu etwas anstacheln zu lassen, was er nicht wollte. Es war vielleicht die schwerste und unmöglichste Aufgabe, die er je von ihr erhalten hatte, aber er wollte sie auf jeden Fall meistern. Früher oder später würde er sie schon noch ‚brechen’, wenn auch auf eine vollkommen andere Art als anders herum...

Als er hinaus trat, sprang Cara von dem Stuhl an der Wand gegenüber auf. Sie warf einen besorgten Blick erst auf ihn, dann auf Denna und schließlich wieder auf ihn. Er nickte ihr beruhigend zu, woraufhin sie dennoch misstrauisch die Augen zusammen kniff. So ganz schien sie dem Frieden noch nicht zu trauen, doch Richard ging einfach weiter den Gang entlang in die Richtung seines Schlafzimmers. Belustigt registrierte er, wie Cara so schnell wie möglich aufschloss und Denna einen wütenden Blick zu warf, da diese die Position an seiner rechten Seite eingenommen hatte, die bisher immer Cara gebührte. Widerwillig begab sie sich zu seiner linken Seite und warf ihm ebenfalls einen finsteren Blick zu, wohl weil er mit keinem Wort erwähnte, was sich in dem Inneren des Zimmers abgespielt hatte, und das Ergebnis für sie höchst verwirrend zu sein schien. Doch er hatte keine Lust ihr jetzt irgendetwas zu erklären, dafür war er viel zu müde. Sollte Denna ihr doch später erzählen, was sie wollte.


Zum ersten Mal seit Tagen legte er sich schließlich hin und hatte nicht das Gefühl schon Alpträume zu bekommen, bevor er überhaupt wirklich geschlafen hatte. Er wusste nicht, warum das so war, schließlich wagte er zu bezweifeln, dass seine Begegnung mit Denna dafür verantwortlich sein konnte, doch das war ihm egal.
Zum ersten Mal seit Tagen schloss er die Augen und sank erleichtert, endlich mal zur Ruhe zu kommen und seine ganzen Probleme vergessen zu können, in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
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