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Kopf über Wasser

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12 / Gen
General Winter Litauen Preussen Russland Ukraine Weißrussland
30.05.2015
15.12.2015
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72.220
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30.05.2015 2.244
 
Seine wunderbare Kindheit, in der wirklich jeder der Meinung war, das es doch bestimmt sehr unterhaltsam sei auf dem kleinen Blonden mit der dicken Nase rumzuhauen. Abgesehen von seinen Schwestern sah er andere wie ihn meistens nur dann, wenn sie schwer bewaffnet und johlend hinter ihm herjagten und das war bevor er lernte wie man richtig zurück schlägt. Selbst seine kleine Schwester schien wehrhafter als er zu sein, zumindestens machte sie es den verflixten Mongolen nicht eben leicht – er hatte schon beobachtet, wie sie die Zähne tief in mongolische Waden geschlagen hatte und zwar so fest, das die kreischenden Mongolen sie aus lauter Panik gleich mitschleppten. Das war um einiges radikaler als alles, was er sich zutraute. Abgesehen davon war er lausig bewaffnet.
„Wir schützen dich!“ versprachen ihm die Fürsten, nur bemerkte er davon herzlich wenig. Meistens stand er da, wenn er viel Glück hatte mit seinen Schwestern zusammen und in der Hand einen Stock. Stöcke konnten verheerend wirken, nur gegen Schwerter verwandelten sich selbst die besten Stöcke in beunruhigender Geschwindigkeit zu Brennholz. Auch nützlich, nur aber eben einer Schlacht nicht.
Besonders nicht wenn einem mal wieder der Deutsche Orden in das Haus geschneit kam. Der bedauerlich gut ausgerüstete, im Waffengang erfahrene und geübte, schwer bewaffnete und zahlenmäßig so schlecht nicht aufgestellte Deutsche Orden, mit seinem offiziellen Ruf „Nobiscum deus“ und seinem inoffiziellen „Gib Land!“. Ivan bekam schon Magenschmerzen wenn er nur an die Bande dachte und da war noch nicht einmal der schlimmste Faktor des ganzen mit einberechnet: Das unglaubliche Großmaul, welches bei denen die Nation verkörperte. Natürlich ebenfalls schwer bewaffnet, sehr laut und leider auf sehr fähig wenn es darum ging Angst und Schrecken mit einem Schwert zu verbreiten, welches beinah so lang war wie er selbst.
Was genau genommen auch auf längere Dolche zutraf, jedenfalls behauptete seine jüngere Schwester, wenn auch mit jenem speziellen gehässigen Unterton, der deutlich darauf hinwies das sie weder die Ritter, noch jene Miniaturausgabe, welche ihr aufkommendes Reich verkörperte leiden konnte. Wenn er aber auf einem dieser gigantischen Pferde hockte, dann sah er für Ivan, den chronischen Fußgänger in jedem Fall „zu groß“ aus.

Damals sahen fast alle „zu groß“ aus. Offenbar mussten alle von ihnen durch diese frustrierende, wenig würdevolle Phase durch, in der ihre Körper eher denen menschlicher Kinder ähnelten, auch wenn sie älter waren als die meisten Menschen auch nur hoffen konnten werden zu können. Von wegen „Würde“ … versucht mal würdevoll zu sein, wenn ihr den Fürsten eben grad mal bis zur Hüfte geht und ausseht, als hättet ihr eure Kleidung heimlich anderen Leuten von der Wäscheleine geklaut – was leider den Tatsachen entsprach, wie Ivan einräumen musste. Wenn es nicht darum ging mit anderen zu kämpfen war er komplett und vollkommen uninteressant und konnte sehen wie er in seiner Waldhütte zurande kam. Nicht selten fragte er sich, wie wohl die anderen behandelt wurden und ob „grobe Landvernachlässigung“ wohl etwas sei, das ganz besonders seine Leute beherrschten.
Dazu kam noch, das gewisse Leute einfach komplett keine Ahnung hatten, wie lang so ein russischer Winter brauchte um abzuziehen und kamen im tiefsten April vorbei, wo doch jeder wusste das der Schnee im April besonders unberechenbar war …

„Beweg deinen faulen Hintern, es gibt zu tun und zwar mächtig!“ ist nie die beste Art und Weise den Tag zu beginnen. In der Kombination mit einem kräftigen Fußtritt in den Hintern und der Aussicht auf ein üppiges Frühstück aus Brei aus … nun was sich noch in der Speisekammer befand, im Zweifelsfall würde es Holzspäne in Wasser gequollen und etwas frischen, gesunden Moos drübergehakt geben.
„Muf?“ brachte der noch sehr verschlafene Ivan hervor und sah an seinem derzeitigen Herrn, dem Fürsten Newski hoch, der ungeduldig auf sein sich die Augen reibendes Land runterblickte und sich fragte, wie lange es wohl brauchte bis so eine Nation einen etwas beeindruckenderen Eindruck erwecken würde. Er hatte von anderen Ländern gehört, die nicht ihren Kopf WEIT in den Nacken legen mussten um zu ihrem Fürsten aufzusehen und die NICHT schon einmal bei einem Überfall der Mongolenhorde ein „Ist der niedlich, können wir den behalten?!“ provoziert hatten. Niedlich mit wenigstens drei „i“.
„Arbeit,“ knurrte der Fürst und warf die abgetragene Kutte zu seinem Land, das sich beeilte hineinzuschlüpfen, ehe es noch in der nachtkalten Luft festfror. „Der Orden, die verdammten Deutschen. Machen wieder Ärger.“
„Und wir?“ fiepste Russland, das sich etwas in seinem Umhang verheddert hatte.
„Wir ärgern zurück,“ knurrte sein Fürst und half seiner inzwischen hoffnungslos verhedderten Nation sich anzuziehen. „Könntest du eigentlich etwas schneller groß werden? So in den nächsten paar Stunden wenn machbar?“
„Bin Spätentwickler,“ murmelte Ivan säuerlich vor sich hin. Es war nicht seine Schuld das er so ein Zwerg war, da war sich fast ganz sicher. Nur traute er sich nicht das seinem Fürsten in allen Einzelheiten auseinanderzusetzen, er sah nicht so aus, als sei er von der Sorte die ihrer Nation zuhörten. Weshalb er auch nicht protestierte, als man ihn auf eines der Pferde verfrachtete und in den noch nicht einmal angebrochenen frühen Morgen losjagte.

Zwischen Ivan und seinem Fürsten gab es ein grundlegendes Missverständnis: Sein Fürst lebte in der irrigen Annahme, das Ivan eine von Natur aus kämpferische Nation sei. Das war die freundliche Annahme, die beunruhigende ging mehr in die Richtung, das es seinem Fürsten völlig egal war ob Ivan kämpferisch veranlagt war oder seine Gegner nicht etwas viele und zu mächtig für ihn, seitdem er rausgefunden hatte, das Ivans besondere Stärke dadrinn bestand, das er unglaubliche Nehmerqualitäten besaß, scheuchte er seine Nation ziemlich gnadenlos in den Kampf. Sollte doch im Notfall sein unheimlicher frostiger Beschützer eingreifen, auf dem man sich leider nur nicht zuverlässig verlassen konnte.
In Wahrheit graute es Ivan vor den Panzerreitern der Ritterschaft. Jedesmal wenn die auf ihn zudonnerten, glaubte er gleich ein Häuflein blutiger Matsch auf dem Matsch zu werden, zerstampft von den Hufen die ihm so groß wie sein ganzer Kopf vorkamen. In ihren weißen Umhängen, mit der silbern Panzerung sahen sie aus wie eine Horde Winterdämonen und deren Nation brüllte und zeterte sogar rum, als käme sie direkt aus der Hölle. Meistens wüste Beleidigungen, wenig realistische Herausforderungen oder gewagte Behauptungen, aber in gewisser Weise erfüllte es seinen Zweck: Ivan merkte das er nicht nur beeindruckt war – er fühlte sich ein klein wenig eingeschüchtert.
Genau genommen fühlte er sich:
1. Klein
2. Wenig
und
3. Eingeschüchtert.
Abgesehen davon hatte DER ein großes glänzendes Schwert und Ivan nur einen Stock. Gut, es war ein großer Stock und sein Fürst hatte ihn mit Eisen beschlagen lassen, aber gegen ein Schwert kam er sich damit ausgesprochen schlecht ausgerüstet vor. Jemand hatte ihn von seinem Pferd gehoben und vor die Truppen gestellt „Als Ermutigung“. Ivan fühlte sich nicht besonders ermutigt. Nicht weil er seit Tagen von einem Kampf zum anderen geschleppt wurde, nicht weil es schlichtweg viel zu früh war (vor allem wenn man bedachte, das das Ermutigungelage gestern Abend bis tief in die Nacht gegangen war und mit „leise und gesittet“ NICHT sehr zutreffend beschrieben war), nicht weil irgendwer einen Riesenmist gebaut hatte, denn sie standen auf dem See, was selbst in dieser Gegend Anfang April nicht unbedingt eine Idee mit Zukunft war. Unter der verharschen Schneeschicht, die das Eis bedeckte knirschte und knarrte es bedenklich, nur schien das außer ihm selbst niemanden aufzufallen – oder zu interessieren.
„Herr ...“ Nervös zupfte seine kleine Hand an dem schweren Mantel seines Fürsten, der jedoch das tat, was Fürsten seit jeher besonders gut konnte: Er ignorierte seine Nation komplett.
„Prinz?“ Aus dem zaghaften zupfen wurde ein zerren, aber abgesehen von einem kleinen knurren bekam Ivan keinerlei Reaktion. „Gebieter?!“ Ihm gingen nicht nur langsam die Titel aus, inzwischen spürte er ganz deutlich wie das Eis unter ihnen in Bewegung geriet.
„WAS?!“ fuhr der Fürst seine verschreckt dreinblickende Nation an, die sich ein Herz fasste und überlegte: Was soll er mir schon tun? Mich ständig mies bewaffnet auf neue Schlachtfelder verschleppen?
„Das Eis Prinz,“ drängte Ivan, „Es bricht.“
Misstrauisch stampfte der Fürst mehrmals auf. „Hier bewegt sich nichts,“ schnaufte er, „Das hält.“
„Ein ganzes Heer?“ fragte Ivan skeptisch, „Zwei ganze Heere? Mit Panzerreitern? Es bricht, ich spüre das.“
Etwas in den klugen Augen des Fürsten glommen gemein auf. „Du bist dir sicher?“ fragte er nach und Ivan nickte heftig. Das war der Boden unter ihm, da kannte er sich aus. Wenn sie blieben würden sie alle in Gefahr geraten. Neben der Gefahr die von einer Schlacht ausging. Tief im Inneren ahnte Ivan: Sie würden hier enden, tot UND nass. Und vermutlich mit einer Erkältung.

Am liebsten hätte er sich davon gemacht, aber sein Fürst kannte seine Nation inzwischen recht gut und schnappte seinen Mantelkragen und schob ihn vor sich her, bis ganz nach vorne, wo nur noch Eis und dahinter eine andere Armee zu sehen war.
„Grwrp!“ Leicht panisch betrachtete Ivan das herannahende Heer des Deutschen Ordens und spürte an diesem eiskalten Morgen die Gewissheit: Er würde niemals eine Kriegerische Nation werden. Weil ihn gleich diese Hufe – wie groß konnten Pferde eigentlich werden?! - zu einem blutigen Matsch umformen würden! Weil  ihn diese Schwerter (wie bekamen sie die nur so zum glänzen?) gleich in Scheibchen, in sehr kleine Scheibchen schneiden würden! Weil unter ihnen das Eis inzwischen deutlich auf und abschwang und gleich zerbersten würde und sie alle in die eiskalte Nässe verschwinden würden.
„Haaaalt!“ versuchte er zu brüllen, „Das EIS!“ Aber außer einem Tritt auf den Fuß durch seinen Fürsten reagierte niemand auf seinen Versuch sie alle doch noch zu retten. „Sei still,“ zischte ihn sein Fürst ungehalten an, „Das ist der Plan!“
Verwirrt wollte Ivan fragen, was für ein Plan das bitte sein sollte, als der Deutsche Orden wieder einmal zeigen musste, das er eines besonders gut konnte: Sich gnadenlos in Szene zu setzen. Nur jemand, dessen Verstand rettungslos tiefgefrostet war, sprang im vollen Galopp von seinem Pferd hoch, zückte sein Schwert und brüllte etwas von „Erbebt vor der Macht Gottes ihr Gewürm! Kostet den heiligen Stahl! Bluuut!“ - sowie eine Winzigkeit später „Verdammt! Wo ist denn der Bodblubbbrlblubbb?!“ Doch da war es alles in allem etwas zu spät um es sich anders zu überlegen und der Schaden bereits angerichtet.
Wenn ein Reiter ins Eis einbricht, so ist dies ein Gespritze, Geschrei und Gewirr aus ausschlagenden Hufen und verzweifelten Versuchen sich von dem jeweils anderen Lebewesen zu befreien um vielleicht doch noch aus der eiskalten Brühe zu entkommen und an das rettende Ufer zu gelangen. Bei einem Panzerreiter kam noch dazu, da in dem Fall ein sehr SCHWERES Pferd mit einem ebenso schweren Reiter einbrach und aus dem umliegenden Eisflächen kleine Eiskrümel machte.
Bei 500 Panzerreitern und entsprechenden Mengen an Fußvolk ist das sehr viel Eis, was in die Brüche geht, erheblich mehr als erwartet. Binnen weniger Augenblick war dort, wo eben noch eine eisige Fläche gewesen war ein Inferno aus strampelnden Leibern, Eis und lähmend kalten Wasser, welches überall war. Eine riesige Eisscholle krachte dicht neben ihm auf und der Druck zog ihn unter Wasser, wo Ivan die Augen schreckgeweitet offen behielt, auch wenn er glaubte, sie würden gleich ein gefrieren. Dicht unter ihm schwebte eine Art weiße Wolke im Wasser, nach welcher er ohne nachzudenken griff und sich fest verkrallte. Kurz sah er ein Gesicht das so weiß wie das Eis war , dann wurde er schon an seinem eigenen Mantel in die Höhe gezogen.
„Als mein Vater mir sagte, ich muss mein Reich davor bewahren abzusaufen, hatte ich mir das weniger wortwörtlich vorgestellt,“ grollte Fürst Newski, allerdings nicht wirklich wütend, denn ihm war schon bewusst, das er gewarnt worden war.
Keuchend und hustend zog sich Ivan weiter an das kalte, glitschige, aber insgesamt feste Ufer, noch immer den immer schwerer werdenden Mantel fest in den Händen, an dem der japsende Deutsche Orden hing und eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit einem abgesoffenen Kleintier aufwies. Irgendetwas wollte er sagen, was jedoch vor lauter Zähneklappern nicht zu verstehen war – vermutlich war es ohnehin etwas wie „Seht meinen frostigen Heiligenschein! Seit alle mit Schnupfen geschlagen, mit husten gestraft! Husthusthust!“ Oder wie sein komisches Lachen sonst klingen mochte. Was für ein  Idiot! Ein von sich selbst begeisterter, völliger, kompletter Idiot! Ein rücksichtsloser Knallcharge, der zu dumm war zu begreifen wie gefährlich es war auf Eis rumzuspringen.
Obwohl die meisten die abgesoffen waren zum Deutschen Orden gehörten, es waren genug Männer des Fürsten versenkt worden, des Ivan es schmerzhaft spürte und ihm die Übelkeit würgen und spuken ließ. Die Kälte kroch durch in durch, aber im Gegensatz zu den anderen zitterte er nicht, Kälte machte ihm kaum etwas aus. Kälte und Zorn ließen ihn ganz ruhig werden, wenn dieser violetter Schleier sich über die Welt legte und alles davonwischte, abgesehen von diesem ganz speziellen Lächeln …
Erstaunlich wie gut seine Hände um den dürren Hals vom Deutschen Orden passten und wie leicht sich diese sonst so laut rausspukende Gurgel zudrücken ließ. Er bemerkte die hektisch und immer panischer nach ihm greifenden Hände, deren Nägel sich in Ivans weiche Haut versenkten und sah in diese merkwürdigen Augen. Ob die Leute recht hatten? Das jemand mit so roten Augen ein Dämon aus der Hölle sein sollte? Irgendetwas krächzte dieser Dämon, der sich unter ihn hin- und herwandt, bestimmt neue Verwünschungen oder Flüche, oder vielleicht etwas in seiner höllischen Sprache? Die er ohnehin nicht verstand, er wollte nur, das er endlich einsah, wie falsch es war was er da getan hatte. Leute waren gestorben, weil er ein Idiot war.
Dann wurde der Idiot ruhig und als der violette Schleier wich, da wurde Ivan klar: Er hatte soeben eine andere Nation erwürgt. Er würde entsetzlichen Ärger bekommen ...
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