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Kopf über Wasser

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12 / Gen
General Winter Litauen Preussen Russland Ukraine Weißrussland
30.05.2015
15.12.2015
34
72.220
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30.05.2015 1.826
 
„Sehe ich aus wie die brünstige Kurtisane der Bourgeoisie?!“
Wutschnaubend stand Ivan „Washaterdagradgefragt?!“ Braginski in der Tür zu dem großen Büroraum, der traditionell in Akten ertrank, ein Umstand, der ihn derzeit zusätzlich ungnädig stimmte, während seine „Mitarbeiter“ versuchten sich hinter ihrer Arbeit zu verstecken. Estland verschmolz mit einem gigantischen Stapel fragwürdiger Rechnungen, Litauen erinnerte sich siedend heiß daran noch etwas auf dem Herd stehen zu haben und entfernte sich durch etwas, das einer spontanen Verpuffung erstaunlich nahe kam, Georgien und Moldawien huschten ins Archiv, die `Stans gaben vor, mal wieder keine bekannte Sprache zu verstehen und Belarus lächelte einfach nur. Sie wusste warum. Ihr Bruder ebenfalls. Nur Raivis stand weitab von jedem Schutz und sah mit seinen großen Augen an der wütenden Sowjetunion hoch.
„Müssten sie dazu nicht eher Kleider tragen – und vielleicht eine andere Frismpfblmpf.“ Weiter kam er, da die festen, wenn auch liebevollen Finger der Ukraine seinen Mund fest verschlossen, während eine leise Stimme in sein Ohr zischte „Rhetorische Frage Raivis, wir haben drüber geredet!“
„Brüderchen!“ zirpte sie um einiges lauter, mit dem wärmsten Lächeln welches sie zustande brachte, was hieß das selbst die nordöstliche Schneewehe, welche den Eispalast seit Anfang November fest umschloss, bereit war zu schmelzen. „Komm, sprich, was ist geschehen? Setz dich und lass dir einen Tee holen und sag, was dir auf dem Herzen liegt!“
Das war so klischeehaft, das es sogar funktionierte. Brummend und knurrend ließ sich Ivan in seinen Sessel fallen, nahm den dargereichten Tee (theoretisch eher eine Art Grog mit Vodka und einem Schuß Tee) und reichte seiner besorgten großen Schwester einen angeknickten Brief, dem man ansah, das er einen langen Weg und einige Wutanfälle hinter sich hatte.
Rasch überflog sie den Inhalt, ein wenig ratlos, schließlich stand da nichts was nicht schon bekannt war – oder was nicht genau so zu erwarten gewesen wäre.  „Wanja, Liebling, ich sehe ja das was da steht, aber was lässt dich vermuten das man dir aufreizende Kleidung anziehen möchte und von dir moralisch fragwürdige Dienste erwartet?“ erkundigte sie sich ehrlich ratlos bei ihrem Bruder, der jeden anderen für diese Frage in den abgeschabten Perser gestampft hätte. Leider war bei seiner älteren Schwester zu erwarten, das sie alles genau so meinte, wie sie es sagte – außerdem wäre ohne sie der komplette Haushalt im Eispalast zusammengebrochen.
„Du weißt wie ich es gemeint hab,“ knurrte er ausweichend und schüttete etwas Vodka in den Tee, der entschieden zuviel Tee enthielt. „Das,“ und damit hämmerte er auf den Brief, „Ist eine Frechheit!“
„Ach Wanja, es war zu erwarten, nicht wahr? Außerdem hast du doch selbst schon oft genug gesagt, das du es tun wirst …?“ Verwirrt sah sie ihren wütenden Bruder an und ihr wurde klar, das sie wirklich gar keine Ahnung hatte, warum ihr Bruder so aufgebracht war.
Der trank Tee, schnaufte, trank mehr Tee und beschloss, das er es ums verrecken nicht erklären konnte. „Vielschichtiges Problem,“ grollte er, „Kann man nicht in ein, zwei Worten begreiflich machen.“
Seine Schwester nickte. „Vielschichtiges Problem?“ lächelte sie ein wenig traurig ihren (egal was er sonst war) kleinen Bruder an und strich ihm sanft über die Hand, mehr an Vertrautheit mochte sie nicht zeigen solange die anderen zusahen und jede Geste wie diese als Schwäche auslegten. „Oder doch nur ein Wort?“
„Ein Wort,“ spie Russland giftig aus, „Gilbert.“

Ich mach es JETZT, grollte Ivan in Gedanken, SOFORT. Da wird diesmal nicht überlegt, das geht JETZT zur Sache und sollen doch die `Stans zusehen wie sie in den scheißharten Boden ein Loch bekommen. Meinetwegen stifte ich eine Stange Sprengstoff und dann ist DAS Thema beendet. FÜR IMMER. Er hielt einen Augenblick inne und holte seine Pistole aus der Tasche, überprüfte sie und stellte fest, das ihr Magazin voll war. Das sollte selbst für dieses ganz besondere Ärgernis reichen, obwohl er nachweislich schwerer umzubringen war als sibirische Kakerlaken, die meisten von DENEN hatten nämlich im Januar aufgegeben, jedenfalls die welche im Keller gehaust hatten. Welcher wirklich ein wenig kühl war, wie Ivan widerwillig einräumte, während er gegen die schwere Tür trat, deren Schloss unkooperativerweise eingefroren war. Sooft wie er hier war sollte man wirklich annehmen, das so etwas nicht passierte … es sei denn natürlich es war aus was für Gründen auch immer genug Blut am Schlüssel, um das Schloß eineisen zu lassen. Er würde vorsichtiger – hier unterbrach sich Ivan selbst und kaute auf dem Brocken rum, den man ihm serviert hatte. Er würde heute das letztemal für eine ganze Weile durch diese Tür gehen, brauchte sich also gar nichts vorzunehmen.
Nur wollte es sich einfach beim besten Willen nicht anfühlen, wie ein letztes mal.

Der Eispalast war ein durch und durch modernes Bauwerk, voller Errungenschaften der Technik und den Wundern des 20. Jahrhunderts. Mit anderen Worten: Es gab elektrischen Strom, sogar im Keller. Genug um jene schwach flackernde Notlösung von einer 15 Watt Funzel zu betreiben, die es schaffte mehr Schatten, als Licht hervorzurufen und bei Ivan jedesmal eine tiefe Sehnsucht nach den alten Zeiten hervorzurufen, wo qualmende Fackeln, rauchende Kerzen und rußende Öllampen Licht spendeten. Die guten alten Zeiten, wo man beim setzen eines Kellergewölbes davon ausging, das dort Dinge gelagert werden sollten, die empfindlich auf Nässe reagierten. Wären nicht die verflixten Bären und ihre unglaubliche Geschicklichkeit, dann hätte man sich glatt überlegen können alles draußen zu lagern. Leider meinten die Bären, das alles was sich als ansatzweise essbar rausstellte, ganz bestimmt Bärennahrung war.
Ausgenommen das, was sich wirklich hier im Keller hielt. Ivan hatte es schon ausprobiert – die Bären waren an diesem Futter nicht interessiert gewesen. Vermutlich weil sie es nicht gewohnt waren mit halb vereisten Schneebällen beworfen zu werden, wahrscheinlich weil sie zu gut genährt waren um sich an einem wütenden, mageren und zudem wehrhaften Beutestück zu vergreifen. Zudem hatte ihn Ukraine nach drei kurzen (und unterhaltsamen) Stunden dazu gezwungen, Gilbert wieder reinzuholen, indem sie überaus deutlich machte, das sie in keinster Weise bereit sei in der Nachbarschaft von Bären zu wohnen, welche mit Nationenfleisch angefüttert worden waren – und womöglich auf den Geschmack gekommen seien. Inzwischen würden die Bären bestimmt den notwendigen Hunger haben, aber von Gilbert war nicht mehr viel über.
Dicht an der feuchtklammen Wand lag das blutige Durcheinander und schnarchte halblaut vor sich hin, was Ivan als einen Affront empfand. Anfangs war der bleiche Mistkerl immer wunschgemäß zusammen gezuckt und sofort hellwach gewesen, wenn sich Ivan dazu herabließ die Zelle zu betreten, inzwischen musste man ihm nachdrücklich treten und selbst das weckte ihn nicht immer zuverlässig. Sehr tief unter einer dicken Schicht von Wut, Groll, Haß und sehr viel Schmerz wies der nüchterne und rationale Ivan (ein Kerl den man nur selten sah) darauf hin, das auch eine zähe Nation wie Preußen irgendwann am Ende war und die Überreste vermutlich pragmatisch genug waren, um einfach zu versuchen so viel Schlaf zu holen wie sie bekommen konnten, um das letzte bisschen Kraft zu schonen und weil auch der rationale Ivan ein bisschen Mistkerl war, flüsterte er etwas von „Laß ihn liegen und sorge einfach dafür das drei, vier Tage niemand kommt und dann bist das das Problem ebenfalls los und du hast dir die Hände nicht schmutzig gemacht.“ Leider war der rationelle Ivan ein ECHTER Mistkerl und fügte hinzu: „Na ja, nicht schmutziger als du sie schon gemacht hast. Ich meine, von alleine hat der sich doch nicht so zugerichtet, oder? Zumal langsames an Hunger, Kälte und starken Demolierungen einzugehen bestimmt auch so unglaublich viel besser ist, als eine Kugel durch den Kopf.“
An manchen Tagen wünschte sich Ivan, der könne den rationellen Ivan einmal in aller Deutlichkeit mitteilen, was er von ihm hielt. Sprache wäre dazu vermutlich nicht notwendig, das meiste würde sich dieses kaltschnäuzige Genie ganz bestimmt denken können.

Für einen kurzen Augenblick überlegte er, ob er einfach schießen sollte, doch etwas an dem Gedanken jemanden im Schlaf zu erschießen missfiel Ivan. Er selbst wäre nicht gerne ohne Vorwarnung im Schlaf erschossen worden. Genau genommen wäre er grundsätzlich nicht gerne erschossen worden. Schon gar nicht im Schlaf. Allerdings, ohne Vorwarnung? Wenn die letzten anderthalb Jahre kein deutlicher Hinweis gewesen waren, dann musste entweder Gilbert unter einem besonders rasanten Realitätsverlust leiden oder erheblich dümmer sein, als bisher angenommen. Trotzdem, jemanden im Schlaf zu erschießen kam Ivan einfach grundlegend falsch vor.
Gilbert aufwecken stellte sich als überraschend schwer raus. Der übliche Fußtritt sorgte nur dafür das sich das Durcheinander etwas umschichtete und dabei unzufrieden grunzte. Ein zweiter, schon erheblich deutlicherer Tritt stellte sich als nicht ganz geschickte Idee raus, da er sich (gefördert durch die schlechte Beleuchtung) entsetzlich in dem Gewirr aus halb zerstörten Kleidungsstücken, Ketten und etwas, von dem er hätte schwören können, es war vor erst einem Jahr noch ein so gut wie neues Stück erstklassiger Kartoffelsack gewesen, über das sich so manch anderer Gefangene als Decke gefreut hätte, verhedderte. Beim Versuch sich einigermaßen würdevoll zu befreien, ging als erstes die Würde flöten, dann die Balance und zuletzt das bisschen fester Stand, was ihm geblieben war, so das Ivan mit der Nase voran selbst Bekanntschaft mit dem Boden schloss.
Etwas benommen rappelte er sich auf. Die Kellerwand hatte sich als etwas härter als sein Kopf herausgestellt und unter seinen sehr vorsichtig tastenden Fingern fühlte er eine beachtliche Beule wachsen, leider an seiner Schläfe und von der unfreundlichen Sorte. Er brauchte eine Pause, eine Zigarette, einen Schluck Vodka und eine Idee, wobei ihm die Reinfolge eher egal war. Angeschlagen und etwas deprimiert hockte er sich neben das noch immer vor sich hinschnarchende Durcheinander und besah sich das, was einmal eine Nation gewesen war in aller Ruhe, auch wenn er sich fragte wie in aller Welt der Mistkerl schlafen konnte. Ihm tat noch immer alles weh von dem verdammten Krieg und es war lange her, das er eine Nacht hatte durchschlafen können. Wenn ihm die Schmerzmittel ausgingen sah es noch schlimmer aus, aber dieser bleiche Mistkerl lag hier und schlief! Es war wirklich kaum zu fassen.
Vermutlich hatte er sich die Kugel mehr als verdient, aber erst brauchte Ivan Braginski eine Zigarette. Etwas an dem man sich festhalten konnte, um die Gedanken zu ordnen und etwas Zeit zu schinden, auch wenn er diesen Teil nicht einmal gegenüber sich selbst aussprechen mochte.

Mürrisch zündete er eine seiner russischen Zigaretten an, die selbst mit „entsetzlich“ noch viel zu freundlich umschrieben waren. Ironischerweise lag der Mann, der ihn überhaupt erst auf die Raucherei gebracht hatte neben ihm und zuckte leicht während er schlief. Da hatte er natürlich noch gesünder ausgesehen und immer diese feinen, ägyptischen Zigaretten gehabt, die nicht nach Rentierscheisse und Baumrinde schmeckten. Ein leichtes kratzen im Hals ließ Ivan husten.
„Toll,“ grummelte er, „Hab ich eigentlich irgendwas von dir bekommen, was nicht schlecht für meine Gesundheit war?“ Säuerlich stieß er mit der Hand gegen den Haufen, stocherte in dem menschlichen Durcheinander herum, als dürre Finger sich um seine Hand schlangen und erstaunlich fest hielten. Erschrocken starrte Ivan auf den noch immer Bewusstlosen, der im Schlaf nach ihm gegriffen hatte und realisierte: Diesen Griff kannte er. Er hatte ihn schon einmal gespürt.
Vor 700 Jahren.
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